»Ja, denn er flucht wirklich«, sagte die wollköpfige Mandy. »Ich hab's gestern beim Essen gehört. Ich hörte dabei die ganze Geschichte, weil ich in der Kammer war, wo Missis die großen Töpfe aufbewahrt, und habe jedes Wort gehört.« Und Mandy, die niemals in ihrem Leben an die Bedeutung eines gehörten Wortes dachte, sowenig, wie eine schwarze Katze, nahm jetzt eine Miene überlegener Weisheit an und stolzierte herein und vergaß dabei ganz, zu sagen, daß sie zwar zu der angegebenen Zeit wirklich unter den Töpfen gehockt, aber keine Minute ein Auge aufgetan hatte.
Als endlich Haley gestiefelt und gespornt kam, wurde ihm die schlechte Nachricht von allen Seiten zugeschrien. Die jungen Kobolde auf der Veranda sahen sich in ihrer Hoffnung nicht getäuscht, ihn fluchen zu hören; denn er fluchte mit einer Geläufigkeit und einem Feuer, welches sie alle erstaunlich ergötzte, wie sie sich duckten und hin und her rutschten, um nicht in den Bereich seiner Reitpeitsche zu kommen, und endlich mit einem frohlockenden Geheul und alle zusammen unmenschlich kichernd sich auf dem verdorrten Rasen unter der Veranda wälzten, wo sie die Beine in die Höhe warfen und nach Herzenslust brüllten.
»Wenn ich die kleinen Teufel hätte!« brummte Haley zwischen den Zähnen.
»Aber Ihr habt sie noch nicht«, sagte Andy mit einer triumphierenden Gebärde und zog hinter dem Rücken des unglücklichen Handelsmannes, als derselbe außer Hörweite war, eine ganze Reihe unbeschreiblicher Gesichter.
»Das muß ich sagen, Shelby, das ist ja eine ganz merkwürdige Geschichte!« sagte Haley, wie er ohne weitere Begrüßung in das Zimmer trat. »Ich höre, das Mädchen ist fort mit ihrem Kleinen.«
»Mr. Haley, Mrs. Shelby ist anwesend«, sagte Mr. Shelby.
»Ich bitte um Verzeihung, Madam«, sagte Haley und verbeugte sich, immer noch mit finsterer Stirn, flüchtig, »aber dennoch sage ich, wie ich schon vorhin sagte, daß das eine merkwürdige Geschichte ist. Ist's wahr, Sir?«
»Sir«, sagte Mr. Shelby, »wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen, so müssen Sie einigermaßen den Anstand eines Gentlemans beobachten. Andy, nimm Mr. Haleys Hut und Reitpeitsche. Nehmen Sie Platz, Sir. Ja, Sir, ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, daß das junge Weib, das uns entweder belauscht oder auf andere Weise etwas von dieser Sache gehört hat, in seiner Aufregung während der Nacht das Kind genommen hat und fortgelaufen ist.«
»Ich gestehe, ich erwartete in dieser Sache ehrlich behandelt zu werden«, sagte Haley.
»Wie soll ich diese Bemerkung verstehen, Sir?« sagte Mr. Shelby mit Schärfe. »Wenn jemand meine Ehre in Frage zieht, so habe ich bloß eine Antwort darauf.«
Der Handelsmann wurde darauf eingeschüchtert und sagte etwas weniger laut: »Es ist verdammt hart für einen Kerl, auf diese Weise geleimt zu werden.«
»Mr. Haley«, sagte Mr. Shelby, »wenn ich nicht glaubte, daß Sie einigen Grund zu übler Laune hätten, so hätte ich die grobe und ungenierte Art Ihres Eintritts in mein Zimmer heute morgen nicht geduldet. Ich sage jedoch soviel, daß ich mir keine Andeutung gefallen lassen werde, als ob ich bei irgendeinem unehrlichen Vorgehen in dieser Sache Mitschuldiger wäre. Außerdem werde ich mich verpflichtet fühlen, Ihnen mit Pferden, Dienern usw. jeden Beistand zur Erlangung Ihres Eigentums zu leisten. Ich meine also, Haley«, sagte er und vertauschte plötzlich den Ton würdevoller Kälte mit seiner gewöhnlichen gemütlichen Offenheit, »das beste für Sie ist, Sie bleiben bei guter Laune und frühstücken mit mir, und wir wollen dann sehen, was zu tun ist.«
Mrs. Shelby stand jetzt auf, entschuldigte sich mit Geschäften, die sie verhinderten, für heute bei dem Frühstück anwesend zu sein, und stellte eine sehr achtbare Mulattin an den Seitentisch, um die Herren mit Kaffee zu bedienen; dann verließ sie das Zimmer.
»Der Alten scheint Ihr ergebener Diener nicht besonders zu gefallen«, sagte Haley mit einem ungeschickten Versuch, vertraulich zu tun.
»Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in solchen Ausdrücken sprechen zu hören«, sagte Mr. Shelby trocken.
»Bitte um Verzeihung, natürlich war es nur ein Scherz«, sagte Haley mit einem gezwungenen Lachen.
»Manche Scherze sind weniger angenehm als andere«, entgegnete Shelby.
»Teufelmäßig grob, seitdem ich die Papiere unterzeichnet habe!« brummte Haley in sich hinein. »Ganz großartig seit gestern.«
Niemals machte der Sturz eines Premierministers an einem Hof größeres Aufsehen und brachte mehr Aufregung hervor, als die Nachricht von dem Tom bevorstehenden Schicksal unter seinen Kameraden auf der Besitzung. Sie war überall, in jedermanns Mund, und im Hause und auf dem Felde wurde nichts gearbeitet, sondern alles stand da zusammen und sprach von ihren wahrscheinlichen Folgen. Elisas Flucht – ein beispielloses Ereignis auf dem Gut – half ebenfalls mit die allgemeine Aufregung vermehren. Der schwarze Sam, wie er gewöhnlich hieß, weil er ungefähr drei Schattierungen schwärzer war als jedes andere Stück lebendige Ebenholz auf dem Gute, überlegte sich die Sache gründlich in allen ihren Seiten und Beziehungen, und zwar mit einem weitschauenden Blick und einer starken Rücksicht auf sein eigenes persönliches Wohlbefinden, die jedem weißen Patrioten in Washington Ehre gemacht hätte.
»Das ist ein böser Wind, der niemand was Gutes zuwendet, das ist ein Faktum«, sagte Sam und zupfte seine Beinkleider in die Höhe und steckte geschickt einen großen Nagel an die Stelle eines fehlenden Hosenträgerknopfs, über welche Heldentat seines mechanischen Genies er hocherfreut zu sein schien.
»Ja, das muß ein böser Wind sein, der niemandem etwas Gutes zuweht«, wiederholte er. »Tom ist nun runter – natürlich ist nun Platz da, daß ein anderer Nigger rauf kann – und warum nicht Sam, dieser Nigger? – Das ist die Frage. Tom konnte im Lande herumreiten – mit gewichsten Stiefeln – den Paß in der Tasche – großartig wie ein Baron – warum er allein? Warum sollte es Sam nicht auch tun können? – Das möchte ich wissen.«
»Hallo Sam – o Sam! Master sagt, du sollst Bill und Jerry haschen«, sagte Andy, der jetzt Sams Selbstgespräch unterbrach.
»Heda! Was gibt's denn, Junge?«
»Nun, weißt du nicht, daß Lizzy mit ihrem Kleinen fort ist?«
»Will das Ei klüger sein!« sagte Sam mit unendlicher Verachtung. »Habe es schrecklich lange vor dir gewußt; der Nigger ist nicht so dumm, sage ich dir!«
»Na, jedenfalls sagte der Herr, du sollst Bill und Jerry gleich satteln; und du und ich sollen Master Haley begleiten, um sie zu suchen.«
»So, so! Das hat's also geschlagen!« sagte Sam. »Der Sam wird also in solchen Zeiten geholt. Er ist der Nigger. Wart, ob ich sie nun nicht hasche; Master soll sehen, was der Sam kann.«
»Aber, Sam«, sagte Andy, »überlege dir die Sache lieber noch einmal; denn Missis will nicht, daß sie gehascht werden soll, und sie wird dir in die Wolle fahren.«
»Eh!« sagte Sam und riß die Augen weit auf. »Woher weißt du das?«
»Habe es von ihr selber gehört, heute morgen, als ich Master das Rasierwasser hineinbrachte. Sie schickte mich in Lizzys Tür, um zu sehen, warum sie nicht zum Anziehen komme; und als ich ihr sagte, sie sei fort, stand sie auf und sagte: ›Gott sei gepriesen!‹ Und Master wurde ganz bös' darüber und sagte: ›Weib, spricht nicht so töricht!‹ Aber Gott! sie wird ihn schon rumkriegen, ich weiß recht gut, wie das kommen wird – es ist immer am besten, sich auf Missis' Seite vom Zaune zu stellen, das sage ich dir.«
Darauf kratzte der schwarze Sam seinen wolligen Schädel, der zwar keine tiefe Weisheit enthielt, aber doch einen guten Teil von der besonderen Sorte, die unter Politikern aller Tendenzen und Länder sehr stark verlangt wird und gewöhnlich die Wissenschaft, auf welcher Seite das Brot gebuttert ist, heißt. So schwieg er denn ernster Überlegung voll und zupfte seine Beinkleider in die Höhe, was ein regelmäßig eingeführter Kunstgriff war, seinem Geiste, wenn er in Nöten war, auf die Sprünge zu helfen.
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