>>Schatz, wir gehen jetzt noch mal ins Haus und kümmern uns um deinen Onkel, okay?<<
>>Ich will nicht dahin zurück. Ich will wieder nach Hause.<<
>>Da gehen wir auch hin. Aber zuerst müssen wir Tom verbinden, damit sein Arm nicht mehr weh tut.<<
>>Aber danach gehen wir gleich weg von hier!?<<
>>Auf der Stelle. Das verspreche ich dir.<<
Martin lächelte sie zuversichtlich an und es gelang ihm tatsächlich, ihr Vertrauen zu schenken. Inzwischen kam Tom zurück. In der einen Hand noch immer die Taschenlampe, in der anderen den Verbandskasten. Die Pistole hatte er sich am Rücken in den Gürtel gesteckt. Obwohl sie vorhin nicht funktionierte, verlieh sie ihm dennoch ein beruhigendes Gefühl..
>>Okay, ich hab ihn. Gehen wir rein.<<
Martin setzte sich mit Valentina in Bewegung. Er hielt sie stets zu seiner Linken, damit sein eigener Körper den Blick zur Unfallstelle verbarg. Langsam und humpelnd schritten sie Stück für Stück voran.
>>Geht es einigermaßen? Ich kann dich auch stützen?!<<
>>Danke, Tom, aber das schaffe ich schon.<<
Thomas hielt die Taschenlampe immer auf den Eingang des Gebäudes gerichtet und ließ das Geschehene somit in der Dunkelheit verschwinden.
Die Flügeltür fiel zurück ins Schloss, als Martin sich langsam auf einen Stuhl in der Nähe des Wasserspenders sinken ließ. Valentina setzte sich ebenfalls an den Tisch. Thomas legte die Taschenlampe neben dem Kaffeeautomaten aufs Regal; das Licht auf seine Begleiter ausgerichtet. Dann setzte er sich dazu und öffnete den Verbandskasten.
>>Warum hast du eigentlich nicht geschossen?<< fragte Martin.
>>Sie hat nicht funktioniert. Ich habe es versucht.<< Er knöpfte sein Hemd auf und zog langsam den linken Arm heraus. Der Stoff war klebrig vom geronnenen Blut. Es fühlte sich an, als würde jemand ein Tesaband von seiner Haut abziehen. Dann lag die Wunde frei. Es gab zwei kleine Löcher in seiner Haut, aus der noch immer Blut sickerte. Es handelte sich um einen direkten Durchschuss. Da Tom seinen Arm allerdings noch bewegen konnte, durfte es kein Knochentreffer sein. Der Anblick seiner Verletzung ließ ihn für einen Moment flau im Magen werden. Ein schwarzer Rand bildete sich in seinem Blickfeld, welchen er sofort wieder zu verdrängen versuchte.
>>Wirst du ohnmächtig?<< fragte Martin. Er konnte es im Gesichtsausdruck seines Bruders erkennen.
>>Nein, ich denke nicht. Nur ein kleiner Schwächeanfall. Geht schon wieder.<<
>>Gut, okay. Wenn doch nicht, versuch mir vorher bescheid zu sagen. Ich will nicht, dass du hier auf den Boden knallst.<<
>>Schon klar. Aber es passt wieder. Danke.<<
Martin lehnte sich schwerfällig etwas nach vorne und sah sich die Wunde genauer an.
>>Weißt du, dass du echt scheiße aussiehst?!<< sagte Tom.
>>Denk ich mir. Aber unterlass diese Ausdrucksweise.<< Er mochte es nicht, wenn jemand in der Gegenwart seiner Tochter fluchte, oder ähnliche Wörter benutzte.
>>Entschuldige. Aber mal ehrlich, wie geht es dir eigentlich? Du hattest gerade einen Unfall.<<
>>So ziemlich alles in meinem Körper tut höllisch weh und mein Kopf dröhnt unablässig. Aber das wird schon wieder. Die paar Knochen sind im Krankenhaus gleich wieder gerichtet.<<
Thomas musste schmunzeln. Was blieb ihnen auch anderes übrig, als die Situation so gut es ging zu meistern.
>>Das muss eigentlich genäht werden, Tom. Ich habe keine Ahnung, ob ein einfacher Verband reicht.<<
>>Ich schätze, er muss reichen. Eine andere Option haben wir ja nicht?!<<
>>Schon klar, aber ich will nicht, dass du hier verblu...<< Er versuchte es harmloser zu formulieren. >>Das du uns zusammensackst.<<
Valentinas Blick verfinsterte sich erneut. Sie konnte es nicht ertragen, ihren Vater und seinen Bruder so verletzt zu sehen. Sie hatte Angst um die beiden; konnte die Situation noch nicht so verarbeiten wie Erwachsene. Martin war sich dem bewusst, konnte Valentina aber nicht alleine lassen, um sich ausgiebig um Thomas zu kümmern.
>>Mach dir keine großen Gedanken, Vale. Das ist nur ein Kratzer. Das kriegen wir wieder zusammengeflickt.<<
Tom lächelte das Mädchen an. >>Da habe ich schon weitaus Schlimmeres überstanden.<< Er zwinkerte ihr zu. Sie schien ihm zu glauben. Zumindest konnte Valentina sich gut zusammenreißen, um nicht wieder in Tränen auszubrechen. Allerdings war das wohl die größte Lüge, die Tom je erzählt hatte. Was sollte er schon Schlimmeres als eine Schusswunde erlitten haben?! Er konnte bis eben noch nicht mal wirklich glauben, dass das alles überhaupt passiert war.
>>Ich sage es wirklich nur ungern, aber wir sollten die Wunde trotzdem irgendwie verschließen.<<
>>Und wie willst du das anstellen, Martin?<<
>>Naja, keine Ahnung.<< Er sah sich in näherer Umgebung um, ob er im Schein der Lampe etwas Brauchbares erkennen konnte. Dann begann er im Verbandskasten zu kramen und legte sämtliche Gegenstände auf den Tisch. Mullbinden, eine Schere, Pflaster, Klebestreifen und noch weitere Dinge.
>>Es muss doch ausreichen, den Arm einfach zu verbinden, oder nicht?!<<
>>Ich bin kein Arzt, Tom. Aber es hört nicht auf zu Blu... es wäre schon besser, wenn uns etwas einfällt. Außerdem könnte es sich infizieren.<<
>>Selbst wenn, so schnell breitet sich das nicht aus. Bis zum nächsten Krankenhaus schaffen wir das locker.<<
>>Und wie willst du dahin kommen? Beide Autos sind Schrott und die Handys haben kein Netz.<<
Jetzt begriff Thomas das Ausmaß der Situation. Martin hatte recht. Nochmals griff er in seine Hosentasche und holte das Handy hervor. Kein Signal. Es hatte sich nichts geändert.
>>So ein verdammter...<< Gerade noch konnte er seine Worte zügeln. Valentinas Gemütszustand hatte sich nach wie vor nicht wirklich verbessert. Sie kämpfte mit den Tränen. Ab und zu schlich sich ein kleines Schluchzen über ihre Lippen.
>>Ich glaube, ich habe eine Idee.<< Martins Blick war zur Kaffeemaschine gerichtet. >>Aber sie wird dir nicht gefallen.<<
Tom blickte nun ebenfalls in die entsprechende Richtung. >>Wieso? Was meinst du?<<
>>Ich weiß, wie wir die Wunde verschließen können.<< Martin stand auf und trat zum Regal, worauf sich der Kaffee befand. Dann öffnete er die Schublade und holte einen Esslöffel hervor. Als er sich erneut setzte, bat er Tom, ihm sein Benzinfeuerzeug zu geben. Dieser stellte es auf den Tisch. Dann sah er Martin gebannt in die Augen, welcher seinen Blick nur Stumm erwiderte. Thomas begriff, was er jetzt tun würde. Sie sahen sich für einige Sekunden nur stumm an. Jedoch verstanden sie, was jeweils im anderen vorging. Während Martin in Gedanken fragte, ob er das wirklich tun solle, grübelte Tom verbissen nach einer anderen Lösung. Er fand keine.
>>Okay. Tun wir's.<<
Martin wandte sich schließlich seiner Tochter zu. Leider konnte er ihr das jetzt nicht ersparen. Aber er musste versuchen, es ihr begreiflich machen.
>>Valentina, hör zu<<, er redete sehr sanft, fast eindringlich. >>Das wird Thomas jetzt ein bisschen wehtun. Aber das ist nichts Schlimmes. Wir müssen das nämlich machen, damit es seinem Arm wieder besser geht. Es dauert auch nicht lange und ist gleich vorbei. Okay?<<
Valentina nickte. >>Ja, okay.<<
>>Wie gesagt, es wird nicht sehr schön aussehen, ist aber nichts Schlimmes. Danach geht es ihm wieder besser.<<
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