Na, das war ja vielleicht mal eine nette Überraschung. Er war Berufsschullehrer und ließ sich hier zum Evaluatoren ausbilden. Mannomann! Evaluation das Reizwort der Schullandschaft! Ausgerechnet!
„Bevor ich mich evaluieren lasse, evaluiere ich doch lieber selbst", lachte David. „Aber was bringt der ganze Zauber denn?", fragte Nina zweifelnd. „Eine Menge Geld wird benötigt für Ihre Ausbildung, die entsprechenden Programme, die Gehälter der Evaluatoren - und was kommt hinten raus? Was ist der Output? Wohin gehen die Daten? Wer speichert sie und wie lange? Und was ändert sich dann wirklich zum Besseren? Und wer verdient daran?" „Das ist ja ein ganzer Katalog von Fragen", der Berufsschullehrer rollte lustig mit den Augen. „Na ja, Schulleitungen können erstmal die externe Evaluation als Druckmittel an ihrer Schule benutzen und damit einiges durchsetzen, was ihnen opportun erscheint. Dann kommen wir und geben Anregungen und manchmal wird sich dann tatsächlich etwas zum Besseren ändern. Alles wird natürlich genauestens dokumentiert, das ist sozusagen schon die halbe Miete. Und daran verdienen natürlich die Hersteller der Evaluationsprogramme für Schulen. Die Schule soll außerdem so marktgerecht für das Ranking vorbereitet werden und die Lehrer und Schulleitung haltungsmäßig entsprechend gebrieft. Die Daten werden gespeichert und glaube ich an große Bildungsunternehmen weitergeleitet und diese können sie dann geschäftlich nutzen. Klar."
„Klingt wahnsinnig nachhaltig, zumindest bei der Datenspeicherung", spottete Nina. „Mir gefällt's", meinte David, „ich bin dann unabhängig, arbeite mit einer netten Teampartnerin, in den Schulen wird man respektiert. Der Job ist wesentlich lockerer als der Lehrerjob in der Schule! Evaluation pro und contra, ist mir völlig egal. Hauptsache, mir geht es gut!"
Na, wenigstens ehrlich, dachte Nina. Die meisten Kollegen, die sie kannte, hätten jetzt bis zum Abwinken idealistische Zielsetzungen zum Besten gegeben, weil sie sich angepasst verhielten und sich keine freie Rede gestatteten. Freie Meinungsäußerung im hierarchisch organisierten Schulsystem war leider selten. Als hätten Beamte kein Recht darauf. Der Artikel 5 des Grundgesetzes galt anscheinend für alle anderen Menschen, nur für Lehrer nicht.
Lehrer wollten allen helfen und Schüler permanent fördern. Lehrer waren das wandelnde Helfersyndrom und fühlten sich erst dadurch wirklich lebensberechtigt. Und keiner dachte dabei an sich! So musste man daher reden, dann war man auf Linie und hatte Ansehen. Kein Wunder, dass an Orten, wo Lehrer und Schulverwaltungsbeamte versammelt waren, oft etwas Duckmäuserisches in der Luft lag und die eigene Meinung nur hinter vorgehaltener Hand zum Besten gegeben wurde. Wenn überhaupt! Dabei hatten viele Lehrer und Verwaltungsbeamte in der Regel ihre Schäfchen im Trockenen, wie Stephanie zum Beispiel, Zweitwagen und Hausbau inklusive.
„Das Essen schmeckt hervorragend", freute sich David, „und an der Salatbar ist jetzt auch nicht mehr viel los. Sollen wir uns noch einen Salat holen oder gleich den Nachtisch essen?" Nina plädierte für Nachtisch. Die Köchin stand mit ihrer weißen Jacke und Haube an einem Hackbrett und schnitt Ananas, Melonen, Äpfel und Kiwi in kleine Stücke und ordnete sie auf Tellern an. Frontcooking.
Frische Früchte waren gesund, da konnte man mit dem Salat ruhig einmal aussetzen. „Geben Sie mir Ihren Teller und das Besteck, ich bringe alles zurück und hole uns auf dem Rückweg zwei Früchteteller."
Nina konnte David nun von weitem genauer abchecken. Er war auffallend gut gestylt und wirkte sportlich, auch wenn er einen harmlosen Bauchansatz hatte. Der wirkte sogar sexy. Nina sah, wie auch andere Frauen ihn aus den Augenwinkeln betrachteten. Ja, Lehrerinnen waren weiß Gott nicht verwöhnt. Attraktive Männer waren in den Kollegien im Ländle eine Seltenheit. Wobei es in letzter Zeit etwas besser wurde bei den jungen männlichen Kollegen. Wo war eigentlich Rolfie, der Schwarzwälder, abgeblieben? Nina äugte vorsichtig in den Saal. Ach, da hinten saß er, flankiert von zwei Kolleginnen in Blau und Grau, die heftig mit ihm schnatterten. Na prima. Das lief doch.
Das Wort Evaluation schwirrte durch Ninas Kopf. Seit einigen Jahren gab es die Verordnung zur Evaluation, die der Qualitätssicherung und -entwicklung der Schulen dienen sollte. Die Pflicht zur Selbst- und Fremdevaluation galt für alle öffentlichen Schulen. In Ninas Augen war Evaluation eine Maßnahme, die für den Produktionsbereich vielleicht passend war, aber nicht für die Schule. Es wurde so wissenschaftlich-objektiv getan. Dabei war alles ziemlich pseudo. Konnte man Schule, Unterricht, menschlich-pädagogische Beziehungen und Leistungen von Lehrern und Schülern wirklich objektiv messen? Wer stellte die Kriterien dafür auf? Und maß man mit den Kriterien wirklich das, was man messen wollte? Was wurde damit bezweckt? Kamen willfährige Wissenschaftler dabei zum Zug, die den Zirkus mitmachten? Die Frage nach den Interessen hinter dem Aktionismus im Bildungsbereich wurde kaum gestellt und erschien nahezu unanständig. In den Vordergrund wurden immer pädagogische oder bildungspolitische Ziele gerückt. Und ganz evaluationsgerecht: die Bildungsqualität. Irgendwie sah es so aus, als hätte dieses Vorgehen Methode.
Mit den Noten war es genauso: Nur Probleme. Den meisten Lehrern war klar, dass Noten nicht wirklich objektiv und auch nicht unbedingt hilfreich waren, sondern hauptsächlich der Selektion und dem Druckausüben dienten. Evaluation durch Schulnoten war für pädagogisch gesinnte und kritische Lehrer eher ein bisschen schwierig. Und jetzt wollte man durch noch mehr Kontrolle, Prüfen und Messen mit Hilfe von Kompetenzrastern das Unterrichtsgeschehen effektiver machen? Und die Noten abschaffen? Wie sollte das denn gehen? Und war Effektivität überhaupt ein Kriterium, das in den Sozialbereich gehörte und passte? Kinder und Jugendliche und Effektivität. Das passte für sie einfach nicht so richtig zusammen. Der Mensch sollte in der Pädagogik im Mittelpunkt stehen, nicht die Effektivität! Und Lehrer waren auch Menschen.
David kam zurück und stellte ihr ein Glastellerchen mit Fruchtstückchen vor die Nase: „Das ist mein Beitrag zu Ihrer Lehrergesundheit! Sollen wir nicht du sagen? Ich bin David!" Nina lachte und war einverstanden. Das lief ja ziemlich flott, vielleicht sogar ein bisschen zu flott. Zwar trug David keinen Ehering, aber er wirkte sehr verheiratet. Also bloß keine zu großen Hoffnungen machen, dachte Nina und aß währenddessen ihren bunten Obstteller leer. Leckerchen!
Kapitel II – put put …Input
Nach dem Essen hatte Nina David zugewinkt, sich eine halbe Stunde in ihr Zimmer zurückgezogen und die Beine hochgelegt. Gleich sollte es Kaffee und Kuchen geben und danach den Input von Herrn Bucher. Auf dem Weg in den Speiseraum zum Kaffee- und Kuchenfassen traf sie Kollegin Stöckelschuh, die über das Schulrats-Briefing ergrimmt war: „Loyalität nennen die das, aber eigentlich meinen sie Unterordnung. Ich hoffe nur, dass ich mir genügend Freiraum schaffen kann, sonst macht das Schulrat-Sein keine Freude. Ich habe kein Interesse daran, Druck auszuüben. Lehrer stehen schon genügend unter Druck, Reformdruck, Leistungsdruck, Evaluationsdruck, Elterndruck, Schülerdruck, Lärmdruck, Inklusionsdruck, Ganztagsschuldruck … Und die Schulleitungen sind völlig überfordert, außer vielleicht den wenigen, die noch ein bisschen Kraft in Reserve haben und das Hamsterrad nicht wahrnehmen wollen, in dem sie laufen. Jeder weiß, dass die Rektorenstellen mittlerweile oft mehrmals ausgeschrieben werden, weil diesen Job keiner mehr machen möchte. Man gefährdet seine Gesundheit und das bisschen mehr Geld gleicht den erhöhten Einsatz nicht aus. Schulleiter haben kaum noch Zeit für ihr Privatleben.“
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