
Vermutlich war es Depression, nicht nur bei Sophie, sondern auch bei mir, ein zwei Wochen nach der Geburt sagte Sophie eines Morgens plötzlich: Du, ich glaube, ich habe eine Depression. Sie hatte das in einem der vielen Ratgeber gelesen, in denen sie ständig herum las, schon vor der Geburt hatten wir darüber gesprochen. Sie hatte von einer Kollegin erzählt, die sagte, sie habe nach der Geburt wochenlang eine Depression gehabt, aber wir führten das damals auf die Umstände zurück, in denen sich diese Frau befand. Sie hatte nämlich kaum Hilfe von außen und musste alles alleine schaffen. Wir hatte ja Hilfe, wie es der Tradition entsprach…
Die Eltern kamen direkt nach der Geburt zu uns, Mutter blieb vier Wochen lang, Tag und Nacht bei uns, der Vater kam jeden Tag zum Kochen. Wie in vielen Shanghaier Familien so üblich, ist bei Sophies Eltern der Vater der Koch in der Familie. Wir rechneten ihm das hoch an. Wie wir hörten, hatte er seinen Kumpels gesagt, ich kann jetzt vier Wochen lang nicht mehr zum Majang-Spielen kommen, tut mir leid, ich muss für das Kind meiner Tochter kochen. Und das bedeutete, dass er sich wahrscheinlich in vier Wochen neue Kumpels suchen musste, denn seine Spielfreunde, mit denen er schon jahrelang jeden Nachmittag um Geld spielte, hatten sich in der Zeit, einen neuen Mitspieler gesucht, der nicht so ohne weiteres seinen Platz räumen würde. Aber, dass die Eltern zur Hilfe kamen, bedeutet zwar eine Entlastung, brachte aber auch neue Belastungen. Ein großes Drama gab es um die Muttermilch und das Drama geht weiter…Zuerst hatte Sophie versucht, Anna ihre Brust zu geben, aber es schien irgendwie nicht zu funktionieren und Sophie war maßlos enttäuscht, immer wieder kam sie fluchend aus dem Schlafzimmer, wo sie sich aus Kissen einen Sitz gebastelt hatte und rannte hilflos verzweifelt in der Wohnung herum: Ich schaffe es nicht! Während hinter ihr das Kind schrie…Nach ein paar Tagen klappte es besser, aber dann verhärtete sich die Brust plötzlich, wurde hart wie Stein und Sophie erzählte von der Lebensgefahr, in der sie jetzt schwebe, verhärtete Brüste könnten zu allerschwersten Komplikationen führen, sie telefonierte hektisch im Freundeskreis herum und bekam die Empfehlung, zu einem Spezialisten zu gehen, der sich auf Muttermilch-Brüste spezialisiert hatte und der schaffte es tatsächlich, mit ein paar Massagegriffen die Brust wieder zu entspannen und gab ihr außerdem das Wissen mit, wie sie selbst ihre Brüste massieren konnte….Wieso nehmt ihr Euch denn keine Hebamme, fragten mich meine deutschen Freunde. Weil es die in China gar nicht gibt, jedenfalls nicht in dieser Form. Man kann sich keine Hebamme buchen, die in den ersten Wochen nach der Geburt alle paar Tage vorbei kommt und mit Rat und Tat zur Seite steht. Es gibt sogenannte Ais, die sich auf Kinderversorgung spezialisiert haben, aber die bleiben die ersten vier Wochen oder auch länger die ganze Zeit, Tag und Nacht in der Wohnung. Sie kosten umgerechnet etwa 1000 Euro. Aber so eine Ai wollte Sophie nicht, weil sie ihr die ganze Arbeit mit dem Kind entrissen hätte. Sie wollte ja den engen Kontakt mit dem Kind, sie wollte ja Windeln wechseln und selbst die Milch geben und das Kind hätscheln und pflegen, was sie brauchte, war Unterstützung durch Fachwissen, also so etwas, was eine deutsche Hebamme ihr hätte geben können….Außerdem ist Sophie eine sparsame Frau und 10 000 Yuan, was etwa 1000 Euro sind, ist für sie viel zu viel Geld. So viel verdiene ich in einem Monat. Dazu kommt, dass ich als Lehrer viel Zeit hatte, zum Beispiel von Ende Dezember bis Anfang Februar Semester-Ferien. Also die letzten vier Wochen….
Als das Problem mit dem Milchfluss gelöst war, stellte sich heraus, dass Sophies Nippel einfach zu kurz waren, der kleine Baby-Mund konnte den Nippel nicht tief genug umfassen und genug Milch absaugen. Eigentlich hatte sie das schon direkt nach der Geburt erfahren, als sie am ersten Tag versuchte, Anna Milch zu geben und eine Krankenhausschwester ihr dabei half, sie sagte, dass ihre Nippel wahrscheinlich zu kurz seien. Wahrscheinlich. Aber jetzt stellte sich heraus, dass sie wohl tatsächlich zu kurz waren. Die kleine Anna schien irgendwie zu wenig Milch zu bekommen, saugte angestrengt und schlief dann erschöpft von der Anstrengung nach kurzer Zeit ein, wachte hungrig schreiend wieder auf und versuchte wieder Milch zu saugen, was ihr immer weniger gelang. was zu neuem Geschrei führte, und dazu kamen jetzt zunehmend die Schmerzen… Davon hatten wir gehört von anderen Müttern und auch vor der Geburt schon darüber gesprochen, aber von Schmerzen zu wissen und sie dann zu erfahren sind zwei völlig verschiedene Dinge. Der Schnitt bei der Geburt und die Näherei anschließend, das tat jetzt weh, fürchterlich weh und das lange, tagelang, wochenlang…und wie badet man eigentlich ein Baby?
Jedenfalls ein paar Tage nach der Geburt saß sie heulend in ihrem Bett, Tränen flossen ihr ganzes Gesicht nässend an ihr herunter, sie brach innerlich völlig zusammen.
„Wie badet man ein Baby?“, sagte ich, “Man nimmt die Badewanne, gießt Wasser ein und dann setzt man das Baby rein, was soll daran schon schwer sein?
„Aber welche Temperatur soll das Wasser haben? Welche Temperatur?“
„ Na so, dass es nicht zu heiß ist und nicht zu kalt“
„ Wieviel Grad?“
„ Was weiß ich? Man nimmt die Hand und steckt sie ins Wasser und dann fühlt man, ob es zu heiß ist oder nicht… „
„Du hast keine Ahnung!“
„Was heißt, ich habe keine Ahnung. Du musst mehr Deiner Intuition trauen. Du willst immer alles ganz genau wissen, seit Tausenden von Jahren bringen Frauen Kinder zur Welt und sie wissen es doch intuitiv, wie das geht.“
„Ach Quatsch! Woher soll ich das wissen wie das geht? Und haben die schon Badewannen gehabt, damals, die Frauen, vor tausenden von Jahren?“
„Und du, warum hast du das nicht in deinen Büchern gelesen, in denen du ständig herumliest. Was sagen die Experten denn dazu?“
Wir schrien uns an. Das Baby schrie uns an, hungrig, nass, hatte es wieder Kacka gemacht? Oder war es irgend eine Krankheit, die unser armes kleines Kind befallen hatte? Oder braucht es nur unsere Nähe, unsere schützenden Arme, wollte es herumgetragen werden, ja was wollte es eigentlich? Und das alles in einer kalten Wohnung, in der nur im Schlafzimmer geheizt wurde, aus Sparsamkeit und weil man das so macht in Shanghai. Draußen ein nasskalter Januar mit trübem Smog-verhangenem Himmel.
Verzweifelt heulend rief sie eine Frau an, die sie aus ihrem christlichen Hauskreis kannte, die Mutter einer zweijährigen Tochter, und klagte ihr Leid. Zum Glück kam sie nach wenigen Stunden mit Mann und Kind zu uns und einem Video unterm Arm: Wie bade ich mein Kind?
Die traditionelle Wissensvermittlung zwischen Mutter und Tochter war tatsächlich abgebrochen in der letzten Generation in China, weil die kommunistischen Herrscher, vom Ehrgeiz zerfressen, die Industrialisierung möglichst schnell voranzutreiben und im großen Sprung den imperialistischen Feind USA zu überholen, die Frauen schon wenige Wochen nach der Geburt erbarmungslos wieder in die Fabriken geschickt hatten und somit die Aufgabe, die kleinen Kinder groß zu ziehen, den Großmüttern überlassen worden war. Sophies Mutter hatte deshalb überhaupt keine Ahnung, wie man Windeln wechselt oder ein Baby stillt, sie selbst hatte das nie gemacht. Sophie war von Anfang an mit der Flasche ernährt worden. Das führte dann dazu, dass meine Schwiegermutter instinktiv eine Abneigung hatte gegen Sophies hartnäckigen Versuch, wider alle Schwierigkeiten doch dem Kind ihre Brust zu geben. Ich unterstützte sie dabei, so gut ich konnte. Wir wussten, dass die Muttermilch die beste Ernährung für das Kind bietet, auch das Immunsystem am besten stärkt und natürlich auch am stärksten ein emotionales Band herstellt zwischen Mutter und Kind, am besten das Gefühl von Geborgenheit dem Kind verschafft. Aber wie das praktisch umsetzen, wenn die Nippel zu kurz sind und alles irgendwie nicht richtig funktioniert?
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