Müde zog er sich in die Schatten der hohen Häuser zurück.
Ein paar Menschen eilten vorbei, eine Frau, einsam und tief in Gedanken versunken, bog versonnen in ein kleines Gässchen ein.
Ihr Haar wie gesponnenes Gold. Er erzitterte bei ihrem Anblick. Sog ihren Duft tief in sich ein.
Ihr Duft, so zart, Maiglöckchen gleich, mit dem Bouquet einer Zitrusfrucht. Ja, sie roch richtig ... Sein Herz schmerzte. Erinnerungen an die Andere gerieten erneut an die Oberfläche.
Er schwelgte in den Duft der Fremden, ertastete sorgfältig ihr Wesen. Er konnte einen Blick in ihre Gedanken werfen, spürte ihre Wünsche. Sie war eine von denen, die nach Erfüllung unerwiderter Träume lechzten, ohne sie erzwingen zu wollen. Ahnungslos eilte sie dahin, auf dem Weg zu einem Termin, einem Treffen, oder etwas anderes, dass ihre Zeit stahl.
Ungesehen von dem Rest der Welt folgte er ihr, denn sie brauchte ihn, brauchte Träume.
Die mickrige Menschheit wusste es nicht, nahm das Leben zu wichtig, doch Leben war nicht mehr als ein Staubkorn im Universum. Träume jedoch könnten sich anfühlen, als ob sie niemals endeten.
Langsam schlich er ihr in der Dunkelheit nach.
Er konnte ihr helfen, denn er konnte Träume schenken. Und sie würde ihm helfen, am Leben zu bleiben, wie die anderen.
Casper – Wyoming
Der Privatdetektiv Will Sawyer bremste vor einem schönen, alten Haus.
»Das ist die Adresse, Jul.«
Julian Weston betrachtete das Gebäude missmutig. Es war zwar alt, doch sah auch ausgesprochen teuer aus.
»Stinkt förmlich nach Geld«, murmelte er. Will nickte.
»Oh ja, der Superstar hat es vor einem Jahr gekauft. Hoffen wir, dass unsere Verschwundene wirklich hier ist.« Wills grimmigem Tonfall war zu entnehmen, dass ihm der Besitzer des Hauses aufs Äußerste missfiel.
Seit einer Woche durchkämmten sie Wyoming nach der sechzehnjährigen Lorrie Fellner, die von zuhause ausgerissen war, um ihrer Lieblingsband ‚Hell Of Panic‘ zu folgen. Die Eltern des Mädchens, angesehene Bürger aus Casper, hatten Will Sawyer beauftragt, sie zu suchen, nachdem sie einen Brief gefunden hatten, indem ihre Tochter ihnen mitteilte, dass der Leadsänger Collin, sie geschwängert hatte.
Dennoch war es nur der Aufmerksamkeit einer Kellnerin zu verdanken, dass sie Lorrie endlich aufspüren konnten. Sie hatte dem Mädchen am Vortag ein Taxi gerufen und der Taxifahrer, ein netter Inder, erinnerte sich an die Adresse, die das Mädchen angegeben hatte.
Und nun waren sie in Newcastle vor dem Haus, in dem der Rocksänger sich aufhielt, wenn er nicht gerade auf Tour war.
»Wieso sucht sich so einer nicht einfach eines von diesen dürren Models?«
Julian war sauer. Die Eltern schienen nicht genügend Zeit für ihre Tochter zu haben und der Leadsänger war entfleucht, nachdem er Lorrie verführt und geschwängert hatte. Das verzweifelte Mädchen hatte scheinbar keinen anderen Ausweg gesehen, als abzuhauen, um diesem arroganten Mistkerl zu folgen.
»Und wieso zum Teufel redet von diesen Herrschaften keiner miteinander?«, knurrte Julian.
Will zog eine Augenbraue hoch.
»Hm, tja, das frag ich mich schon seit vergangenem Herbst«, brummelte er.
Julian tat, als hätte er nicht verstanden, worauf Will anspielte. Er wusste genau, dass es um seinen überstürzten Aufbruch im Vorjahr ging, als er sein neues Zuhause, die Eagleside Ranch im Mistydew County verlassen hatte, um, wie er sagte, mit Will über den Tod seiner Eltern und Schwester zu sprechen. Er war seitdem nicht wieder zu seinen Freunden Irene und Matt zurückgekehrt, obwohl er oft daran dachte. Doch noch konnte er sich nicht dazu überwinden. Er hatte Will verschwiegen, dass er und Irene sich näher gekommen waren, als beabsichtigt. Nun wusste er nicht, was er tun sollte. Um diesem Gespräch erneut auszuweichen, zeigte er auf das Haus.
»Schau mal da!«
Die Veranda war, bis auf eine Hollywoodschaukel leer und die Haustür stand einen Spalt offen, dennoch stand damit noch nicht fest, ob sich jemand im Haus befand.
»Da oben brennt Licht«, raunte Julian, während er auf ein offenes Fenster im Obergeschoss zeigte. Nun erkannte auch Will das diffuse Schimmern einer Lampe.
»Gut, lass uns nachsehen, ob sie hier ist«, der ältere Mann stieß die Autotür auf und stieg aus. Julian tat es ihm gleich und betrat noch vor Will die Veranda. Trotz der offenen Eingangstür klopfte er. Der Druck seiner Hand ließ die Tür noch ein bisschen aufgleiten.
»Hallo! Jemand zuhause?« Julian trat vorsichtig über die Schwelle.
Keine Antwort. Er rief nochmal, diesmal etwas lauter. Erneut meldete sich niemand.
»Hm, das gefällt mir nicht.« Er sah sich in der schattigen Diele um. Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn.
Will, der ihm gefolgt war, nickte unbehaglich.
»Komisch ist es schon.« Er lauschte in den Raum. Das Haus schien ausgestorben.
»Hallo?« Keine Geräusche drangen aus dem Inneren zu ihnen. Sie hörten nur die Vögel im Garten und entfernte Verkehrsgeräusche vom Highway.
Kein Radio, kein Fernsehen oder Klappern von Geschirr. Nichts wies auf die Anwesenheit einer anderen Person hin.
Will kratzte sich den Kopf.
»Irgendwie unheimlich. Ich meine, vielleicht ist der Arsch nicht da, aber sie muss irgendwo hier sein.« Stirnrunzelnd musterte er die Treppe, die in das obere Stockwerk führte. Seit ein paar Tagen litt Will an seinen altbekannten Rückenschmerzen. Stufensteigen fand er deswegen nicht besonders verlockend.
»Okay, ich seh mich hier unten um und du gehst nach oben«, entschied er grimmig.
Julian verkniff sich eine seiner üblichen Bemerkungen über Wills Alter und nickte stattdessen.
»Gut, ruf einfach, wenn du etwas entdeckst.« Nach einem prüfenden Blick zum Obergeschoss stieg er rasch die Treppe hinauf.
Oben begrüßte ihn erstmal diffuses Grau.
Aus einer halboffenen Tür am Ende des Ganges fiel ein zarter Lichtschimmer hinaus auf den Holzboden.
Nun vernahm Julian einen schwach surrenden Ton, wie ein leises Brausen, doch er konnte nicht erkennen, woher es kam oder was es war. Mehrere Türen führten hinaus auf die Galerie, wo er sich befand, doch die Zimmer dahinter interessierten ihn nicht. Schritt für Schritt näherte er sich dem Zimmer, woraus das Licht sickerte. Das könnte durchaus ihre Unterkunft sein. Falls nicht, hielt sich jemand anderer hier oben auf, der ihnen womöglich auch Auskunft geben könnte. Genaueres wusste Julian nicht, aber immerhin bot das Haus genügend Räume für Gäste.
»HALLO? LORRIE?« Da er wieder keine Antwort erhielt, betrat er einfach den Raum und sah sich darin um.
Das Fenster stand sperrangelweitoffen und die abgekühlte Abendluft des frühsommerlichen Tages drang ungestört ins Zimmer. Es roch nach frisch gemähtem Rasen und feuchter Erde. Ein warmer Tag lag hinter ihnen, doch der Hochsommer ließ noch auf sich warten. Neben dem Bett stand eine bunte Reisetasche, aus der Kleidungsstücke quollen. Die Decke auf dem Bett war unachtsam zurückgeschlagen und das Kissen lag schief. Das helle Leintuch war zerknittert, als ob jemand gerade erst darin gelegen hatte.
Er entdeckte eine Musikzeitschrift und ein aufgeschlagenes Modemagazin. Eine brünette Frau in einem luftigen Sommerkleid lächelte ihn fröhlich aus dem Bild entgegen.
Er ging langsam durch den Raum und horchte. Noch immer konnte er das Brausen wahrnehmen. Es schien lauter zu werden, oder war das nur Einbildung? Nein, es klang wie – er ging zurück zur Tür und spähte auf die Galerie. Dann erkannte er endlich, woher das Geräusch kam!
Ein kleines Rinnsal Wasser sickerte unter einer geschlossenen Tür hervor und hinterließ einen glänzenden Teich auf dem Parkettboden.
Und jetzt hörte er auch das Geräusch. Es war fließendes Wasser! Rauschend wie ein Wasserfall zerstörte es die Stille von zuvor und Julian sprintete los.
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