„Das ist in der Tat ein sehr merkwürdiges Haus, das deine Mutter gekauft hat. Ich hätte ihr davon abgeraten. Hat sie sich denn keine Gedanken darüber gemacht, weshalb das Haus über 20 Jahre lang leer stand? Aber geh nur und befreie deine Großmutter, und danach kommst du bitte wieder zurück“, erlaubte ihm sein Lehrer, den Unterricht zu unterbrechen. Robert lief so schnell er konnte, um seine Großmutter davon abzuhalten, etwas Unüberlegtes zu tun. Zwar wäre die Strecke mit dem Fahrrad in fünfzehn Minuten zu bewältigen gewesen, da er aber heute früh mit seiner Mutter im Auto zur Schule gefahren war, musste er nun zu Fuß die Strecke zurücklegen. Allerdings kam ihm das nächtliche Gassigehen mit dem Glücksdrachen zugute. Er hatte sich eine gewisse Kondition antrainiert und rannte ohne Mühe in weniger als 20 Minuten zu seinem neuen Heim. Unterwegs informierte er nochmals seine Großmutter per Textnachricht, dass er auf dem Weg war und es überhaupt keinen Grund gab, die Polizei zu rufen.
„Gomi, ich bin da“, rief er, als er in die Eingangshalle stürmte. „Ich laufe gleich nach oben, um nachzuschauen, was es sein könnte!“
„Nein, mein Junge, lass mich das tun!“ Seine Großmutter schloss die Tür zur Küche von innen auf und kam auf ihn zu, bewaffnet mit einem Küchenmesser, mit dem man bestimmt einen Büffel hätte zerteilen können. Als deine Großmutter gehe ich natürlich vor. Ich will nicht, dass dir etwas passiert.“
„Gomi, ich glaube wir benötigen kein Langmesser“, versuchte Robert seine Großmutter zu beruhigen. „Es wird sich bestimmt nur um einen Waschbären oder ein ähnliches Tierchen handeln, schlimmstenfalls um eine Ratte, die nach Nahrung sucht.“
„Für wie dumm hältst du mich eigentlich? Glaubst du allen Ernstes, ich hätte Angst vor einer Ratte oder einem Waschbären? Ich weiß genau, was ich gehört habe und es war bestimmt kein kleines Tier.“ Verärgert lief sie an ihm vorbei und sprang, für ihre 65 Jahre erstaunlich schnell, die morsche Treppe zum ersten Stock hinauf. Dort angekommen besann sie sich jedoch und tastete sich vorsichtig an die Kinderzimmertüre heran, hinter der sie die unheimlichen Geräusche gehört zu haben glaubte. Tatsächlich vernahmen sie ein leichtes Kratzen hinter der Tür des Kinderzimmers.
„Gomi, komm, lass mich das besser machen.“ Er nahm seiner Großmutter vorsichtig das Küchenmesser aus der Hand. „Ich werde nachschauen.“ Er wunderte sich, dass klein T-Rex wach war. Er für seinen Teil hätte sofort einschlafen können, so müde fühlte er sich.
„Also, von unten hat es sich wie ein Einbrecher angehört“, entschuldigte sich seine sichtlich enttäuschte Großmutter.
„Ich glaube, du kannst dich wieder entspannen und nach unten gehen. Ich werde mit dem Tierchen bestimmt alleine fertig“, versuchte er seine Großmutter abzulenken.
Bedauerlicherweise dachte sie überhaupt nicht daran, von seiner Seite zu weichen.
„Falls das Tier dich angreift oder flüchtet, kann ich mich in den Weg stellen.“
„Aber das Tier könnte dennoch gefährlich sein“, sagte Robert und überlegte, wie er seine Großmutter loswerden konnte.
„Dann ist es immer noch besser, dass eine alte Frau Opfer wird und nicht ein Junge, der noch das ganze Leben vor sich hat“, erwiderte sie, machte unerschrocken einen Schritt nach vorne und riss todesmutig die Kinderzimmertür auf. Klein T-Rex sprang putzmunter aus dem Kinderzimmer und rannte zwischen ihren Beinen hindurch, von einem unbändigen Lauftrieb getrieben, die Treppe hinab.
„Huch! Was war das für ein merkwürdiges Tier“, rief seine Großmutter erschrocken. „Hast du gesehen, was es war?“
Robert versuchte sich auf die Schnelle etwas möglichst Überzeugendes auszudenken. „Vielleicht ein Waschbär?“ Er hoffte, seine Großmutter sei nicht in der Lage, das Tierchen genau zu identifizieren, wegen ihrer schlechten Augen und weil klein T-Rex zu schnell davon gehüpft war. Doch seine Großmutter hatte wohl wesentlich bessere Augen, als sie andere glauben ließ.
„Ein Waschbär? Bist du sicher? Mein Gott, das arme Tier. Es hat offensichtlich all seine Haare verloren. Es sah ganz schuppig aus. Also es ist bestimmt entsetzlich krank. Das sollte ich deiner Mutter erzählen. Hoffentlich ist es nichts Ansteckendes. Tierseuchen können sich rasend schnell verbreiten.“ Seine Großmutter schien zu allem entschlossen zu sein.
Robert versuchte sie zu beruhigen.
„Also ich finde, dass der Waschbär eigentlich ganz normal aussah. Ich werde das arme Tierchen einfangen und nach draußen setzen.“ Robert wollte seine Großmutter von dem T-Rex ablenken. Er lief die Treppe hinunter und jagte dem Tier hinterher.
„Aber sei so lieb und fass ihn nicht an. Oder zieh dir bitte Handschuhe an, um dich vor einer Ansteckung zu schützen“, rief ihm seine Großmutter hinterher. Robert hörte kaum noch, was seine Großmutter ihm mitteilen wollte. Er musste herausfinden, wo der Raubsaurier hingelaufen war. Als er in Richtung der Küche eilte, bemerkte er, dass die Kellertür offenstand. Vorsichtig stieß er sie auf und horchte. Er vernahm ein auffälliges Schnüffeln, das irgendwo aus der Dunkelheit zu ihm heraufdrang. Vorsichtig tastete er sich die Holzstufen hinunter. Er fand einen Lichtschalter und war erstaunt, dass tatsächlich eine Glühbirne, die allerdings nur spärliches Licht ausstrahlte und den großen Raum nur mühsam erhellte, auch funktionierte. In einer Ecke in der Nähe des Ofens konnte er den kleinen Dinosaurier erspähen. Er schien interessiert an etwas zu schnüffeln, das auf dem Boden lag. Als Robert näher kam, sah er zwei alte, durch die Jahre vergilbte, grüne Rucksäcke auf dem Boden liegen.
„Das sind bestimmt die Rucksäcke von Papa und Großvater.“ Traurig nahm er einen hoch. In seiner Erinnerung war der Tag noch sehr gegenwärtig, als sein Vater in seinem Arbeitszimmer stand und zu erklären versuchte, weshalb er auf eine lange Reise gehen musste. Vorsichtig schaute Robert in einen der Rucksäcke hinein. Es war der seines Großvaters, denn in ihm befand sich dessen Kulturbeutel, der aus einem anderen Jahrhundert stammte und nach Büffelleder roch. Ganz verloren in seinen Erinnerungen, hatte er die Anwesenheit seiner Großmutter gänzlich vergessen. Erschrocken fuhr er zusammen, als sie in den Keller hineinrief.
„Hast du den Waschbären gefunden, mein Junge?“ Er überlegte angestrengt, was er tun sollte, denn wenn er ihre Frage bejahte, wollte sie, neugierig wie sie war, das Tier bestimmt sehen.
„Nein, Gomi. Der Waschbär hat wahrscheinlich schon längst das Weite gesucht“, rief er laut, so dass sie ihn oben an der Treppe hören konnte. Er hoffte sie damit davon abzuhalten, herunterzukommen und untersuchte den Rucksack genauer. Vielleicht würde er einen Hinweis auf irgendwelche Dinosauriereier finden. Möglicherweise standen die Forschung seines Vaters und der zum Leben erweckte T-Rex in einer direkten Verbindung zueinander. Vielleicht hatten seine Geschwister hier unten gespielt und ihren Glücksdrachen gefunden. Während er darüber nachdachte, berührte ihn jemand plötzlich an der Schulter und er ließ vor Schreck den Rucksack zu Boden fallen. Seine Großmutter hatte sich an ihn heran geschlichen und stand hinter ihm.
„Gomi, das ist viel zu gefährlich, in diesen Keller zu steigen. Du hättest stürzen können“, ärgerte sich Robert. Seine Großmutter überhörte jedoch die Bedenken ihres Enkels, so sehr blickte sie gebannt auf das, was vor ihr auf dem Boden lag.
„Ist das der Rucksack deines Großvaters? Bitte gib ihn mir.“ Seine Großmutter hatte Tränen in den Augen, als Robert ihr das letzte Andenken an ihren Mann reichte. Indes schaute er sich hektisch um, wo wohl klein T-Rex geblieben war. Doch der Kleine half ihm unfreiwillig weiter. Er schien in den Rucksack des Vaters geschlüpft zu sein und wurschtelte darin herum. Robert hoffte inständig, seine Großmutter würde das nicht bemerken, doch leider irrte er sich.
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