»Okay, ich sehe Glaspferde, Bücher und Fotos mit Pferden, Pferdepokale, eine blonde Frau auf Pferden, dieselbe neben Pferden, eine blonde Frau mit einem Pokal, mit einer Gürtelschnalle, mit Cowboys.« Er seufzte laut.
»Schon geschnallt, sie hat‘s eindeutig mit Pferden«, rief er.
Doch dann entdeckte er das andere Bild. Unauffällig stand es hinter einer Holzfigur. Das einzige Teil, das hier nicht reinpasste.
»Außer bei dem hier«, fügte er leise hinzu. Er trat näher, und fischte den hübschen blauschwarzen Rahmen hinter der Darstellung einer schwarzen Sängerin hervor.
Die Frau auf dem Bild war eindeutig Irene, auch wenn sie darauf jünger wirkte. Sie stand auf einer Bühne hinter einem Mikrofon. Sah ganz danach aus, als ob sie gerade sang.
Er stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen hervor. Das war mal was Neues.
»Jul, könntest du jetzt endlich mal deinen Arsch hier reinschwingen und einem alten Mann helfen, die Kisten runterzuheben? Hier drinnen gibt‘s Arbeit, falls du noch weißt, was das bedeutet«, murmelte Will griesgrämig.
»Hmh, bin gleich bei dir, alter Mann.« Vorsichtshalber senkte er bei den beiden letzten Worten die Stimme, ehe er sich das Bild genauer besah.
»Was sagt man dazu ...«, murmelte er leise.
Irene Morris trug darauf ein figurenbetontes, langes blauschimmerndes Kleid, dessen Schnitt raffiniert einen Blick auf ein wirklich hübsches Bein freigab. Hellblonde Haare fielen in weichen Locken über die Schultern. Julian erkannte in den Augen das fröhliche Leuchten. Ja, der Fotograf hatte das wichtigste festgehalten. Er nickte anerkennend. Eine hübsche Frau, war sie schon, diese Irene Morris. Eindeutig. Doch das alleine war es nicht, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Dieses Foto war außerdem das Erste, das nicht zum üblichen Zeug in diesem Zimmer passte. Kein wildes Cowgirl, keine Pferde.
Julian beschloss, sich später näher damit zu beschäftigen.
Im begehbaren Schrank kämpfte Will noch immer mit irgendeiner Sache. Sein Fluchen genügte, um Julian endlich auf den Plan zu rufen.
Seufzend ließ er das Bild im Regal liegen, und betrat den Schrankraum. Man konnte ja nie wissen.
»Wurde auch schon höchste Zeit«, grummelte Will genervt, während er versuchte, eine Kiste runterzuheben, die bereits gefährlich über den Rand hing.
Julian grinste, bevor er sich mühelos hochstreckte, um Will mit der Riesenschachtel zu helfen. Am Rande registrierte er, dass es mehrere leergefegte Regale gab.
Einige Bügel hingen einsam herum, und klirrten leise gegeneinander, als er sie streifte. Entweder hatte Irene Morris nicht viele Kleidungsstücke gehabt, oder sie hatte nicht vorgehabt, so schnell wieder nachhause zu kommen. Julian tippte auf zweites.
Problemlos hob er den staubigen, mehrfach mit braunem Klebeband zusammengepappten Karton hinunter. Eine zweite
Kiste aus Holz stand gleich dahinter. Diese gammelte garantiert schon etwas länger einsam vor sich hin, so verstaubt, wie sie aussah. Jemand hatte, wohl als Schutz, seinerzeit eine rosafarbige Decke darüber ausgebreitet, die inzwischen die Farbe eines schmutzig-rosigen Marzipanschweines angenommen hatte. Von der Decke hingen alte Spinnweben.
Eine dünne Wolke aus feinem Staub stieg auf, als Julian sie Will hinunterreichte.
»Puh, hier hat aber schon länger niemand saubergemacht«, konstatierte er irritiert.
Dennoch hatten sie wenige Sekunden später in Gemeinschaftsarbeit die beiden Kisten ins Zimmer auf den hellen Teppich bugsiert.
Missmutig verzog Will das Gesicht, als sich eine weitere Staubwolke löste und die Partikel ihn in der Nase kitzelten.
»Verd ...«, Er musste niesen.
»Gesundheit, alter Mann«, meinte Julian freundlich, ehe er sich die beiden Dinger näher besah.
»Hm, wonach suchen wir eigentlich genau? Ich meine, was haben wir überhaupt?«
»Joanne hat gesagt, dass Irene vor einigen Wochen einfach mir nichts dir nichts, verschwunden ist. Sie hat zwar einen Brief hinterlassen, in dem sie erklärt hat, dass sie ‚irgendwohin‘ geht um für sich zu sein«, er fischte einen abgegriffenen Zettel aus der Hosentasche und glättete das Papier.
»Aber sie hat keine genauen Angaben gemacht. Nichts, was uns helfen könnte, sie aufzuspüren. Joanne glaubt, das Ganze hat mit ihrem Kumpel Randy McLachan zu tun, der vor ein paar Monaten von einem Bullen getötet wurde, und macht sich große Sorgen. Irene hat zuerst normal weitergemacht, und dann Hals über Kopf ihre Pferde und die Farm verlassen, was ihr überhaupt nicht ähnlich sieht.« Schulterzuckend fuhr Will fort.
»Keine weiteren Nachrichten mehr, keine näheren Erklärungen. Niemand weiß, wohin sie ist. Ihre Kreditkarten sind nicht benutzt worden, bis auf einmal, da hat sie«, er studierte nochmal den Zettel in seiner Hand.
»Sechstausend Dollar abgehoben. In Kalispell. Danach nichts mehr.« Schulterzuckend schob er den Zettel wieder in die Hosentasche.
»Hm, was genau macht Joanne jetzt so zu schaffen?« Julian sah nach wie vor keinen Anlass zu übertriebener Sorge.
»Dieser Freund, Randy, er ist tot, da ist es doch verständlich, wenn ihre Cousine mal Abstand braucht und verschwindet. Vegas, New York, ein Trip durch die Wildnis, das hatten wir alles schon. Ich meine, Irene ist wie alt? Vierundzwanzig, fünfundzwanzig? Was macht das hier also zu einem solchen Notfall?«
Will zuckte mit den Schultern.
»Naja, sie ist eben Hals über Kopf weg, hat ihre heißgeliebten Pferde einfach im Stich gelassen. Ich meine, sieh dich doch um. Passt so gar nicht zu ihr. Und vor allem gibt’s da noch diesen Mike Reynolds, das ist ein bekannter Pferdeflüsterer aus Wyoming. Sie hatte sich für einen Workshop bei ihm angemeldet. Dieser fand genau eine Woche nach ihrem Verschwinden statt. Ist doch seltsam, wenn sie so viel Wert auf die Tiere legt, und dann mir nichts dir nichts einfach so verschwindet. Ich kenne ja diesen Reynolds-Typen nicht persönlich, aber der ist so eine Berühmtheit unter den Pferdemenschen. Seine Workshops sind sehr gefragt und teuer. Man muss sich schon lange vorher anmelden. Und Joanne, ich kenne sie schon lange, ihr Vater war ein Freund von mir. Sie lässt sich normalerweise nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Das ist eigentlich Grund genug für mich, der Sache nachzugehen.« Er wirkte einen Augenblick nachdenklich.
»Ich kenne auch Irene ganz gut. Nicht so, wie Joanne, dafür war Irene zulange in Europa. Dänemark, Österreich, wo auch immer. Dauerte ein Weilchen, bis sie hierher zog. Aber, naja, sie war immer schon anders.«
Nachdenklich hielt er inne, ehe er leise weitersprach.
»Ein hübsches Ding und sehr klug. Hat ein Händchen für Pferde. Sie ist so«, er suchte nach dem richtigen Wort.
»So natürlich, und einfühlsam. Geht mehr nach Gefühl bei den Tieren. Nie lässt sie jemandem im Stich. Einmal da hat sie«, als ob er schon zuviel verraten hatte, stockte er mitten im Satz.
Julian runzelte die Stirn.
»Hat sie was?«
Will sah aus, als wäre es ihm unangenehm, bereits so viel gesagt zu haben.
»Nicht so wichtig. Nur eines, ein Gefühl sagt mir, dass sie in Schwierigkeiten steckt. Joanne denkt das übrigens auch, also genügt das erstmal.« Es schien, als wollte er noch etwas dazu sagen, doch dann wandte er sich der Pappschachtel zu.
»Okay machen wir dieses Ding hier zuerst auf.«
Julian nickte und fischte sein Messer vom Gürtel. Als er die Klinge herausspringen ließ, hielt er sie prüfend hoch. Die scharfe Schneide funkelte im Licht der Deckenbeleuchtung.
Will verdrehte die Augen.
»Ja, du hast ein tolles Messer. Könntest du dann mal endlich weitertun?«
Julian grinste.
»Dann wollen wir mal.«
Er fuhr gezielt mit dem Messer an den Klebebändern entlang, die sich wie Butter durchschneiden ließen. Julian suchte nach einer Aufschrift, irgendwas, das auf den Inhalt schließen ließ.
Читать дальше