1 ...6 7 8 10 11 12 ...26 Nach den Erläuterungen, welche der Handelsmann früher über seine menschenfreundlichen Grundsätze gegeben hatte, fühlte sich Mr. Shelby durch diese Erklärung nicht besonders beruhigt; aber da sie der beste Trost waren, den der Gegenstand erlaubte, so ließ er den Handelsmann mit Schweigen sich entfernen und suchte Zuflucht in einer einsamen Zigarre.
4. Kapitel: Die Empfindungen lebendiger Ware, wenn sie den Herrn wechselt
Mr. und Mrs. Shelby hatten sich für die Nacht in ihre Zimmer zurückgezogen. Er lag in einem geräumigen Lehnstuhl und las einige mit der Nachmittagspost angekommene Briefe, und sie stand vor dem Spiegel und kämmte sich die kunstreich zusammengeflochtenen Zöpfe und Locken aus, in welche Elisa ihr Haar geordnet hatte; denn als sie die bleichen Wangen und hohlen Augen des Mädchens sah, hatte sie dasselbe des Dienstes für diesen Abend enthoben und ihr befohlen, sich zu Bett zu legen. Natürlich erinnerte sie ihre jetzige Beschäftigung an das Gespräch, welches sie früh mit dem Mädchen gehabt hatte; deshalb sagte sie in gleichgültigem Ton zu ihrem Gatten:
»Apropos, Arthur, wer war dieser schlecht erzogene Mensch, den du heute mit zu Tisch gebracht hattest?«
»Er heißt Haley«, sagte Shelby, der sich etwas unruhig in seinem Lehnstuhl umdrehte und die Augen nicht von dem Brief abwendete.
»Haley! Was ist er, und was hat er hier zu tun?«
»Ich hatte Geschäfte mit ihm, wie ich das letztemal in Natchez war«, sagte Mr. Shelby.
»Und er glaubte, dadurch das Recht zu haben, hier ganz wie zu Hause zu tun und sich mit an den Tisch zu setzen?«
»Ich habe ihn eingeladen, ich hatte Rechnungen mit ihm in Ordnung zu bringen«, sagte Shelby.
»Ist er ein Sklavenhändler?« sagte Mrs. Shelby, der eine gewisse Verlegenheit im Benehmen ihres Gatten nicht entging.
»Wie kommst du darauf, liebe Frau«, sagte Shelby und sah sie an.
»Nun, Elisa kam nach dem Essen in großer Aufregung und jammernd zu mir und sagte mir, du sprächst mit einem Handelsmann, und sie hätte ihn auf ihren Kleinen bieten hören – das lächerliche Gänschen.«
»So, sagte sie das?« sagte Mr. Shelby und sah wieder die Briefe an, indem er eine Weile ganz vertieft zu sein schien, ohne zu bemerken, daß er dieselben verkehrt hielt.
»Es muß heraus«, sprach er zu sich selbst, »es kostet jetzt nicht mehr als später.«
»Ich sagte Elisa«, sagte Mrs. Shelby, immer noch ihre Haare kämmend, »daß sie mit ihrer Einbildung eine kleine Närrin sei, und daß du dich nie mit solchen Leuten einließest. Natürlich weiß ich, daß du nie daran denkst, einen unserer Leute zu verkaufen – am wenigsten an solch einen Kerl.«
»Das ist auch stets meine Meinung gewesen, Emilie«, sagte ihr Gatte; »aber die Sachen stehen so, daß ich mir nicht mehr anders helfen kann. Ich werde einige von meinen Leuten verkaufen müssen.«
»An diesen Menschen? Unmöglich! Shelby, das kann dein Ernst nicht sein.«
»Es tut mir leid, es bestätigen zu müssen«, sagte Mr. Shelby. »Ich habe Tom verkauft.«
»Was! Unsern Tom – den guten treuen Burschen! – Der von Kind auf dein treuer Diener gewesen ist! – O Shelby! – Und du hast ihm noch dazu seine Freilassung versprochen – du und ich haben sie ihm hundertmal zugesagt. Ja, nun kann ich alles glauben; nun kann ich auch glauben, daß du den kleinen Harry verkaufen könntest, das einzige Kind der armen Elisa!« sagte Mrs. Shelby in einem Ton zwischen Schmerz und Entrüstung.
»Nun, da du alles wissen mußt: Es ist an dem. Ich habe mich bereit erklärt, sowohl Tom wie Harry zu verkaufen, und weiß nicht, warum man mich ausschimpft, als wenn ich ein Ungeheuer wäre, weil ich tue, was jedermann alle Tage tut.«
»Aber warum gerade diese beiden?« sagte Mrs. Shelby. »Warum diese beiden vor allen andern, wenn du überhaupt verkaufen mußt?«
»Weil ich für sie das meiste Geld bekomme – das ist der Grund. Ich konnte eine andere Person wählen, wenn du willst. Der Mann bot mir eine beträchtliche Summe für Elisa, wenn dir das besser gefällt«, sagte Mr. Shelby.
»Der Elende!« sagte Mrs. Shelby heftig.
»Natürlich wollte ich nichts davon hören – aus Rücksicht auf deine Gefühle wollte ich nicht; also rechne mir wenigstens das zugute.«
»Lieber Mann, verzeihe mir«, sagte Mrs. Shelby, die sich etwas gesammelt hatte. »Ich war heftig. Die Sache überraschte mich, und ich war gar nicht darauf vorbereitet; aber gewiß wirst du mir erlauben, für die armen Geschöpfe ein gutes Wort einzulegen. Tom ist ein edler, treuer Bursche, obgleich er ein Schwarzer ist. Ich bin der Überzeugung, Shelby, wenn man es von ihm verlangte, würde er sein Leben für dich hingeben.«
»Das weiß ich, gewiß; aber was nützt das alles, ich kann mir nicht anders helfen.«
»Warum bringst du nicht ein pekuniäres Opfer? Ich will gern meinen Teil dazu beitragen. Ach Shelby, ich habe versucht – treulich versucht, wie es einer Christin zukommt – gegen diese armen, einfältigen, abhängigen Geschöpfe meine Pflicht zu tun. Ich habe sie gepflegt, sie unterrichtet, beobachtet und seit Jahren alle ihre kleinen Schmerzen und Freuden kennengelernt, und wie kann ich ihnen je wieder gerade in das Gesicht sehen, wenn wir wegen eines armseligen Gewinnes einen so treuen vortrefflichen und auf uns vertrauenden Menschen, wie Tom, verkaufen und in einem Augenblick ihm alles entreißen, was wir ihn lieben und wertschätzen gelehrt haben? Ich habe ihnen die Pflichten, die sie als Eltern und Kinder, als Gatte und Gattin haben, gelehrt; und was für eine Miene soll ich zu diesem offenen Bekenntnis machen, daß wir uns um kein Band, um keine Pflicht, um kein Verhältnis, seien sie noch so heilig, kümmern, wenn Geld dagegen in die Waagschale geworfen wird? Ich habe mit Elisa von ihrem Sohn gesprochen – von ihrer Pflicht gegen ihn, als eine christliche Mutter über ihn zu wachen, für ihn zu beten, und ihn christlich zu erziehen; und was kann ich jetzt sagen, wenn du ihn ihr entreißest und ihn Seele und Leib an einen gewissenlosen Mann verkaufst, nur um schnöden Gewinnes willen? Ich habe ihr gesagt, daß eine Seele mehr wert ist als alles Geld auf der Welt, und wie wird sie mir glauben, wenn sie sieht, wie wir uns gegen sie wenden und ihr Kind verkaufen? – Ihn vielleicht der sichern Verderbnis von Seele und Leib weihen!«
»Es tut mir leid, daß du es dir so zu Herzen nimmst, Emilie – ich versichere es dir«, sagte Mr. Shelby, »und ich achte auch deine Empfindungen, obgleich ich mir nicht anmaßen kann, sie in ihrer ganzen Ausdehnung zu teilen; aber ich sage dir jetzt in feierlichem Ernst, es nützt zu nichts – ich kann mir nicht anders helfen. Ich beabsichtigte nicht, es dir zu sagen, Emilie; aber rundherausgesagt, ich habe keine andre Wahl als entweder diese beiden oder meine ganze Habe zu verkaufen. Entweder muß ich sie losschlagen oder alles. Haley ist in Besitz einer Hypothek gekommen, die ich sofort bezahlen muß, oder er ruiniert mich ganz und gar. Ich habe gespart und zusammengescharrt und geborgt und fast gebettelt – und der Wert dieser beiden war noch erforderlich, um die Summe zusammenzubringen. Haley fand Gefallen an dem Kinde; er wollte die Sache so abmachen, aber nicht anders. Er hatte mich in der Hand, und ich mußte es tun. Wenn du ihren Verlust so tief fühlst, würde es denn besser sein, wenn alles verkauft werden müßte?«
Mrs. Shelby stand da wie vom Blitz getroffen. Endlich wendete sie sich ihrem Toilettentisch zu, legte das Gesicht in die Hände und stöhnte laut.
»Das ist der Fluch Gottes über die Sklaverei! – Eine böse, böse, höchst fluchwürdige Sache! – Ein Fluch für den Herrn und ein Fluch für den Sklaven! Ich war eine Torin zu denken, ich könnte ein so tödliches Übel zu etwas Gutem wenden. Es ist eine Sünde, einen Sklaven unter Gesetzen, wie die unsrigen sind, zu besitzen; ich habe es immer gefühlt – ich habe immer so gedacht, als ich noch unverheiratet war – ich wurde noch mehr davon überzeugt, als ich mich der Kirche angeschlossen hatte; aber ich glaubte, ich könnte ihre Häßlichkeit mit einer verschönernden Decke verhüllen –ich glaubte, durch Freundlichkeit und Sorgfalt und Belohnung den Zustand meiner Sklaven besser zu machen als die Freiheit – was für eine Torin ich war!«
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