Wo mochte Rob wohnen? Mit Paul und mit wem auch immer. Er würde wohl nicht allein leben. Aber wo? Sie ertappte sich dabei, dass sie nach ihm Ausschau hielt. Sie hätte ihn gern gewarnt. Vielleicht las er keine Zeitung. Hörte er die Lokalnachrichten? Wenn er aufgrund der Abfuhr, die sie ihm erteilt hatte, seitdem nicht mehr in der Stadt gewesen war, konnte er auch von der aufgeheizten Stimmung gegen die riesigen und gefährlichen Monsterwölfe nichts mitbekommen haben.
Obwohl sie genau genommen gar keine Lust auf eine Unterhaltung mit ihm hatte, wollte sie nicht schuld daran sein, wenn die großen Tiere den Jägern zum Opfer fielen. Dass sich die Wölfe tatsächlich noch in der Gegend befanden, wusste sie. Sie glaubte sogar, inzwischen drei verschiedene Exemplare ausgemacht zu haben – wenngleich sie sie selten im Hellen gesehen hatte.
»Charlotta, warte eben«, rief eine atemlose Stimme hinter ihr.
Die junge Frau blieb stehen, drehte sich aber nicht um und schloss ergeben die Augen. »Was willst du, Horst?« Es klang nicht sehr freundlich, aber sie merkte selbst, dass sie bei Horst sehr schnell sehr ungeduldig wurde.
»Am ersten Juliwochenende ist doch der große Krankenhausball. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht mit mir dorthin gehen würdest.« Charlotta atmete tief durch und wandte sich nun doch zu ihm um.
Horst arbeitete in der Krankenhausverwaltung. Seit etwa zwei Jahren schmachtete er Charlotta auf eine Art und Weise an, die sie äußerst unangenehm fand. Sie konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber sie war sich sicher, dass er ihr gelegentlich eine Rose hinter den Scheibenwischer klemmte. Und das auch schon zu der Zeit, als sie noch mit Ralph zusammen gewesen war. Aber seit es sich herumgesprochen hatte, dass Ralph und sie kein Paar mehr waren, machte er sich anscheinend immer mehr Hoffnungen und hatte seine Bemühungen intensiviert.
Es verging kaum eine Woche, in der er ihr nicht ein kleines Geschenk machte. Mal lag eine Schachtel Pralinen vor ihrem Spind, mal wurde ein Strauß Blumen zu ihr nach Hause geliefert. Gelegentlich fand sie dann ein winziges Kärtchen, das an das Geschenk geheftet wurde, auf dem aber nur sein Name stand. Sonst nichts. Dazu kamen die vielen kleinen Sachen, die sie immer wieder fand, auf denen aber kein Name stand.
Längst waren sie beide Gesprächs- und Kicherthema im gesamten Krankenhaus. Charlotta hatte ihn schon mehrfach gebeten, das zu unterlassen. Doch er lächelte sie dann immer mit einem Blick an, der lange vorm Spiegel geübt worden sein musste, der bei Charlotta aber keine, vor allem keine positive Wirkung zeigte. Und am nächsten Tag klebte trotzdem wieder eine teure Praline an ihrem Spind.
Wenn sie ihm die Pralinen, das Parfüm oder die CD zurückgeben wollte, leugnete er, dass sie von ihm kamen. Dabei zwinkerte er ihr allerdings zu, sodass sie seinen Worten nicht glaubte, die Sachen aber nicht wieder an ihn loswurde. Dabei konnte Horst nicht einmal zwinkern: Er kniff beide Augen zu und zog dann das Gesicht zu einer Seite hin schief, in der irrigen Annahme, dass es aussah wie ein Augenzwinkern.
Auch fand sie nach längerer Pause seit vielen Wochen immer mal wieder eine anonyme Rose hinter ihrem Scheibenwischer. Hier hoffte sie fast schon, dass die von Horst waren, um sich nicht mit der Möglichkeit auseinandersetzen zu müssen, sich noch wegen eines weiteren Mannes Gedanken machen zu müssen. Auf der anderen Seite hielt sie sich für realistisch genug nicht anzunehmen, dass sich plötzlich die Hälfte der Männer der Stadt unrettbar in sie verliebt haben könnte. – Rob? Nein, das wäre nicht sein Stil. Dennoch konnte Charlotta nicht leugnen, dass ihr Herz ein bisschen schneller schlug.
Horst war ein netter Mann. Allerdings war in diesem Fall »nett« der kleine Bruder von »scheiße«. Horst galt im Krankenhaus wirklich nur als nett und sehr hilfsbereit. Mehr nicht. Sie kannte niemanden, der sich vielleicht mal mit Horst verabredet hätte. Charlotta fand keine gemeinsamen Themen für eine Unterhaltung mit ihm und umgekehrt schien es genauso zu sein. Wenn er sie auf dem Krankenhausgelände abfing, entstand nach der Begrüßung meist ein unangenehmes Schweigen. Von Attraktivität konnte man bei Horst mal so gar nicht sprechen. Irgendwo in diesem Universum mochte es eine Frau geben, die das anders sah – doch nicht Charlotta. Fast sechzig Jahre alt, hatte er ihr auch schon verkündet, wie hoch seine Rente sein würde und was sie beide sich davon leisten könnten … Mit seiner penetranten Hartnäckigkeit machte er ihr manchmal sogar ein bisschen Angst.
Und beim Gedanken an den Krankenhausball, den ihr Arbeitgeber einmal pro Jahr für seine Angestellten veranstaltete, gruselte es sie. Charlotta stellte sich gerade vor, wie Horst sie zum Tanzen auffordern und dabei mit schwitzig-nassen Händen anfassen würde … In diesem Moment musste sie sich zusammenreißen, um sich nicht zu schütteln. Es gab nur wenige Menschen, die ihr so unangenehm waren, wie Horst Myers.
»Tut mir leid, Horst. Ich gehe gar nicht hin.«
»Waas?« Horst sah aus wie ein geprügelter Hund und fuhr sich mit der Hand nervös durch die flusigen schütteren rotblonden Haare. » Warum nicht?« Er schien fest mit ihrer Zusage gerechnet zu haben, wobei Charlotta wirklich kein Grund einfiel, womit er seine Zuversicht begründen könnte. Allerdings fiel ihr so schnell auch keine Ausrede ein, mit der sie absagen konnte – außer, keine Lust zu haben. Die Wahrheit sagte sie besser nicht.
»Weil sie an dem Tag schon mit mir verabredet ist.« Als sie die ruhige tiefe Stimme in ihrem Rücken vernahm, wurde Charlotta augenblicklich furchtbar warm. Verzweifelt bemühte sie sich, ihren Atem unter Kontrolle zu bekommen und nicht allzu verstört zu wirken. Auch Horst wirkte überrascht – offensichtlich hatte er den Mann nicht kommen sehen, obschon der nun direkt hinter Charlotta stand. Die holte tief Luft, dann drehte sie sich um. An einem Laternenmast, keine zwei Meter von ihr entfernt, lehnte Rob und machte nach außen hin einen aufgeräumten lässigen Eindruck. »Du siehst so überrascht aus, Lotta. Ich habe fast den Eindruck, du hast vergessen, dass ich dich heute abholen wollte.« Er grinste, und seine Augen funkelten.
»Ähm …«
»Du hast mir gar nicht gesagt, dass du einen neuen Freund hast.« Horst war offensichtlich beleidigt.
Hilflos und verzweifelt sah Charlotta Rob an, der netterweise noch einmal für sie das Antworten übernahm. »Es ist vielleicht auch noch ein bisschen zu früh von mir als ’nem neuen Freund zu sprechen«, sagte er in versöhnlichem Ton, setzte dann aber hinzu: »Ist es bei Ihnen in der Klinik üblich, dass das Pflegepersonal in der Verwaltung bekannt gibt, mit wem es verabredet ist?« Robs Stimme klang jetzt ernst und ehrlich überrascht, doch erkannte Charlotta, die ihn immer noch ansah, dass es in seinen Augen blitzte.
Horst schnappte nach Luft. »Nein, natürlich … ich meine … woher wissen Sie überhaupt, dass ich …«, stammelte er.
»Irgendwer hat’s mir wohl erzählt. Jetzt müssen wir aber los, damit wir uns nicht verspäten. – Kommst du, Lotta?«
»Ähm … ja …« Sie wandte sich zu Horst um. »Du hörst ja, ich bin an dem Tag nicht auf dem Ball. Mach’s gut!« Im gleichen Augenblick spürte sie eine Hand in ihrem Rücken, die sie zielstrebig über den Parkplatz schob.
»Weißt du, dass er immer wieder Blumen an dein Auto hängt und auch oft bei dir vorm Haus herumschleicht?«, zischte Rob im Weitergehen. »Ich habe ihn auch schon in deinem Garten gesehen.«
Überrascht blieb Charlotta stehen und stürzte fast, als Rob sie einfach weiterschob. »Woher weißt du , dass Horst in meinem Garten war?«
»Nachts schleicht er da rum!«
»Nachts? Was machst du denn nachts, dass du siehst, was dann in meinem Garten passiert? Und woher weißt du von den Blumen?« Fassungslos sah sie ihn an. Das Ganze wurde immer undurchsichtiger.
Читать дальше