1 ...7 8 9 11 12 13 ...27 „Nichts wie raus aus der verpesteten Luft,“ knurrte Sven.
Es roch nach Leichen, Blut und faulem Wasser.
„Warte noch.“ Ich hielt die blakende Fackel hoch.
Um uns schäumte blutiges Wasser.
„ Das hier ist unser Opferschrein,“ flüsterte ich. „Der Schrein oben im Dorf, die Strohhütte mit der Stele des „Herrn der Bucht“ - damit betrügen wir uns doch bloß selbst. Unsere wirkliche Opferstätte - das ist hier!“
Wir blickten uns an. Das flackernde Fackellicht färbte Svens Gesicht orangerot.
„Lass uns abhauen.“ Sven griff sein Ruderpaar.
Ich war mir nicht sicher, was er meinte. Ich dachte an den Bund, den wir vor zwei Jahren geschlossen hatten. Ich senkte die Ruder ins Wasser und wir manövrierten den Kahn hinaus in den Wind und die brechenden Wellen.
***
Ich klappte das Messer zu und steckte es in die Hosentasche. Es hatte einen schön geschwungenen, glatten Griff aus gelblich-weißem Material, härter als Knochen.
Vielleicht Elfenbein , dachte ich. Dann musste es sehr wertvoll sein. Wo der Junge es wohl her hatte? Er war kaum älter gewesen als ich selbst. Er hatte einen so erstaunten, fassungslosen Ausdruck im Gesicht gehabt, die glasigen Augen weit aufgerissen. Als wollte er nicht glauben, dass er schon tot war.
Ich zwang mich, an anderes zu denken. Die Händlerkarawane hatte das Dorf erreicht. Knechte nahmen die Planen von den Wagen. Es waren magere Jungen in abgerissenen, schmutzstarrenden Lumpen, barfuß die meisten. Bärtige Männer mit Spießen in den Händen und langen Dolchen in den Gürteln sammelten sich um einem Tisch. Ihre Kleider waren kaum besser als die Lumpen der Krämersknechte. Sie trugen löchrige alte Lederstiefel. Gierig griffen sie nach den Bierkrügen und stürzten das Bier hinunter. Ihre Gesichter waren müde. Die Krämer waren wenig besser gekleidet in langen Filzmänteln und mit soliden, wenn auch abgetragenen Stiefeln. Viele trugen ein Schwert an der Seite. Sie stellten sich zu den Männern des Dorfs. Man tauschte Belanglosigkeiten aus, bevor der Handel begann.
Neben mir ließ Sven sich schwerfällig auf die Bank fallen. Er hielt mir einen Krug Met hin. Wir tranken und beobachteten das Treiben bei den Karren und Planwagen.
„Warst du bei Lonne?“
Sven nickte grimmig.
„Wie geht's ihm?“
„Das Bein sieht schlimm aus. Völlig verdreht, der Knochen schaut raus. Lonne ist nicht bei Sinnen, faselt unsinniges Zeug.“
Sven nahm einen tiefen Schluck Met.
„Wer hätte auch damit gerechnet,“ schimpfte er los, „dass die Teufel noch kämpfen, während ihr Kasten absäuft! Wie die Berserker haben die um sich geschlagen. Mit Messern und Äxten und Bootshaken! Einer hätte mich beinahe am Kopf erwischt. So was hab ich noch nicht erlebt!“
„Die wussten, das wir sie tot machen,“ murmelte ich. „Wollten halt auch nur leben.“
Schweigend starrten wir vor uns hin.
„Schau dir die mal an - die Frau auf dem Wagen da drüben!“
Ich blickte in die Richtung, die Sven zeigte. Eine Frau unter den Krämern war ungewöhnlich. Von einem Planwagen stieg eine junge Frau herab und blickte sich neugierig um. Sie stand aufrecht und bewegte sich wie selbstverständlich zwischen den Karawanenleuten, als wäre es das Normalste der Welt für ein Mädchen, auf einem Planwagen in ein Seeräubernest zu reisen. Ihr Aussehen passte nicht zu den zerlumpten Gestalten der Karawane. Sie trug ein sauberes Leinenkleid in hellen Grün- und Grautönen, einen Ledergürtel, an dem ein Beutel befestigt war und Lederschuhe. Ihre flachsblonden Haare hatte sie an den Seiten zu schneckenförmigen Zöpfen zusammengerollt. Ihr Gesicht und ihre Hände waren sonnengebräunt aber sauber, wodurch sie sich auffällig von allen Umstehenden unterschied. Mit einem Mal wurde mir bewusst, wie zerlumpt und ungewaschen ich selbst aussah, obwohl mir das sonst ganz normal vorkam. Dem Augenschein nach musste das Mädchen Anfang zwanzig sein. Bestimmt roch sie nach Seife, schoss es mir durch den Kopf - wie die Mägde im „Einäugigen Piraten“, aber vielleicht weniger nach Rauch und Küche.
Der Blick der jungen Frau wanderte in unsere Richtung. Sie schaute Sven an, dann mich. Ihr Gesichtsausdruck war offen und furchtlos, ganz anders als derjenige der Mädchen des Dorfs, die immer die Augen niederschlugen, wenn sie mit einem redeten. Ich blickte zurück. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, auf See zu sein. Das Mädchen kam auf uns zu.
„Mach den Mund zu!“ raunte ich Sven zu.
„He, Jungs!“
Um die Lippen der jungen Frau spielte ein leichtes Schmunzeln. Ihre Stimme war fest, aber nicht unfreundlich.
„Gibt es in eurem Dorf eine Heilerin? Eine Kräuterkundige oder so?“
„Was?“ murmelte Sven.
Das Mädchen grinste. Sie schien sich ein Lachen zu verbeißen.
Ich holte Luft. „Ja sicher, Mara ist unsere Heilerin. Die Alte, die da drüben bei den Frauen steht.“
Das Mädchen schaute in die Richtung, die ich ihr wies, und nickte mir zu. „Danke.“
Sie ging zu den Frauen hinüber, die sich im Schatten eines Hausdachs unterhielten. Sven schaute mich an, als wäre er eben aus einem Traum aufgewacht.
„Was war das denn?“ flüsterte er.
Ich hatte noch immer den Eindruck, zu schwimmen.
„Ich möcht' zu gern wissen, wo die herkommt“, meinte ich.
Das Mädchen stellte sich zu den Frauen. Unter den Dorffrauen begann eine heftige Diskussion. Laute Stimmen drangen herüber, aber es war nicht zu verstehen, worum es ging. Nach kurzer Zeit verschwanden Mara, das Mädchen und zwei, drei weitere Frauen zwischen den Hütten. Svens Schwester kam zu uns gerannt.
„Die fremde Frau hat gesagt, sie ist eine Feldscherin,“ rief sie aufgeregt.
Galina setzte sich neben Sven auf die Bank.
„Sie hat Mara gefragt, ob wir Kranke oder Verletzte im Dorf haben,“ sprudelte sie los.
„Mara hat ihr von Lonne erzählt. Jetzt sind sie gegangen, damit die Fremde sich das kaputte Bein ansieht.“
Galina war ganz außer Atem. „Sie sagte, sie wäre bis vor kurzem bei einer kaiserlichen Armee gewesen, die in ein aufrührerisches Grenzfürstentum unterwegs ist. Sie hat auch den Namen von dem Fürstentum gesagt, aber den hab ich mir nicht gemerkt. Adlerhorst oder so. Und da hätte sie schon öfter mit Wunden zu tun gehabt. In der Armee, meine ich, nicht in Adlernest. Und sie sagte, vielleicht kann sie was für Lonne tun.“
Atemlos blickte sie in die Richtung, in der die Frauen und das fremde Mädchen verschwunden waren.
„Ich geh hin, will sehen, was sie macht.“ Galina sprang auf und rannte der Gruppe hinterher.
Sven und ich holten uns Bier von den Tischen, an denen die Alten mit den Händlern palaverten. Es wurde laut diskutiert und gefeilscht. Die jungen Männer hielten sich wie wir im Hintergrund und behielten die Krämersknechte und die Wachleute der Karawane im Auge, damit sie unserem Raubgut nicht zu nahe kamen, bevor der Handel abgeschlossen war. Die Verhandlungen würden noch mindestens bis zum Einbruch der Dunkelheit andauern.
Kaum eine Stunde war vergangen, als das grün und grau gemusterte Kleid zwischen den Hütten auftauchte. Sven und ich saßen noch immer an der Hauswand. Die junge Frau kam direkt auf uns zu. Als sie näher kam, stand ich auf, um nicht wieder so von oben herab angesprochen zu werden.
„Ihr beiden,“ rief sie uns zu. „Könnt ihr mein Gepäck zu Maras Hütte bringen?“
„Was ist mit Lonne?“ fragte ich.
Ich merkte, dass mir ihre Art, mir offen ins Gesicht zu sehen, gefiel.
Sie blieb eine Armeslänge vor uns stehen. „Es ist eine ziemlich glatte Hiebwunde. Er hat noch Glück gehabt. Der Knochen ist glatt durchgehauen, aber nicht zertrümmert, jedenfalls nicht wesentlich. Das wird wieder zusammenwachsen. Ich hab den Knochen gerichtet, die Wunde genäht und das Bein geschient. Aber er hat viel Blut verloren. Als ich das Bein richtete, ist er ohnmächtig geworden. Es wird eine Weile dauern, bis er wieder auf die Beine kommt. Wenn so etwas passiert, müsst ihr die Wunde gleich sauber verbinden. Das Gefährlichste ist zuerst immer das starke Bluten.“
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