1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 Ich glaubte sicher zu sein, dass Richard sich jetzt nach dem geplanten Dienstleistungszentrum und nach ihrer Rolle bei diesem Projekt erkundigen werde, und hielt mich deshalb schweigend zurück. Wieder folgte Richard nicht meinen Erwartungen, sondern schwieg beharrlich. Ich sah ihm an, dass er mit seinen Gedanken plötzlich abwesend war. Vielleicht malt er sich gerade aus, wie die Millionen sein eigenes Leben verändern würden, dachte ich und unterdrückte ein Schmunzeln. Die junge Frau wandte sich sofort mir zu, als ob sie auf diese Gelegenheit gewartet hätte. „Sie sind also Rechtsgelehrter. Ein Kämpfer an der Front des Rechts oder...?“
„Nein, nein, weder Kämpfer noch an der Front. Eher ein Etappenhengst, wenn man schon im Bild bleiben will.“
„Kein Kämpfer? – Auch nicht mit der Feder?“
„Na ja, das ist Ansichtssache. Ich habe meine Tätigkeit nie als Kampf betrachtet. Aber es gibt genug Kollegen, die das anders sehen. Wofür oder wogegen sollte ich Ihrer Meinung nach denn kämpfen?“
„Zum Beispiel dafür, dass normale Sterbliche sich in dem Paragrafendschungel bewegen können, ohne sich oder andere zu verletzen.“
„Also den Dschungel erforschen, kartieren und erklären? Oder meinen Sie, ihn möglichst ganz abholzen und roden?“
„Mir würde schon genügen, wenn dafür gesorgt würde, dass nicht immer die am schnellsten im Ziel ankommen, die die Schleichwege kennen oder rücksichtslos alles niedertrampeln.“
„Das klingt aus Ihrem Munde sehr originell und – wenn Sie gestatten – auf gute Weise pathetisch. Ist aber ein uraltes Programm in der Bonner Republik. Nie aufgeschrieben, aber zu Wahlzeiten mit schöner Regelmäßigkeit von Politikern aller Richtungen wie das Ei des Kolumbus präsentiert.“
„Ich bin halt eine Neubürgerin... Auf gute Weise pathetisch? Herr Professor, das ist erklärungsbedürftig. Meinen Sie, wir fingen ganz naiv von vorne an? Lesen können wir ja immerhin schon.“
„Tut mir leid, wenn das in Ihren Ohren onkelhaft oder gar herablassend geklungen hat. War wirklich nicht so gemeint.“
„Onkelhaft nicht, aber ziemlich abgebrüht. Alles ist schon gelaufen. Oder ist fehlgeschlagen. Oder war nicht ernst gemeint. Die große Desillusionierung.“
„Ich habe nie zu denen gehört, die sich von Illusionen nährten. Ich bin wirklich keiner von den enttäuschten Idealisten. Trotzdem fühle ich mich von Ihnen ertappt. Wenn mich etwas aufregen kann, dann ist es dieses niveaulose Getöne bestimmter Politiker. Ich weiß nicht, ob sie wirklich so dumm sind wie sie reden oder ob sie ganz bewusst die Bürger für dumm verkaufen wollen. Solche hat es zwar schon immer gegeben. Aber jetzt sind sie vorherrschend – ganz egal, ob in der Regierung oder in der Opposition. Zum Beispiel: dieselben Politiker, die seit Jahrzehnten tönen, welches Herzensanliegen es ihnen ist, das Recht – vor allem das Steuerrecht – für den einfachen Bürger verständlich und überschaubar zu machen, bemühen sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern, dass irgendeiner Gruppe ihre Privilegien genommen wird. Privilegien sind für die Betroffenen nie Privilegien, sondern wohlerworbene Rechtsansprüche mit Ewigkeitsgarantie. Was vorgestern richtig war, darf auch heute nicht in Frage gestellt werden. Und wenn ein Gesetz einer bei Wahlen relevanten Gruppe zu weh tut, dann muss eben für diese Gruppe eine Ausnahmeregelung geschaffen werden. Für die Dreistigkeit der Verbandsvertreter finde ich schon gar keine Worte mehr. Also wird der Dschungel immer dichter statt lichter. Und die Medien sind fast durch die Bank keinen Deut besser. Überall interessengeleitete Verdummung oder einfache, platte, gnadenlose Dummheit. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist. Da soll man nicht zynisch werden?! Und ich sehe leider keine Chance, dass sich das je wieder ändert. Es sei denn ...“
„Es sei denn was?“
„Es sei denn, Neubürgerinnen und Neubürger wie Sie schaffen es, dieses System der Verdummung mit ganz neuen Mitteln, vielleicht mit einer radikal-vernünftigen Denkweise und einer ganz neuen verblüffenden Sprechweise, so vorzuführen, dass sich jeder lächerlich macht, der sich noch systemimmanent verhält.“
„Seltsam, sie setzen auf mich und meinesgleichen, während ich dachte, dass Sie und Ihresgleichen am ehesten das System entscheidend beeinflussen könnten.“
„ Wir können bestenfalls den Politikern und den Bonner Ministerialen unsere Ideen so servieren, dass man sie nicht einfach beiseite legen kann, ohne sich selbst politisch zu schaden. Das geht aber nur mit Hilfe der Medien. Und wer von uns hat schon die Chance, dass seine tollen Ideen von den Massenmedien aufgenommen und zum Volk transportiert werden! Wir alle arbeiten doch weit überwiegend für die Schubladen.“
Bevor sie antworten konnte, fügte ich hinzu: „Sie haben in dieser Zeit mit Sicherheit mehr Einflussmöglichkeit als wir Rechtsgelehrten, Frau Hanselow. Sie können nach meiner Einschätzung mit Ihrer Power, Ihren Kenntnissen als Ökonomin und Ihren frischen Ideen, vor allem aber mit Ihrer Herkunft aus einem der neuen Bundesländer den Ministerialen in Bonn mehr Dampf machen als alle Rechtsgelehrten zusammen. Jemand wie Sie hat in Bonn auch sieben Jahre nach der Wende noch einen gewaltigen Kredit. Sie lassen sich noch nicht einordnen in den Raster, der sich in der Zeit von 1949 bis 1990 entwickelt hat, und nicht eintakten in den altvertrauten Rhythmus der Bonner Politbürokratie. Mit anderen Worten: Sie können die Bonner noch so verblüffen, dass sie ihre unselige Selbstsicherheit verlieren. Ruhig mit etwas List. Am besten schräg zum System, das erweckt Aufmerksamkeit. Die Massenmedien sind immer heiß auf eine spektakuläre Story. Attraktive Powerfrau aus dem Osten zeigt den verschlafenen Bonnern wo der Bartel den Most holt. Übrigens: Unabhängiger Ideenpool – auf Ihrem Praxisschild - das klingt interessant und ist schön vieldeutig. Da steckt eine Menge Potential drin. Daraus müssen Sie was machen. Innovativ, originell, frech bis schockierend. Ein bisschen zaubern. Ein schönes Medienspektakel. Wenn es richtig in Fahrt kommt, ist es kaum noch zu stoppen. Natürlich muss rechtzeitig Substanz rein. - Ach, wissen Sie, ich beneide Sie. Ihnen gehört die Zukunft.“ Etwas zu dick aufgetragen, sagte mein innerer Korrektor. Das ist jetzt schon okay, replizierte ich energisch.
Wenn sie sich geschmeichelt fühlte, dann hatte sie eine exzellente Technik, das nicht zu zeigen. „Das Bonner Territorium kenne ich gut. Ich war eine der ersten Studentinnen aus der Ex-DDR an der Uni Köln. Erst Nachqualifizierung, dann Promotion. Für meine Dissertation war ich einige Monate lang fast täglich in Bonn. Die Ministerialen haben mich behandelt wie einen Rohdiamanten. Jeder bemühte sich auf seine Weise, mich zu gestalten. Keiner war mies oder muffelig. Eine schöne Zeit.“
„Wann war das?“
„1994, noch keine drei Jahre her.“
„Konnten oder wollten Sie nicht dort bleiben?“
„Wollen damals schon, können beinahe ja, dann auf einmal doch nicht. Einstellstop von heute auf morgen und aus der Traum.“
„Und jetzt ein ganz anderer Traum in Rostock?“
„Klar – und ich bin heilfroh, dass es so gekommen ist.“
„Also auch aus Ihrer Sicht gute Aussichten für den Ideenmarkt?“
„Phantastische – wenn man es nicht von der materiellen Seite betrachtet.“
„Sondern real-idealistisch?“
Sie war sichtlich verblüfft und antwortete erstmals nicht sofort. Ich wartete ab, wie sie meinen Nonsens-Ball annehmen und zurückspielen würde. Als sie schließlich antwortete, merkte ich, dass sie Tempo aus unserem Spiel nehmen wollte. Die dunklen Kehllaute, die mir aus diesem vollen Mund von Anfang an auf angenehme Weise exotisch geklungen hatten, formten sich nicht mehr so schnell zu Wörtern und Sätzen wie bisher. Die Lautstärke hatte sie wie bei einer Nebenbeibemerkung gegenüber einem Nachbarn in einer größeren Gesprächsrunde deutlich gemindert. Ich warf reflexartig einen Blick auf Richard und sah, dass er immer noch weggetreten war. Oder er verbarg geschickt, dass er mir gönnerhaft das Feld überließ. „Real-idealistisch? - Das klingt echt gut – gebildet, tief, undeutlich, also interessant -, Herr Professor... verzeihen Sie, ich habe bei dem Beinahe-Überfall Ihren Namen nicht ordentlich gespeichert.“
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