»Verzeihung! Erwarten Sie noch jemanden, oder darf ich mich zu Ihnen setzen?«
Diese Stimme! Charlotta zuckte zusammen und beherrschte sich mühsam, um sich nicht zu hastig und erschrocken umzuschauen. Das kann jetzt nicht wahr sein, das bilde ich mir ein. Sie holte tief Luft und sah dann auf. Keine Einbildung! Der Mann vom Supermarktparkplatz.
»Ja gerne«, krächzte sie. Sie räusperte sich. »Ich bin alleine, Sie können sich gern dazusetzen.« Ich bin alleine? Wieso sage ich so was? Ich bin alleine! Oh Himmel!
»Danke, das ist sehr nett. Ich bin erstaunt, wie voll das hier um diese Uhrzeit schon ist«, sagte er und zog den Stuhl ihr gegenüber vom Tisch ab, um sich hinzusetzen.
Unwillkürlich sah Charlotta unter den Tisch und schaute nach, ob sie hinter dem Mann vielleicht seinen großen Hund entdecken konnte. Als sie wieder aufblickte, erkannte sie, dass ein Lächeln die Lippen des Mannes umspielte. Dann wurde ihr bewusst, dass er etwas gesagt hatte.
»Ja, das überrascht mich auch«, erwiderte sie hastig. »Vielleicht müssen einige ja heute später los zur Arbeit, so wie ich. Aber andere werden beneidenswerterweise auch Urlaub und damit die Zeit haben, jetzt hier in der Sonne zu sitzen.«
Während der Mann einen Latte Macchiato bestellte, träufelte sie verlegen etwas Honig auf ihr Croissant und biss ab. Als sie aufblickte, sah er sie noch immer an und wirkte amüsiert. Instinktiv wischte Charlotta sich übers Kinn, weil sie vermutete, dass dort Krümel von ihrem Croissant klebten. Sie wurde immer unsicherer und beschloss, sich ausschließlich auf ihr Frühstück zu konzentrieren. Er hatte lediglich einen Sitzplatz haben wollen. Das bedeutete nicht, dass er sich auch mit ihr unterhalten wollte.
Allmählich wurde Charlotta wieder ruhiger. Sie nahm ihre Tasse erneut in beide Hände und stellte fest, dass diese bereits leer war. Deshalb freute sie sich, als der Mann seinen Latte Macchiato bekam. So konnte sie noch einen zweiten Milchkaffee bestellen.
Es war, wie der Mann bereits bemerkt hatte, voll in dem Café. Die Bedienung lief gestresst zwischen Küche und Terrasse hin und her, und deshalb dauerte es mit ihrem Kaffee eine Weile. Sie zwang sich, den Fremden an ihrem Tisch nicht anzusehen, obwohl die Vermutung, dass er sie noch immer musterte, sie furchtbar kribbelig machte. Während sie auf ihren Kaffee wartete, aß Charlotta ihr Croissant in kleinen Bissen.
Endlich kam ihre Bestellung. Sie drehte den Stuhl ein Stückchen vom Tisch weg und lehnte sich wieder zurück, damit der Mann nicht den Eindruck bekam, sie wolle von ihm unterhalten werden. Die Sonne spiegelte sich im See und eine leichte Brise kräuselte die Oberfläche. Das Wasser glitzerte, wie von Diamanten übersät. Gerade kam eine stärkere Windböe und sie glaubte, die Diamanten springen und tanzen zu sehen. Dahinter lag der dunkle Wald, das frische, frühsommerliche Grün der Bäume.
Unbewusst seufzte Charlotta auf. Sie liebte diese Landschaft!
Ein leises Geräusch veranlasste sie, doch den Kopf zu drehen. Der Fremde an ihrem Tisch hatte sich im Stuhl zurückgelehnt, die Beine weit von sich unter dem Tisch ausgestreckt, rührte in seinem Glas und sah sie unverändert amüsiert an. Lacht der?
Befremdet sah Charlotta ihn an. »Sie lachen aber jetzt nicht gerade über mich, oder?«, erkundigte sie sich und merkte selbst sofort, dass ihre Stimme etwas spitz klang.
Wieder das Geräusch, tatsächlich ein leises Lachen. »Sie haben ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht und eine sehr ausgeprägte Mimik. Ich musste Sie einfach ansehen«, sagte er fröhlich, ohne auf ihren Vorwurf einzugehen. »Sie scheinen gerade sehr zufrieden zu sein«, setzte er noch hinzu.
Charlotta schluckte. Zufrieden? Als zufrieden mochte sie sich schon länger nicht mehr bezeichnen. Im Grunde, seit Ralph ihr von der Frau erzählt hatte, die für ihn bestimmt war . Pah! Obwohl – doch, im Augenblick verspürte sie eine gewisse Zufriedenheit. Sie konnte sich glücklich schätzen, sich den Luxus leisten und hier sitzen zu können. Die wundervolle Naturkulisse vor Augen … und mit einem anscheinend netten Mann an ihrem Tisch. – Was hatte er gesagt?
»Ausdrucksstarke Mimik?«, fragte sie entsetzt.
»Ja. Man kann sehr viel in Ihrem Gesicht sehen.«
Oh nein! Bitte nicht! Dann hat er sicher auch gesehen, dass ich vorhin ganz verlegen geworden bin, als er sich hier an meinen Tisch gesetzt hat!
Wieder ertönte das leise Lachen und der Mann beugte sich vor. Er stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab, sodass sein Glas Latte Macchiato, das er noch festhielt, fast an ihren Teller stieß. »Das sollte Ihnen nicht unangenehm sein. Es ist faszinierend, hat Ihnen das noch niemand gesagt?«
Oh nein, oh nein, oh nein!
»Na ja«, sagte sie zögernd und sah ihn dabei nicht an, »als Kind habe ich mich immer gewundert, weshalb ich meine Mutter oder auch meine Lehrer nicht anlügen konnte. Die wussten immer sofort Bescheid. Irgendwann hat meine Mutter mir mal gesagt, dass man in meinem Gesicht lesen könne wie in einem Buch.« Charlotta verzog verlegen die Lippen und sah nun doch auf. »Da wusste ich dann auch endlich, weshalb ich sie nicht anlügen konnte.«
»Können Sie inzwischen besser andere Menschen anlügen?« Plötzlich lächelte der Mann nicht mehr, und seine Augen schienen ihren Blick festzunageln. Boah, was für Augen! Ein ganz helles Braun … wie Bernstein … oder … Honig …
Charlotta stieß den angehaltenen Atem aus. »Nein!«, hauchte sie. Dann räusperte sie sich. »Nein«, wiederholte sie noch einmal etwas lauter und räusperte sich erneut. »Wenn ich versuche, jemanden anzuschwindeln, sieht man mir das normalerweise sehr deutlich an. Manchmal ist das echt blöd!« Sie verzog das Gesicht zu einer verlegenen Grimasse.
Als sei das die Antwort, die er hören wollte, lächelte der Mann wieder sein atemberaubendes Lächeln und lehnte sich entspannt zurück. Sein Blick schweifte über den See. Plötzlich setzte er sich auf. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er, etwas zu erkennen. Unwillkürlich folgte Charlotta seinem Blick. Vor dem Wald schien sich etwas zu bewegen. Wieder der große Hund?
Abrupt stand der Mann auf. Er lächelte immer noch, doch wirkte das plötzlich nicht mehr ganz so warm und herzlich wie noch zuvor. »Vielen Dank, dass ich mich mit an Ihren Tisch setzen durfte. Ich würde mich freuen, wenn wir uns mal wieder über den Weg laufen.« Er nickte ihr noch einmal zu, drückte der Bedienung im Vorbeigehen Geld in die Hand und verschwand, bevor sie das Wechselgeld heraussuchen konnte.
Zurück blieben eine erfreute Café-Bedienung und eine verblüffte Charlotta.
Was war das denn jetzt? ›Wenn wir uns mal wieder über den Weg laufen‹? Hört sich aber nicht so an, als wüsste er, dass wir uns schon mal über den Weg gelaufen sind. Überhaupt – irgendwie war das ein komisches Gespräch. Und wo ist der eigentlich hin? So schnell. Schade, seinen Namen hat er mir auch nicht genannt. Mhm …
»Darf ich mich dazusetzen?«
Die Stimme kannte Charlotta. »Sara! Ja klar!« Sie sah sicherheitshalber auf ihre Armbanduhr. »Ich habe nur leider nicht mehr viel Zeit, aber dann kannst du ja einfach hier sitzen bleiben.«
»Das ist fein, hier ist ja alles total voll! Ich habe vorhin schon ein Weilchen da hinten an der Treppe gestanden und gehofft, dass hier irgendwo ein Tisch frei wird. – Sag mal«, Saras Stimme senkte sich – sowohl um eine halbe Oktave als auch um einige Phon – »was für ein knackiger Typ saß denn hier gerade bei dir am Tisch?«
Charlotta zuckte mit den Achseln. »Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Der kam hier an, fragte – so wie du auch gerade – ob er sich dazusetzen dürfte, hat einen Macchiato bestellt und ist dann wieder gegangen.«
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