Als der Barkeeper endlich zu Ruhe kam, beschloss er, ihn zuerst anzuquatschen, nicht so, wie in den anderen Lokalen, wo er es mit den geschäftigen Kellnerinnen versucht hatte.
»Ich suche diese Frau hier«, kam er deshalb auch gleich zur Sache.
Julian hielt dem freundlich dreinblickenden Barkeeper das geklaute Foto von Irene mit dem blauen Kleid unter die Nase, und hoffte, er würde nicht nach dem Namen fragen.
»Hab gehört, sie singt klasse. Ein Geheimtipp von einem Freund.«
Er setzte ein enttäuschtes Gesicht auf.
»Aber anscheindend will mir hier keiner diesen Ohrenschmaus gönnen.«
Mit dem neueren Foto hätte er nicht punkten können. Das ältere wirkte wesentlich realistischer.
Darauf war Irene zwar um ein paar Jahre jünger, aber das musste dem Kerl hinter dem Tresen nicht unbedingt auffallen. Der Barmann nahm das Foto an sich, und besah es sich genau, doch scheinbar konnte er nichts mit der Person darauf anfangen.
»Hm, keine Ahnung. Glaube, ich habe sie noch nicht gesehen.«
Entschuldigend gab er Julian das Foto zurück.
»Es kommen so viele Neulinge her. Aber ich hab hier nur Samstag und Mittwoch Abendschicht, tut mir leid.«
Er blickte sich kurz in der diffus beleuchteten Bar um, ehe er auf den Ecktisch wies, wo die Sängerin platz genommen hatte.
»Fragen Sie einfach Lorraine. Sie hat gerade Pause. Singt hier vertraglich. Wenn Sie Glück haben, wird sie Ihnen mehr verraten. Sie ist aus der Szene, versuchen Sie einfach ihr Glück.«
Julian bedankte sich zuerst, ehe er mit seinem Drink auf den Tisch zusteuerte.
Erstaunt hob die Sängerin den Kopf. Als er fragte, ob er Platz nehmen durfte, lächelte sie spöttisch.
»Sieh mal einer an, so gutaussehend und das mir. Ja, nimm ruhig Platz. Vorausgesetzt du kommst nicht mit dem Drink-Spruch.«
Erstaunt sah er sie an.
»Was denn für einen Drink-Spruch?«
»Den ‚Darf ich Sie auf einen Drink Einladen-Spruch‘.«
Julian lächelte.
»Nein, das hatte ich nicht vor.«
Sie zog die Augenbrauen hoch.
»Wirklich nicht? Tja.« Sie versuchte ein übertrieben enttäuschtes Gesicht aufzusetzen.
»schätze mal, ich bin wohl schon zu alt für dich.«
Jetzt fühlte sich Julian doch einigermaßen unwohl, doch er erkannte, dass sie scherzte.
»Nein, ganz und gar nicht.« Sein charmantes Lächeln ließ sie schmunzeln.
»Ich denke, ich bin nicht ganz Ihre Kragenweite, also hätte ich das nie gewagt«, fuhr er fort.
Ihr prickelndes Lachen erfüllte den Raum.
»Lügner.«
»Vielleicht. Aber nur ein bisschen.«
Als er ihr gegenüber Platz genommen hatte, schob er ihr ohne viele Erklärungen das Foto hin.
»Nun, Sie kennen sich hier aus, und sind jahrelang im Geschäft. Eigentlich suche ich diese Frau hier. Ein Freund gab mir den Tipp. Er war vor ein paar Wochen hier und meinte, die wäre eine Blues-Nacht wert.« Schulterzuckend lehnte er sich zurück.
»Sie muss schon sehr geheim sein, wenn sie keiner hier kennt, also dachte ich, ich frage einfach mal eine berühmte Persönlichkeit.« Er grinste jungenhaft, als sie aufseufzte.
»Ach ja, und wie sieht’s aus? Darf ich jetzt einen Drink ausgeben?«, meinte er beiläufig.
Eine Weile schwieg sie, ehe sie nickte.
»Okay, aber nur wenn du aufhörst, zu lügen. Du bist doch nicht wirklich ein Blues-Fan, oder? Ich bin schon lange im Geschäft, also spüre ich so etwas. Du passt hier nicht richtig rein. Zu verkrampft, zu aufmerksam. Wie ein Bulle. Ich habe dich beobachtet. Abgesehen davon, dass du mein Sohn sein könntest, du wirkst, als ob dir das hier alles eher unangenehm ist, und dann fragst du mich nach dieser blonden Puppe hier. Interessant!« Sie lächelte ihn amüsiert an.
»Du bist doch kein Bulle, oder?«
Julian erwiderte das Lächeln. Das Wort Bulle erinnerte ihn erneut an die alten Detektiv-Filme und er musste sich sehr darauf konzentrieren, beim Thema zu bleiben.
Er winkte einer Kellnerin, ehe er einen ernsthaften Tonfall anschlug.
»Nein, kein Bulle. Um Himmels willen, vielleicht hätte ich doch etwas anderes anziehen sollen.« Er machte ein betont verzweifeltes Gesicht, ehe er wieder sein altbewährtes Grinsen aufsetzte.
»Okay, dann reden wir mal Klartext. Die Cousine dieser Blondine aus dem Mistydew County im Nordwesten macht sich Sorgen um die Frau. Also hat sie einen Detektiv beauftragt, sie zu suchen und ich bin der Handlanger.«
Die Kellnerin kam und nahm die Bestellung auf.
Lorraine wollte einen trockenen Martini, und Julian bestellte noch einen Scotch.
»Ich lüge nicht«, fügte er ernsthaft hinzu, als die Kellnerin davonging.
»Ein paar Leute denken, sie könnte in Schwierigkeiten stecken, also.«
»Okay, das klingt schon besser. Ich glaube dir.« Lorraine wies mit einem perfekt manikürten Finger auf das Bild.
»Also das ist René Maurice. Zumindest sieht sie aus, wie sie, nur ist sie hier auf dem Foto ein bisschen jünger. Und ich sage dir das nur, weil ich denke, dass du zu den Guten gehörst und kein böser Bulle, Detektiv, was auch immer, bist, außerdem weil ich weiß, dass sie nicht hierher gehört.« Sie musterte Julian nachdenklich.
»Versteh mich nicht falsch, ich meine damit nicht, dass sie schlecht singt, oder das sie unbeliebt ist, sondern nur, dass sie nicht hier sein will. Was auch immer René hierher getrieben hat, sie wird auf jeden Fall früher oder später untergehen. Ihr Herz ist woanders.«
»René Maurice, also. Wie einfallsreich«, meinte Julian dtrocken, ehe er sich erhob.
»Danke.« Doch Lorraine hielt ihn nochmal am Unterarm zurück.
»Falls ich dahinterkomme, dass du trotz meines Bauchgefühls nicht zu den Guten gehörst, bekommst du eine Menge Ärger. Nur damit das klar ist! Ich finde dich garantiert. Und dass ist ein Versprechen, mein Junge«, meinte sie im entschlossenen Tonfall.
Julian nickte. Wage Bilder von bulligen Mafiatypen, die ihn in die Mangel nahmen, entstanden in seinem Kopf. Er musste sich sehr beherrschen, um nicht zu grinsen.
»Okay, alles klar.«
Lorraine hob den Kopf und warf einen Blick auf die Uhr über der Tür.
»Ach ja, und ehe ich es vergesse, heute ist sie im Blue Midnight. Besser gesagt: sie war heute dort. Vor etwa einer Stunde hatte sie ihren Auftritt. Falls du Glück hast, ist sie noch an der Bar, wenn nicht, ist sie vermutlich ein paar Lokale weiter im Red Heat, wo sie öfter nach ihrem Auftritt hingeht. Billige Drinks, unscheinbare Bar. Eigentlich ist das Lokal ein mieser Schuppen. Schlechte Beleuchtung, Bikergangs, und so was. Die Angestellten sind so weit ich weiß aber ganz anständig. Und René, tja.« Es schien, als ob sie noch etwas sagen wollte, doch dann überlegte sie es sich.
»Nein, ich hab schon genug gesagt. Mach dir selbst ein Bild.«
Sie nahm einen Stift vom Tisch, ehe sie nach Julians Hand griff. Er ließ schweigend zu, dass sie seine Hand umdrehte, und etwas in die Innenfläche reinkritzelte.
»Hier, die Adresse«, rasch setzte sie eine schwungvolle Unterschrift darunter.
»Und mein Autogramm.« Sie lächelte ihn charmant an.
»Und pass auf dich auf. Das Red Heat ist ein wenig gewöhnungsbedürftig«, fügte sie wage hinzu.
Julian nickte nur, und besah sich die kleine Skizze in seiner Hand, die sie der Adresse hinzugefügt hatte.
Als die Kellnerin kam, nahm er ihr das Whiskyglas vom Tablett und leerte es mit einem Zug. Er kramte einen Geldschein aus seiner Börse, und legte ihn auf den Tisch.
»Ich lege mich sicher nicht mit Ihnen an«, meinte er an Lorraine gewandt, ehe er in seinen Mantel schlüpfte.
»Würde ich mich nie trauen«, fügte er sachte lächelnd hinzu, bevor er ging. Als er das Lokal verließ, konnte er ihren nachdenklichen Blick in seinem Rücken spüren.
Auf der Straße angekommen, fröstelte er trotz des warmen Mantels. Der kalte Wind pfiff ihn um die Ohren, und der Regen schien zugenommen zu haben. Vom viel gelobten Frühling war weit und breit keine Spur.
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