Und es war gerade der Österreicher Karl Schupp, der den jungen Luftwaffenoffiziers Stern hämisch grinsend zu sich befahl, sobald er die Stelle eines Gruppenkommandeurs in Rechlin übernommen hatte.
„Du bist also dieser Wunderknabe, von dem hier alle reden“, hatte er den Leutnant neidisch angeschnauzt, ehe er sich jovial in seinem Ledersessel zurücklehnte.
„Albert Stern – klingt irgendwie jüdisch, findest du nicht?
Tja, ums kurz zu machen – ich dulde in meiner fliegenden Gruppe keine Nichtarier – das muss dir doch wohl klar sein. Da nützt dir all dein fliegerisches Können gar nix, denn wir halten dich, schon allein wegen deiner vom Nachnamen her zu vermutenden jüdischen Abstammung, für unzuverlässig“, giftete er den völlig fassungslosen Luftwaffenleutnant jetzt an.
„Du hast nur Glück, dass wir dir dreckigem Judenlumpen das dank der in Hamburger Bombennächten vernichteten Melderegister und deiner im Feuersturm verbrannten Eltern bisher nicht nachweisen können. Aber nach dem Endsieg werde ich mir dich persönlich vorknöpfen, das verspreche ich dir – und jetzt scher dich hier raus.
Deine gestern eingetroffene Beförderung zum Oberleutnant kannst du übrigens auch vergessen“, hatte ihm der Hauptsturmführer noch verächtlich hinterhergerufen, als er die Tür der Fliegerbaracke hinter dem jungen Offizier der von ihm verhassten Luftwaffe ins Schloss warf.
In Folge – und weil man ohnehin schon knapp an Personal war – musste Albert Stern seine Strafversetzung in das Luftnachrichtenregiment 227 der Luftwaffe hinnehmen, wo er jetzt als Radarleitoffizier seine letzten Tage bis zum Kriegsende verbringen sollte.
Am Morgen des von der SS angeordneten Sonderflugs hatte ihm ein Luftwaffenfeldwebel ein geheimes Fernschreiben in die Hand gedrückt, das in anwies, der für die kommende Nacht angekündigten Do 335 Hilfestellung beim Überqueren der Alpen zu leisten.
Als er den Sonderauftrag mit Flugroute und den Namen des Piloten zur Kenntnis nahm, hatte er mit versteinerter Miene die Hände in den Taschen geballt. Und ihm war sofort klar gewesen, was hier gespielt wurde.
„Kriegswichtige Dokumente nach Spanien – dass ich nicht lache. Transportiert vom Herrn Hauptsturmführer Karl Schupp, soso. Die feigen Ratten verlassen also das sinkende Schiff“, dachte er bei sich.
„Ausgerechnet dieses SS-Schwein, das mich damals aus der E-Stelle geworfen hat. Aber, wie man jetzt sieht, trifft man sich immer zweimal im Leben…“
Bis zu den Alpen hatte der mit vollen Tanks gestartete Nazi-Pilot Schupp noch gute Sicht, aber dann fingen die vom örtlichen Flugplatzkommandanten in Erding vorhergesagten Gewitterturbulenzen an, ihm zunehmend Schwierigkeiten zu bereiten.
Außerdem geriet Karl Schupp schon bei Mittenwald – trotz seiner hohen Geschwindigkeit von knapp über 600 km/h – zum dritten Mal unter Flak-Beschuss der in Richtung Tirol vorrückenden US-Streitkräfte.
Daher beschloss er, bei Scharnitz von seiner geplanten Route abzuweichen und im Tiefflug entlang der Isar weiter nach Osten in das Karwendelgebirge zu fliegen, um von dort aus die Nordkette der Alpen in Richtung Innsbruck zu überqueren. Zugleich begann er, wegen des einsetzenden Nebels und seines nicht ganz zuverlässigen Höhenmessers, verzweifelt die Freya-Stellung SALAMANDER auf der Nachtjägerwelle zu rufen.
Doch dabei hatte er die Rechnung ohne die inzwischen über dem Gebirge tobende Gewitterfront und die damit einhergehenden Fallwinde gemacht, die jetzt seine volle Konzentration beanspruchten und ihm kaum Zeit für Funksprüche ließen.
Und wegen der atmosphärischen Störungen kam offenbar ohnehin kein Funkkontakt mit der Radarstellung SALAMANDER auf dem Hafelekar zustande.
Dafür hatte unter anderem aber auch Leutnant Stern gesorgt, der die abgehackten Rufe des SS-Piloten sehr wohl in seinem Kopfhörer vernahm. Allerdings hatte er nicht das geringste Interesse, den verhassten SS-Piloten per Funk zu erreichen. Und genau zu diesem Zweck hatte er schon am Nachmittag das zur Antenne führende Hauptkabel aller Sendeempfänger wohlweislich gelockert.
„Ich kann den Kerl kaum hören – und er mich offenbar auch nicht! Kriegt jemand von euch ihn besser rein? Ich hab’ nur Krachen und unverständliche Wortfetzen im Kopfhörer.“
Wie von ihm nicht anders erwartet, verneinten die nur notausgebildeten Luftwaffenhelfer seiner in den letzten Tagen immer mehr zusammengeschrumpften Bedienermannschaft sofort.
Die aus der Hitlerjugend stammenden jungen Leute waren einfach nicht erfahren genug, mittels der neuartigen Technik die Funksignale der Do 335 sauber zu selektieren, wozu natürlich auch die von Leutnant Stern sabotierte Antennenkopplung ihren Teil beitrug.
„Ich glaub’ das hat keinen Zweck. Hoffen wir mal, dass der angekündigte Pilot es auch ohne unsere Hilfe schafft.“ Damit wandte sich Albert Stern zu seinem im Hintergrund an einem Schreibtisch sitzenden Feldwebel:
„Franz, Eintrag ins Dienstbuch: 17:28 Uhr. Verbindungsaufnahme mit angekündigtem Sonderflug aufgrund starken Gewitters und atmosphärischer Störungen unmöglich. Schreib’s auf. Du weißt ja, ordentliche Buchhaltung muss sein, auch wenn das sehr wahrscheinlich die letzte großdeutsche Maschine gewesen sein dürfte, die wir von hier aus zu betreuen hatten.“
Leutnant Stern grinste seinen altgedienten Feldwebel jetzt an. „Und jetzt sorgen wir beide dafür, dass hier oben keiner von unseren Jungs mehr weitere Heldentaten vollbringt oder gar noch einen sinnlosen Heldentod stirbt. Da unten in Innsbruck ist schon das große Chaos im Gange – und es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die Amis zu uns raufkommen.“
Dabei ließ sich Leutnant Stern in keiner Weise anmerken, dass er bezüglich des Sonderflugs und dessen Piloten Karl Schupp ganz andere Gedanken hegte.
„Dann mal viel Glück, du blöder Scheißkerl! Jetzt kannst du ja mal zeigen, was für ein toller Pilot du in Wirklichkeit bist. Ich warte dann nach dem Endsieg auf dich – sofern du das heute überlebst. Wovon nicht auszugehen ist“, dachte er sarkastisch grinsend bei sich, ohne über seine an der Funkanlage verübte Sabotage auch nur den Hauch eines Gewissensbisses zu empfinden.
„So ein Scheiß!“, war das letzte, was Karl Schupp wütend von sich gab, ehe er sich kurz vor 18:00 Uhr mit seiner Hochgeschwindigkeitsmaschine in völligem Blindflug mit fast 650 Stundenkilometern Geschwindigkeit in die Kalkfelsen eines Karwendelausläufers östlich von Scharnitz bohrte.
Seine bereits nach Spanien geflohenen SS-Kumpane würden also vergeblich auf die geraubten Juwelen und Pretiosen warten, mit denen sie von dort aus nach Südamerika zu entkommen gedacht hatten.
Leutnant Albert Stein überlebte den Krieg. Mit seinen wenigen Leuten hatte er auf dem Hafelekar ausgeharrt, bis die Amerikaner per Bergbahn vor der Radarstellung erschienen, um deren Besatzung gefangen zu nehmen.
„Lasst euch ja nicht einfallen, Widerstand zu leisten“, hatte er seinen verbliebenen Leuten eingeschärft, nachdem einige von ihnen schon in den Tagen zuvor nicht mehr zum Dienst auf dem Hafelekar erschienen waren.
„In Innsbruck ist’s zurzeit ziemlich gefährlich. Und die Standgerichte der SS sind sicher schon am Werk und erschießen jeden, der in Wehrmachtsuniform dort unten kopflos herumirrt oder zu flüchten versucht. Wir werden uns den Amis deshalb hier oben ergeben, denn der Krieg ist für uns ab sofort zu Ende.“
Nach kurzer Gefangenschaft und ein paar Jahren, die Albert Stern in den USA verbrachte, beschloss er schließlich im Jahr 1952 in den neu gegründeten Staat Israel – und damit ins Land seiner Vorfahren auszuwandern.
Dort kaufte er sich nach seiner Einbürgerung ein Stück Land, heiratete kurz darauf, bekam Kinder und Enkel und lebte fortan ein friedliches Leben als erfolgreicher Winzer und Farmer, der allerdings von Fliegerei und Militär nichts mehr wissen wollte.
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