„Hier ist er.“ Sebastian zeigte ihm den Kescher. Der Holzgriff war ungefähr drei Meter lang und in dem Netz, das daran befestigt war, konnte man mindestens einen Thunfisch fangen. Robert versuchte das Teil hochzuheben und es gelang ihm gerade mal so eben, doch darin zusätzlich noch einen Fisch mit hoch zu stemmen, dazu reichten weder seine Kraft noch seine Größe aus. Letztendlich war er erst zwölf Jahre alt.
„Der ist wohl zu schwer für dich“, stellte Sebastian überflüssigerweise fest.
„Mit so einem Kescher kann man bestimmt eine ganze Kolonie Krebse auf einmal fangen, wenn man sich auf einem Schiff befindet, aber hier an Land sind andere Fangmethoden viel besser. Schau dir einmal die Krebse im Wasser an. Es gibt viele Möglichkeiten, sie zu fangen. Man bindet beispielsweise gekochtes Fleisch an das eine Ende der Schnur und wirft es ins Wasser. Dann zieht man langsam die Schnur mit dem Fleisch zu sich an den Strand. Die Krebse folgen dem Fleisch. So lockt man sie an Land und kann sie fangen.“
„Und darf ich dir dabei behilflich sein?“, fragte Sebastian freudestrahlend.
„Natürlich. Du ziehst die Krebse an Land und ich fange sie. Und später darfst du mir helfen sie zu kochen, wenn du das möchtest.“
„Aber wenn du sie totmachst, will ich das lieber nicht anschauen.“ Robert konnte das bei einem Fünfjährigen gut nachvollziehen. Es fiel ihm jedoch ein, dass man diese Tiere lebend ins kochende Wasser legte und dabei die Gliedmaßen zusammenband. Daher konnte er Sebastian und Miranda unmöglich zuschauen lassen, eher würden sie im Supermarkt Haferflocken klauen und dafür auch ins Gefängnis gehen. Nun musste er schnell eine Ausrede finden, weshalb Sebastian beim Kochen der Krebse doch nicht mithelfen durfte. Während er überlegte, wie man einen Raubsaurier ansonsten noch satt bekommen konnte, schaute er sich die kleine Bucht genauer an. Hinter ihm war die circa 50 Meter hohe Steilküste. Rechts von ihm verschwand der Kieselstrand langsam, da das Kliff einen Bogen beschrieb und die Wellen sich am Felsen brechen konnten. Doch links von ihm schien sich die Bucht, allerdings durch einen hohen Felsen versperrt, weiter fortzusetzen. Früh morgens setzte die Flut ein. Also würde man die nebenan liegende Bucht nur nachts betreten können, wenn die Ebbe das Umrunden des Felsens erlaubte.
„Nehmen wir trotzdem den Kescher mit?“, fragte Sebastian, während er versuchte das Ding hochzuheben und es ihm nur ein Stück weit gelang.
„Nein, wir lassen ihn hier liegen. Wenn ich ihn brauchen sollte, dann hier am Meer und nicht im Haus, Kleiner.“ Er nahm seinem Bruder das schon geschulterte riesige Teil wieder ab und legte es auf den Boden. Sebastian schien enttäuscht zu sein, weil Robert für seinen großartigen Fund keine Verwendung fand.
„Toll, dass du den Kescher gefunden hast, Kleiner. Ich kann ihn bestimmt noch gut gebrauchen“, lobte er ihn und strich ihm anerkennend über den Kopf. Er machte eine Kopfbewegung Richtung Haus.
„Wir werden bald zu Abend essen und ich muss noch nachschauen, ob wir für euren Glücksdrachen im Kühlschrank etwas zu fressen finden. Das geht natürlich nur, wenn Mami und Gomi das nicht merken.“ Sie liefen um die Wette die Stufen hinauf. Natürlich ließ Robert den kleinen Bruder gewinnen, um anschließend seinen Spott ertragen zu dürfen, weil ein Fünfjähriger offensichtlich schneller rannte als sein zwölfjähriger Bruder.
„Hör mal“, Robert hielt Sebastian am Arm fest. „Sheriff Rimbaud hat uns heute besucht. Er verbot uns ausdrücklich, an die Steilküste zu gehen, weil niemand die Tölpel beim Brüten stören darf.“
„Aber jetzt zum Ende des Sommers brüten hier keine Vögel mehr“, wunderte sich Sebastian.
„Das weiß ich. Aber der Sheriff befahl es nun einmal. Und mein Teleskop wurde von ihm auch konfisziert. Also, wenn dich jemand fragt, wir sind am Strand Richtung Friedhof gelaufen.“
„Und was heißt konfisziert?“, wollte Sebastian wissen.
„Wenn die Polizei einem Sachen wegnimmt, von denen sie glaubt, sie stellen eine Gefahr dar“, erklärte Robert dieses tatsächlich schwierige Fremdwort.
„Dein Teleskop stellt eine Gefahr dar? Für wen denn? Für den Sheriff?“, löcherte Sebastian seinen großen Bruder weiter mit Fragen.
„Keine Ahnung. Auf jeden Fall will Mami morgen zum alten Sheriff gehen, obwohl der eigentlich schon in Rente ist, und ihn um Hilfe bitten. Vielleicht bekomme ich durch seine Fürsprache bei Sheriff Rimbaud mein Teleskop wieder zurück. Ich würde auch gerne wissen, weshalb mein Teleskop eine Gefahr darstellt. Schließlich will ich niemanden damit erschlagen.“ Als sie am Haus ankamen wartete seine Mutter auf ihn.
„Könntest du bitte auf die Zwillinge aufpassen? Gomi und ich müssen noch schnell zum Einkaufen fahren.“
Sie warteten, bis das Auto in die Hauptstraße eingebogen war und liefen dann in die Gruselküche, um nach Essbarem zu suchen. Sebastian wollte Robert helfen und riss die Kühlschranktür auf. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um besser hineinschauen zu können.
„Hier ist nur gähnende Leere“, informierte er Robert. Der öffnete unterdessen die Tür zur Speisekammer, soweit man einen fensterlosen langen Gang, der ins Nirgendwo zu führen schien, so nennen konnte. Die Speisekammer war durch einen ehemals roten, verschlissenen Plüschvorhang von dem dahinterliegenden schwarzen Nichts getrennt. In weiser Voraussicht schien seine Mutter, wegen der im Haus vorkommenden Ratten, Kakerlaken und sonstigem Wurmzeugs, in der Speisekammer nur Getränke und festverschlossene Nahrungsmittel aufzubewahren. In einem regalartigen Gebilde standen Unmengen an Büchsen mit Obst und Wurst. Und zu Roberts Überraschung stand auf dem Boden palettenweise haltbar gemachte Milch. Nach seiner Schätzung bestimmt mehr als 48 Packungen.
„Glaubst du, Mama hat die abgezählt?“, fragte Robert seine Schwester, die heruntergekommen und ihm in die Gruselspeisekammer gefolgt war. Miranda nickte: „Natürlich, Mama ist Mathematiklehrerin. Die zählt alles ab. Aber wenn sie fragt, wo die Sachen geblieben sind, sagen wir ihr einfach, sie hätte sich bestimmt verzählt“, schlug Miranda vor. Robert nahm einen Karton mit sechs Packungen H-Milch und stellte ihn auf den Küchentisch.
„Das ist für Drachilein ein wahres Schlaraffenland“, freute er sich. Für die nächsten Wochen mussten sie keine kriminellen Aktivitäten mehr entwickeln, um den Kleinen satt zu bekommen, wenn man von dem Diebstahl aus der eigenen Speisekammer einmal absah.
Er entnahm die Dosen aus den hinteren Reihen, damit seiner Mutter der Diebstahl nicht so schnell auffiel. Er schnappte sich wahllos alles, ohne auf die Etiketten zu achten. Die Dosen, in denen sich möglicherweise Fleisch befand, würde er später aussortieren.
„Pfirsiche mag er bestimmt gerne“, meinte Miranda und stellte die Dosen, die Robert ihr reichte, schön aufgereiht auf dem Küchentisch ab. Sebastian hatte unterdessen den Part des Spitzels übernommen und horchte nach draußen.
„Robert? Ich glaube, Mama kommt zurück“, warnte er sie. Robert raffte so schnell er konnte alles zusammen und rannte mit den zusammengeklauten Essensvorräten die Treppe hinauf. Er erreichte gerade noch rechtzeitig sein Zimmer und warf mit letzter Kraft die Nahrungsmittel auf sein Bett.
„Mann, war das schwer!“ Er überschlug im Kopf das Gewicht der Milchkartons und der Dosen und kam auf knappe 15 Kilo. Aber nun hatte ihr Hausdino zumindest genug zu essen. Er hoffte inständig, dass seine Mutter den Diebstahl nicht allzu bald bemerken würde. Die Milchkartons und die Dosen stellte er in seinen begehbaren Schrank und schloss ihn ab.
Sebastian steckte den Kopf in sein Zimmer. „Miranda fragt, wann Petit Pouf endlich etwas zu essen bekommt?“
Robert schaute seinen Bruder fragend an. „Wer ist denn Petit Pouf und was heißt das überhaupt?“ Er hatte keine Zeit, sich mit einem weiteren Schmusetier seiner Geschwister abzugeben.
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