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Im März 1929 hielt Marie ihr Schulentlassungszeugnis in den Händen. Jetzt begann der Ernst des Lebens. Nach einer fünfmonatigen kaufmännischen Kurzausbildung bewarb sie sich für die Stelle als Chemielehrling an der Hochschule. Die Zeugnisse waren gut, die Vorstellung beim Professor schien erfolgreich zu sein, dann kam der Bescheid: „Ich habe noch ein Eisen im Feuer, es ist ein junger Mann. Sie sind ein hübsches Mädel. Da werden Sie sicher bald weggeheiratet, und dann fange ich von vorne an.“
So war das überall. Schließlich erhielt sie eine Anstellung als Telefonistin in der Funk- und Fernmeldezentrale des Polizeipräsidiums Dresden, die ihr der Vater, der jetzt Polizeiwachtmeister war, vermittelt hatte. „Da bist du später pensionsberechtigt.“
In diesen unruhigen Zeiten war das ein großes Glück. Gerade war der vierte Reichsparteitag der NSDAP beendet worden, Straßenschlachten mit den kommunistischen und sozialdemokratischen Parteigängern waren an der Tagesordnung und erste jüdische Geschäfte wurden zerstört. In Deutschland führte der „Schwarze Freitag“ an der New Yorker Börse haufenweise zu Konkursen und überall wurde jetzt Kurzarbeit eingerichtet. Die Arbeitslosenzahl näherte sich der fünf-Millionen-Grenze. Da war es Gold wert, dass der Vater Beamter war und die Tochter eine feste Anstellung hatte, wenn auch mit geringem Verdienst.
Mit Wien wurde eifrig korrespondiert, aber eine Einladung hatte der Vater nicht gut geheißen. Es sollte eine Reise durch Tirol nach Rom sein. Ein 18-jähriges Mädchen allein in der Bahn und bei einem Mann, das ging nun wirklich nicht. „Wie kann ich mein Mädel zu einem Mann reisen lassen, den ich nicht kenne?“ Marie war traurig und heulte stundenlang, aber sie war sich nicht ganz im Klaren, ob wegen Ernstl oder wegen des Verlustes der schönen Reise. „Wenn er Interesse an dir hat, soll er gefälligst nach Deutschland kommen!“ Pauls Schnurrbart zitterte dabei. Nun ja, so war das eben. Erst mit 21 war man volljährig. Und die Etikette war wichtig. Also blieb es vorerst beim Briefe schreiben.
Marie stöpselte weiter die fernmündlichen Gespräche der Dresdner Polizei und Ernst bereitete sich auf das Diplom für sein Studium vor. So ging auch das nächste Jahr dahin. Die politischen Verhältnisse in beiden Ländern waren nach wie vor chaotisch. Bei der Reichstagswahl am 14.9.1930 gewann eine sich radikal gebärdende NSDAP schon 107 statt bisher 12 Sitze, aber noch war die SPD mit 143 Sitzen stärkste Partei. Die neue „FOX Tönende Wochenschau“ berichtete in dramatischen Bildern davon. Selbst im sächsischen Landtag wurde die NSDAP zweitstärkste Fraktion.
Für Paul war das unverständlich, er gehörte keiner Partei an, aber man machte sich doch so seine Gedanken. Wer war das denn, der da so großsprecherisch auftrat und das Heil verkündete. Adolf Hitler, ein staatenloser Gefreiter. Gesessen hatte er, Festungshaft. Und der wollte Deutschland wieder zu neuer Größe führen, Versailles revidieren und die 116 Milliarden Reparationen annullieren, den fünf Millionen Arbeitslosen Lohn und Brot geben und womöglich die Kolonien zurückholen? Ein Phantast, ein Scharlatan, Großmaul. Paul hatte wie immer die DVP[i] gewählt, der auch der sächsische Ministerpräsident Bünger angehörte. Nun hoffte er, dass die Regierung unter Brüning den verfahrenen Karren wieder aus dem Schlamassel ziehen würde.
Ernst schrieb aus Wien, dass ihm ein Adolf Hitler unbekannt sei. Dabei soll er doch Österreicher gewesen sein. Und bei den Nationalratswahlen wurden die Sozialdemokraten stärkste Partei, die Nationalsozialisten erhielten keinen einzigen Sitz. „Das wird sich auch bei uns geben“, meinte Maries Vater, der inzwischen Polizeihauptwachtmeister geworden war.
Seine Tochter träumte zwar weiter von ihrem Prinzen aus Wien, aber das hinderte sie nicht, das Leben zu genießen und sich von den zahlreichen Verehrern den Hof machen zu lassen. Im Ruderklub gab es zahlreiche Gelegenheiten dazu. Es schaffte aber keiner, ihr Herz zu erobern. In den Lichtspielhäusern lief der Film „Die Drei von der Tankstelle“ mit der Harvey und den Lieblingen Willy Fritsch und Heinz Rühmann. Das war der Schwarm aller Mädchen. So einer müsste es sein.
Fritz, ein Gartenbaustudent, hatte gute Chancen. Er wurde Fuchsmajor seiner Verbindung und Marie stickte ihre heißen Gedanken in seine Coleurbänder hinein. Sie machten gemeinsame Radtouren, kletterten im Elbsandsteingebirge herum und gingen auf Bälle. Der Vater war immer dabei. Marie fand das nicht als Bevormundung oder Gängelei. Das war eben so. Dafür organisierte Paul herrliche Gartenfeste und eine verschwiegene Bank im großen Park, mit Blick auf die Elbe, sah so manchen Kuss.
Dann hatte Fritz sein Studium als Bester des Jahrganges abgeschlossen und suchte eine Anstellung. Das war aber so gut wie aussichtslos. Die Regierung kürzte mit Notverordnungen die Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst, und das Ausland hielt sich mit Investitionen zurück, weil die Politik der erstarkten NSDAP beunruhigte. Als Arbeitslosenunterstützung bekam Fritz gerade mal 53 RM, aber für Grundnahrungsmittel waren 66 RM erforderlich. So gab er entnervt dem Werben der einzigen Tochter des größten Gartenbaubetriebes nach, der durch den Tod des Vaters einen Nachfolger brauchte. Fritz heiratete Lilo und nicht Marie. Aus der Traum.
Umso mehr verklärte sich ihr Bild vom Ernstl in Wien. Im August 1931 sollte es endlich zu einem Treffen kommen. In Begleitung der Eltern fuhr Marie mit der Bahn nach Plauen, wo man im „Kurfürst“ übernachtete. Um drei in der Früh hieß es schon wieder aufstehen und vor lauter Angst, die Ankunft von Ernst zu verpassen, saß Marie frierend eine Stunde im Wartesaal.
Der Zug aus Wien kam mit 20 Minuten Verspätung. Endlich. Zischen, quietschen, Türen aufschlagen, aber kein Ernst. Was nun? Plötzlich fasste sie jemand am Arm. „Marie, Grüß Gott!“ Vor Aufregung hatte sie ihn übersehen. Zurück im Hotel wurden die Eltern begrüßt und Kaffee geordert. Paul schlurfte behaglich, aber Ernst schüttelte sich. „Das soll Kaffee sein?“ In Wien ist eben alles anders.
Ein schnaubendes Dampfross brachte sie nach Jena. Hier tauchte die kleine Gesellschaft in das bunte Leben der Studenten ein, die auf dem Marktplatz ihren Konvent abhielten. Tisch an Tisch, unter Bäumen oder Sonnenschirmen, tranken und sangen die „Burschen“ mit den „Füchsen“, wohlwollend überwacht und gesponsert von den „alten Herren“
„O alte Burschenherrlichkeit wohin bist du entschwunden Nie kehrst du wieder gold´ne Zeit so froh und ungebunden!“
Weiter ging es nach Weimar. Ernst stand lange am Zaun zu Goethes Gartenhaus. „Wenn ich hier ein paar Jahre wohnen könnte, würde mich sicher wie Goethe die Muse küssen und ich würde dichten“, sagte er in einer Anwandlung von Größenwahn. Marie nahm ihm alle Illusionen. „Die arme Menschheit!“ rief sie und rannte weg.
Der Zug fuhr schon wieder in aller Herrgottsfrühe. Unterwegs servierte Selma das Frühstück. In einer Hand die Schnitte, in der anderen eine Birne. Ernst amüsierte sich, dass eine Scheibe Brot hier „Bemme“ hieß. So erreichten sie Eisenach und stürmten sofort auf die Wartburg. Zu Anfang wurden noch Lieder gesungen, dann nur noch gekeucht. Paul ließ sich mitten im Grünen fallen. „Bis hierher und nicht weiter!“
Zur Mittagsrast gab es Äpfel, Birnen, Brot, Wurst und Butter aus dem Rucksack. Der war danach viel leichter. Auf der Burg andächtiges Staunen. Sängersaal, Lutherstube, Rüstsaal mit allen Rüstungen und Uniformen der Zeit um 1500. Ernst schoss mit seiner neuen Leitz-Leica – "Kleine Aufnahmen - Große Bilder" – viele Fotos und achtete darauf, dass Marie möglichst oft mit aufs Bild kam. Dann wurde es schon wieder höchste Zeit, den Bahnhof zu erreichen. Zum Glück fuhr ein Bus, der dank Ernstls Charme fünf Minuten eher abfuhr.
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