Die Augen des Wolfes leuchteten geradezu in einem intensiven Hellbraun, die Iris umgab ein dunkler Ring. Robs Augen! Charlotta konnte den Blick nicht von diesen Augen wenden. Wie hypnotisiert starrte sie den Wolf an, der ganz langsam immer näher kam. Unbewusst hielt sie den Atem an.
Verblüfft war sie über die Kraft, mit der die Nase des Wolfes so kräftig gegen ihre Schulter stupste, dass sie mit einem überraschten Laut auf den Rücken fiel. Der Wolf senkte den Kopf, die Nase beschnupperte ihre Hand, die krampfhaft ein Grasbüschel umklammert hielt, dann den Arm. Sie unterdrückte den Impuls, die Arme zu verschränken, als die feuchtschimmernde schwarze Wolfsnase sich vom Bauch aus ihrer Brust näherte. Ihr Atem ging unregelmäßig und stoßweise. Als die Nase des Wolfes noch höher wanderte, legte Charlotta aus einem Instinkt heraus, den sie sich selbst nicht erklären konnte, den Kopf weit zurück in den Nacken. Der Wolf schnupperte an ihrer Kehle, öffnete die Schnauze, und sie spürte ganz sanft scharfe Zähne an beiden Seiten des Halses. Obwohl sie sich doch die gesamte Zeit schon so sehr um Beherrschung bemühte, konnte sie ein leises Wimmern nicht unterdrücken.
Es dauerte nur wenige Sekunden, dann zog der Wolf sich wieder zurück. Er sah sie noch einen Augenblick an, als wolle er prüfen, wie sie das Ganze verkraftet hatte. Dann drehte er sich um, schnappte nach T-Shirt und Jeans und verschwand in beachtenswertem Tempo Richtung Fluss und dort hinter einem Felsen.
Erschöpft blieb Charlotta auf dem Rücken liegen und starrte in den Himmel, bis ihr von der Helligkeit die Augen tränten. Irgendwie ist das, was hier und heute alles passiert, zu viel für einen einzigen Tag , fand sie.
Als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, setzte sie sich auf. Rob trat hinter dem Felsen hervor. Er trug bereits seine Jeans und zog im Laufen das T-Shirt wieder an. Für den Bruchteil einer Sekunde ertappte Charlotta sich dabei, dass sie das bedauerte.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Genau das Bild hatte sie schon einmal … wie sie auf der Wiese … der Fluss … Rob … der Felsen … Der Traum! Immer wieder der Traum! Ihr war, als hätte sie das alles schon einmal erlebt. Tausendundeine Frage schwirrten durch ihren Kopf. Doch keine davon hätte sie so ausformulieren können, dass dabei ein verständlicher und vollständiger Satz herausgekommen wäre.
Als er sie erreicht hatte, hockte Rob sich neben Charlotta, sah sie aber nicht an. Sie schwiegen. Dann hob er den Kopf. »Verstehst du jetzt?«, fragte er leise, und es klang ein kleines bisschen Verzweiflung mit.
»Ich glaube, ja. Irgendwie kann ich es nicht so recht begreifen – aber … vielleicht gibt’s ja doch Dinge zwischen Himmel und Erde …«
Sie verstummte mitten im Satz, als Rob in schallendes Gelächter ausbrach. »Bei allen Geistern, Lotta! Was muss man dir denn noch so bieten? Ich stehe als Wolf neben dir, habe gerade vor deinen Augen meine Gestalt gewandelt und höre dann von dir › das ist doch aber jetzt nicht wahr, oder? ‹ Du bist wirklich …« Ihm fehlten die Worte.
»Na ja …«, verteidigte sie sich lahm und ein bisschen beleidigt. »So ganz normal ist das nun mal nicht … zumindest nicht in der Welt, in der ich bislang gelebt habe.«
Robs Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, der ihr etwas unheimlich war. »Kannst du mir sagen, weshalb du mir gerade deine Kehle dargeboten hast?«
»Öhm … weiß nicht … wenn ich jetzt drüber nachdenke … bei Hunden gibt’s ja so was wie ’ne Beißhemmung, wenn einer dem anderen die Kehle zeigt. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass ich darüber gerade nicht bewusst nachgedacht habe.«
»Wenn du was über Beißhemmung weißt … das macht ja nur der Unterlegene, um mit dieser Demutsgebärde …«
»Von wegen Demut und Unterlegenheit! Glaub ja nicht …«
»Ich hätte mich gewundert, wenn du das so hingenommen hättest«, lachte Rob. Er wirkte jetzt, wo sie sein Geheimnis kannte, viel gelöster und entspannter als noch vor einer halben Stunde. Dann nahm sein Gesicht wieder diesen lauernden Ausdruck an. »Hattest du gerade Angst vor mir?«
»Nö«, behauptete Charlotta. »Ich wusste ja, dass du das warst.«
Rob sah aus, als sei das genau die Antwort, die er erwartet hatte. »Wenn ich dann aber gehört habe, wie du gekeucht hast und so ein … ein Seufzen oder vielleicht doch ein ängstliches Wimmern …«
»Ich habe nicht …«
»… und dein Puls ging rasend schnell. Wenn das keine Angst war, was war es dann? Erregung?«
Empört riss Charlotta die Augen auf. »Erregung? Bei einem Wolf? Du spinnst ja! Und – was weißt du von meinem Puls?«
Rob lachte leise und sah sie weiterhin unangenehm eindringlich an. »Meine Lefzen – oder wenn dir der Ausdruck angenehmer ist, meine Lippen – lagen direkt an deiner Halsschlagader. Und glaub mir, Lotta, dein Puls raste.«
» … Na ja, vielleicht hatte ich ja doch ein bisschen Angst«, murmelte Charlotta. Sie senkte den Blick, und in dem, was sie sah, fand sie eine Gelegenheit, aus dieser peinlichen Situation herauszukommen. Seine Schuhe standen noch im Gras. »Wieso hast du dich hier eigentlich gerade ausgezogen?«, wollte sie wissen und bemühte sich, ihn möglichst fragend und interessiert anzusehen. Gleichzeitig hoffte sie, dass ihr Gesicht nicht mehr so vor Verlegenheit glühte.
Ihr Ablenkungsmanöver war doch zu offensichtlich, denn Rob grinste. Dann lehnte er sich zur Seite und zog etwas aus dem Gras, das Charlotta nicht sofort erkannte. Vergeblich versuchte sie zu erfassen, was für ein Stofffetzen … »Ähm, deine Unterhose hatte, glaube ich, so ein Muster.«
Wieder lachte Rob. »Ich befürchte, wenn ich die auch noch ausgezogen hätte, hätte ich dich noch viel mehr verängstigt.«
»Prahlhans!« Sie winkte verächtlich ab.
»Nein!«, grinste er, »so meine ich das nicht. Nur, was hättest du getan, wenn ich mich angeschickt hätte, mich komplett auszuziehen?« Er schmunzelte über ihren betretenen Gesichtsausdruck. »Was glaubst du, wie so ein Wolf in Jeans, T-Shirt und Schuhe passt? Ich sag’s dir – gar nicht. Und wie du an meiner Unterhose siehst, die nur noch ein Fetzen ist, wollte ich meine anderen Klamotten schonen.«
»Mhm … leuchtet ein«, murmelte die junge Frau, der der Kopf schwirrte.
Rob erhob sich und reichte Charlotta eine Hand, an der sie sich hochzog. »Komm, wir gehen zurück.«
»Wohin zurück? Bringst du mich wieder nach Hause?«
»Ähm, nein … also … Bleib doch bitte noch ein bisschen hier.«
»Aber …«
Rob wusste, dass es nicht so ganz fair war, aber es war ihm aus verschiedenen Gründen furchtbar wichtig, dass Charlotta blieb. Gründe, die er ihr im Augenblick nicht erklären konnte. »Du weißt, dass im Moment auf Wölfe Jagd gemacht wird«, sagte er stattdessen. »Hier bin ich sicher. Ich weiß nicht, was dieser Horst vorhat. Der ist besessen davon, Wolfsmenschen, wie er uns genannt hat, zu töten. Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht auch versuchen wird, dich zu benutzen, um mich zu kriegen.«
Charlotta sah ihn entsetzt an. »Glaubst du das wirklich?«
»Ich kann es zumindest nicht ausschließen.«
»Aber … ich …aber … man wird mich suchen. Ich meine, wenn ich nicht zur Arbeit erscheine, wenn ich nicht in meiner Wohnung bin, wenn ich nicht bei meinen Freundinnen anrufe …« Ihre Stimme klang ratlos, fast ein wenig kläglich.
»Ich kann dich nicht zwingen, aber …« Er ließ den Satz offen und richtete seinen Blick in die Ferne. Wenngleich es ihm ungeheuer wichtig war, wollte er ihr nicht das Gefühl vermitteln, er bedränge sie.
»Aber … ich habe doch auch gar keine Klamotten hier. Und … wo soll ich denn schlafen?« Charlottas Argumente klangen jetzt etwas verzweifelt, und Rob wandte sich wieder zu ihr um.
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