„Das ist der Name unseres Glücksdrachen. Miranda und ich haben ihn soeben getauft“, erklärte ihm Sebastian stolz. „Schließlich wurde es Zeit, ihm einen eigenen Namen zu geben. Petit Pouf heißt übrigens auf Französisch ‚kleiner Knall‘“, informierte ihn Sebastian.
„Natürlich wollen wir Petit Pouf richtig taufen lassen. Mit Wasser und so. Wir wollen dich als Taufpaten haben“, unterbreitete ihm Sebastian ihre Pläne. Roberts Begeisterung kannte keine Grenzen mehr.
„Das ist unbeschreiblich lieb von euch, an mich zu denken. Ich wollte schon immer Patenonkel eines T-Rex, ähm, eines Glücksdrachen werden.“
„Miranda! Robert freut sich, Petit Poufs Taufpate zu werden“, brüllte Sebastian so laut, dass das halbe Haus darüber unterrichtet wurde. Miranda kam freudestrahlend in Roberts Zimmer gelaufen und wiegte Petit Pouf wie ein Baby auf dem Arm. Dabei summte sie eine entsetzlich laute und ziemlich schiefe Melodie. Wahrscheinlich ahmte sie eine Mutter in einem Film nach, den sie gesehen hatte, wobei die Mama, um das Baby zu beruhigen, summen musste.
„Du weißt sicherlich, welche Ehre es für dich ist, der Pate unseres Glücksdrachen zu werden. Würdest du dich daher bitte um einen Termin beim Pfarrer bemühen?“, forderte ihn Miranda auf und schüttelte klein T-Rex dermaßen heftig, dass jedem echten Baby speiübel geworden wäre, aber der Kleine hatte ja noch nichts zu essen bekommen.
„Welchem Pfarrer möchtest du diese wichtige Aufgabe anvertrauen? Und wer ist vor allem verschwiegen? Es gibt Pfarrer, die laufen schnurstracks zu Mami und erzählen ihr, welch lustiges Haustier ihr habt.“ So lebensbedrohlich die Situation zu einem späteren Zeitpunkt auch werden konnte, hatte sie für Robert manchmal auch durchaus heitere Seiten.
„Von welchem lustigen Haustier sprichst du denn?“ Miranda schaute Robert fragend an.
„Nun, von dem auf deinem Arm.“
„Wenn du dich lustig machst über unseren Petit Pouf, dann nehmen wir eben einen anderen Taufpaten“, rief Miranda beleidigt.
„Wen denn?“, fragte Robert, erpicht, den Namen des anderen Taufpaten zu erfahren.
Man sah Mirandas Gesicht an, dass sie angestrengt überlegte, aber so auf die Schnelle fiel ihr wohl niemand anderes ein.
„Ich würde sagen, wir geben eurem Glücksdrachen erst einmal etwas zu fressen“, lenkte Robert die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema, damit sich die beiden später selbst Gedanken machen konnten über ihr unsinniges Vorhaben. Da er keinen Dosenöffner auf seinem Zimmer hatte, nahm er ein großes Messer zur Hilfe. Es war ein Erbstück seines Vaters.
„Schauen wir mal, wie eurem Glücksdrachen Thunfisch schmeckt.“ Er puhlte mit dem Messer den Fisch aus der Dose in den Fressnapf und stellte ihn dem Dinosaurier unter die Nase. Petit Pouf schnüffelte daran und machte keine Anzeichen, trotz des bestimmt vorhandenen Hungers, den Thunfisch zu fressen.
„So ein Mist!“, fluchte Robert. „Fisch hätte wirklich einen Teil des Problems gelöst. Doch ihm kam eine Idee. „Dann probieren wir etwas anderes aus, denn Milch mag er.“ Er machte eine Tüte H-Milch auf und schüttete etwas davon über den Thunfisch.
„Komm, brav. Leckeres Fressen“, lockte Miranda, und auch Sebastian half mit und schob den Glücksdrachen in Richtung des Fressnapfes.
„Jetzt iss endlich“, drängte Robert übelgelaunt das Tier. Was sollte man einem T-Rex sonst noch zu fressen geben, außer rohem, blutigen Fleisch, das möglichst noch zuckte. Miranda tunkte ihren Finger in das Futter und benetzte damit das Maul von Petit Pouf. Zuerst erfolgte keine sichtbare Reaktion. Doch vorsichtig schob sich eine rosa Zunge aus dem Maul und leckte mit einem Wisch, von rechts nach links, den Milchthunfisch von der Schnauze ab.
Robert und seine Geschwister erwarteten gespannt, was als Nächstes geschehen würde. Langsam und für ein Tier, das hungrig war, sehr langsam, streckte Petit Pouf seine Schnauze in die Schüssel. Zunächst war nur leises Schniefen zu hören, das sich zu einem Schnauben steigerte. Und dann kam endlich das genüssliche Schmatzen des Kleinen. Erleichtert atmeten alle drei auf. Robert fiel ein ganzes Bergmassiv vom Herzen. Denn welcher einigermaßen anständige ältere Bruder wollte schließlich seine kleinen Geschwister im Gefängnis sehen, weil sie für ihren Glücksdrachen Lebensmittel stehlen mussten? Natürlich waren die beiden selbst in den USA noch nicht strafmündig, aber immerhin konnten sie ihrer Mutter weggenommen und in ein Heim gesteckt werden.
„Jetzt schling nicht so. Das gibt Bauchweh!“, schimpfte Miranda mit dem Raubsaurier und ahmte damit ihre Großmutter nach, die sie öfters bei Tisch ermahnte, langsamer zu essen.
Während sie dem Tier beim Fressen zuschauten, bemerkte Robert, wie ihr Urzeithaustier, ganz ähnlich wie beim Haferschleim, das Futter zu erlegen schien, obwohl es ja eindeutig schon tot war. Die Terrorechse stieß das geöffnete Maul in die Schüssel und schnappte zu.
„Kinder, kommt ihr runter? Das Abendessen ist fertig“, rief ihre Mutter aus der Eingangshalle. Sie ließen das Tierchen in Roberts Zimmer allein zurück und verschlossen die Tür, so dass er nicht ausversehe bei ihnen in der Küche auftauchte.
„Du siehst so ernst aus, mein Großer.“ Seine Mutter schaute Robert nachdenklich an und strich ihm eine Strähne aus der Stirn.
„Ach, ist schon gut Mama, mir geht es gut.“
„Ich habe übrigens heute im Supermarkt Estelle, die Gattin vom alten Sheriff getroffen. Ich habe sie gefragt, weshalb man im Staat Washington, vor allem bei diesem fantastischen Sternenhimmel, kein Teleskop besitzen darf“, erzählte ihm seine Mutter, während sie Rühreier auf dem monströsen Herd zubereitete, neben dem sie alle wie kleine Kinder wirkten.
„Und? Was hat die alte Dame gesagt, weshalb in dieser Gegend Teleskope verboten sind?“, fragte Robert gespannt.
„Sie hat sich das auch nicht erklären können. Sie meinte, sie würde den alten Sheriff fragen. Übrigens nennt sie in nicht mit seinem Vornamen, wie es für eine Ehefrau normal wäre, sondern sie nennt ihn Sheriff Schulz, wie alle anderen auch.“ Seine Mutter nahm die Pfanne vom Herd und balancierte sie zum Küchentisch, der ganz verloren in der weitläufigen Küche stand. Robert war der festen Überzeugung, dass ihre Essgeräusche in der Küche ein Echo hervorriefen. Er lauschte angestrengt. Auf jeden Fall hallte oder, besser gesagt, knallte jedes Geräusch mehrfach wider. Seine Mutter schien Roberts Gedanken zu erahnen.
„Nebenan gibt es einen hübschen Raum. Den könnten wir zukünftig als Esszimmer benutzen“, erklärte sie ihm. „Die Tapeten müssten runter und das Zimmer neu tapeziert werden. Die Fenster sind merkwürdigerweise zugemauert oder mit Spanplatten verrammelt. Aber das sollte kein Problem sein für einen Handwerker. Wenn du dir ein wenig Taschengeld verdienen möchtest? Wir können uns den Raum gleich einmal anschauen, wenn dir das recht ist“, dabei legte sie ihre Hand liebevoll auf Roberts Arm. Seine Begeisterung, eine neue Aufgabe aufgebürdet zu bekommen, auch wenn er dadurch sein Taschengeld aufbessern konnte, hielt sich in Grenzen. Durch sein momentanes Arbeitspensum mit der Schule, den Hausaufgaben, der Glücksdrachenbetreuung und vielem anderen mehr, wusste er mittlerweile kaum noch, wie er alles bewältigen sollte. Jetzt erwartete man von ihm zudem noch, in seiner kargen Freizeit ein abgewracktes Esszimmer zu tapezieren.
„Natürlich werde ich dir helfen, Mama. Es ist überhaupt kein Problem. Wann willst du, dass ich mit der Renovierung beginne?“
„An einem der nächsten Wochenenden, Schatz. Es eilt nicht“, versicherte ihm seine Mutter.
„Und hinter welcher der vielen Türen befindet sich unser zukünftiges Esszimmer?“ Er schaute sich um. Von der Küche gingen sieben Türen ab, wobei eine davon erst über eine eiserne Wendeltreppe, die ohne weiteres als Vorbild für Gruselfilme gedient haben könnte, zu erreichen war. Ganz am Anfang, kurz nachdem sie in den Kasten eingezogen waren, hatte er versucht die Treppe und das, was sich hinter der Türe befand, zu erkunden, doch leider klemmte die schwere Eichentür. Vermutlich war es jedoch besser, nicht zu wissen, was sich dahinter verbarg. Er konnte sich gut ein Verlies mit Foltergeräten vorstellen.
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