„Echt jetzt?“ fragte Franziska rethorisch nach. „Das heißt, um solch fantastische Samba-Schulen bewundern zu dürfen, muss man nur rechtzeitig auf die Kanaren buchen, um günstig unterzukommen und man kann Wintersonne tanken und so was Tolles sich anschauen und Party feiern. Spanisch kann ich und Portugiesisch nicht. Außerdem habe ich keinen Bock auf Rio wegen der Kriminalität und auch wegen des langen Flugs dahin und außerdem kostet der soviel wie zwei bis drei Wochen Urlaub auf den Kanaren in einem ein-Sterne-Hotel inclusive Halb-Pension und Hin-und-Rückflug von Frankfurt aus. Das wäre eine Überlegung wert.
„Vielleicht einen Winterurlaub mit Andreas zusammen...“ lächelte Martin sie an. Franzi erötete ein klein Wenig, was eigentlich bei ihr recht ungewöhnlich ist, denn sie ist hart im Nehmen, denn sie ist im Heim aufgewachsen, weil ihr Vater nach Perú ausgewiesen wurde und ihre Mutter drogenabhängig war. Sie hat also aus Überlebensgründen im Heim gelernt, Emotionen zu verdecken, um keine Schwächen zu zeigen, sonst wird man im Heim von den Mitbewohnern platt gemacht. Ein reiner Raubtierkäfig, in dem man zerrissen wird, wenn man nicht lernt, sich zu wehren.
„Du willst ja gar nichts über Andreas erfahren, Franziska! Woran liegt´s? Du bist ja richtig schüchtern, wenn ich das Thema anspreche. Soooo soooo sehr verguckt?“ lachte Martin. „Musst Dich nicht vor mir schämen. Ich, aber auch Andreas beißt nicht!“ fügte Martin hinzu.
„Das weiß ich schon. Aber Du weißt, dass ich schwierig bin und auch noch anspruchsvoll dazu. Ich habe keine Lust, mal wieder und erneut ins Klo zu greifen. Verstehst Du, Martin?“
„Ja, verstehe ich. Aber da musst Du keine Angst haben. Nur weil er Sozialpädagoge ist und auch Medizin studiert hatte, ist er noch lange kein arrogantes Arschloch, vor dem man Minderwertigkeitskomplexe automatisch haben muss. Du hast trotz aller Umstände doch Abi gemacht und sogar noch besser als ich die Umschulung abgeschlossen. Gut. Das mit den Arbeitsstellen ist ja auch nicht so gelaufen. Aber offenbar scheinen die Mehrzahl der Steuerberater, zumindest die, die wir als Arbeitgeber kennen gelernt hatten, Arschlöcher zu sein, die selber keinen Bock auf ihren Job haben, anderen bei Steuer-Hinterziehen helfen und dafür auch noch nur ein Bruchteil der hinterzogenen Millionen-Beträge mit ein paar Prozent abgefunden zu werden, daheim neh nervige Luxus-Alte sitzen haben, die einem das Geld aus der Tasche zieht und aufgrund all der Umstände jeden morgen als Alkoholiker verkatert in die eigene Kanzlei kommen, eigenlich lieber kotzen und aussteigen wollen, statt diesen Mist ewig weiter machen zu müssen. Haben im Osten noch nenn Zusatz-Büro, um wenigstens einmal im Monat für eine Woche ihrer Luxus-Alten und den Alltag in Frankfurt zu entfliehen und begründen sich das selbst mit der Abschreibungs-technischen Notwendigkeit der gut laufenden Kanzlei in Frankfurt gegenüber. Und das habe ich bei jedem dieser Deppen gesehen, bei denen ich gearbeitet hatte, haben nenn tiefer gelegtes Feuerwehrauto der Marke Ferrarri in der Tiefgarage abgemeldet stehen, das sie als Wertanlage und Prestige-Objekt sich zugelegt haben. Ein lachhaftes Klientel, die Steuerberater. Sei froh, dass Du nun beim Aldi Filialleiterin bist. Da bist Du einigermaßen Dein eigener Herr und verdienst gut und bist finanziell unabhängig. Warum sollst Du da nicht selbstbewusst und stolz auf Deine Leistungen sein? Schau mich doch im Vergleich an: Ich bin Ingenieur, Steuerfach-Tarzan und dauerarbeitslos, weil alle Angst vor mir haben, mich einzustellen, dass ich mein in den Kanzleien erlangtes Know-How nutzen könnte, selbst die Steuerberater-Prüfung machen zu können. Warum bin ich denn beim letzten nicht fest eingestellt worden? Drei Monate hätten mir dann nur noch gefehlt und ich hätte die Berater-Prüfung machen können, eben weil mein Studium als Wirtschafts-Fachhochschul-Studium gewertet wird. Das wissen die alle und sind so missgünstig. Und Du willst Dich da wegen Deines Werdeganges schämen müssen, vor einem, naja, nicht sehr hässlichen Georg-Clooney, in den Du Dich verguckt hast? Ich habe mich zu schämen, weil ich so hoch qualifiziert bin und keinen Job daher bekomme. Also Schatzi, mach Dir da mah keine Sorgen wegen Andreas, gelle. Der beißt nicht und ist ein ganz ein Lieber. Der hat doch auch keinen Bock auf den allgemeinen Trott und ist deswegen ausgestiegen, hat aber auch seinem ganzen Kiffer-Umfeld die Tür gewiesen, damit er sich nicht herunter ziehen läßt. Der weiss sehr gut, was es heisst und wie schwierig es ist, sich durchbeissen zu müssen, wenn man keine Familie oder Vitamin B im Hintergrung hat. Und ausserdem findet er Fussball scheiße, ist also kein Hirn-amputierte Macho-Trottel.“ grinste Martin sie an, ihr dabei mit dem Handrücken die linke Wange streichelnd. „Soll ich Euch beiden das Händchen halten?“ lachte Martin auf einmal und erhielt dafür spontan einen derben Faustschlag auf die Brust und ein „Du Arschloch“ an den Kopf von einer sich auf einmal vor Lachen auf die Oberschenkel klatschenden Franzi, die sich fast auf den Boden vor Lachen wiegte.
„Naja“, rieb sich Martin die Brust, „an diesem Part müssten wir vielleicht noch arbeiten...“ prustet Martin mit Tränen in den Augen zurück und rieb sich die schmerzende Brust.
„Oh, da ist meine Bahn!“ rief Franzi und sprang in die sich gerade schliessen wollende Tür. Martin schaffte es gerade noch, sich durch die Schiebetüren hineinzuquetschen und Franzi guckte ihn wie ein Kuh, wenn´s Blitz an und fragte: „Was willst Du denn in meiner Bahn?“
Martin fragte nur süffisant lächelnd: „Wo steht noch Dein Wagen?“
Franzi griff sich an den Kopf und meinte nur, sich selbst als bescheuert titulierend: „Und ich will nach Niedernhausen fahren. Wie blöd muss man da sein?“
„Oder womöglich verliebt?“ fügte Martin hinzu. „Wir können ja an der Taunus-Anlage oder am Hauptbahnhof wieder aussteigen und auf die S-3 nach Bad Soden warten. Hauptbahnhof wäre mir lieber. Okay?“
Also stiegen sie am Hauptbahnhof wieder aus.
Das war ein Schock. Überall Polizei und Bundespolizei, wie der BGS heute heißt. Sie fuhren mit der Rolltreppe vom S-Bahnhof hoch in die B-Ebene und von dort aus weiter hoch in die Fernzughalle. Dort waren noch mehr Polizisten, auch mit automatischen Waffen. Das war Martin dann doch nicht mehr geheuer und er ging schnurr straks auf die nächste Polizisten-Gruppe zu und fragte unverhohlen, was denn der Anlass für dieses Aufgebot sei, nicht etwa ein Fussball-Spiel der Eintracht? „Doch, ein Eintrachtspiel gegen Dynamo-Dresden und es werden erhebliche Ausschreitungen erwartet...“ Martin bedankte sich höflich bei den Beamten und wandte sich zu Franzi um und sagte unmißverständlich, „Lass uns hier verschwinden. Ich habe keine Lust, in Krawalle mit diesen Fussball-Idioten zu geraten. Das braucht keine Sau! Wenn wir Glück haben, erwischen wir die S-Bahn noch nach Friedrichsdorf beziehungsweise Bad Homburg und steigen in Frankfurt-West erst einmal aus und dann kommt schon auch bald die nach Bad Soden.“
Martin hatte richtige Panik, denn er ahnte aus Erfahrung, dass er aufgrund seiner Bären-haften Figur gerne als Opfer für eine Mutprobe besoffener und bekiffter Halbstarker ausgedeutet wird, die im Rausch sich überschätzen, Martin so etwas auf jeden Fall vermeiden will, schon alleine, weil er auch ein paar Schrammen abbekommen könnte. Unten bei den Abfahrt-Gleisen drei und vier angekommen, wurde gerade per Lautsprecher-Ansage durchgegeben, dass die S 6 nach Bad Homburg / Friedrichsdorf einige Minuten Verspätung hätte. Es blieb also Zeit und er entfernte sich einige Meter von Franzi, um ein Pfefferminz-Bonbon-Papier in einen dreiteiligen Edelstahl-Mülltrennungs-Container zu werfen, als drei kurz-rasierte Halbstarke mit Bierflaschen in der Hand in fixierten und direkt auf ihn zu gingen. Martin ahnte schon, was nun kommt, verdrehte die Augen, griff in seine rechte Hosentasche und umfaßte sein Pfefferspay schon vorsichtshalber einmal.
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