1 ...8 9 10 12 13 14 ...26 Das Meeting und Hymnensingen hatte bei Onkel Tom bis zu einer ziemlich späten Stunde gedauert, und da Onkel Tom sich nachher noch an einigen langen Solos erbaut hatte, so war er und seine würdige Lebensgefährtin noch nicht zu Bett, obgleich es schon zwischen 12 und 1 Uhr war.
»Guter Gott! Was ist das?« sagte Tante Chloe, indem sie auffuhr und rasch den Vorhang zurückzog. »So wahr ich lebe, 's ist Lizzy! Zieh dich an, Alter, rasch! Da kratzt auch der alte Bruno draußen – was gibt's nur? Ich will gleich aufmachen.«
In der Tat öffnete sich auch sofort die Tür, und das Licht der Unschlittkerze, welche Tom hastig angezündet hatte, fiel auf das angstverzerrte Gesicht und die dunklen verstörten Augen der Entflohenen.
»Gott sei bei uns! Man erschrickt ja vor dir, Lizzy! Bist du krank, oder was ist dir zugestoßen?«
»Ich laufe fort, Onkel Tom und Tante Chloe – bringe meinen Knaben fort. Der Herr hat ihn verkauft!«
»Ihn verkauft!« wiederholten beide und erhoben die Hände in namenlosem Schrecken.
»Ja, ihn verkauft«, sagte Elisa fest; »ich schlich mich heute abend in die Kammer hinter unserer Herrin Stube und hörte den Herrn der Herrin erzählen, daß er meinen Harry und dich, Onkel Tom, einem Sklavenhändler verkauft habe, und daß er selbst diesen Morgen fortreiten wollte, und daß der Mann heute die Gekauften in Besitz nehmen werde.«
Tom hatte während dieser Rede mit erhobenen Händen und weit offenen Augen, als träume er, dagestanden. Wie er die Bedeutung des Gehörten langsam und allmählich begriff, setzte er sich nicht, sondern fiel vielmehr auf seinen alten Stuhl und ließ den Kopf bis auf die Knie herabsinken.
»Der gute Gott erbarme sich unser!« sagte Tante Chloe. »O, das kann ja gar nicht wahr sein! Was hat er denn getan, daß ihn Master verkaufen sollte?«
»Er hat nichts getan; – deshalb ist es nicht. Der Herr will nicht verkaufen und Missis – die ist immer gut. Ich hörte sie für uns sprechen und bitten; aber er sagte ihr, es helfe nichts – er sei dem Manne Geld schuldig, und dieser habe ihn in der Hand – und wenn er ihn nicht vollständig bezahle, so würden zuletzt die Besitzung und alle Leute verkauft werden und er ins Elend gehen müssen. Ja, ich hörte ihn äußern, daß keine Wahl übrig sei zwischen dem Verkauf dieser beiden und dem Verkauf von allem, so hart setze ihm der Mann zu. Der Herr sagt, es tut ihm sehr leid, aber ach, Missis! – die hättet ihr reden hören sollen! Wenn sie keine Christin und kein Engel ist, so hat es nie welche gegeben. Es ist schlecht von mir, daß ich sie so verlasse; aber ich kann nicht anders. Sie selbst sagte, eine Seele sei mehr wert, als alles Geld auf der Welt, und dieser Knabe hat eine Seele, und wenn ich ihn von mir lasse, wer weiß, was aus ihm wird? Es muß recht sein, aber wenn es nicht recht ist, so möge mir der Herr vergeben, ich kann nicht anders.«
»Nun, Alter«, sagte Tante Chloe, »warum gehst du nicht auch? Willst du dich nach dem Flusse unten verhandeln lassen, wo sie die Nigger mit Plackerei und Hunger unter die Erde bringen? Viel lieber wollte ich jeden Tag sterben, als dorthin gehen! Du hast noch Zeit vor dir: Entfliehe mit Lizzy – du hast ja einen Paß, der dir erlaubt, zu gehen und zu kommen, wie du Lust hast. Komm, steh auf, und ich will dir deine Sachen zusammenpacken.«
Tom erhob langsam das Haupt und blickte bekümmert aber ruhig um sich und sagte:
»Nein, nein: Ich gehe nicht. Laß Elisa gehen – sie hat ein Recht dazu. – Ich werde das gewiß nicht leugnen. Es liegt nicht in der menschlichen Natur, daß sie bleiben sollte, aber du hast gehört, was sie sagte: Wenn entweder ich verkauft werden muß oder alle Leute auf dem Gute und alles zugrunde gehen muß, so mögen sie lieber mich verkaufen. Ich glaube, ich kann es so gut tragen wie jeder andere«, setzte er hinzu, während etwas wie ein Schluchzen und ein Seufzer seine breite zottige Brust krampfhaft erschütterte. »Der Herr hat mich immer auf meinem Posten gefunden – und so soll's bleiben. Ich habe nie sein Vertrauen getäuscht oder meinen Paß anders gebraucht, als ich versprochen hatte, und ich werde es niemals tun. Es ist besser, wenn ich allein fortkomme, als wenn das ganze Gut fortgeht und verkauft wird. Master ist nicht zu tadeln, Chloe, und er wird sorgen für dich und die armen –«
Hier drehte er sich nach dem Rollbett voll von kleinen wolligen Köpfen um und konnte sich nicht länger halten.
Er lehnte sich über den Rücken des Stuhls zurück und bedeckte das Gesicht mit den beiden großen Händen. Tiefes heiseres und lautes Schluchzen erschütterte den Stuhl, und große Tränentropfen rollten durch die Finger auf den Fußboden.
»Erst heute nachmittag sah ich meinen Mann und ahnte nicht im mindesten, was nun kommen sollte«, sagte Elisa, die immer noch an der Tür stand. »Sie haben ihn auf das Äußerste gebracht, und er sagte mir heute, daß er fortlaufen wollte. Ich bitte euch, seht zu, daß ihr mit ihm sprechen könnt. Sagt ihm, wie und warum ich entflohen bin; und sagt ihm, daß ich versuchen werde, Kanada zu finden. Grüßt ihn von mir und sagt ihm, wenn ich ihn nie wiedersehe« – sie wandte sich ab und hatte ihnen eine Weile den Rücken zugekehrt und fügte dann mit heiserer Stimme hinzu: »Sagt ihm, er solle so gut sein, als er kann, und sich so betragen, daß er mich im Himmel wiedersieht.
Ruft Bruno herein«, sagte sie noch. »Schließt ihn hier ein, das arme Tier! Er darf nicht mit mir gehen.«
Noch ein paar letzte Worte und Tränen, ein paar einfache Lebewohls und Segnungen und sie schlüpfte geräuschlos fort, das verwunderte und erschrockene Kind fest in den Armen haltend.
5. Kapitel: Die Entdeckung
Nach dem langen Gespräch am vorigen Abend schliefen Mr. und Mrs. Shelby nicht sehr rasch ein und blieben daher folgenden Morgen etwas länger als gewöhnlich im Bett.
»Ich möchte wissen, wo Elisa bleibt«, sagte Mrs. Shelby, nachdem sie mehrere Male vergeblich geklingelt hatte.
Mr. Shelby stand vor seinem Rasierspiegel und schärfte sich das Messer, und gerade jetzt ging die Tür auf, und ein farbiger Knabe brachte das Rasierwasser herein.
»Andy«, sagte seine Herrin, »geh einmal an Elisas Tür und sage ihr, ich hätte ihr dreimal geklingelt. Das arme Mädchen!« setzte sie halblaut mit einem Seufzer hinzu.
Andy kehrte bald zurück, die Augen weit aufgerissen vor Staunen.
»Ach, Missis, Lizzys Kasten sind alle offen, und ihre Sachen liegen alle in der Stube herum, und ich glaube, sie ist fortgelaufen.«
Mr. Shelby und seine Frau erkannten auf der Stelle die Wahrheit. Er rief aus: »Dann hat sie es geargwöhnt und ist fort.«
»Gott sei gepriesen!« sagte Mrs. Shelby. »Ich hoffe, sie ist fort.«
»Weib, sprich nicht so töricht! Wenn sie wirklich fort ist, wird es wahrhaftig für mich eine sehr unangenehme Sache sein. Haley sah, daß ich das Kind nicht gern verkaufte, und wird denken, ich stecke mit der Flüchtigen unter einer Decke. Das berührt meine Ehre!« Und Mr. Shelby verließ hastig das Zimmer.
Eine Viertelstunde lang war großes Rennen und Schreien und Öffnen und Zuschlagen von Türen, und allerorts zeigten sich Gesichter von allen Schattierungen der Schwärze. Nur eine Person, die einige Aufklärung über die Sache hätte geben können, war ganz still, und das war die erste Köchin, Tante Chloe. Schweigend und mit tiefem Kummer auf ihrem früher so heiteren Gesicht, bereitete sie die Frühstücksbiskuits, als ob sie von der Aufregung rundum nichts hörte und sähe.
In wenigen Minuten hockten ein Dutzend junge Kobolde, wie ebensoviele Krähen, auf dem Verandagitter, jeder entschlossen, dem fremden Handelsmann sein Mißgeschick zuerst mitzuteilen.
»Er wird verrückt sein, wette ich«, sagte Andy.
»Wird der fluchen!« sagte der kleine schwarze Jake.
Читать дальше