Keller hatte sich informiert. Er wusste, dass das Psychiatrische Krankenhaus in Waldheim in erster Linie der Behandlung von Straftätern der benachbarten Justizvollzugsanstalt diente, und hatte sich über die geringen Sicherheitsvorkehrungen gewundert. Dies schien der Trakt zu sein, in dem die zur Gewalt neigenden Insassen untergebracht wurden und therapiert werden sollten. Er hatte seine Zweifel, was die Erfolgsaussichten dabei anging, aber das spielte ja nun keine Rolle. Es war jedenfalls interessant, dass Kaltenbrunn ganz offenbar nicht als Krimineller oder gewaltbereiter Patient in diese Klinik überstellt, sondern in der allgemeinen psychiatrischen Abteilung untergebracht worden war.
Erst jetzt nahm er den gelangweilten Gefängnisaufseher wahr, der sich von seinem Stuhl erhob, als er Keller sah.
»Wer sind Sie denn?«
»Haben Sie einen Pfleger vorbeikommen sehen? Vor ein paar Sekunden?«
Der Aufseher nickte bedächtig. »Und wer sind–«
Keller schlug gegen die Gitterstäbe. Der Mann konnte froh sein, dass er dahinter in Sicherheit war. »Ich bin Oberleutnant Keller von der Mordkommission, und wenn Sie mir jetzt nicht sofort sagen, wohin der Mann verschwunden ist, dann nehme ich Sie wegen Behinderung meiner Ermittlungen fest.«
Der sprachlose Wachposten deutete auf eine unauffällige, schmale Tür am Anfang des Flures, direkt neben Brandschutztür, durch die er eben hereingekommen war. Keller rannte zurück und hörte schon nicht mehr, was der Wärter ihm hinterherschickte. »Und ich dachte noch, dass das doch komisch ist, dass nachts einer von den Brüdern aufs Dach hinaus wollte. Völlig verrückt, sowas.«
Die dünne, weiße Holztür wirkte in diesem massiven Gebäudetrakt mit seinen Stahlgittern und dem bewachten Durchgang irgendwie deplatziert, fast wie eine Geheimtür. Keller dachte sofort an den Dachboden seines Elternhauses, wo der nicht ausgebaute Bereich im Giebel ebenfalls mit so einer leichten Furniertür verschlossen war. Gerade groß genug, um all die Dinge hinein- und hinauszuschaffen, die dort lagern sollten. Der Dachboden der Nervenklinik Waldheim allerdings machte mehr den Eindruck eines Museums oder eines Panoptikums. Der Raum unter dem nicht isolierten Dachstuhl war bis in die letzte Ecke mit schiefen Schränken, mottenzerfressenen Polstermöbeln, Büchern, Lampen verschiedenster Formen und Stilrichtungen und Kisten vollgestopft und außerdem eiskalt.
Keller wurde klar, dass es noch einen zweiten, deutlich größeren Zugang geben musste, denn den Koloss von Eichenschrank, der sich zu seiner Linken erhob, hätte man niemals durch die enge Türöffnung gebracht, die er eben benutzt hatte. Eine weitere Erkenntnis war, dass der Flüchtige sich im Gebäude auskennen musste. Wahrscheinlich hatte er den Dachboden als Fluchtweg schon ausgekundschaftet. Und er hatte in kürzester Zeit den Lichtschalter gefunden, denn es brannten einige schwache Glühbirnen in regelmäßigen Abständen. Vermutlich waren die während des Krieges über die gesamte Länge des Daches am Firstbalken angebracht worden, um einen größeren, fensterlosen Raum zur Verfügung zur haben, wenn Verdunkelung angeordnet war. Die Lichtverhältnisse im Dachboden waren mies, und in jeder Ecke lagen tiefe Schatten. Unmöglich, in diesem mit Sperrmüll vollgestellten Teil etwas zu erkennen, aber besser als kein Licht war es allemal. Dabei fiel ihm ein, dass er das garantiert weitläufige Kellergeschoss der Klinik noch nicht untersucht hatte.
»Hören Sie, ich weiß, dass Sie hier drin sind. Es hat keinen Sinn, sich zu verstecken. Kommen Sie heraus.« Er lauschte auf verräterisches Atmen, Schritte oder irgendein anderes Zeichen. Es blieb still. Keller bewegte sich langsam zwischen dem Gerümpel hindurch. Ihm fiel nun auf, dass die Möbel anfänglich so aufgestellt worden waren, dass beiderseits des schmalen Mittelganges abgeteilte 'Zimmer' entstanden – eines für jeden, der sein restliches Leben in dieser Anstalt verbrachte. Doch diese Ordnung war schon vor langer Zeit aufgegeben worden. In jeder Lücke stand irgendein Einrichtungsgegenstand, und so blieb nur der halbherzig freigelassene Mittelgang zum Vorwärtskommen. Das hatte auch Vorteile, war es so doch nicht möglich, sich ohne aufwendiges Schieben und Rücken von Möbelstücken zu verstecken. Keller hielt seine Waffe im Anschlag und arbeitete sich vorsichtig voran. Die Dielen unter seinen Füßen machten immer wieder Geräusche. Der andere wusste mit Sicherheit, wo er war. Er dachte an Schüttau mit seinem Geiz an Personal. Wenn der Major ihm wenigstens einen zweiten Mann an die Seite gegeben hätte, sähe das alles hier schon völlig anders aus... Er schlich um einen Jugendstilsekretär und spähte in die Ecken, als der Unbekannte endlich zuckte: Eine Diele quietschte grell.
»Kommen Sie endlich heraus! Ich habe eine Waffe und werde davon Gebrauch machen«, warnte er ordnungsgemäß.
Ein krachender Laut war die Antwort. Keller ging instinktiv in die Knie und brachte seine Makarow in Anschlag, aber es waren bloß Kisten und Kartons, die von einem der Schränke gestürzt waren. Da ist der Kerl also. Keller näherte sich geduckt der Position, wo er den Flüchtigen vermutete. Der Mann versteckte sich sicher auf der anderen Seite des Nussbaumregals, das neben dem Schrank zu sehen war. Keller verließ den Mittelgang und drückte sich zwischen einem Ohrensessel und einem anatomischen Skelett, dem ein Unterarm und der Unterkiefer fehlten, hindurch. Wenn er jetzt keinen Lärm machte, dann wäre er gleich an dem anderen dran, ohne dass der ihn bemerken konnte. Eine Messingstehlampe vereitelte seinen Plan. Er tauchte hinter dem Sessel auf und stieß mit dem Kopf von unten gegen den Schirm der Lampe. Es gab ein reißendes Geräusch, als der morsche Stoffschirm nachgab, dann polterte die ganze Leuchte zu Boden. Er und der Unbekannte bewegten sich gleichzeitig. Keller fluchte und kletterte über die Hindernisse zum Mittelgang zurück. Wieder war der andere schneller. Der kannte sich hier mit Sicherheit richtig gut aus. Und die Kisten, die zuvor scheinbar aus Versehen herabgestürzt waren, erwiesen sich nun als hervorragende Barrikaden. Er sah den Mann wieder nur von hinten, wie er unter den Funzeln am Firstbalken die schmale Gasse entlanghuschte.
»Bleiben Sie sofort stehen, oder ich muss von der Schusswaffe Gebrauch machen.« Er war entschlossen, diese Jagd endlich zu beenden. Der Eindringling reagierte nicht. Keller drückte den Abzug. Der Warnschuss schlug irgendwo in das Gebälk des Dachstuhls ein.
»Verdammter Mist, verdammter!«, brüllte er lauthals, als der Flüchtende das Ende des Dachbodens erreichte und ein quietschendes Tor öffnete. Wie konnte denn an diesem Ende der zweite Zugang sein, zum Kuckuck? Wohin sollte der denn führen? Der Oberleutnant kämpfte sich über die letzten Kisten hinweg und gelangte zu einer großen Doppeltür. Sie war mattschwarz lackiert. Kein Wunder, dass er sie bei der schlechten Beleuchtung nicht gesehen hatte.
Als er das Metalltor aufdrückte, wurde Keller klar, wo er sich befand. Vor ihm erstreckte sich die Ebene eines ausgedehnten Flachdaches. Er sicherte rasch die Mauer in seinem Rücken, doch der Unbekannte war sicher nicht darauf aus, ihn hier aus dem Hinterhalt zu überraschen. Viel wahrscheinlicher war, dass er unter allen Umständen unerkannt entkommen wollte.
Der Dachboden gehörte zum ursprünglichen Klinikgebäude aus Backstein. Irgendwann hatte man dann einen weiteren Flügel mit flachem Dach angebaut, auf dem er nun stand und Ausschau hielt. Gut dreißig Meter entfernt ragte ein Betonblock mit einer weiteren Doppeltür aus der Dachfläche: der direkte Zugang über ein Treppenhaus. Vielleicht sogar mit Lastenaufzug, um die Möbel zu transportieren. Aber der Flüchtige musste noch hier sein, denn genug Zeit, um hinüberzulaufen und die Torflügel zu öffnen, war ihm nicht geblieben. Vermutlich duckte er sich hinter einen der Kamine. Kellers Schritte knirschten auf dem losen Sand der erneuerungsbedürftigen Teerpappe. Er schwenkte nach rechts, um einen Blick hinter die Aufbauten zu werfen. Dabei vermied er es, über den Rand des Daches nach unten zu sehen, doch er schätzte, dass es mindestens zehn, zwölf Meter in die Tiefe gehen musste. Als Keller sich dem dritten Schornsteinblock näherte, machte der andere seinen Zug. Er stürzte aus seiner Deckung und lief geradewegs auf den Rand des Daches zu. Keller stürmte hinter dem Mann her, und sah, dass der keineswegs die Absicht hatte zu springen. Über den Rand des Daches ragte das metallene Geländer einer Nottreppe.
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