Auch wenn Kim letzte Nacht so gut wie keinen Schlaf bekommen hat und mit Sicherheit zum kotzen aussieht, wird sie trotzdem jeden Mann treffen. Jetzt hat sie einen noch triftigeren Grund diesen Job machen zu müssen. Zuerst war es der, um Rechnungen bezahlen zu können und um sich zu ernähren. Aber nun hat sich ihre vollständige Existenz dazwischen gequetscht. Und wer hat sie gefragt? Niemand! Sie wird nie gefragt! Das wurde sie noch nie und mit Sicherheit wird sich dahingehend nichts in ihrem Leben ändern. Sie wird immer mit der ganzen Nase in die Scheiße gedrückt, nur um genug Kraft aufbringen zu müssen, um sich da wieder rauszuholen.
»Oh, hi!«, dringt in Kims Ohren. Sie hat in ihren Gedanken versunken nicht mitbekommen wie die Tür aufgeschlossen wurde. Jetzt steht sie Mark gegenüber. Sie hebt weder den gesenkten Kopf, noch den müden Blick und tritt in seine Wohnung. Jetzt ist es ihr sogar egal, dass sie damit ihre eigenen Regeln bricht. Sie braucht jetzt nur noch das Geld, mehr nicht! Trotzdem wird Mark der einzige sein, den sie zu Hause besucht.
»Geld!«, raunt sie grob und streckt blind eine Hand orientierungslos in die Luft. Es dauert etwas, bis sie Papier auf ihrer Haut spürt.
»Ist alles ok mit dir?«, fragt Mark leise. Kim antwortet nicht, sondern blickt stattdessen matt und kraftlos auf die grünen Scheine! Wie sie dieses Papier hasst! Wie sie diesen Nebenjob von Herzen abgöttisch verabscheut! Wie sie sich selbst für diese Entscheidung verachtet? Wie tief konnte sie nur sinken??
Ohne sich ihren Gedanken hinzugeben oder Mark zu antworten, steuert sie auf das Schlafzimmer zu. Sie will definitiv keine Nummer auf seinem Esszimmertisch schieben. Auch wenn sie eh nicht schlafen kann, braucht sie jetzt etwas Weiches unter sich.
Vor dem Bett bleibt sie stehen und zieht sich mechanisch aus. Eigentlich übernimmt Mark diesen Part immer, aber dieses Mal will sie es nicht. Sie will nur noch den Job erledigen und dann aus dieser Wohnung raus.
»Fang an!«, haucht sie eiskalt und spürt Marks Körperwärme hinter sich.
»Kim, was ist los mit dir?«, fragt er vorsichtig und tritt an ihre Seite. Ihr Gemütszustand scheint keineswegs an ihm vorbeigegangen zu sein.
Anstatt auf seine Frage einzugehen, schließt sie kurz die Augen, holt tief Luft, dreht sich in seine Richtung und blickt ihn mit einem eiskalten und ausdruckslosen Blick an.
»Mein Name ist Angelique!!«, faucht sie eisig und einem Gefrierbrand bedrohlich nahe kommend. Sie packt Mark in den Nacken und presst ihre Lippen auf seine.
Als sie ihn wenig später über sich sieht, schweifen ihre Augen an ihrem Bauch entlang und sieht seinen immer näher kommenden und angezogenen Penis. Bei dem Gedanken weshalb sie das hier jetzt macht, platzt unkontrolliert und ungewollt ein Weinen aus ihr heraus. Ohne auf Mark zu achten, dreht sie sich von ihm weg und bricht innerlich zusammen. Sie kriegt nichts mehr von ihrem Umfeld mit. Sie weint nur noch! Sie weint all ihren Schmerz heraus, der sie von innen brutal zerfrisst und zerreißt! Sie weiß nicht wie lange sie das noch aushalten wird! Sie weiß nicht wie lange ihr Körper das noch mitmachen wird! Sie weiß gar nichts mehr! Sie will einfach nur noch wegrennen! Vor sich selbst, vor ihrem Nebenjob und vor all den Männern dieser Welt!
»Kim!«, hört sie irgendwann Marks Stimme leise und ruhig sprechen. Verheult und körperlich bis ins unermessliche geschwächt, öffnet sie ihre Augen und sieht sein Gesicht ganz dicht vor sich. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie sich in seinem Badezimmer befinden und sie wie ein kleines hilfloses Kind in seinen Armen liegt. Offensichtlich hat er sie aus dem Bett und Schlafzimmer ins Bad getragen, ohne dass sie es mitbekommen hat.
Sie blickt erschlagen um sich und sieht eine gefüllte Badewanne. Wie ein Unschuldslamm schaut sie Mark fragend an, der sie beruhigend und vertraut anlächelt.
»Lass dir so viel Zeit wie du brauchst!«, flüstert er, setzt sie ab und verlässt ohne jegliche weitere Geste das Bad. Hilf- und kraftlos steht Kim schlaff in der Mitte des Raumes und riecht den Duft des Cremebads. Es dauert noch einige Momente, bis sie ihren Körper dazu bringt sich zu bewegen. Mit langsamen und lahmen Zügen steigt sie vorsichtig in die Wanne und genießt vom ersten Augenblick an die wohltuende Wärme.
Ewigkeiten sitzt sie in dieser warmen und weichen Hülle und verschwendet keinen Gedanken an die vergangenen Stunden und die noch bevorstehende Zeit. Ihr ist es im Moment egal. Sie möchte jetzt nur noch dieser Welt und deren brutalen Realität entfliehen. Alles andere ist zweitrangig.
Es klopft und bevor Kim eine Antwort geben kann, geht die Tür einen kaum sichtbaren Spalt auf.
»Darf ich reinkommen?«, fragt Mark zurückhaltend.
»Ja!«, antwortet Kim kurz. Er tritt ein, lehnt die Tür an und begibt sich ohne Umwege an die Wanne. Er kniet sich hin und lächelt sie vorsichtig an. Seinen Körper, weswegen Kim eigentlich hier ist, hat er mittlerweile mit einem Shirt und Boxershorts wieder bedeckt.
»Setz dich hin!«, lächelt er vertraut. Kim weiß nicht worauf das hinauslaufen soll, setzt sich aber aufrecht hin und spürt gleich darauf, wie er ihren Rücken mit einem großen Schwamm säubert. Wieso ein Mann so einen anregenden Schwamm besitzt, fragt sie sich derzeit lieber nicht. Sie genießt einfach nur seine vorsichtigen und zurückhaltenden Berührungen, die keineswegs nach einem sexuellen Akt brüllen. Und das obwohl er schon bezahlt hat. Aber die Nacht ist noch jung. Auch wenn sie noch zwei weitere Männer vor sich hat, weiß sie, dass Mark ihre Dienstleistung noch einfordern wird. Wie sollte es auch anders sein?
»Was ist passiert?«, fragt er leise. Kim weiß keinen Grund weshalb sie von ihrem bisherigen Tag und der vernichtenden Nacht erzählen sollte. Trotzdem spürt sie, dass sie sich auskotzen muss und beginnt leise zu erzählen. Mark hört ihr schweigend zu und kreist mit dem Schwamm in seiner Hand, noch immer auf ihrem Rücken.
Fast eine Stunde verbringen beide im Bad bis Mark sie mit ins Schlafzimmer nimmt und sie weiß, dass sie jetzt wieder den Eisblock herausholen muss. Fürsorge gut und schön, aber er will das, was all ihre Kunden wollen. Also Augen zu und durch.
Mark zieht Kim zu sich auf die Matratze, legt sie hin und zieht sie plötzlich so dicht an sich, dass sie für einen Moment stockend die Luft anhält. Was soll das??
Wie ein verliebtes Paar legt er beide Arme um sie und hält sie mit seinen kräftigen Armen fest. Mit großen Augen und leichter Panik, liegt Kim regungslos bei ihm und kriegt keinen Gedanken mehr zustande. Sie hört nur noch seine ruhige und regelmäßige Atmung hinter sich und spürt eine Welle der Sicherheit über sich einbrechen. Im selben Moment fällt jegliche Anspannung von ihr ab. Sie atmet tief durch, zieht Marks Arme enger um sich und ist schon nach wenigen Momenten ungewollt eingeschlafen. Vergessen sind die anderen beiden Männer, die sehnsüchtig auf sie warten.
» N a dann wollen wir mal!«, feuert Kim sich am nächsten Morgen an und betrachtet sich im Spiegel. Dass sie die letzte Nacht tatsächlich in den Armen eines Mannes (einem ihrer Freier) verbrachte, hat sie bis jetzt erfolgreich verdrängt. Sie hat unzweifelhaft bis zum nächsten Morgen durchgeschlafen und ist noch nicht einmal für einen kurzen Moment aufgewacht.
Als sie dann aber die Augen aufschlug und noch immer so in Marks Armen lag, wie sie eingeschlafen ist, war sie bis ins Rückenmark geschockt. So etwas sollte niemals passieren! Es sollte lediglich der sexuelle Akt durchgeführt werden, mehr nicht! Nie war es geplant, dass sie bei einem Mann schläft und sich ein Stück weit auch noch wohl dabei fühlt. Sie war in diesen wenigen Stunden sicher bei Mark und nichts konnte ihr etwas anhaben. Sie fühlte sich tatsächlich geborgen bei ihm, obwohl sie glaubte, dieses Gefühl niemals wieder in ihrem Leben bei einem Mann spüren zu können. Aber dieses Mal war es anders! Mark war anders! Nein, er ist anders.
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