»Ich kann nichts dafür«, sagte der Taxifahrer. »Hier kommen wir nicht so bald wieder weg.«
»Unsere Maschine fliegt aber in einer halben Stunde«, sagte Sabine verbissen und sah ihre Träume von einer Erbschaft in Schottland in alle Winde verwehen. »Können Sie nicht ausscheren? Der Flughafen ist doch um die Ecke!«
Der Taxifahrer schüttelte den Kopf. »Unmöglich.« Kevin musste dem Mann recht geben. Die Blechlawine stand nicht nur vor und hinter ihnen, sondern hatte sie auch seitlich eingekeilt.
»Wir gehen das Stück zu Fuß«, sagte Sabine plötzlich. »Dann schaffen wir es noch.«
Der Taxifahrer nickte. »Wenn Sie meinen.«
Kevin bezahlte und schnappte sich die beiden Koffer. Sabine nahm die Reisetaschen und folgte ihm, der sich durch die Wagenkolonne schlängelte und auf das Flughafengebäude zueilte. Noch etwa dreihundert Meter. Der Weg entpuppte sich aufgrund des schweren Gepäcks allerdings nicht eben als Spaziergang. Als sie das Eingangstor des Gebäudes erreichten, zeigte die große Hallenuhr an, dass ihre Maschine in neunzehn Minuten abheben würde. Kevin quittierte diese Erkenntnis mit einem Fluch, während Sabine fast in Panik geriet. Soviel Pech auf einmal gab’s gar nicht!
Glücklicherweise war der Gepäckschalter leer. Zwei Angestellte der Lufthansa, die gerade im Begriff waren, die Sperre zu schließen, sahen überrascht auf, als Sabine und Kevin ihnen mit der Hand signalisierten, dass sie noch mitwollten.
Da Kevin nicht sicher war, dass sie ihn auch verstanden hatten, ließ er die Koffer einfach stehen und rannte auf den Schalter zu.
Es war eine Kleinigkeit für Kevin, den beiden Angestellten klarzumachen, was sie wollten. Sie hatten nichts dagegen, sie noch an Bord der Maschine gehen zu lassen. Als der ältere von den beiden Kevin allerdings nach den Flugtickets fragte, war Sabine nahe daran, einen Entsetzensschrei auszustoßen. Die Tickets! Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Die hatten sie ja noch gar nicht abgeholt.
»Sie haben noch zwölf Minuten«, sagte der Angestellte. »Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie es noch. Der Ticketschalter liegt direkt um die Ecke, auf dem Korridor B-7. Sie können ihn gar nicht verfehlen.«
Kevin gab Sabine einen Wink und raste davon. Natürlich verlief er sich in dem Gewirr der Gänge, und als er schließlich nach den beiden Reservierungen fragte, erschien es ihm geradezu unglaublich, dass keine Fehlbuchung vorlag. Mit den Tickets in der Hand hetzte er schwitzend zum Gepäckschalter zurück. Er hatte nur fünf Minuten gebraucht. Sabine atmete erleichtert auf.
»Jetzt aber schnell«, sagte der jüngere der beiden Angestellten und winkte sie durch die Sperre. »Halten Sie die Ausweise bereit. Sie müssen noch durch die Passkontrolle.«
»Passkontrolle?«, fragte Kevin belämmert. »Wir wollen doch aus- und nicht einreisen!«
»Vorschrift«, erwiderte der Mann.
Sie hatten die wartenden Zöllner beinahe erreicht, als Kevin fragte: »Hast du die beiden Koffer allein auf die Gepäckwaage geschleppt?«
Und das war der Moment, in dem Sabine blass wurde. »Da-daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht«, stammelte sie mit weit aufgerissenen Augen. »Sie stehen immer noch draußen!«
Kevin handelte. Er winkte dem Zöllner, dass er gleich wieder zurückkommen würde, durchquerte noch einmal die — jetzt unbemannte — Sperre und eilte in die Halle hinaus.
Die beiden Koffer waren weg.
»Sie sind weg!«, schrie Kevin außer sich. »Wir sind bestohlen worden!«
Passanten musterten ihn neugierig. Ein Flughafenangestellter fragte: »Kann ich Ihnen helfen?«
»Unsere Koffer!«, stöhnte Kevin aufgelöst und warf einen gehetzten Blick auf die Zöllner, um sicherzugehen, dass sie die Sperre nicht schon geschlossen hatten. »Sie sind weg. Ich hatte sie hier abgestellt, weil ich unsere Tickets vergessen hatte!«
»Kommen Sie mit«, sagte der Uniformierte tröstend. »Wir nehmen ein Protokoll auf.«
»Aber meine Maschine fliegt gleich ab«, keuchte Kevin ungeduldig. »Ich hab’ einfach keine Zeit mehr.« Er verwünschte alle Kofferdiebe der Welt und kehrte schnell zur Sperre zurück. Die Zöllner ließen ihn passieren. Sekunden später stieß Kevin am Eingang des langen Rüssels, der sie in die wartende Maschine bringen würde, auf Sabine. Neben ihr stand ein ständig auf seine Armbanduhr schauender Angestellter, der gerade ein Notizbuch in der Jackentasche verstaute. Offenbar hatte Sabine aus seinem Wutschrei den einzig richtigen Schluss gezogen und dem Mann bereits von ihrem Missgeschick erzählt.
»Wir kümmern uns darum«, sagte der Angestellte und schob Kevin und Sabine in die Rüsselöffnung hinein. »Fragen Sie in Glasgow beim Schalter unserer Gesellschaft nach. Wenn wir die Koffer haben, geben wir Bescheid.«
Ächzend quetschten sich die beiden in die letzten freien Plätze. Die Türen wurden geschlossen. Die Motoren der Maschine begannen zu brummen. Langsam glitten sie über das Rollfeld.
Kevin half Sabine beim Anschnallen. Er blickte nervös aus dem Bullauge.
»Wir haben ja noch die Reisetaschen«, sagte Sabine kleinlaut. Sie wurde den Eindruck nicht los, dass er sie für den Verlust verantwortlich machte.
»Ist ja schon gut«, sagte Kevin, als die Maschine abhob, und tätschelte Sabines Hand. »Ich hätte die Koffer ja auch mitnehmen können. So viel Zeit wäre noch gewesen.« Er runzelte die Stirn. »Am meisten stinkt mir, dass dieser Halunke jetzt meine neue Kamera hat.«
Sabine schluckte. Das Gerät hatte über vierhundert Mark gekostet. »Ein Glück, dass wir wenigstens die Ausweise und unser Geld behalten haben«, sagte sie. »Stell dir mal vor, was passiert wäre, wenn der Dieb unser Handgepäck erwischt hätte!«
Kevin machte eine abwehrende Handbewegung. »Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Vielleicht erwischt die Flughafenpolizei den Kerl. Auf den Koffern stehen schließlich unsere Namen.«
Kevin und Sabine spürten die Aufregungen des Tages. Sie waren beide um vier Uhr aufgestanden, um ihren Vater zu »Carcosa« zu bringen. Müde lehnten sie sich zurück.
Der Zwischenfall auf dem Flughafen Hamburg war gar nichts gegen den, der sich in Glasgow ereignete. Kevin und Sabine hatten kaum die Abfertigungshalle betreten, als ein etwa dreißigjähriger Mann mit kurzem Haar und einem Nadelstreifenanzug die Balance verlor. Er fiel gegen Kevin, der vor Schreck die Reisetasche fallen ließ und gegen einen fettleibigen Geschäftsmann taumelte. »Entschuldigen Sie«, sagte Kevin, als er sich wieder gefangen hatte und nach der entglittenen Tasche fasste, »aber da ist jemand gegen mich gefallen.«
»Gegen mich auch!«, sagte der fettleibige Geschäftsmann spitz und musterte Kevin mit einem Blick, als habe dieser sich nicht gewaschen.
»Aber ich versichere Ihnen...« Kevin kam sich in diesem Augenblick ungeheuer blöd vor. Er wartete darauf, dass der Mann mit den kurzen Haaren endlich eingriff und dem Geschäftsmann erklärte, dass die Schuld an der Massenkarambolage ganz auf seiner Seite lag.
Nichts dergleichen geschah. Der Übeltäter im Nadelstreifenanzug hatte sich ziemlich eilig entfernt und drängelte sich auf eine ganz besonders unfeine englische Art durch die Zollsperre.
Auch Sabine sah dem Mann wütend nach. Das war vielleicht ein Benehmen! Kevin glaubte, auf dem Gesicht des Mannes sogar ein listiges Grinsen bemerkt zu haben.
Ganz nach britischer Sitte wollten sie sich wieder in die Menschenschlange einreihen, die sich auf die Sperre zu bewegte, aber der Zwischenfall hatte sie ihren guten Platz gekostet: Sie standen nun ganz am Ende.
»Unverschämter Kerl«, schimpfte Sabine. »Er hätte sich ja wenigstens entschuldigen können.«
»Ganz meine Meinung«, brummte Kevin mit finsterem Blick. »Für den Dicken muss es so ausgesehen haben, als wäre ich der Rüpel gewesen.«
Читать дальше