Afrika? Nichts von Afrika! Sorgfältiger hätte man das Land, in dem man sich angesiedelt hatte, nicht ausschließen können. Nur das Panorama vor dem großen Haus war gewissermaßen angenommen worden. Das war auch nicht schwierig, weil darin eigentlich nichts von den Menschen zum Ausdruck kam, die hier zu Hause waren.
(Nein, ganz ausgeschlossen war das Land draußen nicht. Aber das entdeckte ich erst neun Jahre später, erst als ich selber das Institut leitete: In einem vorher nie benutzten Saal zog sich ein riesiges Gemälde von der Ankunft der Belgier im Kivu an der ganzen Innenwand entlang. Hoch aufgerichtet standen ein paar Herren mit dem typischen coup-de-bambou-Gesicht, dem Adlerblick des ent-schlossenen Eroberers und Herrnmenschen, in einem Boot, das offensichtlich an einem Ufer des Kivusees anlegte. Empfangen von erbärmlichen, zusammengekrümmten Gestalten, die schon bei dem Auftauchen der Herrschaften von Sklaverei und kriecherischer Unterwerfung gezeichnet zu sein schienen. Ich war so geschockt, daß ich das Bild sofort entfernen wollte – die zairischen Angestellten des Instituts hinderten mich daran: Es gehöre doch zum patrimoine national, zu ihrem nationalen kulturellen Erbe!)
Es ist selbstverständlich, daß ein Kolonisator seine Kultur mitbringt und dem unterworfenen Land aufzuprägen versucht. Das kann schon deshalb nicht anders sein, weil er seine Tätigkeit in diesem Land moralisch nicht anders rechtfertigen kann, auch vor sich selbst nicht, als damit, daß er ihm die Segnungen eine höheren Zivilisation und Gesittung bringt. Von einem gewöhnlichen Siedler kann man erst recht nicht verlangen, daß er sich dem Einfluß der Unterworfenen gegenüber offen zeigt: Er hat alle Hände voll zu tun, sich eine Existenz in dem neuen Land zu schaffen, und nur selten besitzt er die Beweglichkeit des Geistes, die die Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur verlangt, schon gar nicht mit einer so fremden wie der schwarzafrikanischen, die schon deshalb nicht dazu verlockt, weil sie eben materiell nichts oder wenig Blendendes hat.
Aber unser Institut hatte schon in der Kolonialzeit laut Statuten das Ziel, eine breite Forschung an ‚Mensch und Natur‘ im damaligen Kolonialbesitz Belgiens anzuregen, zu koordinieren und vor allem selbst zu betreiben. Wie kann man da gewissermaßen alle Fenster ins afrikanische Land hinaus staubsicher abdichten und dahinter mit unsicherem Geschmack ein monumentales Denkmal feudalistischer Reminiszenzen an die belgische Heimat errichten? Auch das spät entdeckte Gemälde war ja nur zu deutlich dieses Geistes Kind. Dieses Heimweh nach seigneurialer Pracht dürfte im Heimatland, in der Atmosphäre wachsenden Sozialbewußtseins, schon damals un-zeitgemäß, wenn nicht sogar anrüchig gewesen sein. Hier konnte man sich ihm noch ungehindert hingeben, gerade im Kivuhochland, das eine Hochburg des belgischen Adels geworden war.
Aber es zeugt doch von beängstigender Enge, daß das neue Land in diese Prachtentfaltung nur in der Darstellung psychisch verkrüppelter ‚Eingeborener‘ einging. Eins der zahlreichen Kunstwerke kongole-sisch-zairischer Völker, die zum Besten gehören, was Schwarzafrika hervorgebracht hat, hätte doch wenigstens mit von der Partie gewesen sein können.
Wie dem auch sei, mit Forschung hat dieser ganze Aufwand sowieso nichts zu tun. Sie ist glücklicherweise nicht vergessen worden. Hier konnte man wissenschaftlich arbeiten. Es gab geophysikalische, biologische und medizinische Labors, die bis zur Unabhängigkeit reichlich, um nicht zu sagen: verschwenderisch ausgestattet waren. Es gab eine kleine Forschungsklinik für unterernährte Kinder und eine umfangreiche Bibliothek, die, so hieß es, bis 1960 die größte Schwarzafrikas außerhalb der Südafrikanische Union gewesen ist. Sie war zum Mindesten auf den Gebieten auf dem Laufenden, auf denen jemand am Institut gearbeitet hatte. Es gab gut ausgestattete Werk-stätten, Garage, Schreinerei, Klempnerei, Feinmechanik und einiges andere. Sie waren im unabhängigen Kongo-Zaire noch notwendiger, als sie in der Kolonie gewesen waren. Ohne sie hätte man sich noch mehr an den Schwierigkeiten des Landes aufgerieben, als man es ohnehin schon tat. Es gab ja nicht einmal ein öffentliches Verkehrs-mittel, mit dem man vielleicht, sehr vielleicht solche Werk-stätten in der nächsten Stadt hätte erreichen können. Man konnte sich freilich fragen, ob die Autonomie hätte soweit getrieben werden müssen, daß das Institut oben am Waldrand, gleich neben unserem Haus, eine ferme mit über hundert Stück Vieh besaß, darunter vierzig Kühen. Aber es ist natürlich angenehm, immer frische Milch und Butter, gelegentlich auch einmal Fleisch zu haben, und auf Umwegen, nämlich über die Versorgung der unterernährten Kinder in der kleinen Klinik, kam die Produktion der ferme ja auch der eigentlichen Arbeit des Instituts zugute.
Es war gewiß ein kostbares, wenn auch erschreckend kostspieliges Erbe, das dem jungen Staat mit der Unabhängigkeit in die Hand gefallen war. Kostspielig nicht zuletzt durch die weitläufige Behaglichkeit und geselligen Einrichtungen, die der Gründungs-direktor offenbar als unumgängliche Voraussetzungen für wissen-schaftliche Tätigkeit angesehen hatte: ein Gästehaus mit vielen über einen hübschen Park am Hang verstreuten Pavillons, fünfunddreißig Villen mit großen Gärten für die Europäer und für die Afrikaner wenigstens ein Angestelltendorf mit zahlreichen Häuschen, zwei Schulen, eine Krankstation, Klubhaus und zwei Kirchen – das alles will unterhalten sein. Es hat aber auch von jeher den nachkolonialen Machthabern imponiert, von denen sich nur wenige ein Bild der eigentlichen Aufgabe des Instituts machen konnten. Wer an den übertriebenen Luxus Hand anlegen wollte, stieß bei ihnen auf wenig Gegenliebe. Es war besser, nicht zu berechnen, wieviel Arbeiter und Angestellte am Institut auf einen Wissenschaft-ler kamen. Man hätte nur graue Haare davon bekommen, und än-dern konnte man es doch nicht.
Vor der Unabhängigkeit entfaltete das Institut eine rege wissen-schaftliche Tätigkeit. Freilich verführten die Möglichkeiten, sich innerhalb seiner Grenzen behaglich auszuleben, viele der europä-ischen Insassen und ihre Familien dazu, von der Umgebung kaum Notiz zu nehmen. Sie verließen das Institut sozusagen nur im Wagen, und lediglich, um sich auf eine andere Insel der europäischen Zivilisation zu begeben, in die Stadt oder zu Freunden auf eine Plantage.
Den Vogel schoß ein Flame ab, der bereits acht Jahre am Institut gearbeitet hatte, als wir ankamen. Er war noch nie auf einem ‚Eingeborenen‘markt gewesen. Er hatte noch nie den Fuß ins Stam-mesland gesetzt, das das Institut von allen Seiten umschloß. Er hatte abenteuerliche Vorstellungen über das, was hinter seinem Garten-zaun lag. Er war aufrichtig um unser Leben besorgt, als wir dort zwischen Bohnen und Bienenkorbhütten einen kleinen Spaziergang machten. Er hat auch in den nächsten zehn Jahren nicht gewußt, wie ein Sorghofeld aussieht, geschweige denn ein einheimisches Gehöft. Er ist in der ganzen Zeit, die wir am Institut verbracht haben, nie einen Schritt über seinen Gartenzaun hinausgegangen.
Die Anreise oder wie man es nicht machen soll
Der Neuling hat es nicht leicht, besonders wenn er sich auf dem Weg zum Kongo bereits siebzig Kilometer vor Nairobi mit seinem Kombi (für solche, die den Wagen unter dieser Bezeichnung nicht mehr kennen: ein Minibus von VW) überschlägt und unterhalb der Straße in weichem Schlamm wieder auf die Räder zu stehen kommt.
Zum Glück war ich allein. Meine Frau und mein Söhnchen sollten in einigen Monaten mit dem Flugzeug nachkommen, was sie ohne weitere Vorkommnisse auch taten. Ich war mit dem Schiff von Triest nach Mombasa vorausgefahren. Man hat Zeit, sich an die immer dunkler werdende Menschheit zu gewöhnen. Natürlich hat man schon vorher Schwarze gesehen, aber in Mengen waren sie schon beeindruckend, besonders wenn man auf dem Weg in ein Land war, das sich wegen seiner katastrophalen Zustände einer traurigen Berühmtheit erfreute.
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