1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 »Aber Frau, du wirst ja wahrhaftig eine echte Abolitionistin!«
»Eine Abolitionistin! Wenn die Abolitionisten alles wüßten, was ich von der Sklaverei weiß, so könnten sie reden! Sie brauchen es uns nicht erst zu sagen. Du weißt, ich habe die Sklaverei nie für recht gehalten – und mich nie gern dazu verstanden, Sklaven zu besitzen.«
»Nun, darin unterscheidest du dich von vielen einsichtsvollen und frommen Personen«, sagte Mr. Shelby. »Du erinnerst dich noch an Mr. B.'s Predigt neulichen Sonntag?«
»Ich mag keine solche Predigt hören; ich mag Mr. B. in unserer Kirche nie wieder hören. Geistliche können vielleicht dem Übel nicht abhelfen – können es ebensowenig heilen als wir – aber es verteidigen! – Ich habe es nie begreifen können. Und ich dachte, du hättest auch nicht viel von dieser Predigt gehalten.«
»Nun ja, ich gestehe, daß diese Geistlichen die Sache manchmal weiter treiben, als wir armen Sünder es wagen würden. Wir Geschäftsleute müssen über mancherlei ziemlich stark die Augen zudrücken und uns an manches gewöhnen, was eigentlich nicht ganz recht ist. Aber es gefällt uns doch nicht ganz, wenn Weiber und Geistliche den Mund vollnehmen und in Sachen der Zucht oder Sittlichkeit über uns hinausgehen; das ist ein Faktum. Aber jetzt, liebe Frau, hoffe ich, siehst du die Notwendigkeit der Sache ein und siehst, daß ich noch das Beste getan, was die Umstände erlaubten.«
»O ja, ja!« sagte Mrs. Shelby und befühlte unruhig und gedankenvoll ihre goldene Uhr. »Ich habe keine Juwelen, die der Rede wert wären.« Dann setzte sie hinzu: »Aber wäre nicht mit dieser Uhr etwas zu machen? – Sie kostete viel Geld, als sie gekauft wurde. Wenn ich wenigstens Elisas Kind retten könnte, so würde ich alles opfern, was ich habe.«
»Es tut mir leid, sehr leid, Emilie«, sagte Mr. Shelby, »es tut mir sehr leid, daß es dir so zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist vorbei und abgemacht, Emilie: Der Verkaufskontrakt ist schon unterschrieben und in Haleys Händen – und du mußt Gott danken, daß es nicht noch schlimmer ist. Dieser Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle zugrunde zu richten, und jetzt sind wir ihn glücklich los. Wenn du den Mann kenntest wie ich, so würdest du meinen, wir wären noch recht gut davongekommen.«
»Ist er denn so hartherzig?«
»Nun, er ist gerade nicht ein grausamer Mann; aber ein Mann von Leder – ein Mann, der für nichts lebt, als für Handel und Gewinn –, gefühl- und rücksichtslos, unbarmherzig, wie der Tod und das Grab. Er würde seine eigene Mutter gegen eine gute Provision verkaufen, ohne daß er der Alten grade weh zu tun meinte.«
»Und dieser Elende soll unsern guten, getreuen Tom und Elisas Kind besitzen?«
»Ich muß dir wohl gestehen, liebe Frau, daß die Sache mir sehr hart angeht – ich kann gar nicht daran denken. Haley wünscht die Sache rasch abzumachen und morgen in Besitz zu kommen. Ich lasse mir ganz früh mein Pferd satteln und reite fort. Ich kann Tom nicht sehen, das ist ein Faktum, und du tätest besser, eine Spazierfahrt zu arrangieren und Elisa mitzunehmen. Sie können dann das Kind fortnehmen, wenn sie nicht da ist.«
»Nein, nein«, sagte Mrs. Shelby, »ich mag in keiner Weise Mitschuldige oder Gehilfin bei diesem schrecklichen Geschäft sein. Ich werde den armen alten Tom besuchen – Gott helfe ihm in seinem Unglück! Sie sollen wenigstens sehen, daß ihre Herrin für sie und mit ihnen fühlen kann. Was Elisa betrifft, so wage ich gar nicht, daran zu denken. Der Herr vergebe uns! Was haben wir getan, daß uns diese grausame Notwendigkeit trifft?«
Zeugin dieses Gesprächs war eine Person, welche Mr. und Mrs. Shelby nicht im mindesten in Verdacht hatten.
Neben ihrem Zimmer befand sich eine große Kammer, die mit einer Tür auf den äußeren Korridor hinausging. Als Mrs. Shelby Elisa für diese Nacht entließ, hatte fieberhafte Aufregung der letzteren den Gedanken an diese Kammer eingegeben, und sie hatte sich dort versteckt und mit ihrem dicht an eine Spalte in der Tür gepreßten Ohr kein Wort des Gespräches verloren.
Als die Stimmen schwiegen, stand sie auf und schlich sich leise fort. Bleich, von Fieber fröstelnd, mit krampfhaft verzogenem Gesicht und zusammengepreßten Lippen sah sie wie ein ganz anderes Wesen aus, als wie das sanfte und schüchterne Geschöpf, das sie bis dahin gewesen. Vorsichtig bewegte sie sich über den Gang, blieb einen Augenblick vor der Tür ihrer Herrin stehen und erhob die Hände in stummem Flehen zum Himmel und ging dann weiter und schlüpfte in ihr eigenes Zimmer. Es war ein stilles sauberes Stübchen auf demselben Flur wie das Zimmer ihrer Herrin. Dort war das hübsche sonnige Fenster, wo sie so oft sinnend bei ihrer Näharbeit gesessen hatte; dort ein kleines Bücherbrett und daneben ein paar Tändeleien, alles Weihnachtsgeschenke; dort war ihre einfache Garderobe im Wandschrank und in Kästen; hier war mit einem Wort ihre Heimat, und sie hatte im ganzen sehr glücklich hier gelebt. Aber dort auf dem Bett lag ihr schlummernder Knabe, die langen Locken nachlässig um das noch nichts ahnende Gesicht wallend, den rosigen Mund halb geöffnet, die runden Händchen oben auf der Bettdecke liegend, und ein Lächeln, wie ein Sonnenstrahl über das ganze Gesicht gebreitet.
»Armer Knabe! Armes Kind!« sagte Elisa. »Sie haben dich verkauft! Aber deine Mutter wird dich noch retten!«
Keine Träne fiel auf dieses Kissen. In solchen Drangsalen hat das Herz keine Tränen übrig; es entfließt ihm nur Blut, und es verblutet sich schweigend. Sie nahm ein Stück Papier und einen Bleistift und schrieb hastig.
»Ach Missis! Gute Missis! Halten Sie mich nicht für undankbar – denken Sie wenigstens nicht schlecht von mir. – Ich habe alles gehört, was Sie und der Herr heute abend miteinander sprachen. Ich will versuchen, meinen Knaben zu retten – Sie werden mich nicht tadeln! Gott segne Sie und belohne Sie für alle Ihre Güte.«
Nachdem sie dies hastig zusammengebrochen und adressiert hatte, zog sie einen Kasten auf und packte ein kleines Bündel Kleidungsstücke für ihren Knaben zusammen, das sie mit einem Schnupftuch fest um den Leib band; und so zärtlich ist das Gedächtnis einer Mutter, daß sie selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht vergaß, eine oder zwei seiner Lieblingsspielsachen einzupacken und einen buntgemalten Papagei aussuchte, um ihn damit zu unterhalten, wenn sie ihn wecken mußte. Es kostete einige Mühe, den kleinen Schläfer zu ermuntern; aber endlich saß er auf seinem Bettchen und spielte mit dem Vogel, während seine Mutter den Hut aufsetzte und das Tuch umband.
»Wo willst du hin, Mutter?« sagte er, als sie mit seinem Röckchen und Mützchen auf ihn zukam.
Die Mutter stellte sich vor ihn hin und sah ihm mit solchem Ernst in die Augen, daß er gleich erriet, daß etwas Ungewöhnliches im Werk war.
»Still, Harry«, sagte sie, »darfst nicht laut sprechen oder sie hören uns. Ein böser Mann wollte kommen, um den kleinen Harry wegzuholen von seiner Mutter und im Finstern weit wegzutragen; aber Mutter leidet das nicht – sie setzt ihrem kleinen Sohn die Mütze auf und zieht ihm den Rock an und läuft mit ihm fort, daß ihn der böse Mann nicht haschen kann.«
Mit diesen Worten hatte sie das Kind bald in seinen einfachen Anzug gekleidet, nahm es auf den Arm, flüsterte ihm zu, ganz ruhig zu sein, öffnete die nach der äußeren Veranda gehende Tür und schlich geräuschlos hinaus.
Es war eine klare sternenhelle Nacht, und die Mutter hüllte ihr Kind dicht in das Tuch, wie es ganz still vor unerklärlichem Entsetzen sich um ihren Hals klammerte.
Der alte Bruno, ein großer Neufundländer, der am Ende der Veranda schlief, stand leise knurrend auf, als sie sich näherte. Sie rief ihn halblaut beim Namen, und das Tier, ein alter Günstling und Spielkamerad von ihr, wedelte sofort mit dem Schwanze und machte sich bereit, ihr zu folgen, obgleich es allem Anschein nach seinem einfachen Hundeverstande viel zu schaffen machte, was ein so seltsamer Mitternachtsspaziergang bedeuten solle. Einige dunkle Ahnungen von der Unvorsichtigkeit oder Unschicklichkeit dieses Schrittes schienen ihm viel Kopfzerbrechen zu verursachen; denn er blieb oft stehen, wie Elisa vorwärts eilte, und sah fragend erst sie und dann das Haus an, und kam dann, als hätte ihn das Nachdenken beruhigt, wieder nachgezottelt. Nach wenigen Minuten standen sie an dem Fenster vor Onkel Toms Hütte, und Elisa klopfte leise an die Scheibe.
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