„Das habe ich schon geahnt. Doch weshalb lässt Bobby dich und Ruthy in Ruhe?“, wollte Robert wissen.
„Mein Großvater war der Sheriff dieser Stadt und ich habe zwei größere Brüder“, grinste Carl.
„Nun ja, mein Vater ist Ranger, das ist eine Art Naturschutzpolizei“, antwortete ihm Ruthy. „Außerdem habe ich sogar drei ältere Brüder.“
„Ich verstehe. Ich müsste mir also ältere Brüder zulegen, damit mich die Bobby-Clique zukünftig in Ruhe lässt.“ Inzwischen hatte sich das Klassenzimmer gefüllt und als der Klassenlehrer hereinkam, forderte er sie auf sich zu setzen und ruhig zu sein. Robert freute sich, denn nun war ein Anfang gemacht, mit seinen Klassenkameraden ins Gespräch zu kommen oder vielleicht sogar Freundschaften zu schließen. Was die Bobby-Leute anging, konnte er zwar mit keinem älteren Bruder aufwarten, um sie sich vom Leib zu halten, doch immerhin hatte er eine Geheimwaffe. Obwohl er diese Geheimwaffe, wie es das Wort ‚geheim‘ bereits besagte, natürlich geheim halten musste. Es war nicht auszudenken was passieren würde, falls die Öffentlichkeit oder das FBI davon erfahren würden. Dennoch konnte die Existenz eines kleinen Haus-T-Rex bei einer etwaigen Bedrohung überaus beruhigend wirken. Das galt allerdings nur, solange klein T-Rex auch klein blieb. Während er sich noch gedanklich mit seinem Problem beschäftigte, hatte ihr Klassenlehrer Mr. Clifford mit dem Englischunterricht begonnen.
„Wie ihr wisst“, wandte er sich an seine Klasse, „habt ihr einen neuen Klassenkameraden. Da ich die erste Woche nach den Sommerferien krankheitsbedingt ausgefallen bin, holen wir daher die Vorstellung eures neuen Mitschülers heute nach. Robert, stehe bitte auf und stelle dich vor. Das Beste wäre, du erzählst uns ein wenig über dich. Danach darfst du die Fragen deiner Mitschüler beantworten. Aber bitte“, wandte sich Mr. Clifford drohend an seine Klasse, „keine sinnlosen oder unbeantwortbaren Fragen.“ Er lächelte Robert aufmunternd zu. „Dann schieß mal los, mein Junge.“ Robert wäre jetzt ein Spaziergang mit einem T-Rex weitaus lieber gewesen, als vor der Klasse zu stehen und sich vorzustellen, doch leider blieb ihm nichts anderes übrig.
„Mein Name ist Robert König und ich bin in Deutschland geboren worden. Ich bin 12 Jahre alt und habe noch zwei jüngere Geschwister, ein Zwillingspärchen im Alter von 5 Jahren. Wir, das heißt meine Mutter, meine zwei Geschwister und meine Großmutter, leben seit drei Monaten in den Vereinigten Staaten. Meine Mutter ist hier an der Schule Mathematiklehrerin. Mein Vater lebt leider nicht mehr, er und mein Großvater sind auf einer Expeditionsreise verschollen.“ Robert wollte so schnell wie möglich Platz nehmen, doch sein Lehrer bat ihn, stehen zu bleiben.
„Bitte nicht so schnell, Robert. Wir haben sicherlich noch ein paar Fragen an dich. Weiß jemand, wie das deutsche Wort König im Englischen heißt?“ Als keiner antwortete, klärte er die Klasse auf.
„König heißt King oder lateinisch Rex. Hat jemand weitere Fragen?“ Mr. Clifford schaute sich suchend im Klassenzimmer nach weiteren Meldungen um. Und ausgerechnet Bobby hob den Arm für eine Wortmeldung.
„Ja, Bobby? Hast du eine Frage an Robert?“, fragte Mr. Clifford.
„Ja, das habe ich tatsächlich. Ich würde gerne von unserem neuen Klassenkameraden erfahren, welchen Beruf sein verehrter Herr Papa ausgeübt hat.“ Robert hörte im Hintergrund unterdrücktes Kichern aus den Reihen der Bobby-Clique.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als darauf zu antworten. „Mein Vater war Wissenschaftler. Er hatte eine Professur an einer deutschen Universität inne und lehrte Geologie und Vulkanologie.“
Wieder meldete sich Bobby und die halbe Klasse kicherte.
„Bobby, ich erkenne dich nicht wieder. Du meldest dich doch sonst kaum. Eigentlich meldest du dich nie“, wunderte sich Mr. Clifford.
„Nun ja, ich bin eben heute besonders wissbegierig. Ich möchte Mr. Rex zuerst mein tiefes Beileid über das Ableben seines Vaters aussprechen. Dennoch würde ich gerne erfahren, ob sein Vater derjenige war, nach dem mein armer, überarbeiteter Vater tagein und tagaus unter teils lebensgefährlichen Bedingungen in der Wildnis des Mount Rainiers suchen musste?“
Mr. Clifford stutzte. „Bobby, was meinst du damit?“
„Ich würde einfach nur zu gerne wissen, ob sein Vater einer der zwei Trottel war, die irgendwo in unseren Vulkan gefallen sind.“ Inzwischen versuchte die Bobby-Clique nicht einmal mehr, das Lachen zu unterdrücken. Ihr Klassenlehrer schaute Robert irritiert an.
„Ist das wirklich dein Vater gewesen, der mit einem anderen Wissenschaftler am Mount Rainier verschollen ist?“
„Ja, und der andere Wissenschaftler war mein Großvater“, musste Robert zugeben.
„Und stimmt es auch“, fragte Bobby grinsend, „dass dein Vater und Großvater in unserem schönen Vulkan lebende Dinosaurier vermuteten und danach suchten?“ Nun brach im Klassenzimmer tosendes Gelächter aus und Mr. Clifford musste die Klasse zur Ruhe mahnen. Doch Robert liefen kalte Schauer den Rücken hinunter, als er das hörte, und eine Flut von Fragen strömte durch sein Gehirn. Wie kam dieser Bobby an Informationen über seinen Vater? Und weshalb sollte sein Vater Dinosaurier in einem Vulkan vermuten? Und wenn ja, nach welchen Dinosauriern hatte sein Vater gesucht? Doch wohl kaum nach hochgefährlichen Raubsauriern? Die qualvollste und wichtigste Frage war jedoch, weshalb seine Mutter nie mit ihm über die Suche seines Vaters nach lebenden Dinosauriern gesprochen hatte. Ihm fiel allerdings noch eine andere äußerst wichtige Frage in diesem Zusammenhang ein, nämlich, inwieweit sein Vater daran schuld war, dass seine kleinen Geschwister in den Besitz eines T-Rex gelangen konnten. Während diese und andere Fragen sein Gehirn marterten, war das Gelächter im Klassenzimmer abgeklungen und er durfte sich setzen.
„Nun Robert, ich hoffe, du nimmst deinen Klassenkameraden ihre Taktlosigkeit nicht übel. Mir tut es natürlich leid um deinen Vater und Großvater. Doch jetzt öffnet bitte euer Englischbuch auf Seite 34. Robert, fang bitte an zu lesen. Ich möchte herausfinden, wie gut dein Englisch ist.“ Er tat wie ihm befohlen, doch seine Gedanken waren ganz woanders. Er überlegte, wer ihm Auskunft geben könnte, was genau sein Vater und sein Großvater in dem Vulkan zu finden gehofft hatten, ohne Misstrauen zu wecken und auf einen lebenden T-Rex hinzudeuten. Besonders interessierte ihn, wer alles von dem geheimnisvollen Vorhaben seines Vaters und Großvaters gewusst haben könnte. Er nahm an, dass sein Großvater seinen Vater begleitet hatte, weil jener Tierarzt von Beruf war. Als erstes musste Robert herausfinden, ob sein Vater tatsächlich in einem Vulkan auf der Suche nach lebenden Dinosauriern gewesen war, denn dann würde sich auch das lebende Grauen, das zu Hause auf ihn wartete, erklären.
Sein Handy brummte in der Schultasche und als er es herauszog, las er entsetzt die Meldung seiner Großmutter: „Robert, kann Mutter nicht erreichen. Hier im Haus fürchterliche Geräusche. Es springt und hüpft ganz merkwürdig im ersten Stock. Bin in Küche eingeschlossen. Rufe Polizei! Gruß Gomi“, schrieb sie ihm.
„Nein, Gomi, bitte belästige die Polizei damit nicht. Komme sofort“, meldete er sich hektisch zurück. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass in seinem neuen Zuhause die Polizei herumschnüffeln würde. Glücklicherweise war die Unterrichtsstunde gerade vorbei. Er ging zu Mr. Clifford und fragte ihn, ob er wisse, wo seine Mutter sei.
„Soviel ich weiß, lässt sie gerade eine Mathematikklausur schreiben. Wieso? Ist etwas passiert?“, fragte ihn sein Klassenlehrer.
„Meine Großmutter hat sich in der Küche eingeschlossen. Ich muss nach Hause, um sie zu befreien. Sie wissen ja sicherlich, in welchen Verhältnissen wir wohnen. In diesem Haus funktioniert rein gar nichts.“ Er glaubte es sei besser, die Geräusche, die seine Großmutter hörte und deretwegen er eigentlich nach Hause wollte, unerwähnt zu lassen.
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