»Ich kann ein Taxi nehmen.«
»Quatsch.«
»Ich kann auch bleiben. Wir trinken ein Bier zusammen und schauen uns Autos im Internet an. Der neue Kombi von Volvo ist geil.«
»Ein andermal. Ich bin echt müde.«
»Oder wir fahren die Nacht durch. Ans Meer.«
»Ich dachte, du willst morgen mit Silya tanzen?«
»Bis dahin sind wir längst zurück. Oder ich rufe sie an und sage, ich stürze mich in die Wellen, weil ich ohne sie nicht leben kann.«
»Vielleicht kommst du doch besser mit rein. Wir trinken ein Bier zusammen und schauen uns Frauen im Internet an.«
»Dann hätte ich auch mit dem Engel gehen können.«
»Warum bist du nicht?«
»Alles, was ich dazu sagen kann, das könnte mir morgen schrecklich peinlich sein.«
»Ja, und ich werde dir jedes einzelne Wort mindestens dreimal vorhalten. Sag’s trotzdem. Ich würde es gerne verstehen.«
David stellte den Rückspiegel neu ein, dann beide Seitenspiegel. Als er den Aschenbecher inspizierte, boxte Bob ihm in die Seite.
»Los, Mozart, sag schon.«
Der Aschenbecher schnappte mit einem leisen Geräusch zu. David schaute Bob ins Gesicht.
»Also was?« drängte Bob. »Ist sie die Stradivari unter den Frauen? Ist sie die Melodie, die man nur einmal hört und nicht vergessen kann?«
David schüttelte unmerklich den Kopf. »Sie füllt mein Herz mit Wärme«, sagte er dann und ließ die Scheibe auf der Fahrerseite hoch und runterfahren.
Nur wenige Wochen zuvor hätte er dem blonden Engel nicht widerstehen können, das wusste David ebenso gut wie Bob, und es hätte ja auch gar keinen Grund dafür gegeben. Aber das war eine bedeutungslose Spekulation, denn diese Begegnung hatte den Gedanken, es mit Silya bloß nicht zu verpatzen, nur umso eindringlicher gemacht. Sie füllte sein Herz mit Wärme, und es war ihm ganz egal, dass das sogar in seinen eigenen Ohren wie die Zeile eines schlechten Popsongs klang.
Er gab ihre Adresse in das Navigationssystem ein und folgte der Stimme, die ihn zunächst aufforderte, bei der nächsten Möglichkeit zu wenden. Es war gut, nicht über den Weg nachdenken zu müssen und einfach den klaren Anweisungen zu folgen. Die unbeirrbare Ruhe der Stimme übertrug sich auf ihn selbst, sodass die Zweifel, die in ihm tobten, mit jedem gefahrenen Meter stetig kleiner wurden. Es war etwa vier Uhr, als er das einprogrammierte Ziel erreichte. Travoltas Beine zuckten im Schlaf, so als träumte er vielleicht davon, einem Kaninchen hinterher zu jagen. David parkte am Straßenrand, stieg aus und ging auf einen gigantischen Klotz aus Beton zu. Im Internet hatte er gelesen, dass das Le-Corbusier-Haus als Meilenstein der Architekturgeschichte galt, zumindest was die Nachkriegszeit Berlins betraf. Aus Neugierde zählte David die siebzehn Stockwerke. Er bemerkte, dass die Grünanlage sauber und gepflegt war und die sonst allgegenwärtigen Graffitis fehlten. Im Eingangsbereich hing eine riesige Tafel, auf denen die Bewohner verzeichnet waren, viele mit Doktortitel und einige Professoren. Es musste über fünfhundert Wohnungen in dem Gebäude geben und David brauchte eine ganze Weile, bis er Silyas Namen fand.
Es war natürlich viel zu früh, um bei ihr zu klingeln. Vielleicht war es besser, wenn er einfach unten vor der Tür wartete. Dann würde er ihr nicht über die Sprechanlage erklären müssen, was er wollte, außerdem konnte man bei diesen Dingern meistens sowieso kein Wort verstehen. Er sah sich nach einer Parkbank um, konnte aber keine entdecken. Wie lange würde er warten müssen, bis sie zu ihrer morgendlichen Joggingrunde startete? Zwei Stunden mindestens, überlegte er, aber wahrscheinlich weniger als drei, wenn sie um acht Uhr im Büro sein wollte. Ob es einen weiteren Ausgang gab? Bei der Größe des Gebäudes war das zumindest nicht ausgeschlossen und er wollte nicht das Risiko eingehen, dass er sich hier die Beine in den Bauch stand, während sie das Haus möglicherweise durch eine Tiefgarage verließ, von der er nicht mal wusste, ob es sie überhaupt gab. Unschlüssig darüber, was er tun sollte, starrte er auf Silyas Namensschild, als plötzlich die Tür von innen geöffnet wurde. Eine ältere Dame führte zwei angeleinte Siamkatzen zu einem Spaziergang aus.
»Wo wollen Sie denn hin?« fragte sie streng, als David schnell einen Fuß in den Türspalt stellte. »Ich habe Sie hier noch nie gesehen.«
»Ist ja auch ein großes Haus«, meinte David. Er setzte ein Lächeln auf, von dem er hoffe, dass es vertrauenswürdig aussah. Außerdem klimperte er mit seinem Schlüsselbund, den er aus der Hosentasche zog. »Und ich wohne erst seit kurzem hier.«
»Das ist Unsinn, junger Mann. Außer einem wirklich entzückenden Fräulein ist in den letzten drei Monaten niemand eingezogen.«
Der Blick, den sie auf David richtete, ließ ihn wissen, dass es von seiner Antwort abhing, ob sie ihn ins Haus lassen oder die Polizei rufen würde. Sie mochte bereits weit über achtzig Jahre alt sein, wie er schätzte, aber sie war augenscheinlich nicht auf den Kopf gefallen.
»Ich bin der Bruder des Fräuleins«, sagte er. »Sie heißt Silya Frey. Ich wohne nur vorübergehend bei ihr.«
»Den Namen haben Sie eben von der Klingel abgelesen, junger Mann.«
»Nein, habe ich nicht. Wie hätte ich wissen können, von wem Sie sprechen?«
»Sie sehen Ihrer Schwester so gar nicht ähnlich.«
»Ich weiß. Aber wir haben beide die gleichen blauen Augen.«
Silyas alte Nachbarin blinzelte David durch eine fingerdicke Brille an. »Das stimmt allerdings«, entschied sie. Um die zunehmend ungeduldig werdenden Katzen zur Räson zu bringen, ruckelte sie an der Leine. »Aber Sie sind viel kleiner. Und zu dick sind Sie ebenfalls.«
»Das ist offensichtlich so«, sagte David matt. Er hatte kaum mehr Hoffnung, an diesem weiblichen Zerberus vorbei zu kommen. Jedenfalls nicht ohne den Einsatz erheblicher Gewalt.
»Sie sollten regelmäßig Turnübungen absolvieren, junger Mann. In Ihrem Alter darf man sich nicht so gehen lassen.«
»Ja«, erwiderte David nur. Er war müde und fror in seinem dünnen T-Shirt, obwohl die Temperatur auch nachts kaum unter zwanzig Grad sank.
»So, nun haben Sie mich aber lange genug aufgehalten. Ich habe nicht ewig Zeit für diese Plauderei.« Sie wies ihn ungeduldig zur Tür. »Ja, nun gehen Sie schon. Worauf warten Sie?«
Eigentlich wollte er gar nicht in das Haus. Den Fuß in den Türspalt zu stellen, na ja, das war mehr aus einem spontanen Impuls heraus geschehen, weniger mit einer konkreten Absicht. Er konnte unmöglich mitten in der Nacht vor Silyas Wohnung auftauchen. Aber wenn er weiter zögerte, würde die Nachbarin schließlich doch die Polizei verständigen. Er spürte ihre Blicke in seinem Rücken, als er die Glastür hinter sich zufallen ließ und durch einen mit Steinfliesen ausgelegten Flur ging. Auf der rechten Seite gab es einen Fahrstuhl, dessen Türen offen standen. Er ging hinein und drückte einen Knopf, der ihn in die siebte Etage brachte.
Als er ausstieg, erstreckte sich vor ihm ein schmaler Flur, der mindestens hundert Meter lang war, vielleicht hundertfünfzig. Von den niedrigen Decken strahlte kaltes Neonlicht auf nacktes Linoleum. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, da er das Gefühl hatte, das Geräusch seiner Schritte würde sämtliche Bewohner der Etage wecken. Nirgends gab es ein Fenster. Die Wohnungstüren waren in exakt gleichen Abständen angeordnet. Er hatte keine Ahnung, welche architektonische Wirkung Le Corbusier damit erreichen wollte, aber für ihn sah das alles nach billigem Sozialen Wohnungsbau aus. In David kam die Frage auf, warum Silya hier wohnte, und er konnte sich darüber hinaus keinen einzigen Grund vorstellen, warum überhaupt irgendjemand freiwillig an einem Ort lebte, der ihm wie eine in Beton gegossene Disharmonie erschien.
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