Nachdem sie schweigend ein Stück Wald durchquert hatten, kamen sie an eine helle Lichtung. Begrenzt wurde sie auf der rechten Seite durch mehrere große Felsen und auf der linken durch den Wald. Vor ihr zog sich ein schmaler Fluss entlang – dahinter war auch wieder der Wald zu sehen. Genüsslich nahm sie den schönen Blick und die erholsame Ruhe, die dieser Ort bot, in sich auf. Plötzlich zuckte sie zusammen. Sie kannte die Lichtung! Erschrocken schnappte sie nach Luft. Es handelte sich eindeutig um die Lichtung aus ihrem Traum! Dieser Traum, in dem sie mit dem alten Mann und dem Wolf über den Bäumen geschwebt hatte. Unwillkürlich sah sie nach oben.
Rob, der sie beobachtet hatte, stellte sich vor sie, sodass sich die Sonne in seinem Rücken befand und ihr Gesicht in seinem Schatten lag. Er nahm ihre Hände in seine und sah sie fest an. »Lotta, vielleicht ahnst du schon etwas. Aber ich denke, ich bin dir noch ein paar Erklärungen schuldig. Ich habe in unseren Gesprächen gemerkt, dass du nicht an Dinge glaubst, die du nicht sehen oder gar anfassen kannst. Und das macht es für mich noch schwieriger, als es ohnehin ist.«
»Was meinst du?« Charlotta überlegte gerade, ob sie empört oder beleidigt sein sollte. Nervös entzog sie ihm ihre Hände und fuhr sich unsicher mit den Fingern durch die wirren Haare.
»Weil du nicht an Dinge glaubst, die sich nicht wissenschaftlich beweisen lassen, habe ich mich nicht getraut … Das, was ich dir eigentlich sagen wollte, möchte ich dir deshalb jetzt und hier zeigen . Da ich aber überhaupt nicht abschätzen kann, wie du reagierst, bin ich eben so unsicher. Ich hoffe einfach, dass ich dich nicht zu sehr verwirre oder erschrecke oder dich vielleicht wieder böse auf mich mache.«
Ohne zu zögern griff sie nach Robs dargebotener Hand um sich im Gras niederzulassen. Mit dieser Hilfe war das trotz ihrer Rückenschmerzen möglich, ohne die Würde zu verlieren. Sofort nahm Rob neben ihr Platz, dreht sich aber so weit zu ihr um, dass er sie ansehen konnte. Die Knie umschlang er mit den Armen.
»Unsicher? Du?« Sie nahm seine letzten Worte noch einmal auf und schnaubte durch die Nase. »Ich hätte bis heute vermutet, dass ›Selbstsicherheit‹ dein zweiter Vorname ist. Und was mein Verhalten angeht … na ja, du bist … du verhältst dich nun mal ganz anders als die Männer, die ich bislang kennengelernt habe«, rechtfertigte sie sich. »Du tauchst jedes Mal plötzlich aus dem Nichts auf. Wir führen außerdem Gespräche, die eher unüblich sind, wenn ein Mann und eine Frau sich kennenlernen.«
Seine Miene verriet nichts von seinen Gedanken.
»Rob«, sprach sie weiter. »Ich habe viel nachgedacht, aber ich kann mir dein Verhalten mir gegenüber nicht erklären. Du hast bislang auch kaum etwas getan, was ich vielleicht erwartet hätte. Auch ich bin total unsicher, was dich angeht. Den Vorwurf kann ich dir so zurückreichen!«
»Was hast du denn erwartet?« Zum ersten Mal an diesem Tag schmunzelte er.
Hilflos zuckte Charlotta mit den Achseln. »Na … ich weiß nicht … Eigentlich habe ich nicht wirklich was erwartet … glaube ich … aber ich weiß, dass ich jedes Mal gedacht habe, dass ich genau das nicht erwartet habe.«
»Vielleicht hast du das hier schon ein bisschen früher erwartet?«, fragte er mit einem listigen Grinsen. Noch bevor Charlotta ahnen konnte, was er vorhatte, hatte er sie zu sich herangezogen, hielt ihren Kopf fest und presste seine Lippen auf ihre. In derselben Bewegung drückte er ihren Oberkörper ins weiche Gras, sodass er halb über ihr lag.
Das Adrenalin, das innerhalb von Sekundenbruchteilen durch Charlottas Körper schoss, ließ sie nicht spüren, dass sie vor nicht einmal einer Stunde noch hilflos und bewegungsunfähig vor Schmerzen auf der Kante einer Pritsche gesessen hatte.
Sie wand sich und protestierte. Insbesondere Letzteres war jedoch nicht sehr effektiv, weil sein Mund noch immer ihren verschloss. Eine seiner Hände ließ ihren Kopf los, legte sich auf ihre Hüfte und strich weiter nach unten bis zu ihrem Oberschenkel.
Charlotta stöhnte auf und spürte nur eine Sekunde später, dass Robs Zunge gegen ihre stieß. Ihre plötzlich so massiv alarmierten Hormone vermischten sich mit dem Adrenalin, und dieser Cocktail, der da durch ihre Adern raste, machte sie fast besinnungslos. Er küsste gut, er roch gut … Sie war versucht, ihn näher zu sich heranzuziehen, doch ein klitzekleines Fünkchen Vernunft meldete sich in einer recht versteckten Hirnregion. Nein, nein, nein! Tu das nicht! Was passiert hier gerade?
Etwas kraftlos versuchte sie, Rob von sich zu schieben und zu ihrer Erleichterung – aber auch zu ihrem leisen Bedauern – hob er den Kopf. »Habe ich hiermit deine Erwartungen halbwegs erfüllt?« Sein Atem ging schwer.
Seine hellbraunen Augen sahen sie so intensiv an, dass sie für einen Augenblick nichts tun konnte, als den Blick zu erwidern. Auch ihr Atem ging schneller. Wenn er sie nur nicht auf diese eindringliche Art und Weise anschauen würde! Sein Kuss hatte sie mehr mitgenommen, als sie sich eingestehen wollte. Es handelte sich hierbei doch schließlich nicht um den ersten Kuss, den sie bekam! Aber irgendwie ging ihr das alles gerade ein bisschen zu schnell.
Sie räusperte sich. »War es das, was du mir zeigen wolltest?«, fragte sie, um nicht auf seine Frage antworten zu müssen.
Robs Augen verdunkelten sich. »Nein, das ist etwas ganz anderes.« Er seufzte tief, zog seinen Arm unter ihrem Körper hervor und erhob sich schwerfällig. »Lotta, ich bitte dich jetzt um nichts anderes, als mir zu vertrauen. Ich würde mir wünschen, dass du einfach hier sitzen bleibst und dir ansiehst, was geschieht. Meinst du, du kannst das?«
»Dir vertrauen?« Charlotta sah zu ihm auf und überlegte nur kurz. Dann nickte sie, hoffte aber im gleichen Augenblick, dass sie damit keinen Fehler machte. Sie hatte sich wieder aufgesetzt, die Knie fest mit den Armen umschlungen, und sah unsicher zu Rob auf.
Der zögerte einen Augenblick, dann trat er noch zwei große Schritte zurück. Ohne Charlotta aus den Augen zu lassen, zog er sein T-Shirt aus, dann die Schuhe und schließlich die Jeans.
Sie riss die Augen auf und rutschte unwillkürlich ein bisschen weiter von ihm weg.
Rob lächelte dünn. »Wenn ich dir etwas tun wollte, hätte ich gerade die Gelegenheit dazu gehabt. Noch vor nicht mal einer Minute wärst du zu fast allem bereit gewesen und hättest dich nicht einmal so richtig gewehrt.«
Einen Augenblick überlegte Charlotta, ob sie diese Vermutung empört von sich weisen sollte – aber wenn sie ehrlich war, musste sie ihm recht geben. Ihr Gesicht glühte.
Plötzlich nahm sie wahr, dass ein Zittern durch Robs Körper ging. Etwas veränderte sich, obwohl sie nicht direkt erkennen konnte, was es war. Dann ging es furchtbar schnell. Nur einen Atemzug später stand an seiner Stelle ein riesiger Wolf vor ihr. Sein Fell besaß die braune Farbe von Robs Haaren. Charlotta keuchte auf und rutschte instinktiv noch einmal ein Stückchen rückwärts. Der Wolf legte sich hin wie eine Sphinx. Das Maul halb geöffnet, hechelte er und sah sie unverwandt an.
Charlotta war dankbar, dass der Wolf den Abstand beibehielt. Sie atmete ein paarmal tief durch, damit der Schwindel nachließ. »Oh mein Gott! Das meintest du! Und das meinte Horst mit Wolfsmensch! Himmel! Hätte ich das ahnen müssen? Ich kann es nicht glauben. Das ist doch jetzt aber nicht wahr, oder?«
Der Wolf schnaubte durch die Nase und warf sich auf die Seite, als wenn ihre Dummheit und Naivität ihn umgehauen hätten. Dann erhob er sich wieder und kam langsam auf Charlotta zu.
Pausenlos versuchte sie sich einzureden, dass sie keinen normalen Wolf vor sich hatte, dass es Rob war, der da auf sie zukam. Rob, jemand, der sie mochte und ihr hoffentlich nichts tun würde. Die Beherrschung, nicht noch weiter von ihm wegzurutschen, tat fast körperlich weh. Sie musste die Zähne fest zusammenbeißen, damit sie nicht länger aufeinanderschlugen. Es ist Rob, es ist Rob, und der tut mir nichts, es ist kein echter Wolf, es ist Rob …
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