Die dortigen Luftwaffenknilche sind nachtjagdeinsatzfähig und können den Luftraum bis Trient überwachen. Die sollen Ihnen dann sagen, ob und wo Ihre Flugstrecke über den Brenner feindfrei ist. Alles verstanden, Hauptsturmführer?“
„Jawoll, Herr Brigadeführer – alles verstanden! Ich mach’ dann mal die Flugplanung. Melde mich ab“, erwiderte der betont zackig salutierende SS-Offizier Schupp, ehe er sich auf den Weg zur Einsatzbaracke der Erprobungsstelle Rechlin machte.
Als Karl Schupp nach einem kurzen Telefonat mit seinem Bruder Walter knapp eine Stunde später in Richtung der abflugbereiten Do 335 ging, fielen ihm die in Zugstärke angetretenen SS-Wachen auf, die den inzwischen aufgetankten Flieger wohl bis zum Start nicht aus den Augen lassen sollten.
„Herr Hauptsturmführer, Ihre Ladung ist bereits an Bord. Der innere Bombenschacht ist deswegen nicht bedienbar. Aber Sie haben ja für den Fall der Fälle noch Ihre drei Bordkanonen“, meldete der wachhabende SS-Scharführer sofort.
„Bei der Geschwindigkeit, die diese Kiste fliegt, werde ich die kaum brauchen und den scheiß Amis werd’ ich wohl ’ne lange Nase drehen, Scharführer. Trotzdem, vielen Dank fürs Bewachen. Ich geb’ euch Zeichen, wann ihr die Bremsklötze wegziehen sollt. Alles klar?“
„Verstanden, Herr Hauptsturmführer! Wir warten auf Ihr Daumen-hoch-Zeichen“, erwiderte der SS-Mann gleich darauf.
Doch der letzte Flug der Do 335 sollte anders verlaufen, als von ihrem Flugzeugführer geplant. Als Karl Schupp am späten Nachmittag kurz nach Ingolstadt in Richtung Erding abdrehte, bemerkte er schon die Gewitterwolken, die sich über der Alpenkette langsam aufzutürmen begannen. Und auch im Voralpengebiet hatte es bereits zu regnen begonnen.
„Sie wollen bei dem Dreckwetter doch nicht mitten in dieses Gewitter hineinfliegen?“, hatte der Luftwaffenoberst gefragt, als sich Karl Schupp mit seiner Überführungsmission zum Auftanken bei dem Platzkommandanten des Luftwaffenstützpunkts meldete.
„Genau das will ich, Herr Oberst. Wozu ist man schließlich Testpilot? Auch wenn die großdeutsche Luftwaffe mich vor einigen Jahren ausgemustert hat, habe ich noch immer den Glauben an mein fliegerisches Können und den Endsieg nicht verloren. Was man ja leider nicht von jedem aktiven Luftwaffenpiloten behaupten kann. Und Sie, verehrter Herr Oberst, hätten diesen Glauben wohl besser auch“, erwiderte Karl Schupp ein wenig pikiert.
„Wo kann ich hier mal ungestört telefonieren“, fragte er dann weiter, wobei er die von Wut geprägte Miene seines Gegenübers geflissentlich übersah.
„Nehmen Sie den Apparat hier in meinem Büro – ich geh’ so lange nach draußen. Die Null vorwählen, wenn Sie ein Amt haben wollen, die Neun, wenn Sie mit Berlin sprechen wollen. Sofern die Verbindungen noch funktionieren. Die Amerikaner sind nämlich bereits auf dem Weg hierher. Besser Sie schauen nach dem Auftanken, dass Sie rasch von hier wegkommen. Hier ist übrigens noch ein Fernschreiben, das vorhin noch für Sie durchgekommen ist.“
Nach dem Lesen des kurzen Texts, hatte Karl Schupp schon wenige Minuten später seinen in Innsbruck lebenden Bruder Walter am Ohr. „Bin gerade in der Nähe von München gelandet und fliege gleich nach Süden weiter. Wie ist das Wetter bei dir in Innsbruck?“
„Nicht berauschend. Seit zwei Stunden tobt hier ein Schneegewitter, das sich gewaschen hat. Wieso fragst du?“
„Na ja, ich muss nachher noch bei – oder besser gesagt – über dir vorbei. Aber sag’ mal, was haben du und deine Fahnder in Paris, Wien und Berlin den fetten Judenbonzen denn die ganzen Jahre über an kleinvolumigen Wertgegenständen abgenommen, die ich anscheinend heut’ Nacht mit meinem Vogel zu unseren schon in Spanien weilenden SS-Kameraden bringen soll?
Mit ‚klein’ meine ich Dinge, die einzeln so leicht sind, dass sie zwar meinen 500 kg-Bombenschacht fast füllen, aber trotz ihres geringen Einzelgewichts ein Maximum an Wert darstellen. Schwere Goldbarren sind das ja wahrscheinlich eher nicht.“
„Genaues weiß ich auch nicht – aber die Aktion trägt den Namen ‚Juwel’ – also mach’ dir selber ’nen Reim drauf“, erwiderte der verdeckt arbeitende Gestapo 3-Beamte Walter Schupp nach einer Denkpause, in der er darüber nachdachte, wie weit er seinen Bruder in die letztlich von ihm mit angeleierte Aktion einweihen durfte.
„Und am Telefon darüber quatschen sollten wir auch nicht. Wer weiß, wie viele Fernmeldeverbindungen inzwischen schon vom Feind abgehört werden.
Nur soviel: Das, was du für den Reichsführer gerade nach Spanien transportierst, ist eine absolut entscheidende Sache für das Überleben unserer nationalsozialistischen Partei. Denn wenn das ganze Tohuwabohu hier erst mal das absehbare Ende gefunden hat, ist für unsere Kameraden und Freunde im Ausland eine gesicherte finanzielle Basis lebensnotwendig.“
„Dann erklär’ mir mal, warum du in deiner Ostmark bleiben willst. Die scheiß Alliierten sind ja schon dabei, sich von Norden und Süden auf der Brennerroute voranzukämpfen und sie haben dich doch in Innsbruck dann gleich am Wickel. Und sehr wahrscheinlich haben sie dich, trotz deiner wissenschaftlichen Reputation, schon längst als verdeckten Mitarbeiter der Gestapo auf dem Kieker.“
„Nein, haben sie nicht! Ich bin nämlich offiziell ein junger, nach außen bislang dem Nationalsozialismus gegenüber eher kritisch eingestellter Historiker und Hochschullehrer.
Und was ich in den letzten Jahren als verdeckter Experte bei der Gestapo gemacht habe, ist nirgends dokumentiert worden. Mir hat bisher noch nie einer ans Bein pinkeln können. Und das wird auch künftig nicht passieren. Melde dich, wenn du in Spanien gelandet bist – und bis dorthin wünsch’ ich dir Hals- und Beinbruch.“
„Halt’ die Ohren steif, Walter. Wir treffen uns sicher, wenn der ganze Zirkus demnächst vorüber ist – vielleicht sogar an einem Strand in Südamerika“, beendete Karl Schupp jovial grinsend das Gespräch – ohne zu wissen, dass dies das letzte Telefonat mit seinem Bruder gewesen sein würde.
Um kurz vor 17:00 Uhr des gleichen Tages startete Karl Schupp im strömenden Regen bei nahezu null Sicht vom Flugplatz Erding.
Die angebliche Wertfracht von knapp einer halben Tonne, die man schon in Rechlin in den innen liegenden, und im Nachgang verschweißten Bombenschacht gepackt hatte, spürte der Pilot, sobald er mit der Do 335 von der regendurchnässten Startbahn abgehoben hatte.
Erst auf 1.000 Meter Höhe bekam Karl Schupp seine Maschine wieder einigermaßen in den Griff und gab danach volle Leistung auf Front- und Heckpropeller.
„So ein scheiß Wetter – und das ausgerechnet heute“, dachte er, als er mit durchgedrücktem Gashebel weiter an Höhe gewann, um seinen ersten Funkspruch an die Station SALAMANDER absetzen zu können.
Zur gleichen Zeit saß in der Freya-Stellung SALAMANDER ein Luftwaffenleutnant namens Albert Stern zusammen mit ein paar von ihm ausgesuchten Luftwaffenhelfern an den Bedienungskonsolen der kombinierten Radar- und Funkanlage.
Der ehemalige Kampfflieger Stern hatte im Sommer 1943 seine Eltern beim verheerenden Brandbombenangriff auf Hamburg verloren. Aus Zorn darüber – und weil er schon als 16-jähriger mit dem Segelfliegen begonnen hatte, meldete er sich deshalb mit gerade mal achtzehn als Kriegsfreiwilliger bei der Flugzeugführerschule der Luftwaffe in Guben bei Cottbus.
Schon bald erkannten seine Ausbilder dort sein herausragendes fliegerisches Talent. Deshalb landete er gleich nach seiner Ausbildung als Fähnrich bei der Erprobungsstelle Rechlin, um dort neue Flugzeugmuster auf Herz und Nieren zu prüfen.
Seine Stellung als Testpilot der E-Stelle verlor der inzwischen zum Leutnant beförderte zwanzigjährige Albert Stern allerdings etwa zu dem Zeitpunkt, als SS-Angehörige die Basis ab Ende 1944 mehr und mehr unter ihr Kommando brachten.
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