»Wie sollen wir verfahren?«, fragte der Mann, dem an beiden Händen die kleinen Finger fehlten, als er sah, dass der Mann mit der auffälligen Narbe auf der linken Wange den Bericht ausgelesen hatte.
Der Angesprochene legte die mehrseitige Abschrift des Abhörprotokolls auf den Tisch ab, bevor er sich dem Mann zuwandte. Nach einer kurzen Pausen fing er an zu lächeln. »Dass Melissas Mutter dieser Sommer von dem Hotel in Köln erzählt hat, ist unerfreulich.« Er lehnte sich nachdenklich in seinen Arbeitsstuhl aus schwarzem Leder zurück. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was in ihm vorging. Langsam drehte er sich auf seinem Stuhl seinem Mitarbeiter zu. »Ich fang an diese ehemalige Kommissarin wohlwollend wahrzunehmen, soweit man das bei dieser Menschenrasse überhaupt kann. Sie ist genau das Gewürz, das dieses Spiel mit den Minderwertigen vor der totalen Langeweile bewahrt. Wir stehen ohnehin vor dem Durchbruch. Lass uns also etwas spielen, damit wir beim Untergang dieses Menschenpacks wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert haben. Bringe dich morgen früh um 9 Uhr in der Nähe der Psychotante in Position. Sollte diese Kommissarin tatsächlich direkt einen Termin bekommen, dann erledige das Problem auf die übliche Weise.«
Der Mann mit den fehlenden kleinen Fingern hatte sich wortlos umgedreht, als der Mann mit der Narbe wieder das Wort ergriff. »Halt, warte. Mache es nicht ganz auf die übliche Weise. Ich gebe dir noch etwas mit: Solltest du alles wie gewohnt erledigen müssen, dann dekoriere die Leiche der Psychologin für Minderwertige auffällig damit. Ich will der Kommissarin ein paar Brotkrumen hinschmeißen, um das Spiel zu würzen. Wenn du gehst, dann lasse außerdem die Tür zur Praxis einen Spalt offen. Ich glaube kaum, dass die Rollstuhl-Kommissarin die Tür aufbricht, wenn ihr niemand öffnet.« Langsam erhob er sich und ging zu einem Regal, in dem die unterschiedlichsten Gesteinsproben akkurat sortiert auslagen. Mit Bedacht suchte er drei Steine aus und reichte sie dem Mann ohne kleine Finger.
Kopfschüttelnd nahm er sie entgegen. Er schaute auf die Steine, als er sagte: »Du weißt, dass Peter deine Spielereien aus Langeweile hasst.«
»Ich weiß, dass unser Führer es hasst.« Nach einer kurzen Pause fügte der Narbengesichtige hinzu: »Peter ist halt der geniale Wissenschaftler, während ich nur der geniale Stratege beim Aufräumen bin. Peter findet dabei die Anerkennung für seine Arbeit auf der ganzen Welt. Er begrenzt sich ja auch nicht auf unsere Sippe. Und ich suche ja nicht die Anerkennung der ganzen Welt, sondern bei jeder Operation immer nur die von einer einzigen der minderwertigen Kreaturen. Und nachdem ich dann in ihren Augen die Anerkennung für mein dunkles Wirken eingeheimst habe, beseitige ich auch immer meinen neugewonnenen Fan. Ich bin in keiner Social Media Gruppe des Packs da draußen, und selbst unsere Leute gehen mir am liebsten aus dem Weg. Also erspar mir irgendwelche Kommentare und Hinweise von Peter dem Großen. Ich habe diese Kommissarin im Ruhestand als meinen zukünftigen Fan auserkoren. Leg ihr die Brotkrumen hin. Ich will sie zu mir locken und ihr Gesicht sehen, wenn ich ihr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ins Gesicht klatsche. Ich werde ihr damit sogar ein Geschenk machen. Ihre körperliche Minderwertigkeit durch ihre Krankheit wird in den letzten Minuten ihres Lebens durch die Erkenntnis in den Hintergrund treten, dass das Menschenpack da draußen insgesamt nur eine minderwertige Fehlentwicklung im Stammbaum des Homo Sapiens ist. Und vielleicht wird sie bei ihrem letzten Atemzug nicht nur Dankbarkeit für die Erlösung von ihrem eigenen Schicksal empfinden, sondern froh sein, dass wir alle Menschen erlösen.« In Gedanken versunken strich er sich sanft über die Gesichtsnarbe. »Apropos Erlösung, besuche vor der Psychotante noch Melissas Mutter.«
Behutsam ergriff Karin Breit die Hand ihrer Chefin, um ihr den länglichen Joghurtlöffel aus der durch die Spastik verkrümmten und verkrampften Hand zu ziehen. Sabine Sommer wollte keinesfalls gefüttert werden. Wurde ihr die Nahrung in mundgerechten Stücken zubereitet, dann konnte sie mit einem langstieligen Joghurtlöffel allein essen. Zuschauer mochte sie dabei keine. Die Blicke, die sie dabei immer wieder trafen, zeigten, dass es ihrem Essstil wohl an gefälliger Eleganz fehlte. Das Essen mit Familie und Freunden gehörte deshalb schon lange der Vergangenheit an. Während des Frühstücks hatte Sabine Sommer allein am Tisch in ihrem Rollstuhl gesessen, um sich ganz auf ihr Gespräch mit der Therapeutin vorbereiten zu können.
Nachdem ihr Karin Breit den Mund mit einer Serviette abgewischt hatte, sagte sie mit einem nur noch selten vorkommenden Schwung von Übermut in der Stimme: »Gib mir mein Headset und wähle bitte die Nummer der Psychologin. Du findest ihre Nummer ganz oben auf dem Stapel der Unterlagen, die Melissas Mutter gestern brachte. Ich brauche ganz dringend einen Termin.«
»Na, dann mal viel Glück! Du weißt doch, dass es Wochen oder sogar Monate dauern kann, bis man einen Termin bei einem Psychologen bekommen kann.« Karin Breit setzte ihrer Chefin das Headset auf.
»Das sagtest du bereits gestern Abend. Lass mich nur machen. Bereite du lieber alles für unseren baldigen Aufbruch vor.« Über das Headset hörte Sabine Sommer kurze Zeit später das Freizeichen am anderen Ende der Leitung. Langsam drückte sie gegen den Stick am Ende der rechten Armlehne ihres elektrischen Rollstuhls, um sich langsam vom Esstisch zum Fenster auf der Straßenseite ihrer Wohnung zu fahren. Sie wollte bei dem Gespräch hinaus auf das hektische Treiben der Menschen auf der Straße und auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig sehen. Vor allem wollte sie aber, dass ihr Karin Breit keinesfalls in die Augen blicken konnte, bei allem, was sie gleich am Telefon sagen würde. Als die Verbindung stand und sie das Freizeichen hörte, räusperte sie sich. Ihr Blick fiel auf die Häuserfront schräg gegenüber hoch in den zweiten Stock. Ob Melissas Mutter wohl gerade wieder ihre Verzweiflung in einer Flut von Tränen zeigte? Als sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung meldete, war ihr so, als ob sich die Wohnzimmergardinen bei Melissas Mutter bewegt hatten.
»Mein Name ist Sabine Sommer. Ich brauche sofort einen Termin bei Ihrer Chefin, sonst werde ich meinen Plan gleich umsetzen und mir das Leben nehmen.«
Laut klapperndes Geschirr verriet Sabine Sommer, dass ihre Assistentin jedes Wort verstanden hatte. Sie wusste, dass sie nichts mehr für einen schnellen Aufbruch vorbereiten würde, sondern dass sie still in der Nähe des Türrahmens stehen würde, um kein Wort zu verpassen.
»Ja, ich warte«, sagte Sabine Sommer mit kühler Stimme. Ihr Blick war stur auf die Menschen unten auf der Straße gerichtet. Sie kamen und gingen. Einige kannte sie, weil sie unter der Woche regelmäßig hier entlanggingen. 8.45 Uhr war es. Die Menschen waren auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen. Ihr Blick fiel auf einen Mann, dessen Gesicht sie wegen einer über den Kopf gezogene Kapuze nicht aus ihrer ersten Etage erkennen konnte. Er passierte gerade eine Pfütze auf der Straße, die silbrig schimmerte.
»Danke, dass sie mir einen guten Tag wünschen«, sagte sie mit kalter Stimme, als sie endlich zur Therapeutin durchgestellt worden war, »aber gute Tage sind für mich seit Jahren ein Fremdwort. Ich rufe nicht freiwillig bei Ihnen an, sondern auf Druck einer meiner persönlichen Assistentinnen. … Ja, ich habe Assistentinnen im Rahmen des Persönlichen Budgets. … Weil ich extrem MS habe. … Nein, ich habe mich nicht mit meiner Assistentin über Selbstmordabsichten unterhalten. Die Gute hat etwas davon mitbekommen, als ich mir über das Internet einen barmherzigen Todesengel organisiert habe. … Wie man so etwas organisieren kann, wollen Sie wissen? Ich war früher eine erfolgreiche Kommissarin. Ich kann alles im Internet oder notfalls im Darknet organisieren, was ich will - auch einen Todesengel. Der Auftrag ist erteilt, das Finanzielle geregelt, mein geschätzter Todesengel wartet nur noch auf das vereinbarte Zeichen. Meine Assistentin und ich hatten eben einen Disput. Ich bin der Meinung, dass dieses trübe Wetter heute eine gute Kulisse für mein Abtreten bildet. Meine ansonsten äußerst geschätzte Gesprächspartnerin ist da wohl ganz anderer Ansicht. Der gefundene Kompromiss lautet: Ich rufe bei einer Therapeutin an, sorge für ein Treffen, und wenn ich dort nicht umgestimmt werde, dann war es das für mich auf dieser Welt. … Nein, ich will mich nicht wegen des trüben Wetters umbringen, sondern weil das Leben mit MS wie ein Leben in einer Diktatur ist, und zwar unter Folter. Und alles, woran ich denken kann, ist Flucht. … Was ich mit Flucht meine, wollen Sie wissen? Meine Situation ist absolut mit einer Flucht vergleichbar. Liebgewonnenes und Gewohntes muss aus unveränderlich eingetretenen Umständen verlassen werden. Es bleibt der Körper, das, was man am Leib trägt und Habseligkeiten, soviel man tragen kann. Der Rest bleibt zurück. Es ist ein völliger Entzug vom Leben davor. Unwiederbringlich! Nur die Erinnerung bleibt. Vor einem steht das Ungewisse. Chaos macht sich breit. Ein Neuanfang, der erst einmal mit Abstieg verbunden ist, ein Beginn von null mit den Mitteln, die einem geblieben sind. Und die sind mehr als bescheiden, Frau Therapeutin. … Ja, Todessehnsucht habe ich immer wieder zwischendurch, aber bis vor ein paar Wochen eigentlich ohne wirklich suizidal zu sein. Ich habe mir eher gewünscht, dass es endlich eine legitime Regelung für aktive Sterbehilfe gibt. Aber Selbstbestimmung hat hier offenbar Grenzen. Leider! Ein paar Freundinnen von mir beneide ich deshalb sehr. … Nein, nicht weil sie Sterbehilfe bekamen, sondern zusätzlich eine terminale Erkrankung bekamen, die jeweils zu einer verhältnismäßig kurzen Pflegesituation führten, bis sie vom Tod erlöst wurden. Aber das Schicksal hält wohl keine terminale Erkrankung für mich bereit, um mich zu erlösen. Das muss ich wohl selbst in meine spastisch verdrehten Hände nehmen. … Bla, bla, bla, Sie können sich derartige Sätze sparen. Ich kenne den Wert des Lebens und habe mich als Kommissarin dafür eingesetzt, das Leben anderer zu schützen, indem ich einige wirklich üble Typen aus dem Verkehr gezogen habe. Und ich werde mein Schicksal niemals akzeptieren. Ich habe versucht, mich damit zu arrangieren und auch versucht, das Beste daraus zu machen. Ich weigere mich aber, mir diese Situation schön zu reden oder auch schön reden zu lassen. Ich kann das Ganze nur als großes Verlustgeschäft ansehen, weil ich keinen sekundären Krankheitsgewinn erkennen kann. Mein Leben ist nur noch Schadensbegrenzung, es gibt nichts Zukunftsweisendes oder etwas, auf das ich mich freuen könnte, auf das ich hinarbeiten könnte. Meine Zukunft ist düster, nicht hell. Bis heute habe ich überlebt, weil ich mich auf die Gegenwart konzentriert habe. Alles andere führt nur dazu, dass man durchdreht. … Mir ist auch klar, dass ich kein Einzelschicksal bin. Aber, liebe Frau Therapeutin, ich habe halt nur den Blick auf mich gerichtet. Und ich habe keine zweite Chance. Es geht nur in eine Richtung. Sie können sich kein Bild davon machen, wie neidisch ich auf Menschen bin, die wieder gesund werden und gestärkt aus der Situation hervorgehen und neu beginnen können. Diese Chance habe ich nicht. Nicht den Hauch einer Chance. Das wahre Leben findet da draußen auf der Straße vor meinem Fenster statt. Es ist außerhalb meiner Reichweite. Was, liebe Frau Therapeutin, soll das sein, was ich habe? Ein Tod auf Raten? Ein Leben als Demutsübung? Ich habe keine Lust mehr, weiter mit Ihnen zu telefonieren. Ich habe meiner Assistentin versprochen, mich um einen Termin für ein Gespräch zu bemühen. Soll ich jetzt kommen, oder sollen wir es sein lassen? … Ok, dann lasse ich mich halt jetzt von meiner Assistentin irgendwie in ein Taxi quetschen.« Mit der verkrümmten rechten Hand strich sich Sabine Sommer das Headset vom Kopf. Es fiel neben ihrem Rollstuhl auf den Boden. Ihr Blick blieb dabei weiter auf die Straße gerichtet. »Hast du die Telefonverbindung beendet?«, fragte sie ihre Assistentin.
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