Auf Saras Frage hin zog Charlotta deshalb nur kurz eine Schulter hoch. Damit erklärte sie das Thema für beendet.
Als Charlotta das nächste Mal aufsah, wechselten ihre Freundinnen gerade vielsagende Blicke. »Was ist los?«
Noch ein bedeutungsvolles Blinzeln und ein Nicken. »Ähm … ich denke, du wirst es sowieso die Tage erfahren, und dann haben wir gedacht, ist das hier … also, hier im geschützten Raum …«
»Was. Ist. Looos?«
»Na ja, Leon erzählte, dass er bei Ralph und Insa Trauzeuge sein soll. Noch in diesem Jahr. September oder Oktober oder so …«
Dass ihr das nichts ausmachte, konnte Charlotta ihren Freundinnen nicht weismachen. Vor allem nicht nach dieser kurzen Zeit, die Ralph und Insa sich kannten. Mit ihr hatte die Beziehung immerhin sieben Jahre gewährt. Und auch wenn sie selbst ohnehin nicht hätte heiraten wollen, schien aber auch Ralph das nie in Erwägung gezogen zu haben – zumindest nicht mit ihr, wie sich nun zeigte. Aber es traf sie tatsächlich nicht so heftig, wie sie es vermutet hätte. »Tja, wenn man die Frau gefunden hat, die für einen bestimmt ist – worauf warten?« Ihre Stimme klang rau, und sie räusperte sich.
Der braune Wolf der – vor Blicken geschützt durch einen dichten Busch – am Zaun zu Charlottas Garten gesessen hatte, erhob sich. Er hatte eine Menge gehört. Viel, über das es sich nachzudenken lohnte. Er sah sich um und verschwand dann in einer dunklen Seitenstraße. Dabei übersah er den hochgewachsenen schlanken Mann. Der drückte sich gerade noch etwas fester in einen Hauseingang und schaute mit zusammengekniffenen Augen und einem hinterhältigen Grinsen hinter ihm her. Der Mann war erleichtert, dass der Wind günstig für ihn gestanden hatte, sonst hätte das riesige Tier ihn entdeckt. Er zog die Kappe, die seine braunen Haare verbarg, noch ein Stückchen tiefer in die Stirn und lief beschwingten Schrittes, eine lautlose Melodie auf den gespitzten Lippen, in die andere Richtung davon.
»Hast du von der Jagd auf die Wölfe gehört, die ab heute für die nächsten Wochen angesetzt ist?«
Charlotta drehte sich angewidert um. Viel zu oft lief sie Horst in die Arme, wenn sie nach dem Frühdienst Feierabend hatte und er sich noch im Haus befand. Das Gesicht des kleinen dicken Mannes wurde vor Aufregung hochrot. Mit berechnendem Blick sah er sie an. »Neulich habe ich einen riesigen braunen Wolf in deiner Straße gesehen.«
Charlotta erstarrte. Horsts Gesicht zeigte sicheren Triumph. Ob es sich dabei um einen der Wölfe aus Robs Dorf handelt? Dann jedoch ging ihr auf, was Horst außerdem noch gesagt hatte. »Was, Horst, hast du bitteschön in meiner Straße zu suchen?«
»Darf ich nicht herumlaufen, wo ich will?« Horst fühlte sich ertappt, und das Triumphgefühl zerplatzte wie eine Seifenblase.
»Doch, natürlich darfst du das. Aber ich kann’s nicht leiden, wenn die Leute mir ins Haus und in den Garten gucken. Oder schlimmer noch, in meinem Garten herumschleichen. Daaas kann ich ü-ber-haupt nicht leiden, Horst! «, sagte sie scharf.
»Dann erklär mir, was du mit den Wölfen zu tun hast!«, forderte er heftig.
»Was ich mit den Wölfen …? Was soll ich mit Wölfen zu tun haben?« Charlotta sah ihn an, als befürchte sie, er habe nicht alle Tassen im Schrank.
»Ich habe dich mit ihm gesehen!« Horst hatte sich zu Charlotta vorgebeugt und fuchtelte mit ausgestrecktem Zeigefinger vor ihrer Brust herum.
»Mit wem hast du mich gesehen, Horst? Werde bitte deutlicher. Sonst gehe ich!« Charlotta spürte Wut in sich hochsteigen. Du liebe Güte, was spielte der sich plötzlich auf!
»Mit dem Wolfsmann!«
»Wolfsmann? – Wolfsmann!« Sie schnaubte durch die Nase. »Horst, hast du was getrunken oder irgendwelche lustigen Kräuter geraucht? Was ist ein Wolfsmann? «
Horst stutzte und stellte sich wieder aufrecht hin. »Du weißt es wirklich nicht, oder?«
»Oh Horst! Waaas! Was weiß ich nicht?« Dieser Mann bringt mich echt noch mal um!
»Dieser Typ, mit dem du dich triffst. Das ist ein Wolfsmann.«
Rob? Charlotta lachte. »Sorry, Horst. Aber selbst wenn sein Hund aussieht wie ein Wolf. Man würde auch keinen Hundehalter Hundemann nennen. Oder einen Katzenbesitzer Katzenmann. Was …«
»Nein, nein, nein!« Vor Aufregung sprühte Horst der Speichel nur so aus dem Mund. Instinktiv trat Charlotta angewidert einen Schritt zurück. »Der ist Mann und Wolf!« Jetzt verspürte er es wieder, das Triumphgefühl.
Verständnislos sah Charlotta ihn an. »Wie kann … Moment mal, du glaubst, dass die Wölfe eigentlich Menschen sind?« Der hat irgendwas eingeschmissen! Oder andersherum heute Morgen seine Pillen nicht genommen! Ich bin mir ganz sicher!
»Ja, ja, genau das glaube ich!« Endlich hatte sie’s begriffen! Horst war stolz auf seine Entdeckung. Er würde den anderen beweisen, dass er recht hatte. Und dann würde man ihn endlich und verdientermaßen feiern! Keiner würde mehr auf den blöden dicken Horst herabschauen.
Charlottas Stimme klang jetzt gefährlich leise, als sie sagte: »Abgesehen davon, dass ich mir das erstens nicht vorstellen und das deswegen zweitens nicht glauben kann … Weißt du was, Horst? Du erzählst mir hier, dass du ganz aufgeregt bist, weil die Jagd auf die Wölfe losgeht.« Horst nickte, und vor Erregung zitterte sein Körper. »Du erzählst mir dann, dass du glaubst, dass diese Wölfe Menschen sind. Wenn du das wirklich glaubst – und hier zählt im Moment nur, was du glaubst, Horst – dann willst du also Menschen jagen? Du glaubst daran, dass das Menschen sind, und du willst sie töten?« Zum Schluss hin war Charlottas Stimme hart und laut geworden. Bevor sie weitersprach, atmete sie noch einmal tief durch. »Du bist ein echter Held, Horst. Und – du widerst mich an!« Es schüttelte Charlotta, und sie drehte sich um.
»Das sind aber auch Wölfe«, schrie Horst hinter ihr her. »Die sind doch gefährlich! Die ganzen Meldungen von wildernden Hunden und Wölfen – das sind in Wahrheit diese Wolfsmenschen.«
Charlotta machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten. Sie lief eilig zu ihrem Auto und setzte sich hinein. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie den Zündschlüssel nicht ins Schloss stecken konnte. Sie probierte es noch einmal, doch er fiel ihr in den Fußraum.
Plötzlich konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Sie legte die Stirn aufs Lenkrad und weinte. Sie vermochte nicht einmal zu sagen, weshalb genau. Sie wusste nur, sie spürte Angst. Eine ganz unbestimmbare Furcht, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Außerdem befanden sich Rob, seine Familie und seine Freunde in Gefahr, und sie wussten es nicht. Sie konnte ihn ja nicht einmal erreichen, um ihn zu warnen. Dazu kam, dass sie einen so unglaublichen Ekel empfand, wegen Horst und seiner Äußerungen über Wolfsmenschen und darüber, Jagd auf sie zu machen. Was für ein Schwachsinn war das denn überhaupt?
Die Fahrertür öffnete sich, und Charlotta schrak zusammen. »Horst, ich …« begann sie hysterisch. Sie verstummte. »Rob? Rob!«
»Rutsch rüber, ich fahre.«
»Was? Ich …«
»Los, tu, was ich sage! Rutsch rüber!« Charlotta wunderte sich zwar über den herrischen Ton, folgte aber seiner Aufforderung, wobei sie der Eile und ihres schmerzenden Rückens wegen die Beine nur mit Mühe über den Schaltknüppel ziehen konnte.
»Was ist los?« Sie hatte mit einem Mal noch mehr Angst. Rob, der ihr bislang bei ihren Zusammentreffen so unglaublich souverän begegnet war, schien es eilig zu haben und wirkte dabei plötzlich überhaupt nicht mehr so cool.
»Das erkläre ich dir bei dir zu Hause. Wo sind die Schlüssel?«
»Die sind mir runtergefallen!« Sie konnte ein Schluchzen nicht ganz unterdrücken.
Читать дальше