Ihr Job war es in erster Linie, traumatisierten Pferden zu helfen. Sie war eine Pferdeflüsterin, zumindest nannten die Pferdebesitzer der Gegend sie so. Egal wie problematisch ein Pferd war, sie hatte noch keines im Stich gelassen, auch wenn sie sich mehrmals dadurch in Gefahr begeben hatte.
Zurzeit war es ruhig auf Eagleside. Im Augenblick gab es keine großen Problemfälle, dennoch gab es genug zu tun. Sie hatten ein paar Felder, die sie selbst bestellten. Mais, Karotten, Kartoffel, allgemeines Gemüse, wie Salat, Kohl oder Kohlrüben, dass man selbst gut gebrauchen konnte, und die Wiesen, die sie für das Heu der Pferde brauchten. Dadurch gab es Arbeit in Hülle und Fülle, aber mit Hilfe der beiden Cowboys und Farmhelfer Ben Clay und Nick Wilder, gelang es ihr meistens, mit allem fertig zu werden.
Im Zimmer war es kühl, fast schon kalt, fand Irene.
Ob es an der inneren Kälte lag, die sie seit jenem schrecklichen Erlebnis im Herbst begleitete? Sorgfältig zog sie ihre Strickjacke enger um den Körper. Vermutlich hatte sie deswegen von der Wüste geträumt, um dieser Kälte zu entgehen.
Mr. Lambeck, ihr Big Boss von der Cedars Tribune hatte ihr in den Mails garantiert alle Infos geschickt, doch sie fühlte sich noch nicht bereit, ihren Bericht abzugeben, zumindest redete sie sich das ein.
Eigentlich wollte sie gar nicht nach Cedars. Die große Stadt erschien ihr nach dem schrecklichen Erlebnis im Herbst, fremd und unendlich weit weg. In Wahrheit hatte sie nur Angst davor, sich gehen zu lassen und ein wenig Abstand von der Einsamkeit der Ranch zu bekommen.
Eine Menge Gedanken störten ihre Konzentration, dabei hatte sie bereits alle wichtigen Fakten für den bevorstehenden Vortragstag beisammen. Es gab bereits eine komplette Liste der einflussreichsten Rancher aus dem Mistydew County. Außerdem hatte sie sich ein paar Randnotizen gemacht, die sie im Bericht mit einfließen lassen konnte.
Irene war geübt darin, alte Infos mit neuen Geschehnissen zu einem nigelnagelneuen Artikel zusammenzufassen, sollte es notwendig sein. Außerdem verfügte sie über persönliche und berufliche Informationen zu allen bekannten Ranchern des Mistydew County. Bei einigen war sie beliebt, bei anderen verhasst, doch niemand zweifelte ihre Integrität an. Das machte sie bei ihrem Boss Mr. Lambeck unersetzbar, doch sie war nicht besonders erfreut über diese Tage, an denen sie sich in Schale werfen, und schon am Vormittag Smalltalk führen musste. Scheinheiligkeiten, langweiliges Blabla, dumme, manchmal auch geschmacklose Scherze, scheinbare Nettigkeiten, die bei genauerem Betrachten eher das Gegenteil waren. Ja, Irene wusste, wie es lief, sie wusste, wie es funktionierte, aber sie konnte es nicht ausstehen und im Augenblick waren ihre Gedanken nicht so kontrolliert, wie üblich. Sie würde in der Stadt höllisch achtgeben müssen, um nicht in diverse Gesprächsfallen zu stolpern. Ihr einziger Lichtblick war Peter Lewis, der Vortragende. Er war unter Paint-Züchtern sehr bekannt und geschätzt. Irene hatte schon zwei seiner Seminare besucht.
Ohne den Bericht erneut in die Hände zu nehmen, schlenderte sie zum Fenster und starrte hinaus.
Der Platz vor der Hausweide lag verlassen da. Der Regen hatte inzwischen die Erde aufgeweicht und das im Frühling neu gewachsene Gras flach auf den Boden gedrückt. Sie konnte vor ihrem geistigen Auge nach wie vor den alten, rotangestrichenen Trailer von Julian sehen. Julian, der hier ein neues Zuhause gefunden hatte und trotzdem wieder gegangen war.
Nach dem Schrecken war alles noch verworren. Zuviel Grausames war passiert und hatte tiefe Wunden bei allen hinterlassen.
Eine indianische Legende hatte Menschen entführt, und sie in einer Mine als Nahrung gehortet. Irene war in die Fänge dieses Wesens geraten, doch Askuwheteau, ein bekannter Indianer aus dem Indianerrat des County hatte sich geopfert, um sie zu retten. Sowohl er wie auch Julian waren durch das Böse mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert worden.
Die Polizei, die Ranger, alle waren auf den Plan getreten, um die Sache zu klären. Danach hatte Irene für die Cedars Tribune einen Bericht über einen Killergrizzly verfasst, der dank eines bekannten, mutigen Indianers aus Stormy Mills zur Strecke gebracht wurde. Es war der schwerste Bericht ihres Lebens gewesen, doch besser sie machte es, als irgendjemand anders, der keine Ahnung davon hatte.
Ein paar Tage füllte das Thema sämtliche örtliche Zeitungen, bis erneut der Alltag ins Land einkehrte.
Als Matt aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war und der Trubel sich legte, hatte Julian sich verabschiedet, um, wie er meinte, einiges mit seinem alten Freund Will zu klären, der in Wyoming eine Detektei betrieb.
Ob ihm das inzwischen gelungen war? Hatte er alles verarbeitet? Konnte er ruhig schlafen, ohne von Albträumen geplagt zu werden, so wie sie?
»Wohl eher nicht«, sprach Irene zu sich selbst. Er war auch nur ein Mensch und sie hatte gespürt, wie tief das Erlebte an ihm nagte. Verständlich, wenn man bedachte, dass er seine Mutter und seine Schwester an einem Monster verloren hatte.
Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals und Tränen stiegen ihr in die Augen. Ihr Abschied war nicht gut verlaufen. Zu verworren, zu viele nicht geklärte Einzelheiten und jetzt war es zu spät. Sie blinzelte die Tränen weg. Eigentlich wollte sie nicht ständig an ihn denken, doch er fehlte ihr.
Als der Sommer mit all seiner bunten Vielfältigkeit den Winter ausradiert, und ein Paradies im Mistydew County gezaubert hatte, schien die Welt wieder in Ordnung.
Zumindest für die Meisten aus der Gegend. Aber Julian war fort und Askuwheteau würde niemals wiederkommen.
Das letzte Jahr hatte ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt und es schien noch lange nicht vorüber. Ständig hatte sie das Gefühl, dass das Böse, in welcher Gestalt auch immer, zurückkehren würde.
Askuwheteaus Haus stand leer und verlassen da. Die Parkranger hatten es zwar als ein weiteres Schutzhaus in den Bergen in ihre Obsorge genommen, doch sie brachten es nicht übers Herz, etwas daran zu verändern.
Gleich einem inneren Zwang zog es Irene immer wieder dort hin. Der Platz hatte etwas Tröstliches, so als ob der Indianer noch immer vor Ort war, auch wenn sie ihn nicht sehen konnte. Natürlich war es Schwachsinn, so zu denken, aber sie wollte sich nicht von diesem Gefühl distanzieren.
Unwillig wischte sie sich eine Träne aus den Augenwinkeln.
Ein dezentes Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.
»Ist offen.«
Sie wusste, dass es Matt war. Er schien ein Gespür für ihre Stimmungen zu haben, und tauchte immer in den richtigen, oder wenn man es so wollte, falschen Augenblicken auf.
Ein dunkler Haarschopf erschien in der Tür, besorgte Augen musterten sie.
»Ich dachte mir, du könntest einen Kaffee gebrauchen.«
Sie nickte gedankenverloren, während er eine große Tasse auf ihrem Schreibtisch abstellte.
Flüchtig registrierte sie, dass es ihre geliebte Betty Boop-Tasse war. Eine von vielen Comictassen, für die sie ein Faible hatte.
Irene bedankte sich, während sie versuchte, ihre Traurigkeit vor ihm zu verbergen.
Nach Julians Flucht war eine harte Zeit für die Eagleside Ranch angebrochen.
Matt war lange außer Gefecht gesetzt gewesen und eine Zeitlang bestand der Verdacht, dass er nie wieder aufs Pferd steigen konnte. Gottlob hatte sich das als falsch rausgestellt, obwohl noch lange nicht alles überstanden war.
Bedingt durch die Verletzungen, die das Monster Matt zugefügt hatte, litt er noch zeitweise an Rückenschmerzen und zog sein rechtes Bein nach, auch wenn er bereits ohne Krücken ging.
In Seattle gab es eine gute Klinik mit einem hervorragenden Reha–Plan, doch Matt wollte Irene nicht auf der Ranch allein lassen. Deshalb kam Doc Whitewater jede Woche einmal hoch, um ihn zu untersuchen und ihn mit den Heilsalben aus seiner Indianerapotheke zu versorgen. Außerdem hatte er ihm ein eigenes Reha–Programm erstellt, dass der Cowboy konsequent nutzte. Nebenbei fuhr Matt zweimal in der Woche nach Shannon zu einem Physiotherapeuten.
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