Charlotta versuchte gerade, die Informationen zu verdauen. Obwohl er doch gar nicht viel erzählt hatte, schwirrten die Gedanken in ihrem Kopf herum. Das ergab doch alles gar keinen Sinn! Ein Bild, das kein Foto ist? Er wusste, dass sie sich nach längerer Zeit von Ralph getrennt hatte, wo sie wohnte und wo sie arbeitete. Was wollte er von ihr?
»Und wofür haben Sie jetzt Ihren … Wolf gebraucht? Sie haben gesagt, dass Sie mich mit seiner Hilfe finden wollten.«
»Nicht Sie, sondern erst mal Ihr Auto. Er sollte Ihre Spur aufnehmen.« Um ihrer nächsten Frage zuvorzukommen, legte er seine linke Faust mit dem Handrücken nach unten auf die hölzerne Tischplatte. Als er die Hand öffnete, lag darin ein Haargummi. »Haare sind ein sehr guter Geruchsträger«, sagte er, als erkläre das alles.
Endlich dämmerte es Charlotta. »Das ist mein Haargummi«, rief sie aus.
»Na ja, mit dem einer anderen Person hätte Paul Sie nicht gefunden.« Er schmunzelte.
Charlotta beugte sich mit funkelnden Augen vor. »Was. Wollen. Sie?«
»Sie!«
Das kam so prompt, dass Charlotta zusammenzuckte und sich hastig wieder zurücklehnte. »Was …? Aber …!«
Ihr Gegenüber deutete eine Verbeugung an. »Sorry, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Mein Name ist Rob. Eigentlich Robert, aber so nennt mich niemand. Ich mag den Namen auch nicht sonderlich.«
»Ähm … Charlotta … Aber vermutlich wissen Sie das längst«, setzte sie bitter hinzu.
»Haben Sie keinen Spitznamen? Eine Kurzform Ihres Namens?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Na ja … meine alten Schulfreundinnen nennen mich Lotta.«
»Wäre es sehr vermessen von mir, wenn ich Sie frage, ob ich Sie künftig Lotta nennen darf?«
»Mhm … nein … ähm … wieso künftig ? Ich bin mir gar nicht sicher, ob es ein künftig gibt!« Empört setzte Charlotta sich aufrecht hin.
Der Fremde, der Rob hieß, bedachte sie mit einem schiefen, etwas mitleidigen Lächeln. »Ich befürchte, Sie werden mich nicht mehr los.«
Charlotta lachte auf. »Na, da habe ich ja wohl noch etwas mitzubestimmen.«
»Nein, in diesem Fall nicht!« Das kam so sicher, dass es sie schon wieder ärgerte. Doch was er dann sagte, glich einer klatschenden Ohrfeige. »Wir sind füreinander bestimmt!« Er sah sie abwartend an, in der Gewissheit, dass sie nachfragen würde.
Wir sind füreinander bestimmt . So hatte Ralph über seine neue Flamme gesprochen.
Charlottas Gesicht wurde hart. »Ich glaube nicht an schicksalhafte Bestimmungen. Bleiben Sie mir aus den Augen. Rob!« Sie sprach seinen Namen aus, als sei es ein Schimpfwort. Dann sprang sie auf, schnappte sich ihre Tasche und verließ, so schnell sie konnte, den Pub. Sie vergaß sogar, Henry noch einen Gruß zuzuwinken, was diesem zeigte, wie erregt sie war. Mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen ließ er den Fremden wissen, dass er ihn im Blick behielt.
Der trank noch einen Schluck aus seinem Wasserglas und folgte Charlotta. Er vergaß nicht, Henry einen Gruß zuzunicken und stand wenige Sekunden später an der frischen Luft.
Der Parkplatz vor dem Haus war leer. Rob atmete tief durch, ein flotter Spaziergang die zwei Kilometer zum Stadtrand – dann lief er in einem Tempo los, das jeden verwundert hätte, wäre er jemandem begegnet.
»Scheiße, Paul, was sollte das? Nee, Jungs, das ist echt nicht lustig. Ich warte jetzt schon ewig auf die Frau, von der unser Schamane behauptet, dass sie von den alten Geistern für mich vorgesehen ist. Und als ich sie gestern Abend endlich ansprechen konnte, hat Paul ihr so einen Schrecken eingejagt, dass sie fast tot umgefallen ist.«
Paul hob die Hände mit Rob zugewandten Handflächen, grinste aber unverschämt. »Ey, tut mir leid, Mann. Außerdem hat sie nicht gesagt, dass sie fast tot umgefallen wäre, sondern sich fast eingenässt hätte!«
Die Männer, die um Rob und Paul herum saßen, wieherten vor Lachen.
Rob bedachte seinen Bruder mit kaltem Blick. »Echt, Paul, manchmal bist du wirklich ein Arschloch. Ich weiß nicht, weshalb ich ausgerechnet dich gebeten habe, mir zu helfen. Ich sag dir eins: Bleib weg von der Frau!«
»Das hast du mir zu sagen, Kleiner?« Paul lehnte sich zurück, streckte die Beine, in Höhe der Fußgelenke übereinandergekreuzt, von sich und fuhr sich provokativ langsam mit einer Hand durch die flachsblonden Haare.
»Nein, ich sage das!« Eine tiefe leise Stimme.
Die Männer sprangen auf und drehten sich zur Tür um. Hinter dem alten Mann strahlte das Licht heller als im Raum, und so konnte man ihn nur als großen Schatten wahrnehmen. Es schien, als umgebe ihn ein Heiligenschein. Respektvoll nickten die Männer – alle immerhin zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt – dem alten Schamanen zu.
»Ich habe schon so viel Zeit benötigt, die Frau zu finden. Die Bilder waren nicht klar und deutlich zuzuordnen. Rob hat dadurch viele Jahre verloren. Ihr solltet ihm lieber helfen – das gilt auch für dich, Paul.«
»Das sollte nur ein Scherz sein«, versuchte Paul schwach, sich zu verteidigen. Doch die Miene des alten Mannes ließ ihn verstummen. »Es tut mir leid«, murmelte er.
»Komm mit mir mit, Rob«, sagte der alte Schamane und verließ das Haus.
Der Schamane führte ihn in einen großen Raum.
Rob sah die unzähligen Gegenstände, die an den Wänden hingen. Bei vielen ahnte er nicht einmal, wofür der alte Mann sie brauchte. Einige, das wusste Rob jedoch, benötigte er, um sich in Trance zu versetzen und Kontakt zu verschiedenen Geistern – insbesondere denen ihrer alten Ahnen – aufzunehmen. Aber auch Krankheiten erkannte der Schamane in der Trance, diagnostizierte und behandelte sie. Dabei setzte er sowohl auf Dinge wie das Untersuchen der Zunge, das Überprüfen der Iris, das Riechen an Atem und Urin und Ähnlichem mehr. Er behandelte mit seinen Händen, mit Kräutern, setzte aber auch schon mal das Messer an.
Was den alten Mann aber eindeutig von den klassischen Medizinern unterschied, die beispielsweise in einem Krankenhaus arbeiteten, war, dass er Körper und Seele nicht voneinander trennte. Jede Krankheit , so wusste er, hat auch eine seelische Ursache. Und die muss ich zuerst finden, nur dann kann ich die Waage wieder ausgleichen .
Obwohl er schon seit frühester Kindheit immer wieder bei dem Schamanen gewesen war, sah Rob sich in dem großen Raum auch diesmal wieder neugierig um. Denn jedes Mal entdeckte er etwas, was er vorher noch nie gesehen hatte – wenngleich er davon ausging, dass es schon seit urewigen Zeiten dort lag oder hing.
»Erzähl es mir«, forderte der alte Mann. Zielstrebig ging er währenddessen zu einem halbhohen Schrank. Dort nahm er eine darauf stehende steinerne Schale in die Hand. Hier musste bereits vor vielen, vielen Generationen ein anderer Schamane in mühevoller Arbeit eine Mulde in den Stein geschliffen haben. Der Schrank wiederum hatte viele kleine Schubladen, von denen er einige öffnete, um ihnen verschiedene Kräuter zu entnehmen. Er bedeutete Rob, der ihm ohne Scheu von seiner Begegnung mit Charlotta berichtete, sich auf den Teppich zu setzen. Mit einem Holzspan – Rob hoffte jedesmal wieder vergeblich, erkennen zu können, woran er ihn anzündete – setzte er die Kräuter in der Schale in Brand. Kurz sah man die Glut, dann nur noch Rauch.
Rob atmete tief und ruhig. Rituale wie diese waren ihm durchaus geläufig, auch wenn sie nie auf den gleichen Weg führten. Dennoch vertraute er dem alten Mann, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Atem.
» Wir sind für einander bestimmt! So was Beklopptes! Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank! Ist das jetzt ein Modeausdruck? Erst Ralph, und dann dieser komische Typ!«
Gekicher kam zunächst als einzige Antwort.
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