Nach jedem Traum sollst du getreu aufschreiben, was du gesehen und gehört und gespürt hast. Nichts darfst du vergessen und nichts hinzufügen. Mit keinem darfst du darüber reden und keinem zeigen, was du schreibst. Ist das Werk fehlerhaft oder unvollständig, wird es unweigerlich zu Irrungen und Wirrungen im Leben des Zwergenvolkes und letztlich zu seinem Niedergang führen. Fürchte dich nicht, Waltruda, vor dieser hehren Aufgabe. Ich bin bei dir und werde deine Hand führen und dich leiten.
Nun geh und erwache. Besorge alles, was du zum Schreiben brauchst. Lass dir einen großen Kasten machen und ihn mit starken Schlössern versehen. Dort hinein gibst du das Geschriebene und hüte es vor jedem. Ordne die Schriften nach seiner Reihe und dies hier muss die Erste sein. Nur hier und im letzten Gesicht darfst du ergänzen, was dir beliebt. Es ist kein Teil der Schrift an sich. Bist du bereit, so finde dich wieder am Felsen ein, an dem du erwachen wirst Ich werde dich erwarten und holen zum nächsten Gesicht.“
Der Nebel wird sehr schnell wieder dicht und Gilbret ist nicht mehr zu sehen.
Als ich erwache liege ich im Moos neben dem Felsen, auf dem ich mich niedergelassen hatte. Es ist Nacht. Der Mond ist verdeckt und ich weiß nicht, wie lange ich hier gelegen habe. Mir ist kühl und darum eile ich, in den Berg zu kommen. Gleich morgen werde ich mich rüsten das aufzuschreiben, das man mir berichten wird. Ich weiß nicht, was mich erwartet.
Damit ich nicht Gefahr laufe, mit irgendwem über das Werk zu sprechen, werde ich mich zurück ziehen und meinen lieben Sohn in die Obhut seines Onkels geben. Ich weiß nur noch nicht, was ich ihm deswegen sagen soll. Möge Gabbro mir die rechten Worte in den Mund legen, sonst wird keiner mein Handeln verstehen. Vielleicht ist es gut zu sagen, die Trauer um meinen geliebten Mann, den ich kürzlich erst verlor, treibe mich allein zu sein.
* * * * *
Mein Sohn ist ein guter und folgsamer Zwerg, der auf das Wort seiner Mutter hört. Mein Bruder hat nicht einmal gefragt, warum er Helmrad aufnehmen soll. „Du brauchst jetzt sicher viel Zeit für dich. Sei getrost, ich kümmere mich.“
Herzlich hat Helmrad mich gedrückt, doch kein Wort kam über seine kleinen Lippen. Wie weh ist mir ums Herz. Doch sogleich fühle ich einen tröstend warmen Geist mich umhüllen.
Wohlan Gilbret, ich bin bereit. Ich gehe zum Felsen auf des Berges Dach.
„Ich freue mich, dich wieder zu sehen, Waltruda.“
„Ich folge dem Wunsch und dem Wort unseres Gottes so treu, wie mein Sohn mir folgt.“, erwidere ich.
„So mag das Werk denn nun beginnen. Fortan sind im Berg deine Lippen versiegelt. Alles was du brauchen wirst, wird da sein. Was auch geschieht und was du auch sehen und hören wirst, fürchte dich nicht. Du bist beschützt.
Um die Grundlage für die Geschehnisse zu erfahren, wirst du nun von einem, der grauesten Vorzeit Beiwohnenden hören und auch sehen, woher das Böse kam, das die Zwerge heimsuchte. Hab gut acht.“
Statt dass jemand zu Gilbret hinzutritt schließt sich der Nebeltunnel wieder und es geschieht zunächst nichts. Langsam verdichtet sich der Nebel in großer Breite und unsäglicher Höhe zu einer nur schemenhaft erkennbaren Gestalt, die jeden Zwerg zur Größe einer Ameise schrumpfen lässt. Das Gefühl grenzenloser Ohnmacht breitet sich beklemmend in mir aus.
„Du Nichts von einem Wurm also sollst sehen, was sich zu Anbeginn des Lebens auf dieser Erde zutrug. Nun denn, Zwerglein, merke auf.“, ist von mächtiger lauter Stimme zu vernehmen. „Was mich betrifft, Schreiberling, so brauchst du nichts zu wissen. Dies tut nichts zur Sache. Als denn, hör zu, sieh hin!“
Die Gestalt tritt zur Seite und gibt den Blick hinab auf die Erde frei. Die Bilder, die ich sehe, werden mir so erklärt:
„Vor undenklichen Zeiten, als die Tage noch nicht gezählt wurden, beliebte es den Göttern zu ihrer Lust, die Erde mit allem Leben darauf zu erschaffen. Zwergengott Gabbro, Allma, die Göttin der Halblinge und Ura und Uro, das göttliche Elternpaar, aus deren Kinder und Kindeskinder die Götter aller Menschen wurden, wirkten fleißig und unermüdlich. Als alle Götter der verständigen Geschöpfe dieser Welt ihr Werk vollendet hatten, kamen sie zusammen, um zu sehen, wie sich eines zum anderen verhielte. Doch leider mussten sie erkennen, dass es keinen Frieden geben könnte, würden sie sich anderen Arbeiten zuwenden und dieses Werk sich allein überlassen. Zu verschieden waren die Werke. Also schufen sie gemeinsam die weisen Elben und hießen sie, über die Erde zu wandeln und mit ihrem glücklichen Gesang den Frieden der Welt zu bewahren. Niemals sollten sie einem Gottesgeschöpf das Leben nehmen, würden sie doch dadurch ihre Reinheit auf ewig verlieren und auf das Schrecklichste bestraft werden.
Ewige Reinheit – Ha, schier unmöglich.“
Die Stimme räuspert sich, um den eigenen Einwurf zu übergehen und fort zu fahren.
„Zwölf Stämme mit je zwölf Familien zu je zwölf mal zwölf Elben schufen die Götter. Schlanke große Gestalt, ebenmäßiges freundliches Gesicht, verzaubernd schöne Stimme und überirdisch große Weisheit waren die augenfälligsten Eigenschaften. Fast zum Verwechseln ähnlich sahen sich die Elben gleich, mit einer Hautfarbe, die es sonst nirgends auf Erden gab und allen Ortes freute man sich, sah man die weißgold leuchtenden Friedenswesen durch die Welt wandern und hörte die Glück und Freude verströmenden Lieder singen. Dadurch lief kein Geschöpf Gefahr, um sein Leben fürchten zu müssen. Bär und Rehkitz schliefen des Nachts treulich vereint nebeneinander. Kein unreines Gezücht befleckte diese Welt. Ungezählte Zeiten lang. Also nicht ewig, war ja klar.“
Erneutes Räuspern, ob der verächtlichen Bemerkung.
Ich gewinne den Eindruck, die Gestalt, neben der jeder Zwerg zur Größe einer Ameise schrumpft, liest einen vorbereiteten Text und ab und an drängt sich ein eigener Kommentar dazwischen.
„Rein aus Versehen und nicht aus purem Willen trat ein Elb eines Tages auf einen kleinen Wurm auf seinem Weg. Sofort verstarb der Ärmste und vor den allsichtigen Elben glitt sein Geist gen Himmel, den Göttern sein Leid über sein vorzeitiges Ende zu klagen. Auf das Fürchterlichste erschreckt erkannte der Elb sein unglückliches Tun und verlangte von seinen Begleitern, Stillschweigen zu bewahren. Dies wurde feierlich bei allen Göttern der Welt geschworen.
Der Elb bückte sich und besah den leeren Körper des getöteten Wesens. Bis dahin gänzlich unbekannte Regungen kämpften in ihm. Angst, Kümmernis und Trauer hatten zunächst die Oberhand. Doch dann regte sich auch Neugier, ausgelöst von der völlig neuen Erfahrung. Noch nie war ein Wesen bisher gestorben. Und nun war dies sogar durch einen Elben verursacht worden. Er sann darüber nach, wie anmutig selbst dieser kleine Geist auf seinem Weg gen Himmel war und fand sogar Gefallen am Bild des Todes. Seltsame Gefühle von Stärke und Macht wurden in dem Elben wach und keimten ganz zart, versteckt und heimlich im hintersten Winkel seines Bewusstseins. Und auch die elf anderen Elben blieben nicht ungerührt von dem Ereignis. Ähnliche Wirkungen hatte das Geschehen ebenfalls in ihnen ausgelöst.
Die Elbengruppe lagerte sich an eben dieser Stelle und ein jeder hing seinen Gedanken zu dem Geschehenen nach. Alamon hieß der Unglückliche, der der erste Totschläger auf Erden geworden war. Mit angezogenen Beinen und gesenktem Haupt saß er an einen Baum gelehnt, als ein klitzekleiner Kolibri sich auf seinem Knie nieder ließ. Hin und her neigte das Vöglein sein zartes kleines Köpfchen, als es den strahlenden Elb betrachtete. Alamon hob seinen Kopf, um sich seinerseits das Vögelchen anzusehen. Er streckte die linke Hand aus, worauf der Kolibri freudig piepsend hinein hüpfte. Alamons Blick machte die Runde und drang jedem seiner Begleiter und Begleiterinnen tief in die Augen. Ihm schien, zustimmende Aufforderung und sogar Einverständnis für seine augenblicklichen Empfindungen und Wünsche darin zu finden.
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