
Weil Ifeng aber chinesischer Buddhist ist, glaubt er auch an die Kraft der alten Lehre des Feng Shui und an andere Götter wie den heiligen Konfuzius und den Gott des Geldes. Wie die meisten Chinesen reißt er vier Tage nach dem Frühlingsfest um Mitternacht seine Fenster weit auf und entzündet Kracher vor dem Haus, um damit den Gott des Geldes anzulocken und hat zwei böse ihren Rachen aufreißende Drachen aus grüner Jade auf einem kleinen Schränkchen bei der Tür stehen, die den neu ankommenden Gast bedrohlich anfauchen, was böse Geister abschrecken soll und sein Wohnzimmer ziert ein fast zwei Meter breites Aquarium mit einer Herde wild durcheinander wimmelnder roter Fische, was die Atmosphäre beleben soll und Glück und Reichtum verheißt.
Natürlich waren auch Sophies Eltern dabei. Ihr Vater ist als ältester Bruder klar als solcher zu erkennen, der lauteste am Tisch, eine Art Vater oder Großvater der Familie. Ganz stolz ist er auf seine Zeit bei der Armee, wo er einige Jahre bei der Luftwaffe Flugzeuge und Autos repariert und gewartet hat, später fuhr er Jahrelang Lastwagen, wobei er manchmal Tagelang in ganz China unterwegs war und zum Schluss arbeitete er als Leiter einer Autowerkstatt. Seit acht Jahren ist er pensioniert, hat mit seinen 68 Jahren volle schwarze Haare und noch straffe Gesichtshaut, wirkt jung und drahtig.
Mit großem Hallo wurden wir und ganz besonders unsere kleine Anna begrüßt, alle versammelten sich um unseren kleinen Schatz, stießen bewundernde Worte aus, wollten sie anfassen und hätscheln und steckten ihr kleine rote Couverts zu, die sogenannten „Hong Baos“, rote Päckchen, in denen sich Geldscheine befinden. Auch das eine traditionelle, von der Sitte vorgeschriebene Handlung, die Verwandten geben am Frühlingsfest den Kindern Geld. Ein paar Tausend Yuan befanden sich in den Couverts, eine gute Sitte denke ich, während ich behutsam den warmen Körper meiner kleinen Anna streichle, die schlummert auf meinem Bauch, immer noch kracht es draußen, aber es ist schon etwas schwächer geworden… wieviel Uhr ist es? Schon halb eins, es wird noch bis ein Uhr weitergehen, dann wird das Getöse allmählich abebben….
Sophie findet diese Sitte gar nicht gut, weil das Geben nicht vom Herzen komme, sondern einfach dem gesellschaftlichen Gesetz folge. Man würde sein Gesicht verlieren, wenn man der Regel nicht folgen würde. Und sein Gesicht zu verlieren ist das Allerschlimmste was einem Chinesen passieren kann. Bei Hochzeiten zum Beispiel, muss man auch solche Hong Baos mitbringen und jeder weiß vom Hörensagen, wieviel er mitbringen muss. Dafür bekommt er dann ein großes und teures Essen, das in der Regel ein bisschen weniger kostet als das, was in den Hongbaos steckt, so dass noch was für das Hochzeitspaar als Gewinn übrigbleibt, weshalb zu Hochzeiten zahlreiche Leute eingeladen werden.
Wir alle hatten dicke Pullover und Jacken an, Anna war in Decken warm eingewickelt, weil es im Raum so kalt war. In Shanghai heizt man im Winter nicht, es sei denn, es ist ausnahmsweise bitter kalt oder man ist reich. Wir saßen um einen runden Tisch auf wackligen Stühlchen und Hockern eng beieinander. Immer wieder bin ich erstaunt, dass so viele Menschen um diesen Tisch in diesem kleinen Raum Platz finden, aber es geht. Der Tisch war mit einer Plastikhaut bedeckt, auch das in den meisten Familien so üblich, weil man Essensreste, Knochen und dergleichen einfach auf den Tisch legt, wo sich dann im Laufe des langen Essens kleine und große Häufchen bilden. Auf dem Tisch standen zahlreiche Teller mit allerlei kalten Speisen, Fleisch von Huhn, Gans, Rind, Schwein und Ente, aber auch viel Seegetier, Krabben, Tintenfische, Muscheln. Jeder hatte einen Pappbecher neben seinem kleinen Schälchen und den Essstäbchen stehen, der Becher wurde gefüllt mit Saft, nur Onkel Alki trank Bier und dann ging es los mit „Gan bei!“, „Zum Wohl!“ Alle erhoben sich, stießen ihre Pappbecher aneinander und stürzten sich dann auf die Speisen. Ab und zu stocherte Sophies Vater oder ihre Mama in den Bergen von Speisen herum und fischte etwas heraus, das sie mir in mein Schälchen legten als besonderes Zeichen der Zuneigung, ein Leckerbissen, oder was sie dafür hielten. Ab und zu musste ich mich ein bisschen verbiegen, um mir ein „Haotchi“ abzuringen und mühsam zu lächeln, weil ich manche Speisen sehr seltsam fand, und erst auf Nachfrage herausfand, aus was sie eigentlich bestanden. Haotchi“ heißt: Schmeckt gut!“ Haut von Schweinen, Fleischknochen in kleinen Würfeln, Innereien…. Onkel Shushu werkelte in der Küche herum, aus der er die nächsten zwei Stunden nur dann herauskam, um neue, frisch gekochte Speisen unter allgemeinem „Aaaaah“ und „Ooooo“ auf den Tisch zu stellen und auf andere Teller aufzutürmen. Auch das muss so sein, es muss einfach viel zu viel auf dem Tisch stehen, sonst ist das kein richtiges Festessen. Selbstverständlich bekommt nicht jeder seinen Teller mit seiner eigenen Portion, sondern nur ein leeres Schälchen, die Speisen für alle werden in die Mitte des Tisches gestellt. Das Gefühl, dass das ja ein bisschen unhygienisch sei, wenn mehrere Leute mit ihren Essstäbchen in einem Salat oder Fisch herumwühlen, habe ich längst verloren. Wie jedes Jahr wollten sie wieder wissen, ob mir das chinesische Essen schmeckt und ob den Deutschen chinesisches Essen schmeckt und wieder versicherte ich ihnen, dass die Deutschen chinesisches Essen sehr lieben und es in jeder deutschen Stadt ein paar chinesische Restaurants gibt und sie sehr beliebt seien. Als Sophie und ich zur Hochzeitsreise in Deutschland waren sind wir auch ständig in China-Restaurants gegangen, weil Sophie ihr chinesisches Essen so vermisste und zu meiner Überraschung fand sie das Essen meistens sehr gut. „Komm, wir machen ein China-Restaurant auf in Deutschland“ sagte der Bierliebende Onkel und alle lachten. Diesen Witz haben sie schon öfters gemacht, aber allmählich glaube ich, sie denken ernsthaft darüber nach, sie träumen jedenfalls davon. Meimei´s Mann Ifeng hat mir schon ein paar mal gesagt, er wolle ein China Restaurant in Deutschland aufmachen. Er lachte dabei.. Ich bin bisher nicht darauf eingegangen. Ich sagte zwar vage: Gute Idee! Aber ich sagte nicht, meinst du das ernst? Und wenn ja, dann lasst uns mal überlegen, wie wir das umsetzen könnten. Sophie und ich haben manchmal auch schon darüber nachgedacht, aber der Gedanke, jahrelang in der Küche zu stehen oder uns um ein Restaurant kümmern zu müssen, Tag und Nacht, schreckt uns dann wieder davon ab. Und ob ich wirklich mit diesen Verwandten zusammen ein Unternehmen in Deutschland aufziehen will…?
Sophie findet diese Tischgespräche, die sich fast immer ums Essen drehen, öde. „Sie kommunizieren nicht wirklich, sie reden nicht über das, was sie wirklich bewegt oder was sie fühlen und denken. Es ist wie die Engländer, die an der Bushaltestelle über das Essen reden“ Sophie hat mir erzählt, ihr Vater habe sie ihr ganzes Leben lang noch nie gefragt, wie es ihr geht. Sie sagt, seine Art, ihr zu zeigen, dass er sie liebt, ist, dass er für sie kocht. Finde ich eine gute Art, seine Liebe zu zeigen…..
Anna dreht ihren Kopf unruhig hin und her, beruhigt sich zum Glück aber wieder, ich rede ihr sanft zu, streichle sie, rücke sie mir zurecht auf meinem Bauch, im Laufe der Zeit ist sie ganz nach unten gerutscht, ich hole sie wieder hoch, Sophie scheint schon zu schlafen, es kracht immer noch draußen……
Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich da einlasse, hätte ich mich vielleicht anders entschieden, aber gut, ich wollte das doch, ich wollte Sophie ganz nahe sein, ich wollte sie heiraten, ich wollte ein Kind mit ihr als Krönung dieser Nähe, als unauflösliches Band zwischen uns, ich wollte so eng gebunden sein, vielleicht weil sie mich so lange auf Distanz hielt, als wir uns kennenlernten…Ich war mein ganzes Leben lang ein Hallodri gewesen, der von einem Abenteuer zum nächsten unterwegs war und als ich vor ein paar Jahren wieder Christ wurde, sah ich das alles ganz anders, bereute meine Irrungen und Verirrungen und sah wieviel Schmerz ich mir und vielen Frauen zugefügt hatte durch meinen Unwillen, mich auf eine Beziehung festzulegen und mich verantwortlich zu binden. Jetzt hatte ich mich gebunden, jetzt saß ich im Gefängnis, gut fühlte sich das nicht an… Aber das hört man von vielen Paaren, von den meisten, in der Frankfurter Allgemeinen schreibt eine Frau von der Hölle, die es bedeutet, ein Kind zu haben. Da hat sie nicht ganz unrecht, es war die Hölle, die letzten Tage, obwohl das auch wieder nicht die ganze Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit ist verwirrend vermischt und weder schwarz noch weiß, sondern alle Farbtöne durcheinander, zwischen großer Freude, einem Gefühl der Erfüllung und abgrundtiefem Hass und Verzweiflung hin und her schwankend und manchmal ging das eine Gefühl in das andere nahtlos über oder das eine Gefühl war getränkt vom anderen, ganz neue Gefühlsmischungen entstanden….und dazwischen ein trostloser Stumpfsinn, verdüstert von dem Gedanken, wie lange wird das denn so weitergehen?
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