1 ...6 7 8 10 11 12 ...24 Wo war noch mal die blöde Rechtsmedizin? Sie verfluchte sich dafür, dass sie sich immer vor den Besuchen dort gedrückt hatte. Ihr Partner Thomas hatte diesen Teil ihrer Arbeit übernommen. Ohne zu fragen. Er hatte sofort verstanden, dass Katharina das Gebäude hasste, in dem sie die Leichen ihrer Eltern und ihrer Schwester hatte identifizieren müssen.
Sie war gerade sechzehn geworden. Der Anruf hatte sie mitten in der Nacht in Kapstadt erreicht, wo sie ein Jahr als Austauschschülerin bei Bekannten ihres Vaters leben sollte. Am Flughafen in Frankfurt hatten sie ein Polizeibeamter und ein Pfarrer abgeholt. Mit ihnen zusammen war sie zur Rechtsmedizin gefahren –
***
Katharinas Beine sackten weg. Der Kaffeebecher schlug aufs Pflaster.
Ein kräftiger Arm fing sie auf. Hielt sie fest. Führte sie zu einer Bank. Setzte sie hin. Katharina ließ sich einfach sinken. Ihre Wange berührte weiches Leder. Sie roch einen Hauch von Aftershave. So würde sie jetzt einfach sitzen bleiben, die Augen geschlossen …
»Hallo, bleiben Sie bei mir!« Sanfte Klapse auf ihre Wangen holten Katharina in die Realität zurück. Die Augen des Mannes, der sie hielt, waren grau – mit genau dem richtigen Schuss Blau.
»Sind Sie wieder da?«
Katharina setzte sich auf. Vor ihren Augen flimmerte es.
»Möchten Sie zu einem Arzt? Kann ich Sie irgendwohin bringen?« Die Stimme des Mannes war sanft, warm, freundlich.
»Zur Rechtsmedizin«, murmelte Katharina.
»So schlimm wird es doch wohl hoffentlich nicht sein.«
Katharina brauchte einen Moment, bis sie verstanden hatte. »Nein, ich muss da hin und …« Das war jetzt wirklich schwierig zu erklären.
Doch der Mann nickte nur. »Leichenschau I, nehme ich an?«
Sie bejahte leise. Sollte der Mann sie doch für eine Studentin halten.
»Da haben wir den gleichen Weg. Aber erst …«, er griff in die Tasche seiner Jacke und reichte Katharina einen Schokoriegel, »… essen Sie das. Das wird hoffentlich Ihren Kreislauf wieder auf Touren bringen. – Lassen Sie mich raten: Uniklinik-Frühstück? Automaten-Kaffee ohne Beilagen?«
»Danke«, murmelte Katharina zwischen zwei schokoladigen Bissen.
Ihr unbekannter Wohltäter stand auf. Er musste Ende zwanzig sein, hatte ein fein geschnittenes Gesicht und kurze, dunkle, verwuschelte Haare. Er trug eine herrlich altmodische Pilotenlederjacke. Und dann diese Hände: schlank und kräftig. Die Nägel seiner linken Hand war ganz kurz, die an der rechten sorgsam manikürt und etwas länger. Er spielte also Gitarre. Musiker. Arzt – gut, angehender Arzt. Und er sah verteufelt gut aus.
»Geht es wieder?« Der Mann beugte sich zu Katharina hinunter, die völlig in seinen Anblick versunken war.
Sie griff ihre Handtasche fester. »Ja, ja, klar.«
Mit Schwung stand sie auf. Sie war jung, sie war dynamisch –
»Hoppla!« Beinahe wäre sie nach vorn gegen den Mann gefallen, doch er hielt sie an den Schultern fest: »Nicht so schwungvoll.«
Als Katharina vor ihm stand, stellte sie fest, dass er nicht so groß war, wie sie gedacht hatte. Vielleicht einen Meter fünfundsiebzig.
»Kommen Sie, wir wollen doch den Anfang der Vorlesung nicht verpassen.«
***
Ihr unbekannter Wohltäter schritt zügig aus. Bald hatten sie das Ende des Uniklinik-Geländes erreicht. Wo ging der Mann nur hin? Dann fiel es Katharina wieder ein: Die Rechtsmedizin lag ja außerhalb des Geländes an der Kennedyallee. Wo war heute Morgen nur ihr Kopf?
***
Universitätsklinikum Frankfurt
Goethe-Universität
Zentrum der Rechtsmedizin
verkündeten die weißen Schilder, die im Garten einer prunkvollen Villa standen.
»Ich muss mich jetzt entschuldigen.« Der Mann eilte zu einem Nebeneingang davon. Vermutlich ein Doktorand, dachte Katharina. Bestimmt war er mit einer Sozialpädagogik-Studentin namens Nadine zusammen: blond, mit ein paar selbst gefärbten roten Strähnen. Abends schmiedeten sie gemeinsam Pläne für die Rettung der Welt. Nach Afrika würden sie gehen, wenn sie mit dem Studium fertig waren, in ein Urwaldhospiz. Armen, unschuldigen Kindern helfen.
Katharina schüttelte den Kopf, um diese albernen Gedanken zu verdrängen. Sie war schließlich hier, um eine Aufgabe zu erledigen.
***
An anderen Tagen mochte die Gründerzeit-Architektur mit ihren schweren Holztäfelungen edel aussehen, aber im trüben Licht des Novembermorgens wirkte sie einfach nur bedrückend. Wohin musste sie denn jetzt?
»Geschäftszimmer« stand an einer Tür. Sie klopfte und vernahm so etwas wie ein »Herein!«.
Der Instituts-Zerberus thronte hinter einem großen Schreibtisch und hieb heftig auf eine Computertastatur ein.
»Guten Morgen, ich bin Katharina Klein vom KK 11. Ich soll hier jemanden identifizieren.«
»Da müssen Sie sich schon an den diensthabenden Rechtsmediziner wenden.«
»Ah ja. Wo finde ich den denn?«
Der Zerberus studierte einen eingeschweißten Stundenplan: »Doktor Amendt ist unten. Autopsie III. Hat aber gleich Kurs. Werden wohl warten müssen.«
Damit war das Gespräch offenbar beendet, denn der Zerberus wandte sich wieder dem Computerbildschirm zu.
»Unten?«
»Dienstbotentreppe. Den Gang lang. Dann ins Souterrain.«
Katharina bedankte sich. Der Zerberus antwortete mit einem Laut, der wie ein Zähnefletschen klang.
***
Beim nächsten Mal nehme ich rohes Fleisch mit, dachte Katharina, als sie wieder auf dem Gang stand.
Ausgerechnet Dr. Andreas Amendt musste an diesem Tag Dienst haben. Der Neue. Kaum sechs Wochen in der Rechtsmedizin Frankfurt, hatte er sich schon sämtliche Abteilungen der Kriminalpolizei zum Feind gemacht.
Katharina hatte in einem Rundschreiben seine Vita gelesen. Neurologe. Rechtsmediziner. Und mit gerade mal neununddreißig Jahren stellvertretender Chefarzt des Zentrums. Ein Karriere-Arzt, der mit Macht nach oben wollte - eindeutig.
Sie war gespannt, wie dieser Mann aussah: vermutlich früh ergraut, hager, verkniffen, die Augen hinter einer Brille mit Stahlrahmen verborgen.
Lustlos machte Katharina sich auf die Suche nach der Dienstbotentreppe.
***
»Die Leichenschau …«, fing jemand an zu reden, noch bevor er den Raum richtig betreten hatte, »… ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben für den Arzt. Was Sie finden oder nicht finden, ist für die Aufklärung eines Todesfalls von entscheidender Bedeutung.«
Autopsie III war gut besucht. Zwanzig Studenten schrieben eifrig in ihre Notizbücher, während der Sprecher hinter den mit einem Tuch abgedeckten Autopsietisch in der Mitte trat: Es war der junge Mann, der Katharina vorhin geholfen hatte.
»Mein Name ist Andreas Amendt«, stellte er sich vor. »Und die meisten von Ihnen werden bei meiner Prüfung durchfallen. In Freiburg nannte man mich auch das Exmatrikulations-Amt.«
Einige Studenten lachten unsicher. Dr. Amendt zog eine Fernbedienung aus der Tasche seines Kittels und schaltete damit zwei Monitore an. Auf blauem Hintergrund wiederholten Bullet Points seine Worte, während er weitersprach:
»Die Leichenschau stellt drei Fragen: Wodurch ist der Tod eingetreten? Wann ist der Tod eingetreten? Und, nicht zu vergessen: Ist der Tod überhaupt eingetreten?«
Dr. Amendt steckte die Fernbedienung zurück in seinen Kittel. Dann fuhr er fort: »Die erste Frage kann die äußere Leichenschau nur in sehr engen Grenzen beantworten. Aber sie kann uns wertvolle Hinweise geben. Für die Leichenschau wird eine Leiche grundsätzlich vollständig entkleidet.«
Mit diesen Worten zog er das Tuch vom Tisch und enthüllt den Körper einer jungen Frau. Sie war nackt und auch im Tode noch ausgesprochen schön: blond, schlank, wohlgeformte Brüste.
Mehrere Studenten stießen sich an. Einer pfiff leise. Dr. Amendt musterte ihn abfällig, der Student verstummte.
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