Sie wusste was er dort tat. Sie wusste, dass er sie dort mit Huren betrug. Offiziell gab es ja keine Huren in der DDR, und Prostitution war sogar strikt verboten. Aber es fanden sich immer findige Geschäftemacher, die das Gesetz gekonnt umgingen. In so einem VEB-Bordell, das sich meist in einer privaten Kellerbar befand, ging nicht nur ihr Mann Edwin ein und aus. Vor allem Polizei,- und Parteibonzen ließen sich hier umsonst “bedienen“, und drückten dann beide Augen zu. Monika nahm es hin, dass ihr Mann fast jedes Wochenende in so ein Bordell ging. Schließlich waren sie schon 22 Jahre verheiratet und die Gefühle zueinander waren mehr als erkaltet. Sie führten nur noch eine Zweckehe auf Gegenseitigkeit. Die Kinder waren aus dem Haus, lebten in Berlin und verirrten sich nur sehr selten hier her in die schäbige Provinz. Wer wollte es ihnen auch verdenken. Hier in Plessa war - im wahrsten Sinne des Wortes - der Arsch der Welt. Es gab nichts, was diesen Ort auch nur ansatzweise erwähnenswert machte. Ironischer Weise legte die Brikettfabrik über alles noch einen Schleier aus schwarzen Ruß. Weil auch im Bett schon seit vielen Jahren nichts mehr lief, verstand Monika daher ihren Mann, wenn er sich die Abwechselung von seinem tristen Alltag woanders suchte. Sex mit Edwin hatte auch für sie nichts prickelndes mehr. Sie fühlte sich immer schlecht danach. So wie eine Art Samentoilette. Nicht selten war sie kurz davor sich zu übergeben, wenn sie auf dem Klo saß und Edwins Ejakulat in die Keramik pisste. Eigentlich war sie ganz froh, wenn er sie in Ruhe ließ und sein Zeug in irgendwelche Nutten spritzte. Sie versorgte das Haus, kochte für ihn und wusch seine dreckige Kleidung. Er brachte das Geld in die Kasse und sie verdiente sich noch etwas als Verkäuferin im Konsum dazu. So war ihr Leben fest definiert. Ohne Höhen und Tiefen, aber sorgenfrei. Anfangs wollte sie ihm sogar hinter spionieren, und den Puff anzeigen. Aber ihre Nachbarin und einzige Freundin hatte ihr davon abgeraten. So setzte sie sich – wie immer am Samstag Abend - vor die Glotze, sah ihre Lieblingsendungen und strickte nebenbei an ihrem Pullover. Um 23.00 ging sie zu Bett und schlief auch gleich ein. Etwas später klingelte das Telefon, das neben ihrem Bett auf dem Nachtschrank stand. Aus dem Tiefschlaf gerissen, nahm Monika den Hörer ab.
„Ja“, schnaufte sie verschlafen.
„Ist Edwin zu Hause?“, hörte sie eine männliche Stimme.
„Wissen Sie wie spät es ist?“, zischte Monika gereizt.
„Ja schon, aber wir waren mit Edwin verabredet und er ist nicht gekommen.“
Monika hatte sich aufgerichtet und saß nun im Bett. Mit der freien Hand strich sie sich die wirren Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Edwin ist nicht zu Hause. Vielleicht sitzt er in Lauchhammer in einer Kneipe.“
„Das glaube ich nicht“, erwiderte die Stimme am Telefon. „Edwin würde nie alleine und ohne uns nach Lauchhammer fahren. Es muss was passiert sein. Er war ja nicht einmal in der Kneipe am Freitag.“
„Und, was soll ich da jetzt machen?“, stöhnte Monika teilnahmslos.
„Wir....., also Sie müssen die Polizei rufen. Vielleicht hatte er einen Unfall auf dem Heimweg vom der Lehrlingswerkstatt. Wir sind zwar schon dort lang gefahren, haben aber nichts gefunden.“
„Na gut, ich rufe die Polizei und gebe eine Vermisstenmeldung auf“, zischte Monika missmutig.
„Wer sind Sie überhaupt?“
„Unger, Manfred Unger. Ich bin ein guter Freund von Edwin. Wir sind schon zusammen zur Schule gegangen......“
Monika legte auf, ohne sich das Gerede weiter anzuhören. Sie überlegte kurz, und wählte dann die Notrufnummer der Polizei. Sie gähnte und spielte mit dem Telefonkabel während sie auf die Verbindung wartete.
„Polizeinotruf, Schütz am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Monika Kern. Mein Mann Edwin ist seit Freitag abgängig. Gerade eben hat einer seiner Freunde angerufen und war besorgt, dass ihm was passiert sein könnte.“
Monika erzählte wo ihr Mann arbeiten würde, und das er sich manchmal am Freitag und Samstag mit seinen Kumpanen in einer Kneipe abhing. Sie erzählte, dass sie von einem Manfred Unger erfahren hätte, dass sie verabredet waren, aber Edwin nicht gekommen sei.
„Kommt es öfter vor, dass Ihr Mann am Wochenende nicht nach Hause kommt?“
„Manchmal schon, aber so lange war er noch nie weg.“
„Gut, ich werde eine Streife schicken Frau Kern. Wissen sie welchen Weg Ihr Mann nimmt, wenn er von der Arbeit nach Hause, oder in die Kneipe fährt?“
„Nicht so richtig. Er sagte immer er fährt mit seinem Rad einen schmalen Weg durch den Wald. Ihm wird doch wohl nichts passiert sein?“
„Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten Frau Kern. Ich schicke eine Streife und dann werden wir ja sehen wo das hinführt. Wissen Sie, wo wir diesen Manfred Unger finden können?“
„Nein, den kenne ich nicht.“
„Na gut, wir werden den schon finden.“
Eine Stunde später, es war so um 3.00 Uhr am Sonntagmorgen, stand die Streife vor der Tür. Das Blaulicht tauchte die Straße in ein gespenstisches Licht. Im Funkwagen saß Manfred Unger und noch ein anderer Mann. Monika erzählte noch einmal, was sie dem Polizisten schon am Telefon erzählt hatte. Die Polizisten ließen sich ein Bild von Edwin aushändigen, verabschiedeten sich und fuhren mit Blaulicht davon.
Manfred Unger erzählte den Polizisten, dass sie Edwins Heimweg schon am Samstag mehrfach abgefahren seien, und nichts gefunden hätten. Für die Streife gab es daher keinen Grund, diesen Weg in dieser Nacht noch einmal abzufahren. Zumal es anfing, wieder heftig zu regnen. Stattdessen suchte man in den Kneipen, die zu dieser Zeit noch geöffnet hatten und klapperte zusätzlich noch die drei Krankenhäuser des Kreises ab. Als diese Suche erfolglos blieb, setzten sie Manfred Unger und den anderen Mann zu Hause ab, und fuhren zurück zur Polizeistation. Man beschloss die Suche am Sonntagvormittag fortzusetzen und hoffte, dass der Vermisste sich in der Zwischenzeit schon einfinden würde.
Es war ein schöner Sonntagmorgen, die Sonne trocknete die Regentropfen auf den Blättern der Bäume, als der Hund von Gerhard Wiesener durch den lichten Birkenwald strich und mal hier und mal dort schnüffelte. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und nahm mit hoch aufgerichteter Nase eine Witterung auf. Zielstrebig ging er dem Geruch nach und stand bald vor Edwins Leiche. Zunächst schnüffelte er den toten Körper ab und leckte dann das geronnene Blut von der Halswunde. Der Kehlkopf von Edwin krachte als der Hund zubiss und den Schlund einschließlich Speiseröhre aus der Wunde zerrte. Stück für Stück von Edwins Hals verschwand im Magen des Hundes. Der riesige schwarze Schäferhund gab - so wie er mit seinen gelben Augen und dem blutverschmiertem Maul über dem toten Körper von Edwin stand - ein Bild des Grauens ab. Der Hund ließ erst von ihm ab, als er einem Lungenflügel aus der Brusthöhle gerissen hatte, an dem noch das Herz hing. Als der Hund sich auch daran gesättigt hatte, rannte er zurück in den Wald und verschwand im Dickicht.
Gerhard Wiesener saß vor seinem Haus, und putze gerade sein Fahrrad, als sein Hund Leo hechelnd und mit blutverschmiertem Maul vor ihm stand. Mehr aus den Augenwinkel sah er zu seinem Hund und erschrak zunächst. Hatte er wieder gewildert und ein Kaninchen gerissen?
„Na wo warst du wieder du alter Schurke. Haste wieder gewildert?“
Der Hund winselte leise, zog seinen Bauch ein, streckte sich und kotzte seinen Mageninhalt direkt vor Gerharts Füße. Angewidert sprang Gerhard auf und warf einen kurzen Blick auf das Erbrochene. Dann erstarrte er. Ein vollkommen intaktes Auge lag mitten im der Kotze und starrte ihn an. Daneben Teile einer Speiseröhre und helle Stücke von Lungengewebe. Gerhard erkannte sofort, dass es menschliches Material war. Das Auge war mit Sicherheit menschlich. Gerhard war während seiner Zeit bei der Volksarmee als Sanitäter ausgebildet worden, und musste auch bei der Obduktion von Leichen zusehen. Ihm stellen sich die Nackenhaare auf und er ging einige Schritte zurück, bevor er sich umdrehte und ins Haus rannte. Mit zitternden Händen wählte er die Notrufnummer der Polizei.
Читать дальше