Und letztlich die einfache Botschaft seines Feldherrn, des Herzogs von Cumberland. Die steckte wie ein Stachel in seinem Fleisch. Er hatte zur Kenntnis nehmen müssen, dass fast alle der Offiziere aus dem Stab von Cumberland, deren Vorgesetzter er doch gewesen war, an neue Posten berufen worden waren. Nur er nicht. Er griff in die Brusttasche und holte den Brief hervor.
Geschätzter Oberst
Seine Majestät, König George, hat mir neue Aufgaben übertragen. Ihr Auftrag als mein Stabschef ist somit erfüllt. Sie haben Ihre Aufgabe hervorragend … und so weiter. Man wird Sie sicher mit einer neuen Mission beehren … und Floskeln – der Dank der Nation ist Ihnen gewiss. Auch Ihr Name wird mit unserem glorreichen Sieg über die schottischen Rebellen in die Annalen eingehen. In der Zwischenzeit anvertraue ich Ihnen einen Auftrag höchster Wichtigkeit. Charles Edward Stuart, der katholische Erbschleicher, treibt sich immer noch irgendwo in den Highlands herum. Suchen und finden Sie ihn. Entweder tot oder lebendig, besser lebendig, und bringen Sie ihn vor Gericht. Es folgte eine Zusammenfassung der bisher erfolglosen Suchergebnisse . Wenden Sie sich an Hauptmann … , es folgte ein ihm unbekannter Name, er wird Ihnen alles Weitere erläutern. Ich entbiete Ihnen meine besten Wünsche … und so weiter. Siegel und Unterschrift von William Augustus Cumberland. Sohn des Königs von Großbritannien.
Daran angehängt war eine Einladung, eher ein Aufgebot, an der offiziellen Verabschiedung auf Fort Augustus teilzunehmen.
Er biss sich auf die Lippen. Damit war er arbeitslos geworden. Das schmerzte ihn nicht weiter. Aber machtlos, nicht mehr benötigt, das war viel schlimmer. Cumberland wollte ihn nicht mehr. Hatte ihn offensichtlich ersetzt durch einen anderen. Cumberland würde sich samt Hofschranzen nach London verziehen. Und er fasste diesen Auftrag, mit dem man ihn abschob und der kaum Aussicht auf Erfolg hatte. Dazu müsste er sich auch noch mit subalternen Beamten und Offizieren herumschlagen.
Das brannte tief in seiner Seele.
Cremor und Moore. Rache. Das war er sich selbst schuldig. Die Nation konnte ihm gestohlen bleiben, wenn man ihn schon nicht mehr benötigte.
Middlehurst wartete, bis sich sein Magen wieder beruhigt hatte. Er schaute kaum auf, als ein Beamter auf ihn zukam. „Sir …?“
Er erhob sich, schob ihn beiseite und eilte zum Ausgang und zu seiner Kutsche, die einzige noch auf dem großen Vorplatz zum Schloss Holyrood. Seine Leibwache und die Diener sprangen herbei. Sie empfingen ihre Befehle und schirrten die Pferde ein.
Leutnant Simon Buckle überwachte alles, beorderte die Soldaten an ihre Plätze und meldete Middlehurst die Bereitschaft zur Abfahrt.
„Ich muss mit Ihnen sprechen. Steigen Sie ein.“ Middlehurst wies mit der Hand auf die Kutschentüre.
Der Leutnant verharrte einen Moment. Es war noch nie vorgekommen, dass Middlehurst jemanden zu sich zusteigen ließ. Er wusste nicht, was er davon halten sollte und ob es ein gutes Zeichen war. Er überließ die Zügel seines Pferdes einem Soldaten.
Die Sonne stand noch halb über dem Schloss von Edinburgh, als sie von Holyrood wegfuhren und der Royal Mile Richtung Schloss folgten. Der Kutscher hatte seinen Hut tief über die Augen gezogen und folgte der Vorhut von drei Soldaten, die sich einen Weg durch den dichten Vorabendverkehr suchten. Es wimmelte von fliegenden Händlern, die mit letzter Anstrengung und lautem Rufen ihre Waren anboten, um ihren Tagesumsatz noch abzurunden. Die langsam fließende endlose Kolonne von Fuhrwerken und Kutschen staute sich immer wieder, wenn Seitenstraßen zur Royal Mile stießen und hunderte von Menschen kreuz und quer ihre Wege suchten.
In der Hauptstadt von Schottland war kein einziger Mann mit einem Kilt unterwegs. Man hätte meinen können, dass sei vor dem misslungenen Aufstand der Highlander anders gewesen und hätte nun ein Ende gefunden mit dem Verbot, die traditionelle Tracht aus den vielfarbig karierten Tüchern aus verwobener Schafwolle zu tragen. Doch in Edinburgh trug man zu keiner Zeit einen Kilt. Man wollte doch nicht mit den primitiven Barbaren in den Highlands in einen Topf geworfen werden.
Buckle saß Middlehurst gegenüber, und es war ihm nicht wohl in seiner Haut. Es war ihm unangenehm, mit seinem Rücken gegen die Fahrtrichtung zu sitzen. Middlehurst hatte kein Wort gesprochen, vielleicht hie und da geflucht über die Staus, und Buckle fühlte, dass er ihn beobachtete. Er spürte dessen Blick auf seinen Stiefeln, seinen Händen und seinem Gesicht und wenn er aufschaute, blickte er in eiskalte graue Augen. Es war ihm, als ob sein Gegenüber immer seine Stirn fixierte. Wenn Middlehurst einmal aus dem Fenster schaute, konnte er ihn seinerseits kurz betrachten. Es kam ihm seltsam vor, dass Middlehurst entgegen seiner Gewohnheit keine Perücke trug. Seine Kopfhaut war weiß mit braunen Flecken, kaum bedeckt mit kurzen grauen Haarstoppeln.
Es war schon ziemlich dunkel im Innern ihres Gefährtes, als Middlehurst endlich sein Schweigen brach. „Ich kenne Sie nun schon einige Zeit, Leutnant Buckle. Sie machen Ihre Aufgabe gut, denken an alles und halten Ihre Leute auf Trab. Aber sie sind nicht mehr der Jüngste.“
Buckle hatte sich zuerst leicht gereckt, doch die letzte Bemerkung ließ ihn wieder einfallen.
„Sicher haben Sie sich schon überlegt, sich um einen höheren Grad zu bewerben, zum Beispiel als Hauptmann, nicht wahr? Aber dazu fehlt Ihnen das Geld, oder?“ Middlehurst erwartete gar keine Antwort. Er steckte den Kopf aus dem Fenster und befahl dem Kutscher anzuhalten. „Suchen Sie einen Gasthof für uns. Wir bleiben über Nacht hier.“
Es war gerade noch hell genug, damit Middlehurst beobachten konnte, wie Buckle seine Soldaten herumkommandierte. Irgendwie erinnerte er ihn an Major Tucker, schwarzhaarig wie dieser, einen kurzen Zopf im Nacken, mit grauen Augen wie er selbst, darüber die zusammengewachsenen Brauen, wie ein schwarzer Strich quer über die Stirn. Buckle hatte die gleiche Art wie Tucker, mit den Soldaten umzugehen. Unduldsam, mit harter Hand, wie es sich gehörte, jeden Befehl fraglos ausführend und unbedingten Gehorsam fordernd. Als er ihn in der Kutsche vor sich sitzen sah, hatte er seine Schlussfolgerungen gezogen. Er kannte sich ja aus mit Menschen. Der kleine Kopf auf breitem Hals ließ wenig Platz für anspruchsvolles Denken, die herabfallenden Schultern mit den wuchtigen Armen darunter ließen nicht auf einen schnellen Fechter schließen, schon gar nicht auf diesen prallen Oberschenkeln und dicken Waden. Doch Buckle war groß, so groß wie er selbst, er würde sich mit seiner Kraft durchsetzen können, zu denken bräuchte er nicht viel, dafür würde er, Middlehurst, besorgt sein. Zu fechten bräuchte er auch nicht, dafür gab es Pistolen und Soldaten oder beides. Für Middlehurst war der Fall klar – Simon Buckle war der richtige Mann für die Aufgaben, die er ihm zu übertragen gedachte.
Buckle kam zurück. „Da vorne, Platz genug für die Kutsche und Unterkunft für die Soldaten. Ein Zimmer für Sie steht zur Verfügung.“
„Gut gemacht, Buckle, steigen Sie wieder ein. Haben Sie sich meine Fragen überlegen können?“
Des Leutnants Augenbrauen zogen sich zusammen und bildeten über seiner Nase eine dicke Brücke. „Ja, Sir, schon. Aber ich weiß nicht so recht, wie Sie es gemeint haben.“ Er ließ sich wieder auf seinen Platz fallen.
„Ganz einfach, Buckle, Ihre Zeit bei der Armee ist bald abgelaufen. Sie werden also Knecht oder Fischer oder sowas. Oder können Sie etwas, um sich ein besseres Leben zu leisten?“
Buckle stieg der säuerliche Geruch seines Obersten in die Nase. Er fasste den Ledervorhang am Fenster.
„Lassen Sie das!“ Die Stimme war kalt und barsch.
Buckles Hand zuckte zurück. „Ich bin seit ich denken kann, bei der Armee. Zwanzig Jahre bald. Bin immerhin Leutnant geworden“, meinte er trotzig.
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