Mit ihrer Freundin Regina wechselte sie sich immer am Marktstand ab und diese steuerte handbemalte Töpferware, originelle Kissen, Tischtücher und Läufer bei. Gina, wie sie genannt werden wollte, war Künstlerin und besaß im Haus ihrer Eltern in Rossbrunn eine Werkstatt und einen kleinen Laden. Dort kamen jedoch nicht genug Kunden vorbei, also verkaufte sie ihre Produkte zusätzlich auf dem Markt in Dornbirn. Ihr Sohn Antonio war nur einen Tag jünger als Valeria. Sein Vater lebte als Fischer in Sizilien. Für ihn war es undenkbar, nach Österreich zu ziehen und Regina hielt es in Sizilien nicht länger als ein paar Wochen aus. Die beiden jungen Mütter waren auf der Geburtenstation nebeneinander gelegen und freundeten sich sofort an, als sie bemerkten, dass sie beide in einer ähnlichen Situation waren. Valerias Vater, der Chefkoch im Hotel Bären, in dem Rosina gearbeitet hatte, wollte nämlich nichts von seinem Kind wissen und war inzwischen auch über alle Berge.
Rosina füllte Tee in spezielle Teesäckchen, auf die sie geschmackvolle, von Gina entworfene, Etiketten klebte. Da gab es Helios, den Sonnentee, Montana, den Bergkräutertee und Primavera, den Frühlingstee. Plötzlich fiel die Haustür zu und Valli rief: „Mama, wo bist du?“ Gleich darauf stürmte sie ins Arbeitszimmer. „Mama, er heißt Ludwig und er hat schwarze Locken und ist total nett“, sprudelte sie hervor. „Ambros gibt ihm Marieles Haus und er richtet es her und wohnt dann da. Und weißt du was er noch hat?“ Gespannt schaute das Kind seine Mutter an. Diese zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen?“ „Dreimal darfst du raten“, rief Valeria aufgeregt. „Kinder?“, mutmaßte Rosina. „Nein!“ „Einen Hund?“ Valli schüttelte den Kopf. „Hm“, überlegte ihre Mutter. „Soll ich es dir sagen?“, zappelte das Mädchen herum und konnte nicht mehr warten. „Bienen, er hat Bienen“, platzte es heraus und grinste triumphierend. „Er hat Bienen?“, fragte Rosina verwundert. „Ja, sag ich doch“, bekräftigte ihre Tochter. „Ich hab ihm gesagt, dass du ihn einmal besuchen kommst“, schloss die Kleine selbstgefällig. „Man ladet sich nicht selbst ein“, tadelte ihre Mutter, „und außerdem bist du einfach verschwunden und hast deine Hausaufgaben noch nicht gemacht.“ „Ich hasse Hausaufgaben“, jammerte Valeria und trollte sich widerstrebend in die Küche.
Fünf Minuten später war sie zurück. „Mama, ich weiß nicht wie die Rechnungen gehen.“ „Dann hättest du in der Schule besser aufpassen müssen“, bemerkte diese. „Ich hab aufgepasst und in der Schule hab ich es gekonnt“, behauptete das Mädchen und wie auf Kommando traten Tränen in die blauen Augen. Rosina seufzte, ging aber sogleich mit ihrer Tochter in die Küche, um ihr zu helfen. Mit Engelsgeduld erklärte sie dem Kind alles noch einmal langsam und hoffte, dass Valli es sich bis zum nächsten Tag merken würde. Als sie endlich mit den Rechnungen fertig wurden, war es Zeit zum Abendessen und Valli versprach, danach zu lesen. Doch nach dem Essen wollte sie lieber mit Kilian fernsehen. „Ich lese es im Bett durch“, versprach sie. Rosina ließ sie gewähren, sie hatte keine Lust auf Tränen und Theater. „Es ist deine Verantwortung“, sagte sie nur. Kilian schlief bald vor dem Fernseher ein und Rosina brachte Valli ins Bett, obwohl diese dagegen protestierte und behauptete, sie könne sich allein waschen und ihre Zähne putzen. Zum Lesen war die Mutter dann doch gut genug und als dies erledigt war, ging sie in die Küche, wo sie das Radio einschaltete und sich ans Spinnrad setzte, das dort immer in der Ecke stand. Rosina liebte es, wenn das Spinnrad surrte und die Wolle gleichmäßig durch ihre Finger glitt und sich zu einem Faden drehte. Diese Arbeit beruhigte sie und half ihr, ihre Gedanken zu ordnen, die an diesem Abend um den neuen Nachbarn kreisten.
Um zehn Uhr kam Kilian in die Küche, um eine Tasse heiße Milch zu trinken, bevor er schlafen ging und erzählte Rosina ebenfalls, dass der neue Nachbar Ludwig hieß. Er werde das Haus herrichten und dafür eine Weile keine Miete bezahlen, so sei ihm und Ambros geholfen, meinte er. Rosina nahm sich vor, Ludwig bei der nächsten Gelegenheit einen Besuch abzustatten, und ging ebenfalls schlafen.
Ludwig setzte sich in der Stube auf die Eckbank, lehnte sich gemütlich zurück und genoss das Gefühl, angekommen zu sein. Zu Ostern, beim traditionellen Familienessen, war er mit seiner Schwägerin Gabi ins Gespräch gekommen und hatte ihr erzählt, dass er ein altes Bauernhaus im Tal suche, um es dort ernsthaft mit der Imkerei zu versuchen. Er war nach wie vor überzeugt, dass man davon leben konnte, wenn man es geschickt anstellte, obwohl alle seine Verwandten und Bekannten das Gegenteil behaupteten. Ihr Großvater habe ein altes Haus, das er zwar sicher nicht verkaufen, aber vielleicht vermieten werde, meinte Gabi. Gleich am nächsten Tag fuhr er mit ihr nach Sonnleiten, schaute sich das Haus an und wurde schnell mit Gabis Ähne Ambros einig. Ludwig würde es soweit herrichten, dass er gut darin wohnen konnte und dafür keine Miete zahlen, lautete die Abmachung, mit der beide gut leben konnten.
Er kündigte also im Betrieb seines Vater, nahm den Resturlaub und heute Mittag war er mit der ersten Fuhre seiner Sachen in seinem Bus angekommen. Ambros und seine Frau Annele räumten und putzten bereits fleißig und jetzt fühlte er sich schon ganz zu Hause. Der alte Nachbar schien in Ordnung zu sein und das Mädchen lief ihm auf Schritt und Tritt nach, wie es alle Kinder taten. Seine Brüder nannten ihn immer „Herr Lehrer“, wenn sie ihn aufziehen wollten. Egal, er mochte Kinder und sie mochten ihn und Valli bildete keine Ausnahme. Das Bauernhaus war sehr alt und relativ klein, im Parterre befanden sich die Stube, das Schlafzimmer, „Gada“ genannt, das er als Arbeitszimmer nutzen wollte, und die Küche. Im oberen Stockwerk gab es zwei kleine Schlafkammern und darüber einen geräumigen Dachboden. Ein Badezimmer existierte nicht und das Klosett befand sich in der Tenne.
Er hatte mit Ambros vereinbart, einen gebrauchten Heizkessel zu organisieren, mit dem er die Küche, sein Arbeitszimmer und die beiden Kammern im oberen Stockwerk heizen wollte. In der Tenne konnte er einen Teil abtrennen und dort einen Schleuderraum und ein Badezimmer ausbauen. Sein Freund Heinz wollte am Wochenende kommen und ihm helfen. Das Holz stellte Ambros zur Verfügung und den Rest würde er im Baumarkt besorgen. Doch als erstes wollte er die Elektroleitungen erneuern, denn diese waren fast lebensgefährlich. Ludwig zog den karierten Schreibblock näher zu sich heran, las die Maße von seinem Notizzettel und begann den Plan für den kleinen Anbau zu zeichnen.
Sehr zufrieden mit sich und der Welt, ging er um Mitternacht ins Bett, schlief jedoch schlecht, weil es für ihn eindeutig zu schmal und zu kurz war. Auch das schwere, kurze Bettzeug war eine Zumutung und schon bald wusste er, was er am kommenden Morgen tun musste. Er würde ins Möbelhaus fahren und sich zwei neue Betten kaufen, mit allem Drum und Dran. Wenn sein Freund ihm schon half, sollte er auch gut schlafen können.
Am nächsten Vormittag steckte Rosina gerade die Zwiebeln, als der Briefträger auf seinem knatternden Moped vorfuhr und ihr Werbung und zwei Briefe überreichte. „Du hast einen neuen Nachbarn“, verkündete er. „Ich weiß, er heißt Ludwig, richtet Marieles Haus her und wohnt dafür mietfrei“, teilte Rosina ihren bisherigen Wissensstand mit dem neugierigen Willi. „Ich glaube, er ist ein Hippie“, mutmaßte dieser. „Er hat ziemlich lange Haare und so einen alten, rostigen Bus.“ „Den braucht er wohl für seine Bienen“, meinte Rosina und freute sich, dass Willi weniger wusste als sie. „Ah, er hat auch Bienen“, hakte dieser gleich nach, „das muss ich Xaver, dem Obmann, sagen, denn ohne Gesundheitszeugnis darf er sie nicht hierher bringen. Wir können nicht zulassen, dass er uns Krankheiten einschleppt.“ „Woher willst du denn wissen, dass seine Bienen krank sind?“, erkundigte sich Rosina und ärgerte sich über den Wichtigtuer. „Man weiß es eben nicht und darum muss man vorsichtig sein“, erklärte er und fuhr auf seinem Moped davon.
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