1 ...6 7 8 10 11 12 ...27 „Er täte besser, mit sich reden zu lassen. Aber zeig das Ding mal her.“
Ich reichte ihm die schartige Waffe. „Es taugt nicht mehr viel. Hat mir ein alter Söldner überlassen dafür, dass ich ihm Lesen beigebracht habe.“
Er drehte das Schwert hin und her, betastete die Klinge. „Nein, das ist kein schlechtes Schwert. Solide, traditionelle Arbeit. Guter Stahl. Dein alter Söldner hatte keine Ahnung, was er da weg geschenkt hat. Ein bisschen abgenutzt ist die Klinge. Aber das kriegen wir schon wieder hin.“
Er schaute mich an. „Abgemacht. Ich schmiede dir hieraus eine Klinge, wie du sie noch nicht gesehen hast, und du erklärst deinem Vater, dass ich ihm den Leonhard Knobloch abkaufe, klar?“
„Am besten Ihr sprecht selbst mit ihm. Er legt großen Wert auf seine Bücher.“
„Wie du willst. Wie heißt du?“
„Leif Brogsohn.“
Er sah mich nachdenklich an. „Leif Brogsohn - solltest mich mal besuchen kommen auf meinem Rittergut an der Küste des Wettergebirges. Junge Abenteurer, die lesen und kämpfen können, kann ich für meine Forschungsreisen gebrauchen. Dazumal, wenn sie so mutig und respektlos sind, wie du!“
Ich war nicht sicher, ob das ein Kompliment sein sollte. Ich stotterte, Sven und ich wollten sowieso von hier fort und dass wir schon immer Abenteurer werden wollten. Zosimo Trismegisto lachte nicht.
„Kommt nach Dwarfencast,“ sagte er. „Überlegt es euch. Ich habe bessere Aufgaben für euch, als Handelsschiffe auszuplündern.“
***
Knapp einen Monat blieb der forschungsreisende Alchimist Zosimo Trismegisto im „Einäugigen Piraten“ zu Gast. Jeden Abend erschien er in Bredurs Schmiede und bis zum Morgengrauen musste Sven ihm zur Hand gehen. Nach einigen Tagen hatte Sven schwarze Ringe unter den Augen. Von Tag zu Tag wurde er blasser und gereizter. Bredur und Mattis stritten sich täglich über die Kosten für den Südwein, den der Alchimist krügeweise trank, ohne dass ihm die Mengen schweren Weins anzumerken gewesen wären. Er kam zu meinem Vater und verhandelte mit ihm über den Preis für Leonhard Knoblochs „Reisen in die Wetterberge“. Mit unbewegtem Gesicht zog mein Vater an seiner Pfeife und hüllte sich in Tabakrauch, während Zosimo tobte und schrie. Aber endlich einigten sie sich. Als Zosimo Trismegisto Brögesand verließ, gab es in jedem Haushalt ein gut handhabbares, scharfes Enterbeil.
Am vierten Tag nach der Ankunft Zosimos in Brögesand brachte mir Sven mein Schwert. Er ließ sich auf die Bank vor unserer Hütte fallen und lehnte sich mit dem Kopf an die Wand.
„Wenn er noch lange bleibt, werd' ich vor Erschöpfung verdorren,“ stöhnte er mit geschlossenen Augen.
Ich hörte ihm nicht zu. Ungläubig hielt ich mein Schwert in der Hand. Die Klinge glänzte im Tageslicht. Sie war glatt und scharf. Seltsam leicht lag das Schwert in meiner Hand. Ich stand auf und machte einige der Paraden, die Narun mir beigebracht hatte. Mit müheloser Schnelligkeit fuhr das Schwert durch die Luft. Mir war, als begriffe ich mit einem Mal, was der Söldner mir mit seinen plumpen Übungen vermitteln wollte. Als wisse die Klinge, was sie zu tun hätte. Ein Gefühl von Stärke und Zuversicht durchströmte mich. Verwirrt legte ich das Schwert auf die Bank. Der Wind fuhr durch meine Kleidung, es wurde kühl. Das Gefühl war verschwunden. Aber sobald ich die Klinge aufnahm, war es wieder da.
„Das ist irre,“ murmelte ich. „Ich glaub' das nicht!“
„Du würdest so manches nicht glauben, was da in der Schmiede abgeht,“ stöhnte Sven. „Wenn der weg ist, hab ich graue Haare, das ist mal sicher.“
Ich schaute ihn an. Mit müdem Gesicht und geschlossenen Augen lehnte er an der Hauswand. Brandflecke waren auf seinen Ärmeln und seiner Hose. Von grauen Haaren war in seiner dunklen, widerspenstigen Mähne noch nichts zu sehen.
***
Drei Wochen später an einem windigen Nachmittag betrat ich, wie häufig in den letzten Tagen, die Gaststube des „Einäugigen Piraten“. Sie war leer. Zum ersten Mal, seit er in Brögesand aufgetaucht war, saß Zosimo nicht über sein Buch gebeugt am Fenster, den Krug Wein neben sich, einen Zinnbecher in der Hand, mit dem Finger murmelnd über die Zeilen fahrend. Er sei am frühen Morgen aus der Schmiede zurückgekehrt, erzählte mir die Wirtin, hatte seine Sachen gepackt, sein Pony gesattelt und war abgereist. Ohne einen Abschiedsgruß, ohne jeden Dank für die geduldige Bewirtung. Im Kettenhemd war er in den Sattel gestiegen, sein großes Schwert auf dem Rücken, hatte den Helm festgezurrt und war losgeritten, ohne sich noch einmal umzusehen.
Die Wirtin zeigte mir einen Brief, den er dagelassen hatte. Auf dem Umschlag standen Svens und mein Name. Es war ein kleines Stück zusammengefaltetes Papier, mit Wachs zugeklebt. Ich öffnete den Brief. In einer eckigen, fremd anmutenden Schrift stand da:
Die Überbringer dieses Schreibens, Sven Bredursohn und Leif Brogsohn aus Brögesand, sowie deren Gefährten, haben jederzeit Zutritt zu Burg Dwarfencast, als auch freie Kost und Logis daselbst.
Ich heiße sie zu jeder Zeit als meine Gäste willkommen, um mich bei meinen Nachforschungen und Reisen zu unterstützen. Einen wohlwollenden Lohn stelle ich ihnen in Aussicht.
Zosimo Trismegisto, Burgherr von Dwarfencast
P.S. Nach Dwarfencast gelangt man von Torglund auf der Reichsstraße zwanzig Tagesmärsche nach Norden gehend. An der Grenze des Kaiserreichs befindet sich an der Westküste das Fischerdorf Lüdersdorf. Von dort sind es noch wenige Stunden Fußmarsch die Küste entlang nordwärts bis nach Dwarfencast.
Das Schreiben war mit einem roten Siegel versehen, auf dem etwas zu sehen war, das aussah wie eine Flamme, die von Weinreben umgeben war.
In den kommenden Monaten sprachen Sven und ich häufig über das Rittergut Dwarfencast, über den Alchimisten oder Raubritter Zosimo Trismegisto und was für Abenteuer uns wohl im Norden erwarten würden, sollten wir uns tatsächlich aufmachen und der Einladung dieses merkwürdigen Forschers folgen.
Aber was uns zwei Jahre später dazu brachte, Brögesand zu verlassen und nach Norden aufzubrechen, war nicht das Einladungsschreiben des fremden Burgherren. Der Anlass dafür war Katrina.
Zwischen den am Dorfausgang aufgebauten Tischen rannten fröhlich kreischende Kinder umher.
„Die Händler kommen!“
Frauen brachten Bier und Met, Männer stellten Kisten und Fässer auf und entfalteten Segeltuchbahnen, auf denen sie Beutegut auslegten. Ich saß abseits an einer Hauswand und betrachtete das Klappmesser, das ich in der Nacht einer Seemannsleiche abgenommen hatte, bevor Sven und ich den toten Matrosen in einen Kahn wuchteten und ihn zusammen mit weiteren Leichen Erschlagener und Ertrunkener aus der Bucht ruderten.
Nördlich der Bucht klaffte in der Steilküste ein kaum zwei Manneslängen breiter Spalt, an dessen Ende sich eine vom überhängenden Ufer aus nicht zu sehende Grotte befand. Wir nannten sie die Knochengrotte. Bei Flut lag der Eingang zu der Höhle größtenteils unter Wasser, doch bei Ebbe konnte man mit einem schmalen Ruderkahn hineinfahren, wenn man geschickt genug war, das Boot in der Brandung durch den Felsspalt zu steuern.
Als wir den mit Leichen beladenen Kahn bei Morgengrauen im Licht einer Fackel in die Höhle manövrierten, begann das Wasser in der Grotte rings um das Boot in wimmelnder Bewegung zu schäumen. Scharfe Zähne griffen die ins Wasser klatschenden Leichen und zogen sie hinab. Das Wasser verfärbte sich dunkel vom Blut.
„Pass auf, dass wir nicht kentern. Moränen fressen einen lebenden Menschen genauso schnell wie eine verfluchte Matrosenleiche.“
Sven keuchte, während wir die steifen Körper über den Bordrand wuchteten. Viele hatten klaffende Wunden. Ihre Kleidung hing in Fetzen. Als wir fertig waren, hob ich die Fackel und leuchtete den hinteren Teil der Höhle aus. Auf einem schmalen Sandstreifen lagen zersplitterte Knochen und Schädel, tiefbraun und halb vom Sand begraben die ältesten, viele Knochenteile aber noch weiß und rötlich verfärbt vom heraustretenden Mark.
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