Mein Leistungsvermögen brach immer mehr ein, zumal ich bei allem, was ich tat, in der Angst lebte, dabei einzuschlafen. Selbst beim Autofahren ergaben sich sehr kritische Situationen, so dass ich dies immer mehr einschränken musste. Das Vertrauen in mich selbst, noch etwas leisten zu können, sank immer mehr, was mir mein Arbeitsleben zum Horror machte. Mein Hobby, die Feuerwehr, hatte James mir schon, nachdem er sich mir gegenüber geoutet hatte, genommen. Was wenn er mir nun noch die Arbeit nahm?
Wo war da „das noch jahrelange unbeschwerte Leben, bei guter Fütterung“ geblieben? Warum gab James keine Ruhe, er bekam doch seine Nährstoffe? Ich wollte ihn einfach nicht, meinen ungebetenen Gast.
Aber meine Meinung zählte da nicht, er wuchs noch mehr heran. Als nächstes machte er sich an meinem Laufen zu schaffen. Ich wurde immer langsamer und die Strecken, die ich zurücklegen konnte, minimierten sich. Wenn ich mich so beobachte und daran zurückdachte, dass ich vor nicht ganz fünf Jahren noch einen Halbmarathon geschafft habe …
Wie weit wollte es James noch mit mir treiben?
Natürlich sollte das nicht alles sein. Er begann nun mit Verspannungen zu arbeiten, welche besonders den rechten Schulterbereich betrafen. Aber auch andere Muskelpartien fühlten sich oft an, als hätte ich Muskelkater und das ganz ohne Aufwand für mich, ich musste dazu keinen Sport machen. Zur Abwechslung durften dann auch ab und zu die Füße oder Waden krampfen.
Aber er schenkte mir auch nicht materielle Erscheinungen, wie das Gefühl eines permanenten Kribbelns im Kopf, eine ausgeprägte Schreckhaftigkeit und oft das Gefühl, als würde sich von hinten ein Schatten an mir vorbei schieben.
Und all das führte für mich zu weiteren ungeklärten Fragen. Was von alledem kommt von James und was kommt von dem Futter, das ich ihm zuführe? Bin ich selbst schon total durchgeknallt?
Je mehr James heranwuchs und die für mich nicht zu klärenden Fragen mehr wurden, stieg auch meine psychische Belastung. Bei der Arbeit war ich gefühlt mehr krankgeschrieben als anwesend. Wenn ich arbeiten war, ließ meine Produktivität zu wünschen übrig.
All dies und auch die Tatsache, dass meine Frau aufgrund schwerer Erkrankung auf dem Weg war, nur noch im Rollstuhl leben zu können, brachten bei mir wohl das Fass zum überlaufen.
So gab es dann nur noch den Weg in eine Einrichtung, welche das geistige und psychische Wohlergehen fördern sollte.
Aller dortigen Bemühung zum Trotz war mein Geist noch immer nicht reif, zu akzeptieren, was da mit mir geschah. So kam ich zu der Überzeugung, dies alles könne nur ein böser Traum sein und das Futter von James mir eher schadet, da hier die Ursache meiner Schlaflosigkeit und meiner Ängste lag. Außerdem kann das ja gar nicht stimmen, dass sich ausgerechnet bei mir ein so heimtückischer, nicht greifbarer Untermieter eingenistet hat.
Ich werde es der Welt schon zeigen, meinem Neurologen, den Psychotherapeuten und meiner Familie, ich kann dem allem die Stirn bieten. In der Konsequenz dieser These wurde dem kleinen James die Nahrung entzogen, wie sich natürlich versteht, ohne dies mit irgendwelchen Therapeuten oder sonst wem abzusprechen. Das war ja schließlich auch ganz allein meine Sache.
Viel geändert hat sich nicht an meinem Zustand, eher war das Bewegen noch beschwerlicher geworden. Einzig mein Schlafverhalten verbesserte sich ein wenig. Ich blieb neun Wochen hart mit mir und dem Bengel, der sich da bei mir eingenistet hatte. Dann kam der nächtliche Knall. Statt dass meine rechte Hand zitterte, begann der komplette linke Arm zu leben. Dies war so heftig, dass ich keine Chance hatte, entgegen zu wirken. So musste ich dann in aller Frühe in eine neurologische Ambulanz und dort meinen Nahrungsentzug für James eingestehen. Zur Besänftigung bekam der Lausbub ein ordentlich hochdosiertes Vesper und schon bald gab er die Kontrolle über den Arm wieder frei.
Also begann ein neuer Versuch, den nun größer werdenden James mit anderen Nährstoffkombinationen zu beruhigen. Leider konnte dieser Versuch das kleine Monster in mir auch nicht wirklich besänftigen. Letztendlich kamen die extremen Schlafstörungen wieder, mein Leistungsvermögen brach noch mehr ein, vom Selbstvertrauen will ich gar nicht reden.
Nach langem innerem Kampf mit mir, blieb mir nur noch der Ausweg, soviel Stress wie möglich abzubauen. Dies bedeutete für mich einen neuen Lebensabschnitt einzuleiten und mit 52 Jahren den Weg in die Erwerbsunfähigkeit zu beschreiten. Der größer werdende James hatte ein klein wenig gewonnen.
Mir hat dies dann aber gezeigt, dass es an der Zeit war, einen anderen Umgang mit meinem Wegbegleiter zu finden, einen Weg, der James zeigte, dass er nicht die endgültige Macht über mich gewinnen wird. Es galt einen Weg des Akzeptierens zu finden, der es möglich macht, trotz dieses in mir hausenden Begleiters und der sich damit ergebenden Beschwernissen, weiterhin aufrecht durchs Leben zu gehen.
So begann für mich das Herantasten an alternative Methoden, welche ich mir vor Jahren für mich nicht hätte vorstellen können. Ich weiß nicht mehr, wie viele hunderte von Seiten Papier ich über die unterschiedlichsten alternativen Methoden gelesen habe. Überwiegend war dies aber aus dem Bereich der geistigen Heilung, wobei nicht jede Methode, über die ich gelesen habe, auch für mich in Frage gekommen wäre. Ich habe auch verschiedene Kurse belegt, dabei aber auch Techniken, die ich gelernt habe, umgehend wieder verworfen. Aber bei allem, was diese Methoden zu den Möglichkeiten einer Heilung aussagen, hat bei mir der Gedanke an ein endgültiges Austreiben des kleinen James nie im Vordergrund gestanden. Bei mir dominierte immer der Gedanke, für mich Techniken zu finden, mit denen ich einen guten Umgang mit James finde. Hierdurch wäre es mir dann vielleicht möglich, meine Beschwerden zu lindern und möglichst lang das Erwachsenwerden von James hinaus zu schieben.
Hieraus entwickelte sich im Laufe von zwei Jahren und durch den Besuch bei einem Mediziner, der sich der geistigen Heilung verschrieben hat, eine für mich und meinen James wohltuende Mischung aus Bewegung, Meditation und energetischen Aktivitäten.
Um James genügend Bewegung zu verschaffen, aber auch um Dinge wie Kraft und Gleichgewicht zu verbessern, gehe ich mit James je einmal wöchentlich in Pilates, Fitness, Tai Chi und Kundalini Yoga. Die beiden letzteren gehen aber schon ein wenig in die Bereiche der Meditation und Energiearbeit hinein. Bewusste Spaziergänge ergänzen dieses Programm. Bewusst in dem Sinne, dass ich dabei auf saubere Schritte und ein gutes Schwingen beider Arme achte.
Zusätzlich gibt es täglich eine Einheit Zhineng Qi Gong, welches noch mehr als Tai Chi in die meditative Energiearbeit geht. Die tägliche Meditation und Reiki, mit dem ich James und meinen Geist energetisch versorge, helfen mir zu einer inneren Ausgeglichenheit zu kommen. Reiki selbst kann ich aber auch zu allen möglichen Tageszeiten in meinen Alltag einbauen.
Alle diese Techniken und die Tatsache meines stressreduzierten Lebens haben es mir ermöglicht, das Futter für James abzusetzen. Meine Symptome sind dadurch nicht stärker geworden, im Gegenteil, ich fühle mich besser. Meinen Tremor habe ich außer in stressigen Situationen sehr gut im Griff. Ich habe weiterhin mit Muskelsteifheit und Verlangsamung zu kämpfen, aber bei weitem nicht mehr so heftig, wie dies der Fall war. Meine mentale Einstellung gegenüber dem kleinen James hat sich geändert, so dass ich derzeit gut mit ihm zurechtkomme.
Ein großer Gewinn jedoch ist, dass so einige durch das Futter verursachte Unannehmlichkeiten verschwunden sind. Ich schlafe noch immer keine acht Stunden in der Nacht, aber eine Verdopplung des Nachtschlafes habe ich erreicht. Die Tagesmüdigkeit und die Neigung zum Sekundenschlaf sind verschwunden. Ich habe erheblich weniger Muskelkrämpfe, die Schreckhaftigkeit ist komplett verschwunden. Dieses seltsame kribbelnde Gefühl im Kopf, welches überwiegend an der Stirn herrschte, existiert nicht mehr. Wassereinlagerungen in den Beinen sind ein Thema von gestern.
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