Moreaux ging schweigend neben ihm weiter, dann blieb sie stehen und betrachtete Keller mit schmalen Augen. »Nun gut, Herr Kommissar. Sie haben Ihren Watson.«
Keller war erleichtert, sogar mehr, als er selbst erwartet hatte. »Gut, dann weiter zum toten Professor.«
»Da sind wir bereits.« Moreaux zog an einem armlangen Hebel und schob die große Stahltür zur Seite.
Keller hatte einen Raum mit großen Schubfächern erwartet, ähnlich wie auf dem Bahnhof, nur dass Schlüssel und Geldeinwurfschlitz fehlten. So, wie er das aus Leipzig und auch aus Berlin kannte. Was nun vor ihm lag, ließ ihn nicht nur wegen der niedrigen Raumtemperatur frösteln. In dem weißgekachelten Raum befand sich nichts außer einer Armee rollbarer Liegen, von denen etwa ein Drittel belegt war.
Moreaux steuerte zielsicher auf eine der Bahren zu und zog sie aus ihrer Parkposition. »Das ist der Professor. Dann lassen Sie uns ihn mal hinüber in den Sektionssaal fahren. Da ist es etwas wärmer.«
Kellers Magen verkrampfte sich. Er konnte Doktor Moreaux gut verstehen. Auch er arbeitete lieber mit Lebenden. An den Anblick von Unfall- und Mordopfern hatte er sich zwar in zwanzig Dienstjahren einigermaßen gewöhnt, aber Obduktionen waren etwas ganz anderes. Noch immer konnte er sich nicht vorstellen, wie man es schaffte, einem Menschen den Schädel aufzusägen, um das Gehirn zu entnehmen, oder den Brustkorb wie bei einem Truthahn zu spreizen, um an die Lunge zu kommen – auch nicht bei einem Toten.
Die Ärztin schien seine Gedanken zu erahnen. »Ich denke, bei der inneren Besichtigung brauchen Sie nicht zugegen zu sein, zumal keine spektakulären Befunde zu erwarten sind, auch wenn die Mordwaffe in den Kopf eingedrungen ist.« Sie grinste schief. »Sie haben sicherlich mehr Interesse an der äußeren Beschau.«
»Da haben Sie vollkommen recht, Doktor.« Keller nahm mit eiskalten Fingern die dünnen Operationshandschuhe, die Moreaux ihm entgegenhielt. »Eigentlich interessiere ich mich in erster Linie für die Mordwaffe und dafür, ob es bei dem Toten Verletzungen, Kampfspuren, Abwehrspuren oder etwas anderes gibt, das auf Handgreiflichkeiten hindeutet.«
Moreaux sah den Volkspolizisten fragend an, während sie die Rollliege neben dem Sektionstisch parkte und die Feststeller von zwei Rollen mit den Fußspitzen herunterdrückte.
»Na, es gab zwar eine lautstarke Auseinandersetzung – jedenfalls berichten das die Zeugen.« Keller stutzte. »Nein, genau genommen gibt es nur die Aussage einer einzigen, wenig kooperativen Zeugin.«
»Der beeindruckenden Nachtschwester?« Moreaux blies ihre Wangen auf, um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen.
Keller wunderte sich, wie jemand in dieser Umgebung scherzen konnte, und versuchte, möglichst sachlich zu wirken. »Ja, richtig, Doktor. Auf alle Fälle hätte ich dann einen besseren Eindruck, ob es eine Tat im Affekt war, infolge eines Handgemenges. Oder ob Kaltenbrunn den Professor nicht doch ohne jede Vorwarnung getötet hat.«
»Ich weiß, was Sie vermuten, und so, wie wir den Toten vorgefunden haben, teile ich Ihre Ansicht. Wenn es einen Streit gab, dann könnte es eine Kurzschlussreaktion von Kaltenbrunn gewesen sein. Wenn nicht, dann sieht es nach geplanter Tötung aus.«
Keller hörte die letzten Worte der Ärztin nur halb, denn ihm fiel in genau diesem Moment siedendheiß etwas ein. »Mist, ich glaube, Kaltenbrunn ist noch gar nicht richtig untersucht worden. So ein verfluchter Mist!«
»Was meinen Sie, Kommissar?«
»Doktor, am Anfang sah alles nach der Affekttat eines geistig verwirrten Patienten aus. Kein großer Aufriss, Sachverhalt klar, Motiv angesichts des Geisteszustandes des Täters nicht nachvollziehbar, um nicht zu sagen unwichtig. Aber jetzt, wo wir angesichts der Ereignisse an dieser einfachen Erklärung große Zweifel haben müssen, wäre es äußerst aufschlussreich gewesen, wenn Kaltenbrunn von einem unabhängigen Mediziner sofort einer ausführlichen kriminaltechnischen Untersuchung unterzogen worden wäre.«
Moreaux schien unbeeindruckt. »Was hätte das bringen sollen? Dass dieser Doktor Kaltenbrunn keine Kampfspuren trug, habe ich schon überprüft... Und ansprechbar war er ja auch nicht...«
»Das war kein Vorwurf an Sie, Doktor. Ich ärgere mich über mich selbst. Denn es ist verdammt nochmal wichtig, ob Kaltenbrunn unter Drogen stand, als er die Tat beging. Oder, ob man ihn nach der Tat sediert hat. Mein Gott, wir wissen nicht einmal, ob er etwas im Blut hatte, als ich versucht habe, ihn zu vernehmen. Verflucht nochmal!«
»Ich denke, Sie können ganz sicher davon ausgehen, dass der Patient irgendetwas im Blut hatte, Herr Kommissar«, beschied Moreaux ihm lakonisch. Ohne weiter auf Kellers Befürchtungen einzugehen, nahm sie dann das weiße Leinentuch von der Leiche. »Wenn Sie mir bitte helfen würden, den Professor auf den Tisch zu heben.«
Nachdem alle Werkzeuge, die sie für die Leichenbeschau benötigen würde, bereit lagen, schloss Moreaux die unterste Schublade eines Schreibtisches auf und brachte eine braune Umhängetasche aus Leder zum Vorschein.
»Holla«, entfuhr es Keller. »Sie sind ja beinahe ausgestattet wie die Staatssicherheit.«
»Meine Sonett. Brandneu«, bestätigte Moreaux mit offenkundigem Stolz. »Arbeitet mit Kassetten. Nicht einfach zu bekommen. War nicht billig, ist aber unglaublich praktisch.« Sie steckte das Mikrofonkabel, das von einem am Seziertisch aufgestellten Fotostativ herabhing, in den Rekorder. »Leider muss man hier alles wegschließen.«
»Unsere Aufzeichnungsgeräte sind noch aus den fünfziger Jahren. Transportierbar sind die nicht, obwohl man das schon öfters hätte gebrauchen können.« Keller musste sich eingestehen, dass er die Ablenkung durch die technische Spielerei genoss.
»Hatte vorher ein Bändi von Pouva. Das war auch recht handlich, aber das bleibt jetzt zu Hause. War dann doch etwas empfindlich mit diesen Tonbandspulen und der Einfädelei. Dieses neue System mit Kassetten ist die Zukunft, das prophezeie ich Ihnen, Keller.«
Der Polizist nickte nachdenklich.
»Außerdem wird das mittlerweile eigentlich überall verwendet, auch im Westen. Na ja, kommt ja auch von da. In Zukunft könnte man einfach Kassetten mit den Protokollen zwischen den Dienststellen hin und her schicken.«
»Wenn das denn einer will...«, murmelte Keller.
»Wie bitte?«
»Ich meinte nur, dass es schon schwierig genug ist, eine simple Patientenakte von bestimmten Stellen zu bekommen. Wer weiß, wie kompliziert die Vorschriften werden, wenn Tonbänder beziehungsweise diese Kassetten verschickt werden sollen.«
»Ah, ich verstehe. Dann lassen Sie uns mal beginnen.« Moreaux richtete das Mikrofon aus und startete die Aufnahme.
»Durchführender: Doktor der Medizin Karla Moreaux, Ärztin an der Poliklinik in Döbeln und bestellter Rechtsmediziner des Bezirkes Döbeln. Poliklinik Döbeln, den dreizehnten Februar 1974. Im Auftrag des Polizeipräsidenten Leipzig habe ich heute einundzwanzig Uhr die gerichtsärztliche Leichenschau vorgenommen. Als Hilfsbeamter der Staatsanwaltschaft ist anwesend Herr Oberleutnant der K Josef Keller von der BdVP Leipzig, im Auftrag der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Leipzig. Befund und vorläufiges Gutachten. A. Äußere Besichtigung.« Moreaux stoppte die Aufnahme. »Alles korrekt, Genosse Oberleutnant?«
Der nickte. »Fahren Sie fort, Frau Doktor.«
»Leiche eines, bitte einsetzen, Zentimeter langen und, bitte einsetzen, Kilogramm schweren Mannes in gutem Ernährungszustand beziehungsweise von sehr kräftigem Körperbau.« Dann diktierte Moreaux Angaben zu Totenflecken und Leichenstarre. Schließlich untersuchte sie den Kopf des Toten. »Das Haupthaar ist lediglich in Form bis maximal einen Millimeter langer schwarzer Haarstoppeln angelegt und zeigt, soweit beurteilbar, an der Stirn starke geheimratseckenartige Lichtungen. Im Bereich der rechten Stirnregion, in der unbehaarten Kopfhaut gelegen, besteht eine drei Zentimeter breite und bis zwei Zentimeter hohe Zone, innerhalb derer die Haut dunkelbraunschwärzlich verfärbt ist.«
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