Rob schnappte sich die Wasserflasche und das leere Glas, hielt aber in der Bewegung inne. Statt ihr das Glas vollzugießen, sah er sie interessiert an. Ein Blick, der Charlotta irritierte.
»Wenn du die Haare hochgesteckt hast, sieht man, dass du einen schönen schlanken Hals hast. Von deinem Gesicht erkennt man auch mehr. Nein! Lass das! – Bitte«, setzte er hinzu, als Charlotta sich verlegen anschickte, die Klammern aus ihrem Haar zu entfernen. Damit es beim Duschen nicht nass wurde, steckte sie ihr Haar meist in einem unordentlichen Knoten am Hinterkopf zusammen. Sie hatte schlichtweg in der Eile vergessen, die Klammern herauszunehmen.
»Aber …«, begann sie verlegen, verstummte aber.
Nun nahm Rob auch den Blick von ihr und konzentrierte sich darauf, Wasser für sie in ein Glas zu gießen.
Charlotta beschloss, dass der direkte Weg der Beste sein dürfte. »Rob, woher kommst du? Was hast du mit den Wölfen zu tun? Und weshalb weißt du so viel von mir? Du scheinst mich ja tatsächlich auch schon mal beobachtet zu haben.« Mit Unbehagen dachte sie an ihre Schlafzimmergardinen.
Robs Blick war in die Ferne gerichtet. Dann holte er tief Luft und wandte sich zu ihr um. »Das ist alles nicht ganz einfach. Ich kann dir nur so viel verraten: Ich komme aus einem kleinen Dorf, das von hier aus fast auf der anderen Seite des Waldes liegt. Die Wölfe … gehören zu uns … wohnen sozusagen in unserem Dorf.«
»Wenn du regelmäßig bei uns herumläufst, ist es offensichtlich nicht so furchtbar weit weg. Abgesehen davon, dass ich – obwohl ich hier geboren bin – nicht wusste, dass es in der Nähe ein Dorf gibt, in dem so viele Wölfe leben, solltet ihr vorsichtig sein.«
»Warum?«
»Na, weil die gesamte Jägerschaft der Stadt sich vereint hat, um den bösen Wolf zu töten. Es wird gemunkelt, er hätte die drei kleinen Schweinchen und auch noch die sieben Geißlein vernascht.« Sie grinste, wurde dann aber wieder ernst und ignorierte Robs verdutzt-irritierten und leicht skeptischen Blick, mit dem er sie bedachte. »Auch wenn es nur Tiere sind – wenn sie in so großer Zahl mit euch zusammenleben, wird es zwischen euch eine große Bindung geben. Dann solltet ihr sie schützen.«
»Nur Tiere …«, murmelte Rob und schürzte die Lippen. »Ja, die Bindung«, sagte er wieder mit normaler Stimme, »ist schon wirklich sehr, sehr eng. Wir versuchen sie sehr wohl zu schützen.« Dann drehte er sich noch ein bisschen weiter zu ihr um und heftete seine Augen auf ihr Gesicht. »Sag mir bitte, was ich falsch gemacht habe.«
Irritiert sah Charlotta ihn an und wartete darauf, dass Rob konkreter wurde.
»Na, als du neulich so böse auf mich warst und gesagt hast, du möchtest mich nicht wiedersehen.«
Charlotta war überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel. Außerdem spürte sie einen Teil des Ärgers wieder in sich hochsteigen und atmete tief durch. Um noch einen Augenblick Zeit zum Überlegen zu haben, nahm sie einen Schluck aus ihrem Wasserglas. »Das habe ich … weil … Ich glaube nicht an Vorsehung, Rob. Ich glaube nicht, dass jemand ein vorherbestimmtes Schicksal hat und es dem Zufall oder dem Himmel überlassen bleibt, ob es sich erfüllt. Ich möchte auch gar nicht glauben, dass ich mein Schicksal nicht selber beeinflussen kann.«
»Wenn du aber vor dich hin dümpelst und nicht weißt, wohin du gehen sollst, fehlen dir dann nicht die Gewissheit und Zuversicht, zu wissen, dass alles einen vorbestimmten Weg geht?«
»Nein, solange ich nicht weiß, wohin der Weg mich führen wird, gibt mir das überhaupt keine Gewissheit. Führt es mich ins Glück? Führt es mich in Krankheit, Leid und Tod? Im Gegenteil, es macht mir Angst, daran glauben zu müssen, dass irgendwo schon ’ne Landkarte für mich aufgemalt ist und das Schicksal mich immer wieder auf den für mich vorgezeichneten Weg schubst, falls ich mal was getan habe, was nicht in dieses Raster passt.«
Rob schwieg einen Augenblick. »Wenn das die Antwort auf meine Frage ist, überlege ich gerade, was ich in puncto Schicksal oder so gesagt habe.«
»Du hast gesagt, wir sind für einander bestimmt!«
»Ähm … ja … das ist so. Ich meine … was ist das Problem?« Rob schien verwirrt.
»Du hast angedeutet, dass wir uns wohl noch häufiger sehen würden oder so«, sagte Charlotta etwas ungeduldig, wegen seiner Begriffsstutzigkeit. »Und dann habe ich geantwortet, dass ich das ja wohl mitzuentscheiden hätte. Wütend gemacht hat mich, dass du daraufhin so selbstherrlich behauptet hast, dass ich dich sowieso nicht mehr loswürde, weil wir füreinander bestimmt wären.«
Rob schien das Problem immer noch nicht zu verstehen und sah sie ratlos fragend an.
»Rob! Erst einmal waren das genau die Worte, mit denen Ralph mir erklärt hat, dass er sich von mir trennt. Weil er nämlich die Frau getroffen hätte, die für ihn bestimmt sei. Und außerdem habe ich gerade versucht dir zu erklären, weshalb ich eben nicht an diesen Schicksalskram glauben will und kann.«
Endlich schien er verstanden zu haben. »Okay, dass dich das wegen deines Freundes getroffen hat, das wusste ich nicht. Das tut mir echt leid. Sorry! Aber – wehrst du dich ernsthaft, daran zu glauben, dass es auch noch Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die die Wissenschaft nicht erklären kann?«
»Na ja, nicht so ganz. Zumindest noch nicht. Die Wissenschaft forscht doch immer weiter und wenn …«
Rob lachte laut auf. »Oh Mann, Charlotta, du bist echt ein harter Brocken!«
»Wieso?« Pikiert sah sie ihn an.
»Weil du noch sehr viel lernen musst. Zum Beispiel, auf dich zu hören. Auf deinen Körper. Auf deine Wünsche. Auf deine Träume.«
Alarmiert sah Charlotta ihn an . Der Traum. Ich wollte ihn doch noch was zu dem Traum fragen, wenn ich ihn wiedersehe. Mist!
Sie überlegte gerade, ob es ein günstiger Moment sein könnte, das Thema jetzt anzuschneiden, da erhob Rob sich. Automatisch stand sie auch mit auf. Einen Augenblick sah er sie noch nachdenklich an, dann grinste er. »Ich hoffe, dass es für dich diesmal nicht genauso unangenehm ist wie neulich, wenn ich dir sage, dass du mich nicht wieder loswirst. Ich gehe jetzt, wir sehen uns aber bald wieder.«
Einerseits war Charlotta über den abrupten Aufbruch überrascht. Andererseits musste sie das Gesagte noch mal sortieren und sich Gedanken machen, bevor sie mit ihm weiter darüber diskutierte. Er schien über solche Dinge schon viel häufiger nachgedacht zu haben. Und – er hatte ja angedeutet, dass sie sich bald wiedersehen würden. Dann könnte sie ihre weiteren Fragen auch noch loswerden. »Willst du … hast du … meine Telefonnummer …?«, stammelte sie. Normalerweise hätte er sie fragen sollen. Wie wollte er sich mit ihr verabreden, wenn er sie nicht anrufen konnte?
»Heißt das, dass du diesmal nicht böse auf mich bist und mich auch wiedersehen möchtest?« Die hellbraunen Augen waren fest auf ihre graublauen gerichtet. Nervös nickte Charlotta. Sie lächelte verlegen, während sich Robs Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog. Noch bevor sie ahnte, was er plante, umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen und drückte ihr einen überraschend festen Kuss auf die Lippen. Er lachte fröhlich über ihren empörten Gesichtsausdruck, lief durch den Garten und war mit einem beachtenswerten Sprung über den nicht allzu niedrigen Gartenzaun verschwunden.
»Na, wenn das so einfach ist, wofür habe ich dann überhaupt einen Zaun?«, murmelte Charlotta beeindruckt. Gedankenverloren fuhr sie mit dem Finger über ihre Lippen, die dort kribbelten, wo er sie berührt hatte.
Langsam drehte sie sich um und schlenderte zurück ins Haus. Im Flur hing ein großer Spiegel, und sie besah sich kritisch darin. Zuerst ihre Haare. Sie hatte sie in der Eile unordentlich hochgesteckt. Ein paar kleinere Strähnen im Nacken waren beim Duschen nass geworden und kringelten sich über den Blusenkragen.
Читать дальше