Mich trieb es nicht im mindesten dahin, kannte ich Wangenau doch nur aus den knappen Beschreibungen meiner Mutter, die dürftig genug ausgefallen waren, mir kein konkretes Bild von der Stadt, ja der gesamten Region entstehen zu lassen. Nicht einmal neugierig hatten sie mich gemacht, obwohl mir nicht entgangen war, dass meine Mutter eine Art Hassliebe zu ihrer Heimat empfand.
Regelmässig tauchte in ihren Reden der Name Wangenau auf, und jedesmal sprach sie ihn halb mit Abscheu, halb mit einer Art liebevoller Anhänglichkeit aus. Sie vor allem stiess mir unangenehm auf. Vereinfachend erklärte ich sie mir als nostalgische, sentimental eingefärbte, durchaus verständliche Anwandlung: meine Mutter hatte ihre Jugendjahre dort zugebracht. Direkt darauf angesprochen, was mir allerdings nur ein einziges Mal unterlief, rief sie erschreckt und abwehrend aus: Aber nein, sie sei doch in Zürich aufgewachsen! Was wiederum stimmte, schloss ich ihre Kindheit aus.
Das war es denn auch gewesen, und ich drang nicht weiter in sie. Und wirklich, ich erinnere mich nicht, dass sie oder meine Schwester, die wie ich auch in Wangenau geboren war, jemals den Wunsch geäussert hätten, Wangenau wiederzusehen. Wenn auch nur für einen kurzen Besuch. Eine Stippvisite, eine Besichtigung, eine endgültige Bestandsaufnahme. Um diesen allerletzten verbliebenen, unschön empfundenen weissen Fleck auf der topographischen Karte unserer Familie und deren Herkunft auszumerzen.
Im Leben meiner Mutter nahm Wangenau eine Art irreale, fast möchte ich sagen artifizielle, besser noch imaginäre Präsenz ein. Es versetzte sich als etwas ganz und gar Unwirkliches direkt aus dem Märchen in die reale Gegenwart. Wo es doch als Fantasieobjekt irgendwo in weiter Ferne lag. Lediglich seine allerfeinsten Tentakeln reichten von dorther zu uns herüber. Durchscheinend und diffus schwankten sie wie im Aquarium unter den Einwirkungen der verschiedensten Strömungen vor unseren Augen hin und her. Und kamen wir mit ihnen in Berührung, was stets auf eine nicht geplante oder irgendwie beabsichtigte Weise geschah, so lösten sie wie die glitschigen Fangarme einer giftigen Qualle Krämpfe, Unwohlsein, ja physische Schmerzen aus. Wangenau verbreitete eine mir unverständliche Unruhe und versetzten meine Mutter und mit ihr natürlicherweise auch meine Schwester und mich in einen Zustand von Gespanntheit, Aufmerksamkeit und Gereiztheit für den es keinerlei rationale Erklärung gab. Dieser Zustand erfasste uns alle drei und stimmte mich immer aufs Neue empört und aggressiv, so dass weder ich, aus gerade diesem Grunde, noch meine Mutter und meine Schwester, aus einem anderen und für mich uneinsehbaren Grunde, ansprechbar blieben. In seiner Unerträglichkeit hielt er so lange an, bis wir seinen Anlass entweder vergassen oder einer von uns, meist ich, sich darüber hinwegsetzte und ihm schlussendlich mit aufgesteckter und völlig übertriebener Freundlichkeit und Fröhlichkeit ein Ende machte.
Ich werde längere Zeit in Wangenau zubringen. Es kann Monate, vielleicht ein Jahr dauern, bis ich wieder zurück bin.
Chronine kaute, ohne mir ins Gesicht zu sehen, an ihren Fingernägeln und fügte im selben Atem hinzu: Besuchst du mich dort? Eine einzigartige Gelegenheit, deinen Geburtsort wiederzusehen. Wirklich.
Sie musterte mich von der Seite her mit einem Glitzern in den Augen, das mich in hellwache Abwehr versetzte, einem Hin und Her des Blicks, der über mein Gesicht glitt, ohne irgendwo darin hängen zu bleiben.
Unwillkürlich erinnerte mich dieser Blick an ihren achtzehnten Geburtstag, an dem sie mich abends angerufen und eindringlich gebeten hatte, doch rasch noch auf eine kleine Feier herüberzukommen. Der Anwalt, sie sprach von ihrem Vater, sei am Nachmittag aufgekreuzt, ihr zu gratulieren und seinem Stolz auf die zusehends erwachsen werdende Tochter Ausdruck zu verleihen. Er sei, zum Glück, wieder fort. Mit seiner anderen, neuen Frau, die kaum älter war als Chronine, zwei drei Jahre nur und, ihrer Rede nach zu urteilen, nichts weiter darstellte als ein eitles Geschöpf. Ein Flittchen, wie sie sich ausdrückte, das ihren Vater sexuell um den Finger gewickelt und sich ins gemachte Nest gesetzt hatte. Es war klar, sie hasste sie aus tiefster Seele und übertrug diesen Hass auch auf den Vater, der, so sagte sie, eine schlappe Figur abgab. Sie müsse unbedingt noch mit einem normalen – das ihr Ausdruck – Manne sprechen, um ihr seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen:
Gott, wenn das ein Vater sein soll!
Also hatte ich Orgelnoten erstanden. Diese schwer verkäuflichen und darum so teuren dünnen Notenhefte, die sich eine Schülerin von ihrem Taschengelde nicht leisten kann, selbst wenn ihr Vater ein nicht gerade schlecht situierter Anwalt und Notar ist, doch eine verwöhnte, anspruchsvolle, unersättliche Geliebte aushalten muss. Französische Orgelmusik: Vidor, Vierne, Milhaud, Messiaen, Poulenc. Orgelmusik, wie ich sie selbst mochte. Nicht leicht zu spielen, bereits erstaunlich modern, und von der ich mir dachte, dass sie auch ihr gefallen würde. Sie hatte sich voll auf das Orgelspiel geworfen. Es war ihr erklärtes Ziel, Organistin zu werden, wenn sie erst die Anfangsschwierigkeiten überwunden hätte. Mit Anstellung an einer Kathedrale. Ihre musikalische Begabung genügte durchaus für die Musikerkarriere; sie hatte absolutes Gehör, sang bezaubernd, ihre Motorik war gut entwickelt, ihr rhythmisches Gefühl stimmte. Vielleicht hatte sie etwas zu kleine Hände, aber die Hände waren weich und gelenkig, und sie spielte alle Stücke, auch die schwierigsten, mühelos vom Blatt. Wobei ihr das absolute Gehör und das perfekte musikalische Gedächtnis zu Hilfe kamen. Bewegungstechnisch war sie treffsicher und schnell in der Reaktion. Das Wichtigste aber: sie übte ihre Stücke mit einer nicht anders als fanatisch zu nennenden Hingabe auf Interpretation. Das machte den wirklichen Musiker in ihr. Neben dem rein Physischen war dies wahrscheinlich der Grund für die anfängliche Anziehung gewesen, die sie auf ihren Musikerfreund ausgeübt hatte.
Nur dieses eine einzige Mal hatte ich ihre und ihrer Mutter Wohnung betreten. Chronine hatte bereits reichlich Wein getrunken. Sie besass nicht mehr die volle Kontrolle über sich selbst. An der Tür warf sie sich geradewegs in meine Arme. Genauso, wie man es in schlechten und auch in vielen von den sogenannten guten Romanen liest, wo von geröteten Wangen geredet und verlogenerweise der ganze erotische Hintergrund verschwiegen wird. Als gehöre das alles nicht zum Leben: der angepresste Körper, der leicht geöffnete Mund mit den von Feuchtigkeit glänzenden Lippen, das gleiche Glitzern in den Augen, das die erotische Erwiderung zu erkennen sucht. Von den wie elektrisiert aufgerichteten Haaren über die Stirn, die flackernden, heute ausnahmsweise künstlichen Wimpern. Über die Lippen bis hinunter zu den Regionen, über die man der Sitte folgend nicht redet, atmete alles eine erregte feuchtwarme vibrierende Emanation. Durch das dünne, in der Taille geraffte Geburtstagskleid hindurch spürte ich ihre für ihr Alter zu schwere Brust. Ihr weicher Bauchansatz presste sich gegen mich.
Unvermeidlich sprang ein Teil der Erregung auch auf mich über, doch war sie vermischt mit jenem väterlichen Gefühl, das automatisch einen gesunden Abscheu erzeugt, der mich vor zu grosser Herzlichkeit bewahrte.
Ich löste ihre Arme behutsam von meinem Hals und brachte sie auf eine geringe Distanz, bevor ich ihr gratulierte.
Drinnen war eine kleine Gesellschaft versammelt. Ihre noch sehr jugendlich wirkende Mutter, die kaum jünger sein durfte, als ich es war, ein paar von Chronines Freundinnen und Freunden aus dem Chor. Darunter einer von diesen komischen Vögeln, die Priester werden wollen und glauben, sich ihr Leben lang dem Zölibat verschreiben zu können, während sie ständig von Frauen reden, und das in diminutivem Ton und unter Verwendung eines speziellen, subtil herabsetzenden Vokabulars. Dabei suchen sie die Gesellschaft von Frauen, ergreifen jeden sich bietenden Anlass, sich mit Frauen zu umgeben und sich mit ihren ans Schlüpfrige grenzenden Beiträgen zur Unterhaltung ins Zentrum zu setzen.
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