„Robert, hörst du? Ich habe dir eine Frage gestellt. Wo genau ist dir das Tier entwischt?“ Robert überlegte verzweifelt, wo ihm der imaginäre Waschbär entkommen sein könnte.
„Unterwegs, zwischen unserem tollen neuen Heim und …“, ihm fiel einfach keine Antwort ein.
„Nun, zwischen eurem Heim und der Schule liegt eigentlich nur noch das Sheriff‘s Office“, beantwortete Dr. Petri sichtlich genervt selbst seine an Robert gestellte Frage. „Wenn dir
etwas dazu einfällt, melde dich bitte.“ Er drehte sich beleidigt um und während er zurück ins Schulgebäude ging, rief er etwas, dass sich wie „Ich muss den Sheriff informieren“ anhörte.
„Großartig!“, stöhnte Robert auf. „Jetzt habe ich auch noch den Sheriff am Hals.“ Die restlichen Schulstunden zogen sich endlos dahin und am Ende des Unterrichts wartete auf dem Schulhof wie befürchtet Sheriff Rimbaud auf ihn, mit einem breiten Grinsen und Kaugummi kauend. Hatte der Mann nichts Besseres zu tun, als ihm aufzulauern?
„Nun? Was muss ich hören? Du setzt ein Tier, das möglicherweise krank ist, einfach in unserer schönen Natur aus? Dein Biologielehrer und sogar deine Großmutter haben mich angerufen. Ich möchte nicht über irgendwelche Mutationen, die deine Großmutter noch erwähnte, sprechen, aber das Tier scheint krank gewesen zu sein. Immerhin war er bei euch im Haus und man weiß ja nicht, was er sich da eingefangen haben könnte.“ Der Sheriff schaute ihn spöttisch von oben herab an.
„Sheriff Rimbaud, meine Großmutter sieht leider sehr schlecht. Auf mich hat der Waschbär wohlgenährt und ganz proper gewirkt, deshalb habe ich das possierliche Tierchen, als es mir entwischt ist, nicht wieder einzufangen versucht.“
„Auf dich hat also ein grün-roter, mit Schuppen anstatt mit Fell bedeckter Waschbär, der ein auffälliges, hervorstehendes Gebiss hatte, nicht krank gewirkt?“ Der Sheriff zog ungehalten seine Stirn in Falten.
„Wie schon gesagt, Sheriff, meine Großmutter sieht sehr schlecht.“
„Und farbenblind scheint sie auch zu sein.“ Der Sheriff griff in seine Hosentasche, zog ein Bild hervor und hielt es ihm unter die Nase.
„Nun, mein Junge. Auf diesem Bild siehst du einen Nordamerikanischen Waschbären. Er ist schwarz-weiß gestreift, nicht grün-rot, und wie du sicherlich sehen kannst, hat er ein Fell und keine Schuppen. Deine Großmutter hat ganz eindeutig bezeugt, dass das von dir gefangene und wieder freigelassene Tier unmöglich ein Waschbär gewesen sein kann, und falls doch, dann ein todkranker. Wir werden die Andeutungen deiner Großmutter hinsichtlich verkrüppelter Vorderbeinchen und einem überproportional riesigen Maul einfach ignorieren. Zeig mir doch bitte, wo du das Tier verloren hast.“ Er schob Robert mit einer Hand in Richtung des Polizeiautos und hielt ihm die Beifahrertür auf. Roberts Gedanken überschlugen sich. Was sollte er dem Sheriff bloß erzählen? Nachdem dieser das Auto gestartet hatte, fragte er Robert nach dem Weg.
„Also Junge, führe mich bitte. Wo bist du langgegangen? Und wo ist dir der Waschbär oder was auch immer es gewesen sein soll, entwischt?“ Robert dirigierte den Sheriff den Weg entlang, den er zurückgelegt hatte. Als sie an einem riesigen Dornengestrüpp vorbeifuhren, zeigte Robert darauf. Es erschien ihm am günstigsten, denn bei diesem undurchdringlichen Buschwerk konnten sie tagelang nach einem entflohenen Waschbären suchen.
„Der Waschbär ist also in diesen Dornenbusch getürmt? Da schaffen es ja noch nicht einmal kleine Feldmäuse hindurch, ohne sich aufzuspießen.“ Der Sheriff zeigte Robert durch eine entsprechende Mimik, wie wenig er ihm glaubte.
„Na gut, dann lass uns einfach einmal zu dir nach Hause fahren“, beschloss der Sheriff mit betont gelangweilter Stimme, als ob ihm das alles allzu lästig wäre. Nur weshalb kümmerte er sich darum, wenn er glaubte, es ginge ihn nichts an, ärgerte sich Robert.
„Vielleicht ist deine Mutter schon da. Falls nicht, bin ich mir sicher, dass sie mich auch ohne Hausdurchsuchungsbefehl euer Heim inspizieren lässt.“
„Wie sie wissen, wohnen wir erst seit kurzem in dem Gemäuer. Die meisten Zimmer sind verschlossen. Daher können wir auch kaum Aussagen darüber machen, was sich darin befindet. Wenn es dort also etwas Verbotenes geben sollte, dann kann es auch den Vorbesitzern gehört haben.“ Robert versuchte sich dahingehend abzusichern, falls der Sheriff etwas Ungewöhnliches, wie beispielsweise einen Baby-T-Rex, finden sollte. Leider wäre seine Behauptung hinfällig, falls Sheriff Rimbaud das schlafende Tierchen ausgerechnet in Roberts Schrank finden würde. Ihm graute davor, dies erklären zu müssen. Und fatalerweise gab es noch die Aussage seiner Großmutter, denn klein T-Rex glich genau ihrer Beschreibung des merkwürdigen Waschbären. Robert befürchtete, sein gesamtes schauspielerisches Talent aufbringen zu müssen, um so ahnungslos wie möglich zu erscheinen, falls der Scheriff das Tierchen finden würde. Zuerst benötigten sie einen Anwalt, der glaubhaft vor Gericht versichern konnte, dass die Zwillinge, die durch ihr Alter noch strafunmündig waren und unmöglich wissen konnten, was sie taten, die Hauptschuldigen seien und Robert als Bruder nur versucht habe, sie zu beschützen. Tatsächlich fühlte er sich geradezu erleichtert, den Raubsaurier nicht selber töten zu müssen. Der Sheriff würde alles Notwendige erledigen und er konnte seinen Geschwistern mit reinem Gewissen gegenübertreten. Der Sheriff und er waren zwischenzeitlich an seinem fantastischen neuen Heim angekommen.
„Nur zu deiner Information. Ich habe, bevor ihr hier eingezogen seid, das gesamte Haus von oben bis unten durchsucht. Die Vorbesitzer haben nichts Unerlaubtes in diesem Haus zurückgelassen“, klärte ihn der Sheriff auf, während sie die brüchigen Stufen zur Eingangstür hinaufstiegen. Robert beschlich ein ungutes Gefühl. Ihm kam es so vor, als ob der Sheriff einen Vorwand suchte, um in ihr Haus zu kommen. Nur weshalb? Von der Existenz eines T-Rex konnte er unmöglich etwas ahnen. Die Großmutter musste sie gehört haben, denn sie öffnete freudestrahlend die überdimensionierte Eingangstür, deren ursprüngliches Massivholz nach und nach durch Spanplatten ersetzt worden war.
„Sehr verehrter Herr Sheriff, wie überaus freundlich von ihnen, so schnell vorbei zu kommen“, begrüßte sie ihn überschwänglich. Robert hingegen warf sie nur ein flüchtiges „So, du bist also auch da“ hin.
„Ja, liebe Gomi, ich bin auch da. Ich wohne nämlich bedauerlicherweise hier.“
„Sei nicht so frech zu deiner Großmutter“, tadelte ihn unfairerweise der Sheriff.
„Und wo, Sheriff Rimbaud, fangen wir nun an zu suchen?“, fragte seine Großmutter mit dem gütigsten Lächeln, zu dem sie fähig war.
„Nein, Madam, Sie brauchen mir nicht zu helfen. Das Haus werde ich alleine durchsuchen. Glauben Sie mir, das Letzte, was ich benötige, ist unprofessionelle Hilfe. Vielen Dank. Es wird bestimmt nicht lange dauern. Ich glaube, auf die Erlaubnis ihrer Tochter können wir verzichten.“ Er stieg die Treppen hinauf und verschwand in einem der unzähligen Gänge. Seine Großmutter blieb sprachlos zurück und schaute ihren Enkel etwas hilflos an.
„Übrigens, weiß Mama, dass der Sheriff eine Hausdurchsuchung bei uns durchführt?“, fragte Robert.
„Welche Hausdurchsuchung?“, frage seine Großmutter. „Er will lediglich nachschauen, ob es noch mehr kranke Waschbären in unserem Haus gibt.“
„Nein Großmutter, ich vermute, er verfolgt ganz andere Pläne. Bitte versuche Mama zu erreichen und sage ihr, dass der Sheriff in unserem Haus herumschnüffelt“, rief Robert, während er schon die Stufen hinauf jagte. Aus einem ihm unerfindlichen Grund war es ihm nun geradezu zuwider, dass der Sheriff den Glücksdrachen seiner Geschwister finden würde. Natürlich war die Vorstellung verlockend gewesen, diese ungeheure Verantwortung, die auf ihm lastete, loszuwerden. Doch misstraute er dem Kerl und weshalb sollte der Vater einen besseren Charakter haben als sein Sohn, denn der hatte erwiesenermaßen überhaupt keinen. Bobby gehörte zu der widerwärtigen Art von Menschen, die, um sich selber zu erhöhen, andere erniedrigen mussten. Und wie hieß es so schön? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!
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