Nach dieser Litanei prustete Nina los vor Lachen: „Warum sind Sie dann überhaupt Schulrätin geworden, wenn Sie keinen Druck ausüben wollen?" „Na, weil ich die Nase voll hatte vom Dienst an der Front. Viel Stress und keine Anerkennung! Von Wertschätzung und Erhaltung der Lehrergesundheit wird viel gesprochen, aber wann erleben Lehrer das alles denn wirklich? Außerdem möchte ich beruflich mal eine Abwechslung. Die Posten in der Verwaltung haben merkwürdigerweise ein besseres Prestige als die beinharte Lehrerarbeit. Dabei bedeutet Verwaltungserfahrung doch oft nur maximale Intrigenkompetenz. Dafür dann eine oder mehr Gehaltsgruppen höher ist nicht schlecht! Mehr Geld gibt es eben nur bei den Schulflüchtlingen hinter der Front, an den Schreibtischen der Ämter und Ministerien. So viel zur Wertschätzung von Lehrerarbeit."
„Schulflüchtlinge, guter Begriff“, kicherte Nina. „Dann werden sie eben lernen müssen, Druck auszuüben, auch wenn Ihnen das erst mal unmöglich erscheint. Lehrer möchten auch keinen Druck ausüben, wenn sie mit pädagogischem Feuereifer ihre Arbeit in der Schule beginnen. Nach und nach zieht dann Realismus ein", sagte Nina zur frisch gebackenen Schulrätin. Diese schien nicht begeistert von Ninas Prognose: „Und es sind übrigens immer die Schulflüchtlinge und externe Personengruppen, die die Reformen durchpeitschen. Die, die den Schlamassel in der Schule selbst nicht ausbaden müssen, aber auf Kosten der Schüler, Lehrer und Schulleiter an ihrer eigenen Karriere und ihrem Kontostand basteln.“
Beide holten sich einen Latte Macchiato in einem großen Glas und ein Stück Streuselkuchen. Wenn dieser Aufenthalt so nahrhaft weiterging, dachte Nina, würde sie noch zunehmen. Am Tisch saßen bereits einige Kolleginnen im braven Blüschen-Look, die sich angeregt unterhielten. Es fielen Sätze wie: „Es musste etwas geschehen, so konnte es nicht weitergehen." „Lehrer als Einzelkämpfer, das funktioniert nicht mehr. Das war höchste Zeit! Wir haben jede Woche zwei volle Nachmittage Kooperationszeit und werden demnächst eine Ganztagsschule. Jetzt werden die Kollegen richtig motiviert. Wir besprechen alles pädagogisch und dokumentieren dann im Qualitätsordner. Da kann keiner mehr meckern, wir hätten nachmittags frei! " „Lehrer bewägen sich einfach net genügend. Schule ischt wie ein unbewäglicher Riesentanker, habe ich erscht letzthin in einem Vortrag von dem großen Bildungsinnovator Bob Aggerman, dem Schweizer da, gehört. Und der Mann hat Recht. I hab mi wie einbetoniert gfühlt in der Schul, aber jetzt kommt endlich Bewägung in die Sache. Wir machet uns auf de Wäg."
Was war denn das für eine Liga hier? Zu welcher Kick-off-Veranstaltung hatte man die denn vor Kurzem eingeladen? Ninas Stirn runzelte sich unwillkürlich, ein Blick auf Madame Stöckelschuh genügte. Diese hatte bereits eine rötliche Gesichtsfarbe und kaute verbissen auf den Streuseln. Und dann konnte sie nicht mehr an sich halten: „Als ob Lehrer nicht schon genug zu tun hätten. Erst macht man sie zu Einzelkämpfern, indem man sie nicht mit entsprechendem Personal unterstützt und ihren pädagogischen Idealismus ausbeutet. Sie müssen in der Schule alles in Personalunion stemmen vom Unterrichten in großen Klassen über die Medikamentenversorgung von kranken Kindern bis hin zum Klassenzimmerfegen. Und dann wirft man ihnen genau dieses äußerst verantwortliche Verhalten vor, das man ihnen oft auch noch in einer rechtsunsicheren Situation abfordert - und nennt es plötzlich abwertend Einzelkämpfertum. Das ist wirklich ziemlich fies.“
Die Schulrätin hatte sich etwas in Rage geredet: „Bewusst werden Medien-Kampagnen gegen Lehrer gefahren, als ob diese für alle Bildungsprobleme verantwortlich seien. Das ist öffentliche Entwertung und Deprofessionalisierung des Lehrerberufs. Wer hat denn ein Interesse daran, Lehrer so dastehen zu lassen? Fragt sich das jemand? Und dann stimmen die Lehrer auch noch selbst unkritisch und ein bisschen feige Maßnahmen zu, die ihren Berufsalltag noch komplizierter und bürokratischer machen. Sie lassen sich unkritisch und pädagogisch-naiv ausbeuten, bis die Lehrergesundheit schwächelt und verachten die wenigen Mutigen, die sich wehren und klar „Nein“ sagen zu den ausbeuterischen Zumutungen. Man kann also auf die Wirkung des „Teile und Herrsche“ setzen.“
Die Schulrätin blickte in erstaunte Gesichter: „Lehrer helfen so selbst mit, ihren eigenen Berufsstand zu proletarisieren und in letzter Konsequenz zu prekarisieren. Sie blockieren sich das freie Arbeiten, das doch am meisten Freude macht und den Lehrerberuf bisher immer noch erstrebenswert gemacht hat. Das Kerngeschäft Unterrichten wird aber immer mehr vernachlässigt. Stichwort Qualitätsmanagement - mit QM wachsen jüngere Kollegen auf, als sei es unabdingbares Bildungsmanna und würde tatsächlich die Qualität der Bildung anheben. Wurde das schon einmal untersucht? Geht es Schülern und Lehrern damit wirklich besser? Oder will man nur die totale Kontrolle über Lehrer, Schüler und verlotterte Schulhäuser und durch das Zertifizieren mit speziellen Programmen und das Ranking in diversen neu kreierten Medien vor allem Geld verdienen?"
Die Damen der Liga verstummten und schauten sich ratlos an. So viel harsche Kritik! Durfte man das überhaupt, wenn man beamteter Lehrer war? Und dazu noch hier in der Lehrerfortbildung, wo alle zuhörten? Zuhause bei ihren Ehemännern und Freundinnen hatten sie sich hundertprozentig auch schon über die unnötigen Kooperationszeiten – eine ziemlich nutzlose Herumhockerei, die einem nur wertvolle Vorbereitungszeit stahl - an zwei zusätzlichen Nachmittagen aufgeregt, aber hier? Als ob sie an ihrer Grundschule nicht alle Kolleginnen in und auswendig kannten und ihren Unterricht nicht gemeinsam vorbereiteten. Aber jetzt kam eben noch Präsenzzeit hinzu! So bereitete man die flächendeckende Ganztagsschule und den Acht- bis Neunstundentag für Lehrer vor. Dabei war die Schulpraxis mit einem Bürojob in der Verwaltung vom Stresslevel her unvergleichbar.
Eine Weile stocherten alle drei Ladies mit der Kuchengabel in ihrem Kuchenstück, bis eine von ihnen auf die glänzende Idee kam, das Thema zu wechseln: „In welchem Kurs sind Sie denn?"
Stöckelschuh, übrigens alias Annette Muth, so viel hatte sie Nina schon verraten, meinte: „Ich bin in einem Einführungskurs für neu ernannte Schulräte." Die Damen kamen jetzt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eine verließ hektisch den Tisch und verschwand mit einem „Tschüßle, mir sehet uns" aus dem Raum. Recht hatte sie ja, denn es waren nur noch zehn Minuten bis zum Start des Bucherschen Inputs. Aber Nina wollte Annette jetzt nicht allein lassen. Nicht mit diesen angepassten und unreflektierten Muster-Pädagoginnen! Die beiden übrigen Damen sahen sich jetzt an und die eine meinte: „Unser Kurs geht gleich weiter. Schönen Tag noch!" Nach dem Abstellen des Geschirrs eilten sie davon. „Feigheit vor dem Feind!", lachte Nina hinüber zu Annette, „wir müssen gehen, sonst kommen wir zu spät. Man sieht sich!"
Grade hatte sie es noch geschafft. Nina ließ sich leise auf ihren Stuhl im Pestalozzisaal gleiten. Herr Bucher hatte das Titelbild seiner Power-Point-Präsentation schon am Laufen: „Konflikte als Chance", stand da in dicken Lettern. Oh ja, so musste man das wohl sehen, denn sonst würde man in der Schule verzweifeln. Bucher stellte Konfliktebenen und -phasen vor und erklärte, ab welchem Stadium es eines Mediators bedurfte. Demnach hätte der Mediator fast Dauergast in jeder Schule sein müssen. Und außerdem wurde es hier im Ländle immer noch als Angriff verstanden, wenn ein Lehrer einen Mediator mit zu einem Gespräch bat.
Nina dachte an einen Konfliktfall, der ihr vor einiger Zeit die Nachtruhe geraubt und Magenschmerzen beschert hatte, den Mobbingfall der Schülerinnen Larissa und Eva. Da wäre ein Mediator sicher auch hilfreich gewesen. Aber sie hatte an ihrer vorigen Schule erlebt, dass der Rektor das Hinzuziehen einer dritten Person in einem Konflikt nicht wollte und mit folgenden Worten abgelehnt hatte: „Das schaffen wir zwei doch alleine!" Damit war dann alles klar gewesen. Nina hatte keine Chance mehr gehabt und der Schulrat war auch schon vom Rektor gebrieft worden und haute Nina beim Gespräch später unfaire Anwürfe um die Ohren. Sie sei frauenfeindlich, ausgerechnet sie! Diese unverschämte Verdrehung hatte durchaus eine kreative Note, das musste man neidlos anerkennen.
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