
Ein bekannter Feng Shui-Berater erklärte, das neue Jahr werde vom Gegensatz von Feuer und Wasser geprägt, es werde ein konfliktreiches Jahr in jeder Beziehung, sowohl was den persönlichen familiären Bereich anbelangt, wie auch die Gesellschaft und Staaten untereinander. Krieg sei dieses Jahr immer eine Möglichkeit…
Es ist dunkel im Zimmer, ab und zu flackert Leuchtfeuer durch die zugezogenen Vorhänge herein und manchmal scheint das Haus zu beben unter einem Donnerschlag direkt vor dem Fenster, dazwischen bellen Maschinengewehr-Salven durch die Nacht. Sophie, die neben mir liegt hatte sich größte Sorgen gemacht, wie Anna diese Nacht überstehen würde, befürchtete, sie würde schreiend und heulen und ständig unter Böllerschlägen zusammenzucken und wir würden ein zutiefst traumatisiertes Kind stunden lang nicht mehr beruhigen können. Jetzt ist sie erstaunt und erfreut, Anna so wohlig und ruhig schlafen zu sehen trotz diesem Krach um uns herum und ich bin stolz, dass ich es bin, der ihr diese Ruhe schenkt.Sophie schmiegt sich eng an mich und drückt meine Hand in Dankbarkeit.
Obwohl wir eigentlich lange Zeit einen Kampf darum zu führen hatten, ob es denn überhaupt zu verantworten sei, das Kind so auf meinen Bauch zu legen. Ich habe einen Sohn in Deutschland, der jetzt schon über 20 Jahre alt ist, von einer anderen, deutschen, Frau und als er ein kleines Kind war, hatte ich es zum ersten Mal versucht und festgestellt, dass es eine schöne Erfahrung ist, sich das Kind auf den Bauch zu legen und mit ihm zusammen vor sich hin zu dösen. Ganze Nachmittage verbrachte ich so mit ihm auf sonnigen Schwarzwaldwiesen. Deshalb legt ich mir auch schon wenige Tage nach der Geburt Anna auf den Bauch, aber Sophie befürchtete, ich könnte dabei einschlafen und dann Anna durch eine ungeschickte Drehung meines Körpers ersticken, außerdem würde Anna lange Zeit ihren Kopf immer auf einer Seite liegen haben auf meinem zu warmen Körper und ihre Gesichts- Haut dadurch sich zu sehr erhitzen, was wiederum sich sehr negativ auswirken würde auf den seltsamen gelblichen Hautbefall, mit dem Anna sich schon wenige Tage nach der Geburt herum zu plagen hatte. Sie würde übertreiben und ihre Ängste maßlos aufblasen. gab ich zurück, aber das machte Sophies Ängste nicht kleiner. Trotzdem gestattete sie es mir immer dann, mich so Annas anzunehmen, wenn sie Nachts schrie und jammerte und wir keinen anderen Rat mehr wussten, wie sie wieder zu beruhigen sei. Dort auf meinem Bauch fand sie meistens ihre Ruhe und schlief ein.
Vor ein paar Stunden waren wir bei Sophies Onkel zu Gast zum traditionellen Frühlingsfest-Essen. Er ist um die fünfzig und Koch von Beruf, er hat jeden Tag für 200 Leute das Essen in einer Firmen-Kantine zu zu bereiten. Wie die meisten Chinesen besitzt er eine Wohnung. Sie ist klein, um die fünfzig Quadratmeter groß, besteht aus zwei Räumen, einer kleinen Küche und einem ebenso kleinen Bad. Das Wohnzimmer ist kärglich eingerichtet: Ein billiges Sofa, Campingstühle und ein wackliges Gestell mit Regalen in einer Ecke, das Schlafzimmer allerdings ist ganz bürgerlich möbiliert mit einem breiten gemütlichen Bett, Wandschränken, einem großen Fachbildfernseher, Teppich am Boden und Pflanzen am Fenster. In einem kleinen Käfig zirpt ein winzig kleiner Vogel, der verzweifelt nervös den ganzen Tag darin herumhüpft. Die Wohnung ist in einem älteren Wohnbezirk, mit sechsstöckigen Wohnblocks aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Alle Chinesen mit wenigen Ausnahmen leben in sogenannten „Tschautschüs“, Wohnbezirken, die mit einer hohen Mauer umgeben und deren Eingänge bewacht sind. Es gibt kleine und große, manche sind fast kleine Stadteile mit Tausenden von Bewohnern. Für Sushu und auch Sophies Eltern, die im selben Wohnbezirk wohnen, war es ein großer Fortschritt, aus ihren winzigen Häuschen in einer Siedlung, die man heute als Slum bezeichnen würde, auszuziehen in diese Neubauten, in denen sie fliesend Wasser, Toiletten in der Wohnung und eine Dusche hatten. Heute wohnen hier arme Leute neben recht gut verdienenden zusammen in denselben Blocks, jedenfalls stehen auch einige Audis und BMWs vor den Häusern.
Sophies Onkel wird Shu Shu genannt, was kleiner Onkel heißt, weil er der jüngste von drei Brüdern ist und hat einen etwas trübsinnigen Gesichtsausdruck, der daher kommt, dass er seit Geburt auf einem Auge fast blind ist und dieses Auge mit zunehmendem Alter auch noch seine letzte Kraft zu verlieren scheint. So dass Shu Shu beim Kartoffelschälen seinen Kopf ganz nahe an die Kartoffel bringt, um sie zu sehen. Er hatte mal eine Zeit lang eine Freundin, aber keiner weiß so genau, warum keine Heirat daraus geworden ist. Er ist ziemlich groß und obwohl er als Koch arbeitet, ist er nicht fett, sondern schlank, fast hager. Zum großen Fest ist aber auch sein Bruder gekommen, der mittlere Bruder von dreien. Er arbeitet als Handlanger für einen Wohnbezirk und trinkt jeden Tag acht Flaschen Bier, wenn er mehr Geld hätte, würde er auch noch mehr trinken, sagt er. Er lacht viel und sein fast zahnloser Mund ist meist zu einem Grinsen verzogen. Er hat immer einen guten Spruch auf den Lippen und scheint das Leben leicht zu nehmen. Er raucht ständig, allerdings nicht beim Frühlingsfest, wo meine Frau durchgesetzt hat, dass bei Tisch nicht mehr geraucht wird. Sophie ist die älteste Tochter des ältesten Bruders, was ihr eine gewisse Autorität in der Familie verleiht. Zum Fest trinkt der fröhliche Onkel nicht nur Bier sondern auch eine große Menge von Reisschnaps dazwischen, die Flasche mit der goldbraunen Flüssigkeit taucht kurz auf zum Nachfüllen des Glases und verschwindet dann diskret wieder unter dem Tisch.
Er hatte seine Familie mit gebracht, eine dicke Frau mit breiten Wangenknochen, die in einem Restaurant arbeitet und seinen Sohn, einen ebenso fülligen Jungen von 22 Jahren, der Computerdesign studiert, nicht weil ihn Design so interessiert, sondern weil er nach seinem Abitur nicht arbeiten gehen wollte, so sagen jedenfalls die Verwandten und weil er sowieso den ganzen Tag vor dem Computer verbringt. Er ist einer der Süchtigen, die nicht nur am Computer sondern auch an ihrem Handy spielen. Er kann es kaum aus der Hand legen kann, sogar beim Essen legt er es neben seinen Teller und starrt darauf. Ich war schon das dritte Mal bei diesem Festessen und wie auch die Jahre zuvor redete er keinen Ton, mampfte still das Essen und verdrückte sich so schnell und unbemerkt wie möglich in den Nebenraum, wo er an seinem Handy herumfingerte.
Dann war auch noch Sophies Schwester mit Mann und Tochter gekommen. Sie ist ein paar Jahre jünger als Sophie, ist merkwürdigerweise aber viel grösser und sieht stärker aus, lebendiger, aufgeblühter. Wahrscheinlich liegt es an der Ernährung, sagt Sophie. Als sie ein Säugling war, hatten die Eltern kaum das Geld für die Milchpulver, schon ein paar Jahre später war es aber wirtschaftlich bergauf gegangen, die Eltern verdienten mehr und die zweite Schwester wurde besser ernährt. Sie arbeitet als Geschäftsführerin in einem Friseursalon, ihre Tochter ist 13 und war ein bisschen traurig, weil sich kein Mensch mehr um sie kümmerte, sondern alle Augen auf unsere kleine Anna gerichtet waren, den neu aufgehenden Stern am Himmel der Großfamilie. Sophies Schwester wird allgemein „Meimei“ genannt, was einfach kleinere Schwester heißt. Ihr Mann.„Ifeng“ verkauft Werbung für eine Zeitung und ist dadurch ziemlich reich geworden. Er soll schon drei Wohnungen haben. Wohnungen kaufen und verkaufen ist eine Art Nationalsport in China. Die Familie wohnt im dreizehnten Stock eines Hochhauses in einer riesigen modernen Wohnanlage voll von Wohntürmen, die Wände bildend nebeneinander stehen. Die Anlage sieht protzig aus mit gigantischen Eingangstoren, die im klassisch römischen Stil mit weißen Säulen und Kapitellen in die Häuser geschnitten sind. Die Wohnung ist um die 100 Quadratmeter groß und weil Ifeng Buddhist ist, gibt es auf dem Balkon einen kleinen Hausaltar mit der Mutter Maria das Buddhismus, einer zierlichen weiß-goldenen Porzellan-Statue der heiligen Guanying, umgeben von roten Plastikleuchten in Form von Rosen und mit ständig in der Wiederholungsschleife laufender leiser Anbetungsmusik.
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