Weiter ging es mit dem Zug nach Soltau, wo eingekauft wurde. Die Leute waren verschlossen und redeten nur das Nötigste. Die Fremden wurden von den Heidemenschen argwöhnisch beobachtet. Hier gab es nicht viele Touristen, schon gar nicht solche mit solch komischer Kleidung und der eigenartigen Sprache. Zuhause würden sie was zu erzählen haben.
Nächstes Ziel war Wintermoor. Im Zug schliefen alle. Die Strecke war auch zu eintönig. Im „Heidehof“ konnte man sich endlich mal wieder waschen. Das tat gut, auch wenn das Wasser durch das Moor ganz braun war. Im Garten gab es Abendbrot mit Käse und Westfälischem Schinken. Paul genehmigte sich eine Zigarre, einen „Friedhofsspargel“, wie Ernst despektierlich bemerkte.
Ein Abendbummel schloss sich an. Die Weite und das Rauschen der Birken und Heidebüsche legten sich auf die Gemüter. Hier konnte man Löns erst so richtig verstehen. Ganz leise klang ihr Gesang, voller Schwermut, aber in inniger Umarmung. „Es dunkelt schon in der Heide, nachhause lasst uns geh’n …“ Und schon an der Haustür sangen sie gedämpft: „Steh‘n zwei Stern am hohen Himmel, leuchten heller als der Mond…“ Das konnte nur mit einem Kuss enden. Einem? Ernstl wollte noch ein Busserl und noch eins. Dann verschwand jeder in seinem Zimmer, aber am offenen Fenster dachte Marie noch lange an ihn und versuchte sich über ihre Gefühle klar zu werden.
Am nächsten Morgen war die Schwermut verflogen. Ein lustiges „Grüß Gott“ von Ernst brachte die Heiterkeit zurück. Am Horizont zogen Wolken auf und verhießen Regen. Paul schaute besorgt aus dem Fenster, hatte er doch auch für heute ein großes Wanderprogramm. Ernst, der Schelm, fragte mit ernster Miene: „Herr Wirt, wie schaut’s mit dem Wetter aus?“, wo doch alle selbst das Unheil sehen konnten.
Unverdrossen marschierte das Quartett los, den Rucksack mit Broten und Äpfeln auf dem Rücken. Ringsum rosenrotes Heidekraut, so weit man sehen konnte, Blüte an Blüte. Es duftete schwer und süß. Die Füße versanken mit jedem Schritt im feinen gelben Sand. Ernst war der erste, dann folgten alle seinem Beispiel und zogen Schuhe und Strümpfe aus. Kein Mensch begegnete ihnen, es war ja auch mitten in der Woche. Natürlich erschollen wieder fröhliche Lieder „… leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken, klingen die Lieder weit übers Meer.“
Als es dann anfing zu regnen, war man froh über einen kurzen Schauer, der die Schwüle nahm, aber als er stärker wurde rettete sich die kleine Wandergruppe unter einen großen Kugelbaum auf einer Anhöhe. Die Unterbrechung wurde genutzt um zu frühstücken.
Nachdem Frau Holle sich ausgeweint hatte ging es weiter mit Schnaderhüpferln. Jeder sang einen Text und alle den Refrain. Auch Ernst hatte einen Beitrag.
„Juchhe und Juchhu, weil ma’s Leb’n no ham, seids lusti, mir komma so jung nimma zam! Holladihia, holladiho, a echter Weaner is allweil so.
Und mit Blick auf Paul
„Zwölf Polizisten und fufzehn Schandarm, san siemzwanz’g Spitzbuam wann’s zamkettelt warn.
Oben auf dem Wilseder Berg stand an einer Orientierungstafel eine andere Wandergruppe. Griesgrämige alte Damen, ein Taschentuch über den Kopf gebunden. Sie konnten sich über den Weg nicht einigen. Ein „Grüß Gott. Kemma aushelfen“ von Ernst erhellte die Gesichter. Er kam halt mit seiner Art überall gut an.
Dann ging es bergab, bei glühender Sonne. Die schweren Rucksäcke auf dem Buckel. Vor einem Haus schälte eine Frau Kartoffeln. „Erdäpfel“ nannte sie Ernst und alle lachten. „Wasser? Ja da aus dem Ziehbrunnen!“ Es war köstlich frisches und kaltes Wasser. Das Mittagsmahl, Brote und Äpfel, wurde am Waldesrand eingenommen. Paul war „Speerwerfen“. Er musste es nicht erklären. Die Frauen und Ernst konnten länger aushalten.
Dann kam die letzte Tagesetappe, zur Bahnstation nach Hützel. Heide so weit das Auge blicken konnte. Nach einiger Zeit kamen Höfe in Sicht, aber nirgendwo Menschen. Nur die vielen Bienenstöcke zeugten von Leben. Marie deklamierte Storm:
„Es ist so still. Die Heide liegt im warmen Mittagssonnenstrahle … Kein Klang der aufgeregten Zeit, drang noch in diese Einsamkeit.“
Es hatte sich nichts verändert seit 1852. Auch in Hützel war alles ausgestorben, selbst im Gasthof öffnete niemand auf das Klopfen. Also zogen die vier Wanderer am Bach entlang zum Dorf hinaus und lagerten auf der Wiese. Vater kochte Kaffee mit trockenem Reisig zwischen vier Steinen, die Beine baumelten im kühlen Nass, das Gesicht wurde der Sonne entgegen gestreckt.
Plötzlich verschwand Ernst hinter Bäumen und kam in Badehose zurück. Kurz entschlossen sprang er ins Wasser, der Bach hatte dort eine tiefe Stelle. Die anderen wuschen sich so gut es ging, um den Schweiß der Wanderung wegzuspülen. Danach frisierten sich die Damen, um wieder in der Zivilisation aufgenommen zu werden. Die Herren nutzten den Rest des heißen Wassers, um sich zu rasieren.
Gerade wollten sie aufbrechen, da kamen zwei Handwerksburschen den Bach entlang gewatet, Bündel unterm Arm, Pfeife im Mund. Knietief standen sie im Wasser. „He, ist’s hier tief?“, rief einer. „Nö, überhaupt nicht“ kam es wie aus einem Mund. Beim nächsten Schritt hatten sie den Boden unter den Füßen verloren. Aber sie verstanden Spaß und schwammen mit all ihren Sachen weiter, die Pfeife über Wasser haltend. Wie begossene Pudel kamen sie heraus, schüttelten sich und stimmten in das allgemeine Lachen mit ein.
Mit dem Heidebähnle ging es weiter bis Lüneburg. Während draußen dunkle Wolken aufzogen kuschelte sich jeder in eine Ecke und döste. Es wurde immer dunkler, es grollte, es blitzte, und als der Zug in Lüneburg hielt, goss es in Strömen. Er hatte aber keine Einfahrt, hielt also außerhalb des Bahnsteiges. Trotzdem stiegen die Leute aus und rannten das Stück zum Bahnhof. „Wir warten“, sagte Paul. Doch plötzlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung, aber rückwärts. Paul und Selma sprangen schnell ab, aber Marie zappelte noch drin und suchte ihren Ernstl. Der Zug wurde immer schneller. „Spring ab!“, schrie Papa. Marie warf den Rucksack von Ernst zum Fenster hinaus und sprang mit Todesverachtung aus dem fahrenden Zug. Inzwischen war Selma nach vorn gelaufen und schrie dem Lokführer zu: „Da ist noch einer drin!“ Quietschend kam der Zug wieder zum Stehen. Da stieg Ernst vergnügt und langsam die Trittbretter herunter.
Jetzt waren alle klitschnass und strebten der Wartehalle zu. Wenigstens gab es hier Kaffee. Überall standen Leute, die auf den Anschlusszug nach Hamburg warteten. Ernst und Marie wollten so gern dem Plattdeutschen lauschen, aber wo immer sie sich hinstellten, hörten die Leute auf zu reden. „Eigenartiger Menschenschlag“, flüsterte Ernst.
Gegen Neun fuhr der Zug ein. Paul reservierte zwei Abteile. In einem bereitete Selma das Abendbrot, im anderen tanzten Marie und Ernst Walzer. „Donau so blau, so schön und blau, durch Tal und Au wogst ruhig du hin …“ Dann wurde nur noch „lala, lala“ gesungen. Bis Paul sich energisch Ruhe ausbat, um ein Nickerchen zu halten. Die Jugend schaute zum Fenster hinaus.
In Hamburg wurden sie von Pauls Bruder Fritz abgeholt, der durch Telegramm verständigt worden war. Mit der Straßenbahn fuhren sie zum Stadtteil Bergedorf, zu Fritz' komfortabler Wohnung oberhalb seines Geschäftes. Es gab ein Radio, Ledergarnitur, einen großen Schreibtisch im Herrenzimmer, ein Bücherschrank mit unzähligen Büchern, eine moderne Küche. Es war die Wohnung eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Tante Grete, eine gebürtige Polin, hatte Klöße mit Sauerbraten aufgetischt, und zum Nachtisch Eis mit Früchten. Bis ein Uhr wurde gequatscht, dann fielen allen die Augen zu. Sohn Fritzi, ein aufgeweckter „Hamborger Jung“ war schon lange im Bett. Ernst schlief im Herrenzimmer auf dem Ledersofa.
Читать дальше