„In welchem Karton ist wohl die Angel?“ Er wühlte sich durch etwa zwei Dutzend Kartons. Selbstverständlich lag die Angel mit Zubehör in einem der letzten Kartons. Er überlegte, ob er gleich jetzt zum Strand gehen sollte, um seine rudimentären Kenntnisse des Angelns wieder aufzufrischen, obwohl es noch hell war. Oder doch besser nachts, wenn ihn niemand sah und die Blamage weitaus geringer ausfiel. Von draußen drang das Geräusch von zuschlagenden Autotüren herein. Bald darauf hörte er die trippelnden Schritte der Zwillinge auf der Treppe und ihr unvermeidliches Rufen nach ihrem Glücksdrachen.
Robert beobachtete, inwieweit klein T-Rex, der immer noch zusammengekullert zwischen seinen Pullis döste, auf die Lockrufe der kleinen Geschwister reagierte. Zu Roberts Erstaunen zeigte der Saurier keinerlei Wiedererkennen, geschweige denn Freude, wie beispielsweise ein Hund sie erkennen ließ. Selbst als seine Geschwister vor Roberts Schrank standen und klein T-Rex begrüßten, nahm er kaum Notiz von ihnen. Erst als er von den Zwillingen angefasst wurde, schien er sie überhaupt wahrzunehmen. Robert wunderte sich, dass seine Geschwister das offensichtliche Desinteresse ihres Glücksdrachen ihnen gegenüber nicht bemerkten.
„Hast du unserem Glücksdrachen etwas zu essen besorgen können?“, fragte ihn Miranda, ganz die fürsorgliche Mama. Sie nahm den Dino auf und wiegte ihn auf ihren kleinen Ärmchen hin und her.
„Nein, ich habe leider noch keine Zeit gehabt. Aber ich wollte ihm gerade etwas Leckeres fangen“, sagte Robert und zeigte ihnen seine Angelutensilien.
„Seit wann kannst du angeln?“, wunderte sich Sebastian. Und als Robert die Angelrute auspackte und sich ziemlich ungeschickt dabei anstellte, sie zusammenzusetzen, kamen bei seinen kleinen Geschwistern erste Zweifel auf, ob Fische fangen auch wirklich die schnellste Art der Nahrungsbeschaffung sein würde. Robert fingerte nervös an der Angelrute herum.
„Also irgendwie müssen die Teile doch zusammengehören!“, schimpfte er.
Eigentlich war es so, dass jüngere Geschwister immer zu ihren älteren Geschwistern aufblickten, weil die älteren Geschwister den jüngeren Geschwistern gegenüber einen Wissensvorsprung besaßen. Und je größer der Altersunterschied, desto größer war der Wissensvorsprung. Bei Miranda und Sebastian schien dieses unumstößliche Geschwistergesetz, zumindest was das Angeln betraf, nicht zu gelten.
„Und du glaubst, das funktioniert?“, zweifelte Miranda.
„Und wie oft hast du schon mit Papa geangelt?“, wollte Sebastian wiederum wissen.
„Habt ihr eine bessere Idee?“, fragte Robert seine Geschwister gereizt. „Angeln wäre die harmloseste und unauffälligste Art, um für einen T-Rex Nahrung zu besorgen.“
„Wieso willst du denn Fressen für einen T-Rex besorgen und was ist das überhaupt für ein Tier?“, verlangte seine kleine Schwester zu erfahren.
„Das sind diese grausamen Dinosaurier mit den riesigen Hinterbeinen, die nur diese kleinen verkrüppelten Ärmchen haben. Erinnerst du dich an den Film, wo der T-Rex die Menschen fressen wollte und du vor lauter Angst geschrien hast?“
„Meinst du das Monster in Jurassic Park?“, fragte Miranda.
Sebastian bestätigte dies. „Ganz genau. Der riesige, schwarze Dinosaurier, der so fürchterlich schniefend hinter dem Auto her gelaufen ist.“ Beide schauten sich entsetzt an und das Grauen, das sie empfanden, war in ihren Gesichter abzulesen.
Robert biss sich auf die Zunge. „Verdammt!“, dachte er zerknirscht, „was für ein blöder Versprecher.“ Doch vielleicht würden sich nun die Zwillinge Gedanken über ihren Glücksdrachen machen. Es wäre langsam an der Zeit.
„Ich meinte natürlich, dass ich für euren bildhübschen Glücksdrachen, der nur so ein klitzekleines bisschen einem T-Rex ähnelt, Fressen besorgen muss“, korrigierte sich Robert schnell. „Also, er gleicht ihm wirklich kaum! Außer vielleicht die monströse Schnauze und wenn man genauer hinschaut, ähneln auch diese kümmerlichen Ärmchen diesem Tier. Und wenn wir schon dabei sind, die Hinterbeine sind auch recht stämmig.“ Robert wartete gespannt auf die Reaktion der Zwillinge. Doch anstatt ihren Glücksdrachen, der noch immer auf Roberts Pullovern friedlich schlummerte, genauer in Augenschein zu nehmen, straften sie Robert mit einem bitterbösen Blick.
„Das ist kein Dinosaurier, sondern ein Glücksdrache. Das ist etwas völlig anderes!“, empörten sich seine Geschwister.
„Und übrigens sind die Dinosaurier sowieso schon längst ausgestorben“, wurde er von seinen kleinen Geschwistern aufgeklärt.
„Glücksdrachen bringen Glück, sind treu und besonders verschmust“, meinte Sebastian.
„Außerdem kann man auf ihnen reiten, wenn sie ausgewachsen sind und sie fliegen gelernt haben“, vervollständigte Miranda noch die Liste der erforderlichen Eigenschaften eines Glücksdrachen. Robert gab es für den Moment auf. Offensichtlich konnte man Fünfjährigen nicht mit Logik kommen. Also musste er warten, bis das schnuckelige Tierchen irgendwann und unausweichlich den beiden gegenüber garstig werden würde, und er hoffte bald, denn er befürchtete, dass die Zähne demnächst durchbrechen würden. Ein T-Rex besaß schließlich keine Zähne, um Weichtiere, wie harmlose Schnecken oder Regenwürmer, zu fressen. Der Bauch des Raubsauriers machte ein gurgelndes Geräusch und erinnerte Robert daran, auf Fischfang zu gehen, obwohl seine Geschwister die Eierdiebestour beim Nachbarn bevorzugten.
„Ich schleiche mich mal in die Gruselküche und schaue im Kühlschrank nach. Vielleicht haben wir ein paar Eier. Und morgen kaufe ich einen billigen Kescher, um Krebse fangen zu können.“
„Ist das ein Ding, an dem an einem langen Stab ein Netz hängt?“, fragte Sebastian.
„Ja, genau, kleiner Bruder“, lobte ihn Robert.
„So etwas habe ich am Strand herumliegen gesehen. Du musst also keinen kaufen“, unterrichtete ihn Sebastian.
„Und an welchem Strand hast du einen Kescher liegen gesehen?“, fragte Robert.
„Hier, ganz in der Nähe. Ich kann ihn dir zeigen.“ Beide Brüder rannten los, während Miranda sich um ihren geliebten Glücksdrachen kümmerte. Sebastian führte Robert ausgerechnet an den Rand der Klippe, wohin sie nach Sheriff Rimbaud eigentlich gar nicht durften und klein T-Rex Robert während der nächtlichen Spaziergänge regelmäßig drängte.
„Du willst ganz sicherlich nicht die steilen Stufen herunter steigen, oder?“ Robert schaute seinen kleinen Bruder fassungslos an.
„Doch, hier geht es zum Kiesstrand. Miranda und ich gehen da ganz gerne zum Spielen hin.“
Robert war entsetzt, dass seine kleinen Geschwister allein diese gefährlichen Stufen benutzten. Sebastian tastete sich vorsichtig die Stufen hinab, bis sie zu der verborgenen Höhle kamen. Robert folgte ihm grimmig. Wieso hatten seine kleinen Geschwister einen Weg gefunden, hinunter an den Kiesstrand zu gelangen, und er nicht? Sebastian verschwand in der kleinen Höhle und zeigte Robert, wie man sich durch die Felsenöffnung, durch die er nachts die blinkenden Boote beobachtet hatte, hindurch zwängen konnte. Von dort führten bequeme Stufen hinab zu einer winzigen Bucht.
„Wie habt ihr denn die Stufen gefunden?“ Robert kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Nun, da ist unser kleiner Glücksdrache einfach entlang gelaufen, als er uns einmal entwischte.“
„Euer Glücksdrache ist euch ausgebüxt?“ Robert zuckte zusammen. „Wann war das?“, fragte er und tat so desinteressiert wie möglich, damit sein kleiner Bruder keine unnötige Angst bekam.
„Am Freitag, als du in der Schule warst. Wir sind ein bisschen spazieren gefahren mit dem Süßen. Miranda wollte unbedingt Mama und Papa spielen, schließlich besitzt sie noch diesen dummen Puppenwagen. Also, sie hat ihn dort hineingesetzt und eigentlich wollten wir dich überraschen und von der Schule abholen, denn Miranda meinte, die frische Luft würde ihm bestimmt guttun. Aber leider ist er uns auf dem Weg zur Schule aus dem Wagen gesprungen und hier an diesen Strand gelaufen.“ Sie waren inzwischen zu der kleinen, verborgenen Bucht hinuntergestiegen. Robert graute es bei dem Gedanken daran, von seinen Geschwistern, die einen Puppenwagen mit einem T-Rex in der Gegend herumschoben, von der Schule abgeholt zu werden. Er würde sicherheitshalber ein oder zwei Räder von dem blöden Ding abschrauben und wegwerfen. Das würde seine Geschwister zukünftig daran hindern, mit einem T-Rex im Puppenwagen in der Gegend herumzugurken.
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