Vorsichtig und bedächtig trat sie ein paar kleine Schritte zurück. Der Hund schien sie aufmerksam zu beobachten. Dann erhob er sich, langsam und gemächlich. »Alles ist gut«, versuchte sie, ihn zu beruhigen. Obwohl – eigentlich versuchte sie vor allem sich selbst zu beruhigen. Zu ihrem Ärger konnte sie aber nicht verhindern, dass ihre Stimme ein wenig bebte. Sie räusperte sich nervös. »Bleib ruhig da sitzen, alles ist gut. Guter Hund, bleib bitte einfach nur da sitzen.«
In diesem Augenblick geschahen zwei Sachen gleichzeitig: Der Hund zog die Lefzen hoch, und ein gedämpftes Knurren, das Charlotta alle Haare zu Berge stehen ließ, kam aus seiner Kehle – und sie prallte gegen jemanden, der hinter ihr stand. Noch in derselben Sekunde, in der sie überlegte, welche Gefahr die größere für sie sein und wie sie aus dieser Situation wieder heil herauskommen könnte, sagte eine ruhige Stimme: »Das ist ein Wolf.«
Charlotta fuhr keuchend herum und sah zu dem fremden Mann auf, der noch vor einigen Stunden für kurze Zeit mit ihr an einem Tisch gesessen hatte. »W-w-w-waas …?«
»Das ist ein Wolf . Und er kann es überhaupt nicht leiden, wenn man ihn Hund nennt.«
»Er kann es nicht leiden …«, echote sie matt.
»Nein«, bestätigte der Mann ernsthaft. »Er mag das nicht, deshalb hat er Sie auch angeknurrt. Sie haben ihn Hund genannt.«
»Ich … habe ich das?«
»Ja!«
»Meinen Sie, ich sollte mich bei ihm entschuldigen?«
Obwohl die Frage eher ein Scherz sein sollte, nickte der Mann. »Die Idee wäre nicht schlecht, finde ich.«
Ungläubig starrte sie ihn an, doch seinem Gesichtsausdruck konnte sie nicht entnehmen, ob er es wirklich ernst meinte. Sie drehte sich langsam um und blickte auf das große Tier, das nun neben ihrem Hinterreifen saß und sie treuherzig ansah. »Ähm … tja … also, tut mir leid, dass ich … ähm … dass ich nicht wusste, dass du ein Wolf bist.« Sie kam sich ziemlich töricht vor. »Ist das wirklich ein Wolf?«, fragte sie, als sie sich wieder zu dem Mann umwandte. »Wieso laufen Sie mit einem Wolf herum? Ich meine … ich wusste nicht, dass das hier erlaubt ist. Oder weiß das sonst niemand?«
Zu ihrer großen Erleichterung lächelte der Mann jetzt wieder. »Sie sind nicht die Einzige, die ihn für einen Hund hält. Das ist nicht das Problem, solange Sie ihn nicht als Hund ansprechen.«
»Apropos ansprechen – wie ist denn der Name?«
»Meiner oder seiner?« Das Lächeln schien sich zu einem Grinsen zu vertiefen.
»Ähm … also vielleicht erst mal von Ihrem Hu… Wolf! Von dem Wolf, meinte ich.« Puh, gerade noch die Kurve gekriegt, bevor das Tier sie wieder anknurrte. Und außerdem hoffte sie, dass der Mann nicht gemerkt hatte, wie gern sie auch seinen Namen erfahren wollte. Verflixt, es wurde langsam immer dunkler, und die Laterne befand sich in seinem Rücken. Zu gern hätte sie sein Gesicht besser erkennen wollen.
Hinter ihr schnaubte der Wolf durch die Nase. Erschrocken sprang Charlotta ein Stück zur Seite und drehte sich gleichzeitig um. Das riesige Tier war aufgestanden und bewegte noch einen weiteren Schritt auf sie zu. Ein leises Wimmern kam aus ihrer Kehle, bevor sie es herunterschlucken konnte, als der Wolf seine Nase weit oberhalb des Bauchnabels in ihren Bauch stupste. Starr vor Angst stellte sie das Atmen ein.
»Was soll das?«, hörte sie die ärgerliche Stimme des Mannes. Gleichzeitig stieß er den Kopf des Wolfes so kräftig zur Seite, dass der sich mit einem erschrockenen Aufjaulen vorm Auto wiederfand. »Das muss doch echt nicht sein! Übertreib es nicht! Es tut mir leid …«, begann er.
Doch Charlotta fuhr ihn wütend an: »Wissen Sie was? Es ist mir scheißegal, ob das ein Hund oder ein Wolf ist. Er gehört zu Ihnen, und ich finde es unverantwortlich, dass Sie ihn nicht angeleint haben. Ich habe mich hier gerade fast eingenässt vor Angst und Sie finden das Ganze vermutlich noch lustig! Ich …« Ein Schluchzen stieg in ihrer Kehle hoch. Sie wollte sich ihm gegenüber nicht so verletzlich zeigen. Allein deshalb schon fand sie ihre unwillkürliche Reaktion noch viel ärgerlicher und peinlicher.
So schnell wie möglich hoffte sie, in die Sicherheit des Krankenhauses zurücklaufen zu können, doch der Mann stellte sich ihr in den Weg. Als sie ihn zur Seite schieben wollte, griff er nach ihren Armen und hielt sie fest. »Verschwinde, Paul! Sofort!«, herrschte er über ihren Kopf hinweg den Wolf an. Ob der gehorchte, konnte Charlotta nicht kontrollieren, weil sie zwangsweise auf die Brust des fremden Mannes schauen musste.
»Lassen Sie mich los!«
»Bitte hören Sie mir zu!«
»Nein, ich will nichts hören! Lassen Sie mich einfach nur los!« Sie spürte, dass sie kurz davor war, hysterisch zu werden.
»Nicht bevor Sie mir zugehört haben. Bitte! Ich verspreche Ihnen, ich lasse Sie los, wenn Sie mir versprechen, dass Sie mir zuhören, okay?« Seine Stimme klang eindringlich, seinen Gesichtsausdruck konnte sie noch weniger erkennen als einige Minuten zuvor.
Charlotta tat einen zitternden Atemzug. »Was wollen Sie?«, fragte sie so kalt wie möglich.
Zögernd ließ der Mann ihre Arme los. Einen Augenblick überlegte Charlotta, ob ihr die Flucht ins Krankenhaus gelingen könnte. Da würde er sie nicht belästigen können. Aber der Mann hatte längere Beine als sie und wirkte recht sportlich. Sie käme vermutlich nicht weit.
Der Mann seufzte. »Ich möchte mich zuerst noch mal entschuldigen. Ich brauchte Paul, um Ihr Auto zu finden. Es wäre besser gewesen, ihn direkt wieder wegzuschicken … das weiß ich jetzt … tut mir echt leid.«
»Wieso konnte Paul mein Auto finden?«, fragte Charlotta konsterniert. »Und – wieso wollten Sie überhaupt mein Auto finden? Sie konnten doch gar nicht wissen, dass es hier auf dem Parkplatz steht.«
Wieder atmete der Mann tief durch. »Ich würde Ihnen das gerne etwas ausführlicher erklären. Aber ungern hier auf dem Parkplatz und im Dunkeln. – Dass ich Ihnen nichts antun will«, sagte er vorsichtig, »haben Sie hoffentlich inzwischen gemerkt, denn die Gelegenheit hätte ich jetzt und hier. Besser als anderswo.«
Er schwieg einen Augenblick, damit sie seine Worte sacken lassen konnte, bevor er weitersprach. »Ich glaube Ihnen, dass Sie im Moment noch etwas erschrocken und verwirrt sind, aber – tun Sie mir bitte den großen Gefallen und kommen Sie mit mir in die Stadt? Sie dürfen aussuchen wohin. Nur kurz auf ’ne Cola oder so. Bitte! Nur so lange, bis ich Ihnen ein paar Dinge erklären konnte.«
»Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt wissen will«, behauptete Charlotta, doch das klang nicht sehr sicher.
»Sagen Sie mir, wohin Sie wollen.« Seine Stimme wurde drängend, aber auch schon etwas zuversichtlicher. »Sie müssen mich auch nicht mitnehmen. Ich komme schon hin.«
»Ich habe mich noch gar nicht entschlossen, ob ich überhaupt …«
»Ach kommen Sie! Bitte! Wo wollen Sie gerne hin?«
»Henry’s?« Charlotta fragte sich, noch während die Worte in der Luft hingen, weshalb sie das gesagt und damit zugestimmt hatte, als er sich bereits umwandte.
»Danke, wir treffen uns dann dort.« Bevor sie es sich anders überlegen konnte, war er bereits im Dämmerlicht verschwunden.
Charlotta versuchte, gleichmäßig zu atmen und wartete einen Augenblick, bis sich ihr Puls wieder ein bisschen entschleunigt hatte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie nicht sicher sein konnte, dass sich sein Hund … oder Wolf … noch in der Nähe befand, und sie setzte sich eilig in ihr Auto.
Na, da muss er sich aber beeilen. Wenn ich da lange auf ihn warten muss, hau ich wieder ab. Ich weiß sowieso nicht, wieso ich mich überhaupt habe überreden lassen. Warum habe ich bloß meine Meinung geändert? Eigentlich will ich das doch gar nicht. Der Typ ist irgendwie komisch. Vielleicht ein Psychopath? Und dann der Wolf. Sie schnaubte durch die Nase, während sie vom Parkplatz fuhr und sich in den fließenden Verkehr einfädelte. ›Der Wolf mag nicht Hund genannt werden.‹ Ja nee, ist klar! Als ob der Wolf das versteht. Dass der in dem Moment geknurrt hat, als ich was von einem Hund gesagt habe … reiner Zufall. Passte dann aber gut in seine Geschichte. Apropos: Was für eine Geschichte er mir wohl gleich erzählen will?
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